Ich könnte den ganzen Vormittag trauern, weil ich im Urlaub nicht wirklich entspannen konnte und meistens zu Hause war, aber zum einen würde es nichts bringen, zum anderen habe ich keine Zeit, denn der erste von drei Arbeitstagen fordert meine Aufmerksamkeit.
Zunächst verschaffe ich mir einen Überblick: Was ist hier passiert? Was muss heute erledigt werden? Die Quote liegt bei 38,71 %.
Meine erste neue Teilnehmerin beurteile ich positiv. Wenig später dämpft Jörg meine Hoffnungen. Vielleicht war ich zu euphorisch. Ich werde das beobachten, da ich eigentlich nicht der Typ bin, der leichtfertig optimistisch ist. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, gehen wir die Liste durch. Fazit: Fast niemand ist vermittelbar, und wer vermittelbar ist, versaut es sich selbst. Damit bin ich wieder zurück in der Realität. Endlich.
Ein Arbeitgeber bringt einem Teilnehmer die Anwesenheitsliste und teilt ihm mit, dass der Job nichts für ihn ist. Darum wurde das Praktikum nach zwei Tagen abgebrochen. Aus meiner Sicht ist der Teilnehmer aktuell für gar keine Arbeit geeignet. Er will schauen, welche Jobs für ihn in Frage kommen. Ich bin ratlos und weiß nicht, wie ich ihm klarmachen kann, dass der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt zu groß für ihn ist. Ich weiß, dass er es anders sieht und keine Probleme erkennt. Ich scheitere kläglich an meinem Anspruch, ihn in irgendeine Richtung zu führen. Vermutlich bin auch ich nicht für den ersten Arbeitsmarkt geeignet. Mein Vorteil: Mir sieht man es nicht sofort an.
Ich schaue mir nochmal seinen Lebenslauf an: Nach der Fachhochschulreife hat er zehn Jahre studiert. Dann musste er das Studium aus gesundheitlichen Gründen (Drogenproblematik) abbrechen. Genau deswegen halte ich ihn nicht für arbeitsfähig. Er sieht das anders. Den Kontakt zum Sozialpsychologischen Dienst lehnt er ab, weil er alles im Griff hat. Ich sehe das anders. Wir finden keine Basis, leben in verschiedenen Realitäten. Auf meine Frage, was er in seiner Freizeit macht, antwortet er: Gar nichts. Er lebt bei seinen Eltern, ist mit sich selbst beschäftigt. Freunde hat er “im Moment” nicht. Er würde aber gerne weitere drei Monate an der Maßnahme teilnehmen. Zunächst bin ich überrascht, dann ergibt alles Sinn: Hier wird er gut behandelt. Man redet mit ihm. Er hat eine Aufgabe. Ich werde mit seiner IFK reden. Aus meiner Sicht wäre es besser, wenn er künftig seitens des Jobcenters Unterstützung durch einen Sozialcoach bekommt. Mehr kann ich nicht für ihn tun. Als Coach bin ich jedenfalls in diesem Fall gescheitert.
Zwei andere Teilnehmer haben Jobangebote, lehnen aber ab. Einer bereut es. Ich halte ihm einen Vortrag: sachlich, verständnisvoll, möglicherweise professionell. Ich mag das, wenn ich klug daherreden kann. Als wäre ich eine Art Coach, Mentor oder Klugscheißer. Die Grenzen verwischen da schnell.
Doch der junge Mann hat Glück: Ein anderer Arbeitgeber will ihn einstellen. Bedingung: Das Jobcenter zahlt den Führerschein. Ich telefoniere mit der IFK, die Chancen stehen gut. Der Arbeitgeber wird ein Schreiben aufsetzen. Der junge Mann kann vielleicht schon nächste Woche anfangen. Vor lauter Aufregung muss er sofort zur Toilette, da sein Darm so erfreut ist, dass er eine sofortige Entleerung verlangt. So viele Emotionen am ersten Tag nach meinem Urlaub hatte ich echt nicht erwartet.
