Tätigkeitsnachweis

Während ich mit Agnes einen Tagesausflug mache, bekomme ich eine
SMS vom Bewerbungsbetreuer. Der Chef hat ihm mitgeteilt, dass ich für den Monat
Juli noch den Tätigkeitsnachweis schreiben muss. Also für letzten Freitag und
die drei Urlaubstage diese Woche. Ich bin direkt sprachlos, weil mich so ein
Schwachsinn immer wieder aufs Neue zurück in die Realität des Wahnsinns holt.
Was um Himmels Willen ist an einem Tätigkeitsnachweis, in dem steht, dass ich
nichts weiter getan habe, als mich zu verabschieden und Urlaub zu haben, so
immens wichtig? Wer um Himmels Willen braucht so etwas und wem nützt es etwas?
Was soll so ein Scheiß und wieso werde ich an meinem Urlaubstag damit belästigt?
Diese ganzen dämlichen Berichte in die man allen möglichen Unsinn schreiben
kann, gehen mir immer mehr auf die Nerven. Die Arbeit, die man verrichtet
spielt keine Rolle, solange man nur alle Formulare ordnungsgemäß ausfüllt. Das
ist so krank, dass die dafür Verantwortlichen eigentlich den ganzen Tag vor
Schmerzen schreien sollten. Ich fülle dann dazu ein Protokoll aus, dass die gar
keine Schmerzen haben und alles gut ist. Kranke Welt.

Spielzimmer

Neben meinem Büro befindet sich ein Aufenthaltsraum. Vor einiger
Zeit war mir langweilig und ich habe das Schild zum Aufenthaltsraum etwas
angepasst. Seitdem steht dort Aufenthaltsraum / Spielzimmer. Ich hatte mich
immer gewundert, dass niemand etwas dazu gesagt hat. Vielleicht dachten alle,
weil meine Arbeit so professionell war, dass das so sein muss. Dennoch bin ich
überrascht als der Raum einer Gruppe neuer Schüler als Aufenthaltsraum /
Spielzimmer gezeigt wird. Meine Änderung der Beschriftung hat tatsächlich dazu
geführt, dass der Raum nun offiziell als Spielzimmer vorgestellt wird. Ich habe
hier wirklich meine Spuren hinterlassen.
Nachdem ich nun weiß, dass ich ein Spielzimmer erschaffen habe
und es nix mehr zu tun gibt, verabschiede ich mich um 11.00 Uhr von meinem
Büro, gebe die Schlüssel ab und verlasse das Gebäude. Nach achtzehn Monaten ist
dieses Kapitel beendet. Ob für immer oder nur vorübergehend wird sich zeigen.

