Zwei Aliens im Bad

Unser letztes Treffen fiel aus, weil ich erkältet war. Jetzt ist Karo noch leicht erkältet, und ich habe neue leichte Erkältungssymptome. Es fühlt sich an, als würde ich erneut eine Erkältung bekommen. Drei Erkältungen in einem Jahr finde ich übertrieben, aber das habe ich nicht zu entscheiden. Wie soll ich da Sympathie für diese Jahreszeit entwickeln? Da hilft es auch nicht, dass der November vermutlich der wärmste November seit dem Aussterben der Dinosaurier ist.

Trotzdem fahre ich zu ihr. Aliens müssen sich gelegentlich von Angesicht zu Angesicht sehen, schon alleine, um sicherzugehen, dass man sich das alles nicht nur eingebildet hat. Und um zu überprüfen, wie sich diese Anziehungskraft entwickelt. Und weil es meistens gut tut, wenn Aliens Zeit miteinander verbringen.

Auf der Hinfahrt bin ich überrascht, wie zügig ich fahre und wie gut das Coupé beschleunigt. Hatte ich ganz vergessen, weil ich einfach zu selten so zügig fahre. Als ich an der Abfahrt Nordwalde vorbeifahre, frage ich mich erneut, warum ich nach all den Jahren wieder diese Strecke fahre. Manchmal sogar mit demselben Auto, nur halt weiter und zu einem anderen Menschen. Wir haben in Deutschland Millionen Frauen übers ganze Land verteilt, und ich lerne aber eine kennen, die mich auf alten Strecken ans neue Ziel führt. Was hat das nur zu bedeuten? Was soll es mir sagen? Wie wahrscheinlich ist sowas? Wer hat das geplant?

Wie beim letzten Mal erwarten mich Karo und der weiße Hund draußen, um mir zu zeigen, wo ich parken kann. Großartiger Service.
Weil es unangenehm kalt ist, eine mögliche Nebenwirkung der Jahreszeit, gehen wir direkt zu ihr, trinken Tee, plaudern und planen unseren Tag. Alles ist entspannt. Ich mag es entspannt. Und ich achte nicht auf die Uhrzeit, was ich sehr angenehm finde. Eine meiner größten Schwächen ist es nämlich, ständig irgendeinen inneren Zeitplan zu haben und nervös zu werden, sobald etwas davon abweicht. Hier gelingt es mir, das abzustellen. Zumindest meistens.

Nachdem sie die Sauna für mich eingeschaltet hat, vergesse ich wieder die Zeit, und anstatt in die Sauna zu gehen, stehen wir im Flur und küssen uns. Kennenlernen auf Alien-Art. Vielleicht auch auf die normale Art. Ich kenne mich da nicht mehr aus, finde es aber gut.

Während ich in der Sauna schwitze, bereitet sie das Essen zu. Nachdem ich genug geschwitzt habe, wickle ich mir ein Badetuch um und gehe in die Küche. Ich stand noch nie mit einem Badetuch bekleidet in einer Küche. Ich schaue ihr beim Zubereiten zu, reiche gelegentlich etwas an. Dann geht sie in die Sauna und ich sitze einfach da und höre Musik. Kein Internet. Keine Uhr. Keine innere Zappeligkeit. Sehr angenehm.

Später hocken wir vor dem Backofen und schauen hinein. Ob das normal ist, weiß ich nicht. Ich trage immer noch nur das Badetuch und Socken. Völlig untypisch und etwas, was ich unter normalen Umständen niemals tun würde. Wenig später sitzen wir auf dem Küchenboden und reden, als wäre es das Normalste der Welt.

Das Kennenlernen geht weiter und dauert laut Karo sechs Monate. Sie begann mit unserer ersten Begegnung, was bedeutet, dass die Hälfte der Zeit fast rum ist. Ich überlege kurz, ob so eine Kennenlernphase generell sechs Monate dauert, oder ob es davon abhängt, wie oft man sich sieht. Ich frage aber nicht. Und wie heißt die Phase danach? Sondierungsphase? Intensivphase? Phrasenphase? Trennungsphase? Wie lange dauert Phase 2? Wie viele Phasen gibt es insgesamt? Wie heißen sie alle? Ich wäre für eine Verlängerung der Kennenlernphase, weil sie mir so gut gefällt.

Während des Essens reden wir einfach weiter, hören Musik und ich bin ziemlich genau der Typ, der ich in der Reha war. Eine der aktuell besten Versionen meiner selbst. Ich hätte nichts dagegen, wenn diese Version die anderen ganz ablösen könnte, weiß aber, dass die anderen Versionen das niemals zulassen.

