Aliens unter sich oder wie verdreht man jemandem den Kopf ordnungsgemäß

Die Einladung, Karo zu besuchen, konnte ich natürlich nicht ablehnen. Und so mache ich mich an einem trockenen Tag mit dem Coupé auf den Weg. Als ich an der Abfahrt Nordwalde, die ich früher oft nahm, vorbeifahre, sind es noch dreißig Minuten bis zu meinem Ziel. Wahrscheinlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, aber ich finde es dennoch komisch, dass ich einen Teil der Strecke fahre, die ich damals regelmäßig gefahren bin. Es hat sicher auch nichts miteinander zu tun, dass ich Karo am Geburtstag von Ursula zum ersten Mal besuche. Merkwürdig erscheint es mir dennoch, vor allem, weil es keine Zufälle geben soll.

Wegen der aktuell schwierigen Parkplatzsituation erwartet mich Karo auf der Straße, um mir mitzuteilen, wo ich parken kann. Ich glaube, sie freut sich, mich zu sehen. Vermutlich sogar ihr kleiner Hund. Dann wären wir schon zu dritt erfreut.

Nachdem das Coupé abgestellt ist, folgt die Umarmung zur Begrüßung. Ich könnte sie sicher auch küssen, aber ich würde dann nicht aufhören wollen. Das wäre keine Basis für ein ordentliches Gespräch.

In ihrer Wohnung schaue ich mich etwas um, betrachte natürlich auch immer wieder Karo, weiß aber nicht genau, warum ich das mache. Ich finde sie anziehend, vielleicht ist das ein Grund. Oder ihre schlanke Figur. Aber ich will das jetzt nicht auf Äußerlichkeiten beschränken, denn das reicht mir in der Regel nicht.

Wir plaudern und plaudern, und die Zeit vergeht. Wir stehen lange in der Küche. Diese Kennenlerngespräche mag ich. Da spielt die Zeit keine Rolle. Das könnte ewig so weitergehen, kann es aber nicht, weil man sich ja irgendwann kennt. Außerdem muss irgendwer auch mal zur Toilette oder etwas essen. Ich finde, es liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Kurz frage ich mich, warum ich, wenn ich das alles so mag, so viele Jahre auf solche Gespräche verzichtet habe. Da die Frage unsinnig ist, verwerfe ich sie rasch und erfreue mich weiter am Gespräch.

Irgendwann gehe ich in ihre Sauna, sie bereitet das Essen vor. Nachdem ich genug geschwitzt habe, dusche ich kurz und gehe zu ihr in die Küche. Es fällt mir auf, dass ich sie immer wieder mal berühre. Anziehungskraft dieser Art mag ich, obwohl sie sich nicht wirklich erklären lässt, selbst wenn man sie erklärt. Worte können das durchaus beschreiben, aber sie fühlen sich letztlich doch anders an. Zwischendurch frage ich mich kurz, was sie so interessant für mich macht, aber das muss jetzt echt nicht sein. Ich will nicht denken. Ich schiebe die Frage beiseite.

Wir essen. Es ist ziemlich einfach für mich, obwohl Essen mit Frauen früher anfangs immer eine schwierige Sache war. Blicke, Interesse, Neugier. Eine schöne Kombination in diesem Fall. Zwei Aliens nehmen eine Mahlzeit zu sich und blenden vieles einfach aus. Dass auch ich ein Alien bin, hat sie irgendwann beschlossen. Ich kann damit leben. Daher ist es keine Überraschung, dass wir uns gegenseitig kleine Alien-Figuren geschenkt haben. Das war nicht abgesprochen. Es war vermutlich einfach logisch.

Später liegen wir auf dem Sofa. Die Kuss-Pause haben wir mittlerweile beendet. Ich könnte ewig so liegen und sie küssen, weiß aber, dass das nicht geht, weil niemand so etwas kann. Man würde irgendwann verdursten, sich vermutlich einnässen, bevor man dann stirbt. Die Idee, es dennoch zu tun, gefällt mir trotzdem. Totgeküsst. Meist denke ich aber gar nicht, was für mich untypisch ist. Bringt ja auch nichts, das ständige Denken. Man muss auch mal genießen. Und wenn man das nicht mehr kann, ist einem nicht mehr zu helfen. Wenn man so zusammenliegt, sich küsst, sich nah ist, spielt Alter auch keine Rolle. Das kann ich jederzeit bestätigen.

Irgendwann ist es nach neun. Wenn ich heute noch nach Hause fahren will, müsste ich langsam los. Obwohl mir das unwahrscheinlich erscheint, gehe ich erstmal davon aus, bald zu fahren. Sie fragt, ob ich bei ihr übernachten will. Auf dem Sofa, im Bett. Sie würde dann im anderen Zimmer schlafen. Da hätte ich früher direkt das Sofa im Wohnzimmer gewählt, aber ich bin zu alt, um so blöd zu sein. Ihre Frage beantworte ich auch nicht wirklich. Es wird sich schon was ergeben.

Wir gehen ins Schlafzimmer, wärmen uns im Bett auf. Es wird später, und nach elf ist mir klar, dass ich nicht mehr nach Hause fahren werde.