Abschiedskunden

Kaum steigen die
Besucherzahlen an, wird das Büro hier auch schon wieder geschlossen. Das ist
Paradox und von mir verursacht. So geht das Verabschieden weiter und nebenbei
erreiche ich in meinem letzten Monat die höchsten Besucherzahlen seit über
sechs Monaten. Im direkten Vergleich liege ich nur noch 18,2% hinter meiner
Vorgängerin. Sinnlose Statistik.
Am letzten Tag an dem
ich mich hier um Kunden zu kümmern habe, ist das Publikum gut gemischt. Obwohl
ich erst um 11.00 Uhr, wie donnerstags üblich, im Büro bin, steht schon um
09.00 Uhr die erste Dame vor der Tür und kann gar nicht verstehen, dass ich gar
nicht da bin. Sie versichert einem Mitarbeiter, der zufällig im Büro nebenan
ist, dass wir um neun Uhr einen Termin haben, weil sie jede Woche um neun Uhr
einen Termin bei mir hat. Das ist im Prinzip auch richtig, aber die Termine
waren bisher immer freitags und heute hat sie ihren Termin erst um 12.00 Uhr.
Kaum bin ich im Büro
ist die Frau, die von einem Dämon besessen ist, da. Sie bekommt ihre letzten
beiden Bewerbungen und ist enttäuscht, dass sie nächste Woche nicht
wiederkommen darf. Kaum ist sie weg steht der nächste Kunde im Büro. Spontan
und ohne Termin, aber da er schon lange zu meinen Kunden gehört, bekommt er
heute eine letzte Bewerbung von mir. Er findet es gut, dass ich wechsel und
wünscht mir für meinen neuen Job alles Gute. Kaum ist er weg, ist die Swingerin
zu Gast. Sie hat einen USB-Stick mitgebracht auf den ich Ihre
Bewerbungsunterlagen kopieren soll. Interessanterweise sind auf dem Stick Fotos
der Swingerin in Dessous und was noch viel interessanter ist, es sind auch
Fotos ihrer Tochter auf dem Stick. Ihre Tochter macht auch nackt eine tolle
Figur. Einige der Fotos zeigen die Tochter in Aktion mit einem Mann. Ich weiß,
dass ich die Fotos vermutlich nicht sehen sollte, kann aber nichts dafür, wenn
sie mir mitsamt USB-Stick übergeben werden. Scheinbar sind die Damen sehr offen
und obwohl ich nicht danach frage, erzählt mir die Swingerin, dass ihre Tochter
auch in Swingerclubs geht. Ja, das passt zu den Fotos. Nachdem ich die
Bewerbungsunterlagen der Swingerin kopiert habe, erzählt sie noch eine halbe
Stunde aus ihrem Leben. Dann muss sie gehen, weil die Kundin, die um 09.00 Uhr
schon da war, nun ihren Termin hat. Herrlich verrückter letzter Arbeitstag.
Ein Neukunde am
letzten Tag muss einfach sein. Dieser spricht zwar viele Sprachen, nur leider
spreche ich keine davon. Sein deutsch ist mäßig und so wird es schwierig die
Bewerbungsunterlagen zu erstellen. Bis zum Schluss finde ich nämlich nicht
heraus, wo er sich bewerben will. Als was er sich bewerben will, bleibt ebenso
ein Rätsel, was mich durchaus frustriert. Leider bin ich ihm so keine große
Hilfe.
Da der nächste Termin
ausfällt, habe ich plötzlich etwas Zeit bevor die letzte Kundin vor meinem
Karriereende in diesem Büro ihren Termin hat. Diese nutze ich, um mich in dem
von mir umgestalteten Büro umzusehen. Kein Vergleich mehr zu dem trostlosen
Anblick zu Beginn meiner Tätigkeit, aber immer noch zu trostlos um schön oder
gar gemütlich zu sein. Meinen Kaktus werde ich hier lassen, weil er recht
anspruchslos ist und man ja Spuren hinterlassen soll damit man nicht vergessen
wird. Ein Filmposter an der Wand wird auch an mich erinnern. Ebenso zwei Clowns
und andere Wanddeko. Alles Kram, den ich zu Hause nicht haben wollte. Demnächst
muss ich so etwas entsorgen oder in den Hausflur auf die Fensterbänke der
Nachbarn stellen, wie ich es auch oft und gerne mache. Überall Spuren zu
hinterlassen scheint eine weitere Macke von mir zu sein.
Mein gestörtes Ich ist
auch weiterhin sehr zurückhaltend. Man könnte gelegentlich den Eindruck
bekommen, dass ich ein ganz normaler Durchschnittsbürger bin.
Dann ist es soweit. Meine
absolut letzte Kundin in diesem Arbeitsleben erscheint zu ihrem Termin. Es ist
Kerstin. Sie ist als letzte von den attraktiven Besucherinnen übrig geblieben
und ein würdiger Abschluss meiner Dienstzeit.

Manche lügen, andere irren sich

Die letzten Tage im
Büro verlaufen eigentlich wie immer, abgesehen davon, dass ich mich von meinen
Kunden und anderen Mitarbeitern verabschiede. Interessanterweise traut mir jeder,
dem ich sage, wohin ich wechseln werde, zu, dass ich den Job kann. Keine
Ahnung, woher die all diese Meinung haben. Möglicherweise sagen die das auch
nur, weil man das so sagt und mich nicht deprimieren will. Oder man will mir
Mut machen. Menschen sind ja so konstruiert worden, dass sie nicht immer die
Wahrheit sagen. Und ich bin misstrauisch konstruiert worden, so dass ich nicht
weiß, wer es ernst meint und wer nicht. Vielleicht meint es auch keiner ernst.
Woher soll ich das wissen? Und selbst, wenn sie es ernst meinen, so kann die
Aussage ja das Ergebnis eines Irrtums sein. Sie glauben, dass ich etwas kann,
ohne es zu wissen. Irren ist menschlich, ebenso wie lügen. Und da keiner sagt,
dass ich einen Fehler mache mit dem Jobwechsel, gehe ich davon aus, dass alle
lügen oder sich irren. Oder verlogene Irre sind. Oder irre Lügner. Möglicherweise
bin aber auch nur ich irre, wer weiß das schon?

