Nachdem die Umarmerin ihren Besuch bestätigt und sogar nach meiner Adresse gefragt hat, bin ich unsicher, ob sie tatsächlich noch absagen wird. Und wenn sie nicht absagt, was erwartet sie dann von ihrem väterlichen Freund? Ich kann ihr zu ihrem Umzugsproblem wenig sagen, sodass es sicher ein kurzer Besuch wird.
Es ist kurz vor 17.00 Uhr, als die Umarmerin tatsächlich zu mir kommt. Ganz in Schwarz, zierlich, gut riechend, doch irgendwie auch fertig. Ich mag keine aufgeklebten Wimpern, aber ich bin nicht kleinlich. Ich biete ihr etwas zu trinken an, sie wählt Wasser und Tee. Wir siezen uns. Ich stelle die falsche Frage, vielleicht ist es auch die richtige. „Wie geht es Ihnen?” Und schon fließen die Tränen. Vor mir sitzt eine total aufgelöste Frau. Manches, was sie sagt, verstehe ich nicht. Was kann ich tun? Ich gehe rüber zum Sofa, setze mich neben sie und umarme sie. Dass ich damit mein Jahresziel, vier Frauen zu umarmen, erreicht habe, ist in diesem Moment nebensächlich. Zunächst scheint es, als wäre ihr meine Umarmung unangenehm, unpassend. Möglicherweise eine Fehlinterpretation. Dann in meinen Armen bricht es noch mehr aus ihr heraus. Ein Schluchzen folgt dem nächsten. Ich kann nichts weiter tun. Irgendwann beruhigt sie sich etwas, ich bringe ihr Tee und setze mich in den Sessel.
Auf dem Balkon möchte sie gerne rauchen und wir gehen raus. Ich mache irgendwelche Vorschläge, gebe Ratschläge. Sie erzählt mehr über ihre Situation, schon sind meine Vorschläge nichts mehr wert. Sie weint, steht auf, umarmt mich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie setzt sich wieder und ich schlage etwas vor, was ihr sicher hilft. Seifenblasen. Sie schaut mich irritiert an. Aus dem Schlafzimmer hole ich welche, weil Seifenblasen manchmal eine Lösung sind. Zum ersten Mal lächelt sie, spielt mit den Seifenblasen und fragt, ob sie sie behalten darf. Natürlich. Sie hält sie in den Händen, hält sich regelrecht daran fest und erzählt immer mehr: Was sie nun erzählt, lässt mich sprachlos zurück. Mal nehme ich ihre Hand, dann lege ich eine Hand auf ihre Schulter. Hilflose Gesten eines vollkommen überforderten väterlichen Freundes.
„Ich habe seit dem Frühstück nichts gegessen“, sagt sie. „Möchten Sie bei mir etwas essen? Soll ich Ihnen etwas machen?“, frage ich. Sie nickt. Da ich gar nicht so viel Auswahl habe, mache ich ihr drei Rühreier, die ihr gut schmecken. Rühreier kann ich scheinbar. Als sie gegessen hat, fragt sie, ob ich eine Spülmaschine habe. „Ich bin die Spülmaschine.“ Sie nimmt den Teller, geht in die Küche und spült, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Zurück im Wohnzimmer, sagt sie, dass sie meine Zeit nicht länger in Anspruch nehmen will. Ich finde, sie sollte nicht allein sein, und sage, sie kann bleiben. Sie umarmt mich, sagt, dass sie froh ist, mich kennengelernt zu haben. Ich sage nichts, halte sie nur.
Ein Fotoalbum hat sie im Auto, weil sie es an dem Ort, an dem sie mit ihrem Noch-Ehemann oft war, verbrennen möchte. Ein Ritual. Oder eine Befreiung. Vielleicht irre ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass es nicht gut für sie ist, wenn sie gleich wieder alleine ist. Also biete ich ihr an, dass ich sie begleite und habe den Eindruck, dass sie das total erleichtert.
Während ich ihr nachfahre, erinnere ich mich an einen Abend mit Birte. Ihr bin ich damals auch nachgefahren und hätte vermutlich einfach abbiegen sollen. Jetzt abzubiegen wäre vielleicht auch vernünftig, aber auch ziemlich mies. Ich rieche ihr Parfum an mir, welches beim Umarmen an meinem Shirt haften blieb. Zwischendurch rieche ich mein Parfum. Eine sehr angenehme Komposition in einer für mich ziemlich abstrusen Situation.