Während ich sie massiere, schaue ich sie an. Das ist surreal. Gerade waren wir noch Fremde, jetzt sind wir uns erstaunlich nah, haben uns entschieden, uns zu vertrauen. Erzählen über uns. Begeben uns in Gefahr. Und doch fühlt es sich nicht falsch an. So etwas passiert Menschen täglich, ist also nicht ungewöhnlich. Und doch finde ich es ungewöhnlich. Fremd und doch vertraut. Wer ist diese Frau? Wer bin ich? Die Frau aus der Reha und der Mann von der Anmeldung. Gab es wohl einen Moment, ab dem man davon ausgehen konnte, dass dies hier die Folge sein würde? So wie man weiß, dass es bluten wird, wenn man sich schneidet.

Gegen ein Uhr macht sie einen Spaziergang mit dem Hund. Ich bleibe in der Wohnung. Eigentlich sollte ich sie begleiten, aber ich mache oft nicht, was ich tun sollte. Zurück im Bett reden und küssen wir uns bis etwa zwei Uhr. Dann schlafen sie und der Hund ein, während ich wach bin. Ich kann nicht schlafen, finde keine wirklich entspannte Liegeposition und bekomme irgendwann die traditionellen Magen- und Darmprobleme. Manche Dinge ändern sich nie. Als ich das vierte Mal innerhalb kurzer Zeit zur Toilette muss, frage ich mich, ob es nicht sein kann, dass ich Hunger habe. Ich nehme meine Tasche mit zur Toilette und esse die darin befindlichen Mandeln. Warum ich mich auf die Toilette setze, um etwas zu essen, entzieht sich meiner Kenntnis. Es scheint das Normalste auf der Welt zu sein. Danach geht es mir tatsächlich besser. Wäre ich ein Gremlin, hätte man mich nicht nach Mitternacht füttern dürfen.

Schlafen kann ich noch immer nicht. Irgendwann wird Karo wieder wach und wir machen in etwa da weiter, wo wir aufgehört haben, bevor sie eingeschlafen ist. Reden, küssen, lachen. Wir lachen viel, plötzlich und unvermittelt. Albernheiten. Vielleicht lachen wir nicht einmal über dasselbe, aber doch zur gleichen Zeit. Können Aliens überhaupt lachen? Offenbar schon.

Als ich endlich einschlafen kann, ist die Nacht fast vorbei. Irgendwann kann sie nicht mehr liegen und steht auf. Später bereitet sie das Frühstück zu. Fast wie im Hotel. Ein wenig helfe ich mit, weil meine schlechten Angewohnheiten nicht immer durchgesetzt werden dürfen. Warum ist sie nur so nett zu mir? Wenn sie nicht damit aufhört, besteht die Gefahr, dass ich das öfter will.

Nach dem gemeinsamen Frühstück geht sie in die Sauna und ich in die Badewanne. Das ist hier schon ein wenig wie Urlaub. Mein altes Gehirn möchte eine Antwort, warum ich mich bei ihr wohlfühle. Irgendeine Erklärung dafür, was mir so gut gefällt. Da kann ich natürlich mit Äußerlichkeiten kommen. Sie ist 1,76 m, ihre schlanken Beine haben mir schon bei der Reha gefallen, als sie einmal in ihre Hotpants geschlüpft ist. Da ich sie aber vorher schon interessant fand, kann es wohl nicht nur an Äußerlichkeiten liegen. Vielleicht ist das tatsächlich so ein Aliending. Chemische Zusammensetzungen. Das Ozonloch. Irgendwas wird es schon sein. Daran, dass ich untervögelt bin, kann es nicht liegen, denn meinen Rekord der Tage ohne Sex lassen wir bewusst unangetastet.
Wenn es ein Ziel gibt, dann das, dass man sich gegenseitig gut tut und eine schöne Zeit hat. Viel mehr braucht man vermutlich auch nicht. Klingt einfacher als es ist. Es wird oft schwieriger, wenn man sich öfter trifft. Aber auch das denke ich mir vermutlich nur aus, um irgendwas zu denken, obwohl ich in ihrer Gegenwart bisher für meine Verhältnisse sehr wenig gedacht habe. Vielleicht mache ich gerade einen Entwicklungsschub durch.

Zum Abschied vereinbaren wir ein weiteres Treffen. Weder Ort noch Uhrzeit. Nur den Tag legen wir fest. Alles andere nach Lust und Laune. Vielleicht machen richtige Aliens das so.

Auf der Rückfahrt werde ich irgendwann sehr müde. Ich öffne ein Fenster, aber das hilft nicht wirklich. Erst als ich schneller fahre und mich mehr konzentrieren muss, lässt die Müdigkeit mich wieder los.

Wer hat wem den Kopf verdreht? Und wie nennt man Aliens mit verdrehten Köpfen?

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

  1. Schöne Begegnungen der außerirdischen Art! Ob sich der 1195-tägige Trockenheitsrekord halten lässt? Oder droht eine Zeitumstellung der Vögeluhr auf Null und alles beginnt von vorne?