Kündigung

Wenn ich mich richtig
erinnere, habe ich noch nie gekündigt, wenn ich irgendwo beschäftigt war, was
nicht nur daran liegt, dass ich selten beschäftigt war, sondern daran, dass
alles, was ich bisher gemacht habe, befristet war. An einer Verlängerung dieser
Befristung war die Gegenseite nie interessiert, was durchaus an meinen vielen
Talenten liegen kann. Doch jetzt, kurz vor dem Ende meiner beruflichen Laufbahn,
ist der Tag gekommen an dem ich ein Arbeitsverhältnis kündige. Zum ersten Mal
werde ich aktiv, kündige und habe nur noch die nächste Woche herzukommen, bevor
ich mit drei Urlaubstagen aus diesem Unternehmen ausscheide. Dann beginnt etwas
völlig Neues. Die Zukunft hat längst begonnen.

Umarmung

Es ist zwar gesetzlich
nicht verboten und auch nicht unbedingt eine Straftat, aber dennoch habe ich
aus diversen Gründen darauf verzichtet, meine Kundinnen zu umarmen. Ich muss
auch gestehen, dass ich nie das Bedürfnis hatte. So Umarmungen sind mitunter
unhygienisch und machen wenig Sinn. Daher bin ich überrascht und irritiert als
eine Besucherin, die schon seit Jahren zu mir kommt, möchte, dass ich sie zum
Abschied umarme. Sie meint, dass es sein muss, weil ich ja bald nicht mehr hier
bin  und sie mir Glück wünscht. Weil ich grundsätzlich,
soweit es mir möglich ist, im Sinne meiner Besucher handle, erhebe ich mich
also von meinem Stuhl und mache, was verlangt wird. Das ist alles sehr
verwirrend für mich. So viel Wertschätzung an nur einem Tag. Da sollte ich vielleicht
doch hier bleiben und den Vertrag nachher nicht unterschreiben.

Unfassbar

Gespräch mit meinem
Chef wegen Kündigung und Übergabe des Büros. Alles völlig problemlos.
Kündigungsfrist nicht ausschlaggebend. Ich kann zum Ende des Monats aufhören
und er sagt etwas, was mich völlig freut und ich nie gedacht hätte. Sollte es
mit dem Job nicht klappen, dann nimmt er mich zurück. Bringt mich irgendwo hier
unter. Das ist ein Versprechen. Ich muss gestehen, dass ich schon lange nicht
mehr so gerührt war. Vielleicht bin ich doch nicht so Scheiße, wie ich es meistens
glaube.

Berufsberatung

Obwohl ich kein
Berufsberater bin, sitzt nun die Tochter der Swingerin vor mir, um sich beraten
zu lassen. Sie ist 25 und möchte eine zweite Ausbildung machen.  Also frage ich sie,
was ihr denn so vorschwebt. Nichts. Sie weiß nur, was sie nicht will. Sie will
nicht im Büro sitzen, nicht am Computer arbeiten, nicht Pakete ausliefern und
vor allem möglichst wenig mit Menschen zu tun haben. Das bezieht sich auch auf
Arbeitskollegen, weil diese ihr ihre jetzige Arbeitsstelle versauen. Ohne
Kollegen wäre sie mit ihrem Job wohl glücklich. Ich frage sie, ob es wirklich
so schlimm mit den Kollegen ist und ob sie tatsächlich eine neue Ausbildung
machen will. Wirklich sicher ist sie sich nicht.
Ein Job im Handwerk
ohne Menschen fällt mir spontan nicht ein, weshalb ich sie frage, ob sie nicht
heiraten und Kinder kriegen will, weil sie dann ja nicht mehr unbedingt
arbeiten müsste. Weil sie ihren Freund für eine solche Konstellation für
ungeeignet hält und ihr auch sonst niemand einfällt, streichen wir diese
Möglichkeit. Ich muss gestehen, dass ich etwas ratlos bin. Doch dann habe ich
eine Idee, die passen könnte. Leichenpräparatorin. Da hätte sie zwar Kontakt zu
Menschen, aber da diese größtenteils tot sind, sollten sie recht umgänglich
sein. Mein Vorschlag kommt wohl etwas überraschend und stößt auf wenig
Verständnis, so dass ich die Vorzüge aufzähle und ihr sage, sie soll mal zu
einem Bestattungshaus gehen und nach ihren Möglichkeiten fragen. Ich glaube nicht,
dass sie das tatsächlich tun wird, sehe aber aufgrund ihrer Ausschlusskriterien
im Moment keinen geeigneteren Beruf für sie. Sollte sie also tatsächlich keine
Möglichkeit sehen, mit ihren aktuellen Kollegen klarzukommen, sollte sie
ernsthaft über eine Ausbildung zur Leichenpräparatorin nachdenken.
Ich denke, dass ich
meine erste Berufsberatung recht gut gemeistert habe, gehe aber davon aus, dass
sie die Tochter der Swingerin nicht wirklich weiter gebracht hat und sie mich
auch nicht weiter empfehlen wird. Schade.

