Hamsterkäufe ohne Hamster

Bisher habe ich noch nicht dazu entschließen können, riesige Vorräte anzulegen, denn ich weiß wirklich nicht, wo ich all die Sachen unterbringen soll. Dennoch will ich heute einkaufen, um gemeinsam mit Petra ein Gefühl für Hamsterkäufe zu bekommen. Obwohl so ein Hamsterkauf mich auch ein bisschen reizt, weiß ich echt nicht, ob ich dazu, unabhängig vom Platz, in der Lage bin. Es ist etwa 10.30 Uhr als unserer Abenteuer bei Kaufland in Lünen beginnt. Petra möchte, dass wir zwei Einkaufswagen nehmen, weil in einem nicht genug Platz für unsere Einkäufe sein wird. Ich lehne das ab, weil ich nicht glaube, dass wir tatsächlich so viel kaufen werden und weil ich, sollten wir zwei Einkaufswagen nehmen, einen davon schieben müsste. Ich fasse die Dinger grundsätzlich nicht gerne an, außer wenn es mit mir durchgeht und ich wie ein Kind aufspringe und durch die Gänge brause. Das möchte ich heute aber nicht, daher muss ein Einkaufswagen reichen. Schnell wird klar, dass ich, wie erwartet, keine Ahnung habe, wie ich mein Einkaufsverhalten dieser Ausnahmesituation anpassen kann. Während Petra den Einkaufswagen durchaus erfolgreich vollpackt, fällt mir nichts ein, was ich hamstern könnte, und mache lediglich den normalen Samstagseinkauf. Ich kann das echt nicht und weiß überhaupt nicht, wie ich mich ordnungsgemäß verhalten soll. Weil ich mich nach einer Weile ein bisschen schäme, nehme ich ein Päckchen Reis und ein Päckchen Dinkelnudeln, obwohl ich die Sachen nicht benötige, weil ich davon genug zu Hause habe, und lege die Päckchen in den Einkaufswagen. Ehrlich gesagt fühlt sich das komisch, fast schon falsch, an. Wenn ich aus Versehen Sachen kaufe, die ich eigentlich nicht brauche, kann ich besser damit leben. Trotzdem ziehe ich es jetzt durch. Als nächstes kaufe ich zwei Packungen Hafermilch, obwohl ich die erst nächste Woche Samstag kaufen müsste. Doch schon mahne ich mich, jetzt nur nicht übermütig zu werden, sonst gerate ich noch in einen unkontrollierbaren und überflüssigen Kaufrausch. Das möchte ich irgendwie nicht. Während ich verwirrt und auch leicht belustigt vor einem ziemlich leeren Regal stehe, rempelt mich eine Frau zur Seite. Sie scheint einen klaren Plan zu verfolgen und da kann sie keine Rücksicht auf verwirrte, ältere Männer nehmen. Sie scheint mich nicht wirklich bemerkt zu haben und zieht ihr Ding durch. Später sehe ich sie mit ihrem Einkaufswagen, noch immer nimmt sie ihre Umwelt nicht war. Dieser leicht irre Tunnelblick ist faszinierend und beängstigend zugleich. Ihr Wagen ist so voll als stünde die Apokalypse kurz bevor. Ich hoffe, sie kauft das nicht alles für sich ein, denn das wäre irgendwie krank. Ich glaube, die Frau macht mir Angst.

Wenig später bekommt Petra vor einem fast leeren Regal einen Hustenanfall. Ein Mann macht einen Bogen um sie, während ich ihm erkläre, dass er keine Angst haben muss, weil Petra, die übrigens Handschuhe trägt, um sich nicht zu infizieren, unter Raucherhusten leidet. Er findet das amüsant, bleibt aber auf Abstand, während ihm Petra noch eine Rede hält, die es nicht unbedingt besser macht und auch keinem hilft.

Als Petra sich Toilettenpapier kaufen will, habe ich meine Zweifel, dass sie Erfolg haben wird. Wir gehen zu dem Gang, der früher voll mit Toilettenpapier war. Heute herrscht hier gähnende Leere. Eine ältere Frau steht in dem Gang, um von mir angesprochen zu werden. Ich sage ihr, dass die Situation irgendwie beängstigend ist und frage, ohne eine Antwort zu erwarten, was die Leute wohl mit all dem Toilettenpapier wollen. Dann schnappe ich mir eine Packung Taschentücher und sage ihr, dass ich irgendwie mehr auf Taschentücher stehe und man diese zur Not auch als Toilettenpapier benutzen kann. Daraufhin wirft Petra ein, dass Taschentücher die Toilette verstopfen und sagt der Frau, dass sie noch 16 Rollen Toilettenpapier zu Hause hat. Ich weiß nicht, ob die Frau das beeindruckt hat, aber diese zeigt nun auf ein Päckchen mit zwei Rollen Toilettenpapier, welches sie in der Hand hält und zur Vorsicht mal mitnimmt, wie sie sagt. Wie ich das sehe, hat sie damit die letzten beiden Toilettenpapierrollen ergattert. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Nachdem das mit dem Toilettenpapier geklärt ist setzen wir unsere Einkäufe fort.

Leider bin ich aus unerklärlichen nicht in der Lage den Einkaufswagen weiter mit Sachen zu füllen, die ich nur wegen des Coronavirus kaufen würde. Trotzdem ist der Einkaufswagen voll wie nie zuvor bei einem unserer Samstagseinkauf, was aber größtenteils an Petra liegt. Ich glaube, sie ist, was Hamsterkäufe angeht, auf einem guten Weg. Ich zahle zwar am Ende auch fast 40 Euro, aber das kommt auch sonst durchaus mal vor. Vielleicht muss ich einfach nur weiter üben, vielleicht bin ich aber auch ein hoffnungsloser Fall, was den Umgang mit Hamsterkäufen in bedrohlichen Situationen angeht. Möglicherweise gehöre ich somit zu den ersten, die bei Ausbreitung der Katastrophe, elendig zu Grunde gehen, weil sie bei den Hamsterkäufen komplett versagt haben. Das wäre schon irgendwie tragisch, aber vermutlich auch verdient.

10 Kommentare on "Hamsterkäufe ohne Hamster"


  1. Hier gibt es einige Hinweise, die Sie vielleicht auf einen erfolgversprechenden Weg führen könnten:
    https://www.bwl.admin.ch/bwl/de/home/themen/notvorrat.html
    Ok, die Seite ist aus der Schweiz, und wir bekleckern uns ja zurzeit nicht gerade mit Ruhm, was Katastrophenmanagement angeht, aber als Spickzettel für den nächsten Samstagseinkauf sind die Listen und Tipps durchaus inspirierend.
    Viel Glück.

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  2. Also ich denke: Wenn es tatsächlich eines Tages einen Notstand – aus welchem Grund auch immer – gäbe, dann weiß auch ein gewisser Doktor, wie er für sich zu sorgen hat 😉
    Vermutlich also beherrscht der gesunde Menschenverstand Dein aktuelles Handeln: Es gibt keinen Notstand, also musst Du auch nicht hamstern.
    Ich finds gut.

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  3. Also ich denke: Wenn es tatsächlich eines Tages einen Notstand – aus welchem Grund auch immer – gäbe, dann weiß auch ein gewisser Doktor, wie er für sich zu sorgen hat 😉
    Vermutlich also beherrscht der gesunde Menschenverstand Dein aktuelles Handeln: Es gibt keinen Notstand, also musst Du auch nicht hamstern.
    Ich finds gut.
    Schon bedenklich, was derzeit – in nicht mal einer echten Notsituation – abgeht.

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