Silvester 2008

Eigentlich wollte ich den Silvesterabend alleine in meinem Zimmer verbringen. Doch irgendwann letzte Woche ließ ich mich spontan zur Silvesterparty ins Café del Sol einladen. Und so mache ich mich gegen 20.07 Uhr auf den Weg dorthin. Als ich das Café del Sol betrete habe ich das Gefühl auf eine Kaffeefahrtgesellschaft zu treffen. Lauter alte Menschen mit Hüten schmücken den Raum. Hier muss es sich definitiv um ein Missverständnis handeln. Tut es aber nicht. Ich werde Silvester tatsächlich in einem Seniorenwohnheim verbringen. An unserem Tisch sind wir zu zwölft und machen den Altersdurchschnitt dieser Veranstaltung kaputt. Das kann ja heiter werden.

Anfangs unterhalte ich mich kaum, was allerdings weniger an meinen Tischnachbarn als an dem Schock liegt. Immer wieder schaue ich mich fassungslos um und muss feststellen, dass dies alles kein Scherz, sondern knallharte Realität ist. Ich überlege kurz, mir auch einen dieser albernen Hüte aufzusetzen, verwerfe den Gedanken aber rasch wieder.

Gegen 22.09 Uhr stehe ich am Buffet. Es ist so dunkel, dass man einige Speisen nicht wirklich erkennen kann. Vermutlich ist das auch besser so. Vieles ist schon vergriffen. Scheinbar habe ich mir den falschen Zeitpunkt ausgesucht, um zum Buffet zu gehen. Und scheinbar habe ich auch ein Händchen für Dinge, die mir nicht schmecken. Mein Fleisch ist derart widerlich gewürzt, dass ich es nicht essen kann. Vermutlich kann das niemand essen. Die anderen Dinge auf meinem Teller sind auch kein Festschmaus. Lediglich die Hackfleischbällchen lassen sich genießen. Obwohl das Buffet wenig später aufgefüllt wird, verzichte ich auf einen zweiten Durchgang.

In der Zwischenzeit ist der DJ eingeschaltet worden. Er legt sich mächtig ins Zeug und die Senioren bevölkern die Tanzfläche. Die Party hat begonnen. Ich gucke mir das tanzende Volk mit den albernen Hüten an und schüttle den Kopf. Das mache ich im Laufe dieser Kaffeefahrtgesellschaft noch öfter. Als der DJ ‘Live ist live‘ spielt und die Gesellschaft eine Polonäse startet, frage ich mich, ob ich nicht doch auf einer Karnevalsveranstaltung bin. Und zum ersten Mal an diesem Abend verspüre ich Angst. Angst in einem Alptraum gefangen zu sein, aus dem ich nie wieder aufwache. Weitere Karnevalslieder folgen. Der DJ fordert das alte Volk auf in die Hände zu klatschen und das alte Volk kommt seiner Bitte nach. Ein schauriger Anblick. Einige Demenzkranke schlagen mehr oder weniger rhythmisch mit den Händen auf die Tische. So stelle ich mir ein (vermutlich letztes) gemütliches Zusammensein im Hospiz vor.
Gegen 02.00 Uhr wird es langsam leerer. Die meisten Senioren müssen zurück in ihre Heime, um dort auf den Tod zu warten. Ich erfreue mich weiterhin bester Gesundheit und plane bereits die Silvesterparty 2009. Vielleicht eine Kaffeefahrt mit anschließender Sterbehilfe.

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