Die Umarmerin kommt zu mir und wir gehen spazieren

Nachdem sie mir in der Woche geschrieben hat, dass wir am Wochenende einen Waldspaziergang machen können, bestätigt sie auf Nachfrage, dass sie heute zu mir kommen wird. Ich muss gestehen, dass ich auch heute mit einer Absage gerechnet habe.

Als sie gegen 17.00 Uhr bei mir erscheint, sieht sie erwartungsgemäß gut aus. Weiße Schuhe, weiße Stoffhose, schwarzes Oberteil, Rücken und Schultern frei. Ein schöner Anblick. Und natürlich riecht sie wieder gut.

Sie hat sich einen Kaffee mitgebracht, weil es bei mir keinen Kaffee gibt. Zum Kaffee bekommt sie von mir Wasser. Sie sieht, dass die Lampe, die sie mir geschenkt hat, auf dem Balkon hängt. Ich glaube, das gefällt ihr. Da die Beleuchtung nicht mehr funktioniert, will sie mir, wenn es die Lampen wieder im Sortiment gibt, eine neue bringen. Das finde ich nett. Sie ist der Meinung, dass ich den Job mache, der gut zu mir passt und ich gefunden habe, was ich suchte. Sie hingegen wäre gerne Mathelehrerin geworden, doch das Leben lief in eine andere Richtung. Sie findet es traurig, dass es diese Möglichkeit für sie nicht mehr gibt.

Wir fahren mit dem Coupé zum Wald der Lüstlinge. Eine spontane Entscheidung. Im Wald plaudern wir entspannt und siezen uns natürlich konsequent weiter. Auch die Gesprächspausen stören sie scheinbar nicht weiter. Ich hingegen denke, dass es daran liegt, dass wir uns eigentlich nichts zu sagen haben, wegen der unterschiedlichen Planeten, auf denen wir leben. Unterschiedliche Planeten in verschiedenen Sonnensystemen.

Sie mag Disney-Filme. Damit es nicht zu einseitig wird, erzähle ich immer mal wieder aus meinem Leben und wundere mich, welche Geschichten ich auswähle, und frage mich kurz, warum es gerade die sind. Vermutlich spielt es keine Rolle.
Als wir wieder zurück am Coupé sind, frage ich sie, ob sie noch weitergehen möchte oder wir den Spaziergang beenden sollten. Da sie wenig geschlafen hat, möchte sie den Spaziergang beenden und schlägt vor, dass wir noch irgendwo etwas trinken gehen. Ich bin einverstanden. Sie schaut sich vor dem Einsteigen das Coupé an und es gefällt ihr. Das gefällt mir natürlich.

Spontan entscheide ich, dass wir nach Mengede fahren. Im Eiscafé Dolomiti gibt es draußen zwei Sitzbereiche. Einer ist menschenleer. Dort möchte sie sitzen; möglichst weit weg von anderen Menschen. Mir gefällt das und so haben wir den ganzen Bereich für uns alleine. Sie erzählt, dass sie früher nach einer Beziehung immer die nächste begonnen hat, es dieses Mal aber anders macht und Zeit für sich haben will und dass es ihr gut tut, wenn sie eine Weile alleine ist. Wenn sie endlich weggezogen ist, will sie von vorne beginnen.
Ein Sturm zieht auf, es beginnt zu regnen. Eine Bekannte ruft sie an und fragt, was die Umarmerin macht. Diese antwortet, dass sie mit ihrem Lehrer unterwegs ist. Dazu fällt mir nur “Unser Lehrer Dr. Specht” ein. Oder der Fußballer, der mich auch immer seinen Lehrer nennt. Nun wissen wir auch, warum wir uns nicht duzen, denn wer duzt schon seinen Lehrer.

Irgendwann ist der Regen so heftig, dass wir ins Café gehen und noch etwas zu trinken bestellen. Wir sitzen in einer Ecke, schweigen viel und irgendwann sagt sie, dass man mit mir gut chillen kann, weil ich nicht so viel rede. Ob ich es mag, Zeit mit ihr zu verbringen und ob ich gerne mit ihr rede, fragt sie. “Sonst wären wir nicht hier.”, ist die einzig richtige Antwort auf die Fragen. Ob ich schon mal bei Mutter Wehner war, möchte sie wissen und erzählt, wie gut es ihr da gefällt. Man kann von dort Pferde sehen, und ob ich nicht Lust habe, mit ihr mal dorthin zu gehen. Da kann ich natürlich nicht nein sagen.

