Geburtstag

Hätte Agnes mich nicht um kurz vor Mitternacht daran erinnert und um kurz nach Mitternacht angerufen, wäre mir mein Geburtstag glatt entgangen. Mit jedem Jahr wird der Geburtstag mehr zu einem Ereignis, welches ich komplett vergessen würde, wenn mich niemand daran
erinnert. Es ist so unwichtig, so nebensächlich, dass es fast schon verwunderlich ist. Und so lasse ich nach dem Telefonat Dean Martin für mich singen, liege auf dem Bett und denke nach über Geburtstage, meine Existenz, meine Gleichgültigkeit und mein Alter, von dem ich irgendwie völlig losgelöst bin. Ich bin näher an der fünfzig als an der vierzig. Vom Gefühl her habe ich die dreißig noch nicht erreicht und vom Benehmen und der Bildung bin ich maximal zwanzig. Nichts scheint zusammen zu passen und würde ich nicht altern, wäre ich zeitlos. Mein Alter und ich passen nicht zusammen und seit meine Eltern nicht
mehr leben sind meine Geburtstage komplett zu einer Randnotiz verkommen. Schließlich habe ich auch nichts dazu beigetragen alt zu werden. Die Scheiße passiert einfach. Zack ist man alt. Dean Martin macht mittlerweile eine Pause und es läuft Henry Mancinis Pink Panther Theme. Ich denke an alte Inspector Clouseau Filme und will sie in meinem neuen Lebensjahr alle nochmal schauen. Nein, ich muss es
sogar. Während man sich durchaus sinnvolle Dinge für sein neues Lebensjahr vornehmen oder wenigstens wünsche kann, beschließe ich Peter Sellers in seiner Paraderolle anzuschauen. Gut, wenn man sonst weder Wünsche noch Sorgen hat. Könnte ich meinem Körper nur abgewöhnen zu altern, wäre ich schon einen Schritt weiter. Verdammt, ich klinge wie ein Mensch in der Lebenskrise seiner Lebensmitte. Dabei bin ich nicht einmal mehr in der Mitte meines Lebens, weil ich schon länger gelebt habe als ich noch Leben werde. Was für eine durchaus und stets wiederkehrende demotivierende Erkenntnis. Dean Martin singt mir
weitere Geburtstagsständchen und meine Augen werden schwer. Schlafen bis mein großer Tag richtig beginnt. Was er mir wohl bringt?

Geweckt werde ich gegen 07.30 Uhr von einer Blaskapelle. Auf diese furchtbare Art wird das Schützenfest eingeleitet und ich frage mich, wieso das so früh sein muss. Nachdem die Störenfriede endlich fertig sind schlafe ich noch bis 09.15 Uhr weiter. Schließlich brauche
ich meinen Schlaf, um an meinen Ehrentag voll in Form zu sein.

Bei herrlichem Wetter mache ich später etwas, was ich noch nie an meinem Geburtstag gemacht habe. Sechs Stunden lang entferne ich die Tapeten in meiner winzigen Küche und gebe dann entnervt und erschöpft auf, noch bevor alle Tapeten ab sind. Wieder zeigt sich, dass in mir
kein Handwerker steckt.

Nach einem Spaziergang esse ich eine Kleinigkeit und spachtle anschließend bis etwa 21.00 Uhr die zahlreichen Löcher, die sich überall in den Wänden befinden, zu. Vor dem Schlafen lese ich noch
Macht von Karen Duve, bevor ich das Bewusstsein verliere. Geburtstage sind auch längst nicht mehr, was sie mal waren.

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