Gestern waren wir noch Fremde. Heute liegt uns das Wohl eines Menschen am Herzen, von dem wir bis vor Kurzem nicht einmal wussten, dass er existiert. Einfach so wird ein neuer Mensch in irgendeiner Form in das eigene Leben integriert. Weil merkwürdige Dinge passieren, die womöglich gar nicht merkwürdig sind. Jeden Tag. Überall. Heute weiß niemand, wohin es morgen führt. Selbst Aliens können so etwas nicht planen. Vor allem nicht, wenn die Hormone ganz aus dem Häuschen sind.

Wir machen weiter Dinge, die wohl völlig normal sind, und vermutlich nichts mit Aliens zu tun haben, sondern täglich von Millionen Menschen gemacht werden: Wir nehmen ein Bad. Das ist für mich außergwöhnlicher, als bei einem der ersten drei Treffen Sex zu haben.

Wir lassen kühles Wasser ab, heißes ein. Ich finde es okay, dass ich zwar noch Gedankenschübe habe, aber nicht ständig Erklärungen für alles, was sich hier abspielt, will. Ich lehne mich einfach zurück, ignoriere Gedankenangriffe, und genieße einfach. Manchmal ist es besser, Gedanken auszubremsen, bevor sie alles kaputtdenken. Es fühlt sich gut an, es wird schon richtig sein. Andernfalls wäre ich wohl nicht hier. Maximal eine Badeente könnte die Situation noch ein wenig aufwerten.

Offensichtlich hatten wir vom ersten Moment an Interesse aneinander. Und durch Zufall, den es ja nicht gibt, sind wir uns in der Reha immer wieder über den Weg gelaufen. Und jetzt sitzen wir hier, vielleicht zu einem unpassenden Zeitpunkt. Ich kann zu dem Zeitpunkt nichts sagen, weil jeder Zeitpunkt zugleich richtig als auch falsch sein kann. Wenn es darum geht, Dinge zu tun, die einem guttun, und diese auch tut, dann kann der Zeitpunkt nicht unpassend sein. Die Frage nach dem Zeitpunkt ist nur gefährlich, wenn man anfängt, Pläne und Etiketten draufzukleben. Im Moment will ich einfach nur hier sitzen und genießen, solange es geht. Oder das Wasser kalt wird. Zwei Aliens im Bad.

Ob es noch drei, dreißig oder dreihundert dieser Begegnungen geben wird, weiß niemand. Es spielt auch keine Rolle, denn diese drei Begegnungen nach der Reha kann einem keiner mehr nehmen. Selbst wenn es keine mehr geben sollte, obwohl man mehr davon will. Jetzt und hier ist das vollkommen egal. Ich glaube, ich habe noch nie so lange in einer Badewanne gesessen. Dazu fällt mir folgender Werbespruch ein: Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon einen Asbach Uralt wert. Anders als in der Werbung, trinken wir aber keinen Asbach, sondern verabschieden uns wenig später, da es spät geworden ist.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns ein weiteres Mal treffen, sollte bei etwa 97 % liegen.

Draußen hat es zwischenzeitlich geschneit, aber zum Glück ist davon fast nichts mehr zu sehen.

Ich fahre durch die Dunkelheit, vor mir eine langgezogene Kurve. Zwei Autos kommen mir entgegen. Irgendwas irritiert mich. Ich überlege, dann erkenne ich es. Sie fahren nicht hintereinander, sondern nebeneinander. Interessant. Ich tippe auf einen Überholvorgang. Bei Dunkelheit kann ich Entfernungen nur schlecht einschätzen. Bevor es möglicherweise knapp wird, ist der Überholvorgang beendet. Das war nicht knapp, aber irgendwie surreal. Es kommt mir vor, als wäre ich schon lange unterwegs, doch in Wirklichkeit sind erst dreizehn Minuten vergangen. Zeitgefühl verloren, ebenso die Orientierung. Ob ich ohne Navi noch klarkommen würde?

Auf der Autobahn ist wenig los. Meist krieche ich mit ca. 100 km/h auf der rechten Spur herum. Manchmal aber beschleunige ich auf 120 km/h und sause an Fahrzeugen vorbei, die selbst mir zu langsam sind. Fast ist es, als wäre ich in der Zeit zurückgereist. Selbst die Musik ist aus einer längst vergangenen Zeit. Und nicht mehr lange, dann bin auch ich Vergangenheit, die Erinnerungen an mich werden verblassen und irgendwann ist da niemand mehr, der von meiner Existenz weiß. So läuft das Leben. Und doch sind die meisten zu blöd, dieses kleine Zeitfenster, das sie zur Verfügung haben, sinnvoll zu nutzen. Ich gehöre leider auch dazu. Aber ab und zu habe ich meine Momente. Heute war so einer. Davon will ich mehr.

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