An der Stelle, wo sie das Fotoalbum verbrennen möchte, sitzen zwei türkische Männer und trinken Bier. Sie bittet die Männer, dass sie woanders ihr Bier trinken, da sie ein Ritual durchführen möchte. Ich verstehe natürlich kein Wort, aber die beiden gießen tatsächlich ihr Bier weg und fahren weiter. Das Fotoalbum übergießt sie mit Chantré, den wir von mir mitgenommen haben. Vermutlich völlig unnötig, aber möglicherweise symbolisch wichtig.
Dann steht das Album in Flammen. Rauch steigt auf, es riecht nach verbranntem Papier. Es knistert, ein letztes Aufbäumen einer missratenen Vergangenheit. Leute beobachten uns neugierig und vermutlich irritiert von der Brücke, doch ich nehme sie kaum wahr. Ich würde so etwas sonst nie tun, aber jetzt ist das egal. Nachdem es größtenteils abgebrannt ist, wird es mit Mineralwasser gelöscht und im Mülleimer entsorgt.
Zu meiner Überraschung endet der Tag immer noch nicht, denn wir setzen uns auf eine Bank, sie trinkt den restlichen Weinbrand aus, und wenig später weiß ich, zumindest sagt sie es so, mehr über sie als ihre Ehemänner. Wir reden noch sehr viel über persönliche Dinge, wobei sie zumeist redet. Sie weint sehr viel und irgendwann sitzen wir da und ich halte ihre Hand oder sie meine. Es kommt mir komisch vor, dennoch lasse ich die Hand da, weil ich nicht weiß, wie man sich in so einer Situation richtig verhält.
Wir gehen zum Mülleimer, um diese Szene abzuschließen. Sie fragt, ob ich bei ihr einen Tee trinken möchte. Ich sage ja und merke erst etwas später, dass sie nicht irgendwann meint, sondern jetzt, als sie sagt, dass ich im Gästebett übernachten kann. Es ist nach 21.00 Uhr und ich müsste etwas essen. Bei mir zu Hause. Aber das wäre auch albern. Wie geplant, werfen wir die leere Weinbrandflasche auf die verkohlten Reste des Albums im Mülleimer. Eine leere Flasche auf verbrannte Asche. Nur eine bedeutungsschwangere Geste oder doch mehr?
Von ihrer Wohnung bin ich überrascht, ohne benennen zu können, was ich erwartet habe. Schön eingerichtet und total aufgeräumt. Sie kommt aus dem Bad, trägt eine bequeme Hose und hat ihre Haare zum Zopf gebunden. Für mich sieht sie völlig verändert aus, als wäre sie einfach so zu einer anderen attraktiven Frau geworden. Sie zeigt mir ihre Bücher. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so viel liest. Auch hierfür habe ich keine Erklärung.
Wir sitzen auf dem Balkon, sie zündet die gefühlt 700ste Zigarette an, ich gieße ihr Wein ein und schaue ihre Fotoalben an. Ohne ihren Hinweis hätte ich sie auf den Bildern nicht erkannt, sehe keine Ähnlichkeit zwischen der 20-jährigen auf den Bildern und der 40-jährigen neben mir. Mich überrascht ihre Offenheit, dieses Vertrauen. Ich bin vielleicht doch der Sozialarbeiter, den meine Sakkos optisch aus mir gemacht haben.
Die ganze Zeit läuft Geigenmusik. Wie ein Soundtrack zu einem romantischen Film. Ich hätte bei ihr vieles erwartet, aber nicht das. Diese Musik passt nicht, und passt doch so gut. Sie füllt die Pausen zwischen unseren Sätzen, begleitet sanft die Situation. Sie hat sich sogar eine Geige gekauft, die sie mir direkt zeigt. Sehr interessant. Nur schade, dass niemand von uns darauf spielen kann. Es sind echt viele Überraschungen an einem einzigen Tag.
Es ist bereits nach 22.00 Uhr, als sie beschließt, dass ich etwas Essen muss, weil ich so dünn bin und auch nicht mehr so weit von ihr weg sitzen sollte. Vielleicht interpretiere ich das auch falsch. Es ist eigentlich zu spät, um noch etwas zu essen, aber ich akzeptiere zwei gekochte Eier. Sie verschwindet in der Küche.