Swingerin

Seit gestern habe ich
in meinem Büro eine Ledercouch stehen. Damit habe ich meine Büro nicht nur aufgewertet,
ich stelle mir auch vor, dass sich meine Kunden auf die Couch setzen oder legen
und mir ihre Probleme erzählen, während ich auf meinem Bürostuhl daneben sitze
und Notizen mache. Was für schräge Ideen ein einfaches Ledersofa doch hervorrufen
kann.
Das meine Idee gar
nicht so abwegig ist, wird mi bei meiner nächsten Besucherin bewusst. Obwohl
sie nicht auf dem Sofa Platz nimmt, hat ihre Besuchszeit sehr viel von einer
Therapiestunde. Geht es anfangs noch um Bewerbungen, erfahre ich schon bald von
ihr, dass es ihr nicht so gut geht und sie in therapeutischer Behandlung ist. Wenig
später sind wir beim Thema Beziehungen und folglich schnell beim Thema Männer,
bevor wir beim Thema Sex ankommen. Wobei ich, abgesehen von gelegentlichen
Kommentaren, nur zuhöre und sie Dinge erzählt, nach denen ich niemals gefragt
hätte. Die gute Frau, Anfang 50, lebt schon viele Jahre ohne Partner und hatte
einige Jahre keinen Sex. Dann hat sie einen Swingerclub aufgesucht und war so
davon begeistert, dass sie zweimal wöchentlich dort ihren Spaß hatte. Sie ist
sehr zufrieden, dass sie alles ausprobiert hat und auch nicht immer nur mit
einem Partner/einer Partnerin Sex hatte. Ich sitze auf meinem Stuhl und frage
mich, ob das alles real ist oder ich Teil einer 
Show bin. Erzählt die Frau jedem von ihren Erlebnissen oder liegt es an
mir? Wirke ich so vertrauenswürdig, dass man mir selbst seine intimsten
Geheimnisse verraten will? Hätte ich Therapeut werden sollen?
Nach neunzig Minuten
endet unsere Therapiestunde und ich frage mich, ob ich die Zeit mit irgendeiner
Krankenkasse abrechnen kann und was sie mir beim nächsten Mal erzählen wird.

Coaching 10

Weil zu viele Menschen
zu blöd sind und nur Unsinn produzieren, sitze ich, obwohl es eigentlich nicht
mehr finanziert werden sollte, wieder beim Coaching. Da war das ganze Verabschieden
und Fazit ziehen völlig unnütz und verfrüht. Weil aber noch immer nicht
feststeht, wer noch wie lange gecoacht wird, kann es durchaus sein, dass so ein
Abschiedsritual inkl. Fazit schon bald wieder nötig ist. Heute allerdings
verzichten wir darauf, sondern unterhalten uns einfach nur über dies und das
und manchmal auch über ganz andere Dinge. Den Stresstest lassen wir ausfallen,
weil man auch mal etwas ausfallen lassen muss. Da meine Coachin auch singt,
zeigt sie mir ein Video, damit ich mal hören kann, wie sie singt und was sie
singt. Sie sagt, dass mich das sicher berühren wird. Ich weiß nicht, ob es das
tut und beantworte die anschließende Frage, wie ich es fand, wahrheitsgemäß mit
„Ganz nett.“ Da muss selbst die Coachin lachen bei so viel Lob und Mitgefühl. Wenn
ich jemals ein Coach sein werde und eigene Videos von mir habe, zeige ich diese
niemandem.