Geburtstag und Geburtstagsrunde in Zeiten des Coronavirus

Schon habe ich wieder Geburtstag und somit ein weiteres Jahr überlebt. Erster Gratulant per WhatsApp ist mein Kollege Jens. Nur wenig später gratuliert mir die Frau aus dem hohen Norden. Es ist das erste Mal, dass nicht die üblichen Verdächtigen zu den ersten Gratulanten gehören. Ist das vielleicht ein erstes Zeichen, dass die zweiten fünfzig Jahre, von denen ich maximal noch 26 Jahre lebe, ganz anders verlaufen werden als die ersten fünfzig? Ich glaube nicht.

Gestern erreichte mich übrigens die erste Geburtstagskarte. Auf der Karte deutlich erkennbar die Zahl 50. Lange starrte ich, fast schon fassungslos, diese Karte an. Ich habe einfach keinen Bezug zu der 50. Die 50 passt einfach nicht zu einem Pubertierenden und erst recht nicht zu mir. Später meinte Agnes, ich solle einfach die Null streichen, dann bleibt die 5 und die passt besser zu mir. Da hat sie Recht, und das nicht nur, weil die Zahl auch auf dem Nummernschild des Benz steht, sondern weil ich vom Verhalten her sehr viel näher an der 5 bin. Und sollte ich wider Erwarten 70 werden, wünsche ich mir eine Karte mit der 7 drauf, weil ich auch mit 70 vom Verhalten eher 7 als 70 sein werde. Möglicherweise bin ich aus der Zeit gefallen oder die Zeit ist aus mir gefallen. Ich weiß es nicht.

Was kann man an seinem Geburtstag vor Arbeitsbeginn Schöneres tun als das letzte Jahr Revue passieren zu lassen und kurz über dieses und jenes nachzudenken? Vermutlich gar nichts und so nutze ich die Zeit zwischen Stuhlgang und dem Haare waschen, um einen kurzen Blick zurück auf die letzten Monate zu werfen. Gesundheitlich hatte ich zwei fiebrige Ausfälle und von der letzten Erkältung hat sich mein Körper noch nicht erholt, weshalb ich schon am kommenden Montag bei einem Lungenfacharzt fachmännisch auf den Kopf gestellt werde. Mittlerweile glaube ich aber, dass die Probleme, die ich habe, mit der Speiseröhre zu tun haben. Speiseröhrenkrebs scheint mir da nach mehrmaliger Recherche am wahrscheinlichsten. Montag weiß ich vielleicht mehr. Themenwechsel. Meine Fitness war auf einem guten Weg bis die Corona-Krise uns überrollt hat. Seitdem ist Sport kein echtes Thema mehr und ich habe mich direkt bis Ende September bei McFit abgemeldet. Ob ich dann nochmal durchstarte, erscheint mehr als fraglich. Eine Hüpfburg habe ich im letzten Lebensjahr nicht benutzt, aber immerhin bin ich gelegentlich auf meinem Trampolin auf und ab gehüpft. Wie von mir vorausgesagt habe ich im letzten Lebensjahr keinen Sex gehabt und es deutet nichts darauf hin, dass sich in diesem Leben nochmal etwas daran ändern wird. Ist zwar schade, aber ich habe da keinen Einfluss drauf. Überhaupt bin ich mittlerweile so träge und führe ein dermaßen eingefahrenes Leben, dass es mich ab und an gruselt, wie ein Tag dem anderen gleicht und mir jegliche Motivation fehlt. Auch da sehe ich wenig Potenzial, dass ich je wieder aktiver werde. Aktiv bin ich zumeist nur beim Filme und Serien gucken, was mir beim Blick auf Trakt.tv regelmäßig bestätigt wird. Aber immerhin macht es meist Spaß, lenkt ab und entspannt mich manchmal auch. Und entspannen ist bekanntlich nicht unbedingt eine meiner Stärken.

Kaum erreiche ich meinen Arbeitsplatz blicke ich auf einen Teller voller Brownies, neben denen ein Geschenk liegt. Ich bin durchaus überrascht, dass, wie ich wenig später erfahre, meine Kollegen Jens, Kirsten, Steffi und Sissi für mich gesammelt haben und Jens Tochter für mich backen musste. Damit konnte ich nicht rechnen. Ein 50€ Einkaufsgutschein rundet die Überraschung ab. Mir bleibt nichts weiter zu tun als mich ordnungsgemäß zu bedanken. Die Brownies schmecken köstlich.