Auf der Toilette hängt über dem Pissoir ein Spiegel, angeschrägt, so dass man sich quasi beim Pinkeln von vorne zusehen kann. Eine neue Erfahrung, aber wirklich weiter bringt sie mich nicht.

Zeit, das Café zu verlassen. Ich zahle, weil ich manchmal auch für Frauen zahle und wir gehen zum Coupé. Auf dem Weg dorthin raucht sie eine Zigarette. Im Vergleich zum letzten Sonntag raucht sie sehr wenig. Und sie muss nicht einmal weinen. Daher braucht sie auch keine Umarmung. Im Auto sage ich ihr, dass ich sie für eine vielschichtige Frau halte. Ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist, aber mir fällt kein anderes ein. Sie freut sich jedenfalls und sagt, dass ich der Vierte bin, der das zu ihr sagt. Wenn ich es richtig verstehe, haben das bisher nur ältere Männer zu ihr gesagt. Da passe ich ganz wunderbar in die Reihe. Sie erzählt, dass sie es ruhig mag, niemand ist, der ständig Partys macht. Auch heute erfahre ich viel über sie. Unsympathischer macht sie das alles nicht.

Als wir zurück sind und das Coupé auf dem Hof abgestellt ist, fragt sie, ob ich sie noch zu ihrem Auto bringe. Wie könnte ich da nein sagen? Zur Verabschiedung umarmen wir uns dann doch. Sie fühlt sich wie immer gut an und riecht lecker. Ich rieche auch lecker, aber im Gegensatz zu mir sieht sie auch gut aus. Sie sagt noch, dass wir das nächste Mal zu Mutter Wehner gehen. Dann ist unser Treffen vorbei und sie fährt heim.

Es war ein entspanntes Treffen und wir bleiben beim “Sie”, weil das prima zu einer Schülerin/Lehrer Beziehung passt. Ich sehe mich aber weiter als väterlichen Freund.

Kann es denn wirklich ein entspannter Abend gewesen sein, wenn ich heiß auf die Frau bin und nichts läuft, werde ich später gefragt. Das kann es durchaus, denn auch wenn ich die Umarmerin anziehend finde, weiß ich, dass die Planeten, auf denen wir leben, nicht zusammenpassen. Dadurch, dass ich der väterliche Freund bin, muss ich mir sowieso keine weiteren Gedanken darüber machen. Die Rollen sind klar verteilt.

3 Kommentare

  1. Emotionale Krise erstmal wieder im Griff und glücklicherweise die Erinnerung daran, dass Du eine gute Gesellschaft bist. Einerseits kann man dieses Lehrerthema und Gesieze verstehen, das hält Distanz, aber andererseits ist sie wieder da.

    Bemerkenswert finde ich, dass sie es dieses Mal anders machen will. In meiner kleinen Welt ist das ein Hinweis auf Interesse an Dir. Sie möchte nix verkacken, egal was. Sie macht sogar „langweilige, alltägliche“ Aktivitäten mit Dir zusammen und findet jedes Mal schwer ein Ende.

    Ich finde durchaus, dass es ein großes Kompliment ist, mit jemandem still zu sein und es nicht komisch oder peinlich zu finden.

    Erheiternd ist der Schwenk auf den Wald der Lüstlinge (lange nichts gelesen von 🤭😅) und aufs Pissoir. Bahnbrechend….

    Die Planeten sind vielleicht unterschiedlich, aber hier zieht sich trotzdem was an…. Manchmal ist das besser, als nur im Gleichklang zu sein. Verzaubernde Umlaufbahnen und so… 😌

    Die nächste Episode der romantischen Serie darf gerne bald online gehen. 😎🥰

    • Deine Romantik-Vorfreude ist großartig.
      Und dieser Optimismus auf eine Fortsetzung.

      Schalten Sie bald wieder ein, wenn es heißt…

    • D’accord. Sehr gut zusammengefasst. So sehe ich das, Stand der publizierten Dinge, auch.

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