Trotzdem gehen wir hier gerade unter. Der Großteil derer, die noch hier sind, hat ganz andere Probleme. Da ist mehr Sozialcoaching angesagt. Da gilt es Aufgaben zu bewältigen: Täglich den Briefkasten öffnen und nach Post schauen. Monatelang ungeöffnete Briefe nach und nach zu öffnen und abzuarbeiten. In der Realität ankommen. Häufigster Schlusssatz unter den Berichten: “Aus unserer Sicht nicht für den ersten Arbeitsmarkt geeignet“. So wird die Quote ins Bodenlose stürzen. Und die ersten auf der Vormerkliste sind uns gut bekannt und kennen den ersten Arbeitsmarkt maximal vom Hörensagen. Obwohl wir keine Wunder vollbringen können, sollen wir Wunder vollbringen. Ich würde mich ja wundern, aber mich wundert hier fast nichts mehr.
Eine neue Teilnehmerin bringt ihren Partner zum Übersetzen mit. Sie ist 60, spricht kein deutsch und wird seit zehn Jahren von Maßnahme zu Maßnahme gereicht. Da sitzt sie ihre Zeit ab bis die nächste Maßnahme beginnt. Seit sieben Jahren hat sie einen Minijob: ein bis zwei Stunden pro Woche richtet sie Salate in einer Pizzeria an. Gesundheitlich ist sie auch neben der Spur; zumindest teilt man mir das so mit. Sie kann nichts weiter tun, als hier ihre Zeit schweigend abzusitzen. Da fragt man sich, was das soll. Warum gibt man Geld für Maßnahmen aus, wenn die Frau die Zeit doch nur absitzt? Wäre es nicht kostengünstiger, sie einfach in Ruhe zu lassen? Und wieso steckt man so eine Frau in eine Vermittlungsmaßnahme? Warum hat sie trotz all der Maßnahmen keine Bewerbungsunterlagen? Und warum zum Teufel spricht sie nach all den Jahren kein Deutsch?
Eine junge Frau aus der Ukraine hat die Zusage vom Jobcenter, dass sie den C1-Deutschkurs bezahlt bekommt. Später möchte sie als Lehrerin arbeiten. Da sie die Zusage hat, wird sie keinen Job annehmen, da sie den Kurs sonst nicht machen kann. Daher wird die Maßnahme beendet. Die Quote sinkt auf 38,1%. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Wer eine C1-Zusage hat, arbeitet vorher nie. Clever, aber Gift für die Quote.
Sie wird ersetzt durch eine Frau, die schon mal hier war. Unsere Empfehlung damals: Eine AGH im Sozialkaufhaus. Dort war sie zuletzt 1,5 Jahre. Im Anschluss durfte sie sich aussuchen, an welchem Ort sie wieder an einer Maßnahme teilnehmen möchte. Schon jetzt ist klar, was wir am Ende empfehlen werden: Eine AGH im Sozialkaufhaus. Weil mehr einfach nicht möglich ist. Auch sie wird der Quote nicht helfen, wenn kein Wunder passiert. Und so ein Wunder wird auch nicht wahrscheinlicher, wenn wir den ganzen Tag “Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein hören.
Im Moment liegt es nicht nur an uns, dass die Quote immer weiter fällt. Aber da nur nackte Zahlen zählen, liegt es am Ende doch an uns.
Vier Wochen bis zum nächsten Urlaub. Das geht alles zu schnell. Viel zu schnell. Und im nächsten Moment ist man schon tot, obwohl man glaubte, man hätte noch so viel Zeit.
Ich frage mich wirklich, wie Sie es schaffen, Kontakt zu einem solchen Plenum über sich ergehen zu lassen, ohne Gehirnkrebs zu bekommen. Manchmal wünschte ich, ich dürfte als stiller Beobachter in der Ecke sitze und dem Drama beiwohnen.
Ich empfinde das gar nicht so extrem.
Vermutlich ist es auch der einzige Job, den ich machen kann. Quasi für mich erfunden worden.
Den Beobachter-Wunsch hat schon mal jemand geäußert.
Erfolgloses Langzeitstudium, Drogenkarriere, Realitätsverweigerung. Optimale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Politkarriere im rot-grün-linken Spektrum.
Absolut. Vielleicht sollte ich das einmal vorschlagen. 🤔