Zurück kommt sie mit einem Teller, auf dem zwei gekochte Eier, Kartoffelecken, Oliven, geschnittene Tomaten und Gurken liegen. Dazu Brot. So viel Essen am Abend überfordert mich. Sie bringt auch noch ein Cocktailglas mit einem Waldmeistergetränk für mich. Wir essen, reden und hören weiter Geigenmusik. Total laut und ich wundere mich, dass sich niemand beschwert. Sie sagt, dass sie seit Tagen nicht richtig gegessen hat. Somit hat sich mein Besuch auch für sie gelohnt. Nach dem Essen sitzen wir weiter zusammen, sie zeigt mir einen Stern, den ich nicht sehe, und sagt, dass sie nicht aufgeben wird. Sie will kämpfen. Ich halte das für eine gute Entscheidung, glaube jedoch nicht, dass der Wille allein reichen wird. Aber es kann ein Anfang sein.
Auf dem Balkon hängen zwei schöne Lampen und weil ich ihr sage, dass ich die Lampen mag, nimmt sie eine ab und schenkt sie mir, was mir natürlich gut gefällt. Die Gesamtsituation bleibt undefinierbar.
Längst sitzen wir Schulter an Schulter, manchmal lege ich meine Hand auf ihr Knie, alles scheint leicht und unbeschwert. Ich betrachte sie, die gebräunte Haut, die Finger, die Schultern. Verdammt attraktiv. So eine Nähe hatte ich Jahre nicht und es kommt mir vor, als hätte ich mir diese Situation schon gewünscht, als ich sie zum ersten Mal sah. Allerdings ist mir auch bewusst, dass wir nur hier sitzen, weil es ihr so schlecht geht und sie nicht alleine sein will. Ein weiterer Unterschied zu damals, als ich einer Frau so nah war, ist, dass hier nicht mehr passieren wird, weil die Umstände einfach anders sind.
Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Sie duzt mich versehentlich, korrigiert es sofort und ich schlage vor, dass wir uns duzen. Was wir dann auch versuchen, aber fast immer wieder zum „Sie“ zurückkehren. Vielleicht passt es einfach besser zu uns und der Situation. “Wie alt sind Sie? 50?” – “Das ist zwar falsch, aber okay für mich. Belassen wir es dabei.” – “Sie sehen aber jünger aus.” – “Danke. Sie können jetzt aufhören. Ich mag sie schon, Sie müssen das jetzt nicht mehr sagen.” Ja, wir haben diese Momente, die diesen Abend für kurze Augenblicke leicht und unbeschwert wirken lassen. Vermutlich hilft der Wein auch dabei, dass die Finsternis sie für kleine Momente verlässt.
Immer wieder knackt sie Pistazien und reicht mir wortlos die Kerne, als wäre es Routine, doch das kann nicht sein. Jedes Mal streifen sich unsere Finger. Ich mag das und weiß doch, dass nichts davon passieren würde, ginge es ihr besser, aber das spielt jetzt keine Rolle.
Erst gegen 01.00 Uhr frage ich mich, ob es vielleicht doch unangemessen ist, dass ich trotz einer gewissen Vertrautheit ständig meine Hand auf ihr Knie lege. So wie ich sie heute kennengelernt habe und wie es ihr geht, würde sie vermutlich nicht sagen, wenn sie das nicht möchte. Also lasse ich es einfach sein, bis ich sie gegen 01.15 Uhr verlasse. Sie bietet nochmal an, bei ihr zu übernachten, doch das ist wohl weiterhin keine gute Idee.
Es gab Momente, da waren sich unsere unterschiedlichen Planeten ziemlich nah. Bei dermaßen unterschiedlichen Planeten eine seltene Konstellation. Mit einer letzten Umarmung verabschieden wir uns. Möglicherweise ist es unsere letzte Umarmung.
Gute Entscheidung um 01:15 zu gehen, da war hoffentlich der Restalkohol auch schon unter der Schwelle, oder hat nur sie getrunken? Man muss nicht jeden Planeten mit in die eigene Umlaufbahn zu nehmen versuchen.
Nur sie hat getrunken. Ich trinke nie.
Planeten aus ihrer Umlaufbahn zu nehmen, ist auch nicht nett.
Richtig schön geschrieben!
Ich finde, trotz aller Hilflosigkeit hast du deine Sache richtig gut gemacht!
Danke sehr. 🙂
Ich bin auch nach mehrmaligem Lesen mir nicht sicher ob es vielleicht gar nicht so schlecht gewesen wäre dort zu übernachten. Der nächste Morgen ( und auch die Nacht) hätten möglicherweise Klarheit über den beiderseitigen Status gebracht. Und wenn es nur gezeigt hätte dass nichts läuft….
Manchmal ist ein bisschen Risiko gar nicht so schlecht.
Möglicherweise.
Immerhin wissen wir, dass nichts läuft, ohne übernachtet zu haben. 😎