Kaum hat die Arbeitswoche begonnen, endet die Teilnahme für einen Teilnehmer, weil er vier Wochen nicht zu uns gekommen ist. Ob es für ihn Konsequenzen hat, wissen wir nicht. Die Konsequenz für uns ist ein weiteres Absinken der Quote, ohne dass wir etwas dafür können.
Der Teilnehmer, der letzte Woche bereut hat, einen Job abgelehnt zu haben, bereut es jetzt umso mehr, denn er hat bei einem Arbeitgeber angefangen, der das Wort Empathie maximal vom Hörensagen kennt und Sklaverei sicher für eine akzeptable Sache hält. Nach dem ersten Arbeitstag schreibt er eine Mail mit allem, was ihm nicht gefällt. All das war mir bewusst, und ich hätte ihn niemals bei diesem Arbeitgeber unterschreiben lassen, wenn wir diesen irrsinnigen Quotendruck nicht hätten. Ich bin auch nicht stolz darauf, ihn ins Verderben geschickt zu haben. Aber mit den Leuten, die aktuell bei uns sind, und denen auf der Liste, hatte ich schlicht keine Wahl. Jede Vermittlung zählt. Meinem Anspruch, meinen Job halbwegs ordentlich zu machen, werde ich so natürlich nicht gerecht.
Erwartungsgemäß bekommt er schon am vierten Tag die Kündigung, weil er seit dem dritten Tag krankgeschrieben ist. Und er hat sich nicht nur krankschreiben lassen, um die Kündigung zu bekommen, er ist wirklich krank. Auf dem Weg zum Arzt traf er zufällig den Chef, der ihn direkt beschimpft und einmal komplett durchbeleidigt hat. Eigentlich müsste man so ein Arschloch anzeigen, aber es würde nichts bringen und nur unnötige Energie kosten. All das ist nur passiert, weil ich nur auf die Quote geschaut habe.
Der Teilnehmer will später unbedingt wieder zu uns kommen, weil er glaubt, dass er mit unserer Hilfe einen guten Job finden wird. Die Chancen stehen gut, denn dann wird Jörg sein Coach sein. Der lässt niemanden so ins Verderben laufen.
Bis es soweit ist, wird er durch einen Mann aus Syrien ersetzt. Dieser kann kaum lesen, spricht mäßig Deutsch, ist aber ein sympathischer Typ und vermittelt zumindest den Anschein von Motivation. Vom Ersteindruck her keine völlige Katastrophe
Eine Frau, die neu in der Maßnahme ist, reicht eine AU für vier Wochen ein. Sie ist nur eine weitere Quotenkillerin, die wir hier nicht zu sehen bekommen.
Da eine Zusammenarbeit mit der Frau, die kein Deutsch spricht, unmöglich ist, wird auch bei ihr die Maßnahme abgebrochen. Sehr sinnvoll, aber ebenfalls tödlich für die Quote.
Ersetzt wird sie durch den Bruder des Dschinn, der übrigens auch noch auf unserer Liste steht. Der Bruder nimmt zum vierten Mal bei uns teil und wird vermutlich wieder erzählen, dass er unbedingt arbeiten will und diesmal wirklich durchstartet. Seine IFK glaubt daran. Selbst beim Dschinn scheint sie diese Hoffnung zu haben. Was dreimal schiefging, muss beim vierten Mal einfach klappen. Ich will daran glauben. Ein Coach muss schließlich optimistisch sein.
Ein anderer Teilnehmer berichtet von seiner baldigen Arbeitsaufnahme und den Unterlagen, die er vorher ausgefüllt hat. Als er sagt, dass er die „Kontifikationsgrößen” mitgeteilt hat, bin ich irritiert. Die was? Ich überlege, wozu “Kontifikationsgrößen” benötigt werden, wo man sie einsetzt und warum man sie mitteilen muss, bis ich endlich verstehe: Es geht um die Konfektionsgröße. Meine Teilnehmer liefern mir zuverlässig Rätsel, die ich nie lösen wollte. Ich frage mich, wieso ich das Wort nicht längst erfunden habe. Kontifikationsgröße. Perfekt fürs erste Date. “Würdest Du mir bitte Deine Kontifikationsgröße verraten, bevor wir hier weitermachen.”
Der letzte Termin der Woche fällt aus. Die Frau hat offensichtlich kein Interesse an der Maßnahme teilzunehmen und erscheint nicht zum Erstgespräch. Nächste Woche bekommt sie eine Abmahnung. Wird sie davon beeindruckt sein oder weiter Fehlen, als ginge sie das alles nichts an?