Silvester 2015

Als Manni mich gegen 19.40 Uhr zum traditionellen Silvestertreffen bei Petra abholt, habe ich bereits über fünf Stunden Musik gehört, währenddessen eine halbe Stunde auf dem Fahrradergometer geschwitzt und unglaublich lange, verdammt heiß, geduscht. Eine Kleinigkeit gegessen muss ich auch irgendwann haben. All das wäre nicht erwähnenswert, wenn ich während dieser Zeit nicht so entspannt gewesen wäre. Das lästige Denken wich Gedankenlosigkeit und Tagträumen, die Schwere verließ mich und ich hätte diesen Zustand gerne noch weitere Stunden genossen. Es ist unglaublich, dass so etwas scheinbar nur an Silvester möglich ist. Es scheint keine Zeitbeschränkungen zu geben, kein Morgen, kein ödes Leben außerhalb. Nur die Musik und mich. Der Rest der Welt ist so weit weg von mir, wie es sich gehört. Leider verhindert die Tradition, dass ich den Musikgenuss fortsetze. Und so verstummt die Musik und ich muss raus in die Welt, die bis eben nicht mehr existierte. Musik hören und sterben, das wäre was. Vielleicht schaffe ich das ja im nächsten Jahr. Bis es soweit ist, hänge ich meinen Erinnerungen an den Tag nach. Lange wird es aber sicher nicht dauern bis diese Erinnerungen so weit weg sind, dass ich nicht mehr glauben kann, dass ich tatsächlich vorübergehend so entspannt und das Leben so leicht war. Willkommen zurück in der Realität. Auf zu Petra.

Petra hat fast alles vorbereitet und es muss nur noch der Tisch gedeckt werden. Zusammen mit Markel übernehmen wir diesen Teil. Wie üblich sind so viele Nahrungsmittel vorrätig, dass zwei weitere Gäste locker mit gefüttert werden könnten. Der Raclette-Grill, den Petra im letzten Jahr für dieses traditionelle Treffen gekauft hat, kommt heute zu seinem zweiten Einsatz. Er ist damit offiziell ein Silvester-Raclette-Grill. Während wir unsere Speisen grillen und genießen, singt Dean Martin für uns. Es kommt in der Tat darauf an, dass man die richtige Musik für einen traditionellen Abend auswählt.
Nach dem üppigen Mahl zeigt uns Manni seine Künste auf dem Tony Hawk SHRED. Das ist eine Art Skate- oder Snowboard, mit dem man eine Menge Spaß haben kann. Manni gewinnt fast alle Spiele, was mir natürlich nicht gefällt, weil ich kein guter Verlierer bin. Andererseits habe ich in meinem Leben auch nie ein Board gehabt, während Manni früher eine Art Skategott war. Da ist es vermutlich logisch, dass es so weit vorne liegt. Unverzüglich planen wir, ab sofort jeden dritten Samstag im Monat einen PS3-Spieleabend bei Petra zu machen. Ich glaube nicht, dass so ein Spieleabend wirklich zustande kommt. Aber da sich Menschen zu Silvester immer viel vornehmen und nur wenig davon umsetzen, ist es vermutlich auch egal.
Wenig später ist es soweit. Wir stoßen aufs Neue Jahr an und gehen nach unten, um das Feuerwerk, welches Manni organisiert hat, abzufeuern. Auf meinen Wunsch hin hat er auch dieses Jahr Wunderkerzen mitgebracht, welche dafür sorgen, dass ich sehr zufrieden bin. Ich möchte Silvester nie wieder ohne Wunderkerzen feiern. Wunderkerzen sind toll. Auf der Straße sind weniger Menschen als im letzten Jahr und unser Feuerwerk ist eine Enttäuschung. So gehen wir nach wenigen Minuten wieder in die Wohnung, wo der Raclette Grill noch einmal angeworfen wird. Weil ich um diese Uhrzeit nichts mehr esse, sitze ich einfach nur da und höre Musik.

Es ist beinahe 02.00 Uhr, als ich wieder zu Hause bin. Selbstverständlich riecht meine Kleidung nach Zigarettenqualm, weshalb ich sie am Morgen waschen muss. Vielleicht sollte man Zigaretten einfach abschaffen, dann würde diese Geruchsbelästigung nicht mehr existieren. Vielleicht sollte man aber auch einfach mich abschaffen, dann gäbe es auf der Welt einen unzufriedenen Menschen weniger.

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