Gegen 15.00 Uhr besucht uns völlig überraschend Steffi, die extra von einem anderen Standort angereist ist. Wenig später trifft auch Kirsten ein, die ebenfalls von einem anderen Standort anreisen musste. Nicht, dass ich es nicht liebe, wenn man sich meinetwegen so viel Mühe gibt, aber es bringt mich auch in einen ziemliche Verlegenheit, weshalb ich allen ein Stück Kuchen anbiete. Singen wollen die drei allerdings nicht für mich, was ich durchaus schade finde, aber verstehen kann, da ich das auch nicht tun würde. Ich bin durchaus gerührt von deren Nettigkeit und dem Aufwand, den sie für mich betrieben haben, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Gegen 16.00 Uhr muss ich die Gruppe verlassen, weil ich Vorbereitungen für die diesjährige Geburtstagsrunde treffen muss.

Es kommt wahrlich selten vor, dass die traditionelle Geburtstagsrunde direkt an meinem Geburtstag stattfindet. Dank der Corona-Krise findet sie dieses Jahr direkt an zwei Tagen statt, wegen der Sicherheit und der allgemeinen Verwirrung. Den Anfang machen am Freitag gegen 18.30 Uhr die Brüder Heiko und Markus. Leider fallen durch die Umstände die beiden Geburtstagstraditionen aus. Wir werden keine Luftballons aufblasen, um diese später vom Balkon zu werfen und wir werden auch nicht Tipp-Kick spielen. Niemand gewinnt also an meinem Geburtstag einen von mir gestifteten Preis. Dieses Jahr hätte es ein Buch und eine Pflanze zu gewinnen gegeben. Stattdessen sitzen wir einfach nur da, hören Musik aus der Zeit als wir noch jung waren, essen eine Kleinigkeit und reden über dies und das auch manchmal auch über dieses und jenes. Zwischendurch bläst Markus, der scheinbar eine wunderbar funktionierende Lunge hat, die aufblasbare Gehhilfe in Sekundenschnelle auf. Wir schießen ein paar Fotos, trinken Cherry-Cola, weil Cherry-Cola irgendwie zu uns passt und sitzen bis 23.30 Uhr zusammen. Dann endet die erste Geburtstagsrunde, ich räume noch ein wenig auf und freue mich über meine Geschenke. Später lasse ich den Tag, der durchaus überraschend verlief, noch einmal im Schnelldurchlauf durch meinen Kopf rutschen. Warum sind alle nur so nett zu mir?

11 Kommentare on "Geburtstag und Geburtstagsrunde in Zeiten des Coronavirus"


  1. Vielleicht aus Mitleid? Oder möglicherweise bist du doch ein ganz netter Typ, und mit 50, wenn der Lack ab ist, kommt dein wahres, angenehmes Wesen zum Vorschein. Wie auch immer: Happy Birthday! Wenn auch leicht verspätet (ich wusste ja von nix).

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  2. Herr Doktor, ich wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag nachträglich! Starten Sie trotzdem mit Neugier ins neue Lebensjahr. Wer weiß, ob es nicht doch etwas Wundervolles für Sie bereithält! Halten Sie die Augen offen und gut zu riechen bleibt weiterhin ein Pluspunkt. :o)

    Drücke die Daumen für die Untersuchung…

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  3. Auch von mir noch mit Verspätung alles Gute zum Geburtstag!

    Ich bin in der Beziehung ja ähnlich drauf wie Du – ich fürchte mich vor dem Tag, an dem mein letztes Stündlein geschlagen hat und ich nur denke “waaas?? Ich bin doch gerade in der Pubertät und jetzt soll ich schon sterben?!”. Dagegen hilft nur eins: alles machen, was man machen will, scheißegal, was Andere denken könnten. Man hat ja nur dieses eine Leben. Seit letztem Jahr – da war ich 50 – habe ich mein erstes Tattoo und seit letztem Mittwoch gesellt sich noch eins dazu. Und das ist sicher nicht das letzte. Ich glaube, ich bin auch nicht ganz gesund (kein Wunder, Kippen, Bier und kein Sport), aber was soll’s? Augen zu und durch!

    Ich drücke Dir auch die Daumen für die Untersuchung. Tschakka.

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    1. Danke sehr.
      Statt eines Tattoos könnte ich es mit einer Frisur versuchen. Allerdings tendiere ich seit gestern zu einem Vollbart, um die ganzen Falten zu kaschieren.

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  4. Herzliche Geburtstagsglückwünsche auch von mir, wenn auch nachträglich, aber dafür direkt aus dem Mausloch! Ich setz dir mal den Floh ins Ohr, dass die Leute dich mögen könnten – einfach so! Ein liebenswerter Dr. Schwein 🐷

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