Einen Tag nach ihrem ersten Vorstellungsgespräch in dieser Woche zeigt mir die ukrainische Lehrerin die Absage, die sie zwischenzeitlich erhalten hat. Sie nennt es eine Katastrophe, ich nenne es logische Folge mangelnder Kompetenz und Intelligenz.
Wenig später zeigt sie mir ein Stellenangebot und ich frage sie, ob das der Arbeitgeber ist, bei dem sie letztes Jahr fünf Tage gearbeitet hat. „Ich verstehe nicht. Wir probieren.” – „Frau Lehrerin, ich möchte wissen, ob sie schon für das Unternehmen gearbeitet haben.” Sie guckt mich völlig überfordert an, versteht nichts, weiß nicht, was sie sagen soll. Ich sage ihr, sie solle da anrufen, nachdem endlich klar ist, dass sie dort fünf Tage gearbeitet hat. Man erkennt sie sogar wieder, fragt sie, wie es ihr geht. Sie wiederholt einfach den einzigen Satz, den sie sich gemerkt hat. ,,Ich suche Arbeit, haben sie ein Kind für mich?“ Sie ist so unfassbar dumm und schwer von Begriff, dass es fast schon wehtut ihr dabei zuzusehen. Man will sich, wenn man ein passendes Kind hat, bei ihr melden. Jeder, der nicht völlig verblödet ist, muss erkennen, dass eigentlich sie betreut werden müsste.
Nach dem zweiten Vorstellungsgespräch der Woche, was sich später als reine Informationsveranstaltung herausstellt, ist sie wieder bei mir. Sie muss jemanden von dem Unternehmen anrufen und mitteilen, ob sie dort arbeiten will. Da sie am Telefon noch weniger versteht als sonst, soll ich dabei sein. Niemand geht ans Telefon. Ich schreibe an den Arbeitgeber, dass sie den Job will. Ich kann mir weiterhin nicht vorstellen, dass er sie will.
Bei der Gelegenheit ruft sie einen anderen Arbeitgeber an, der mehrfach versucht hatte, sie zu erreichen. Es geht um eine Stelle als Schulbegleiterin. Ich bekomme nicht alles mit, weil ich zwischendurch einen Anruf bekomme. Nach dem Gespräch erzählt sie mir, dass es nur um einen Minijob geht und sie sich im August nochmal bewerben soll. Das ergibt alles keinen Sinn, weshalb ich nochmal bei dem Arbeitgeber anrufe und erfahre, dass die Deutschkenntnisse für eine Stelle als Schulbegleiterin einfach nicht ausreichen. Man kann ihr aber möglicherweise ab Mai einen Minijob als Honorarkraft anbieten. In der Zeit kann sie dann beweisen, ob sie für einen anderen Job infrage kommen könnte. Das ist viel mehr als ich erwartet habe. Ich kann mir zwar absolut nicht vorstellen, dass sie geeignet ist, aber ich muss das nicht entscheiden. Ich habe mein Möglichstes für sie getan. Jetzt muss ich der zuständigen IFK nur noch mitteilen, dass irgendwer Ende April / Anfang Mai mit der ukrainischen Lehrerin eine Bewerbung schreibt. Ich bin dann zum Glück nicht mehr verantwortlich. So werde ich allerdings auch nicht mitbekommen, wenn die Frau ihren Traumberuf zu ihrem Beruf macht, nachdem sie alle überzeugt hat. Das würde ich vermutlich auch nicht verkraften.
Dem Mann mit den verschränkten Armen halte ich einen Vortrag. Auf eine Art, die ich absolut nicht mag. Ich stehe hinter meinem Tisch und erzähle ihm zunächst Geschichten über menschliches Verhalten, Kommunikation und die Tatsache, dass zwischen Schwarz und Weiß Platz für ganz viele Abstufungen ist. Lebensweisheiten eines Coaches. Allgemeines Wissen durch eigene Erfahrungen und Hörensagen. Lauter Dinge, die auch im Privatleben auf der zwischenmenschlichen Ebene zu einer Veränderung führen könnten. Er hört zu, sagt, dass er sich in den von mir beschriebenen Situationen selber erkennt, dass er es noch nie so betrachtet hat und er nun über vieles anders denkt. Das freut mich, weshalb ich immer weiter rede.
Nachdem dieser Bereich für heute durch ist, erkläre ich ihm den Unterschied zwischen einer Maßnahme, die mit einem Zertifikat abschließt, und einer Umschulung mit IHK-Prüfung. Auch das war ihm nicht bewusst. Umschulungen sieht er nun mit anderen Augen. Er will sogar nochmal darüber nachdenken, ob eine Umschulung doch eine Option für ihn sein könnte.
Nach etwa zwei Stunden sagt er, dass er heute mehr gelernt hat, als in allen Maßnahmen, an denen er bisher teilgenommen hat. Das ist der Moment, auf den ich ungefähr vierzehn Jahre gewartet habe. Ich habe jemandem etwas vermittelt, ihn zum Nachdenken angeregt. Er nimmt etwas aus dem Gespräch mit. Das war immer eines meiner Ziele: Irgendwer sollte irgendwas für sein Leben mitnehmen. Einen Mehrwert durch mich haben. Vielleicht sollte ich mich jetzt, wo ich vermutlich den Höhepunkt meiner Arbeit erreicht habe, zur Ruhe setzen. Mein beruflicher Zenit ist erreicht.
Als wir den Iraner, der unter 23 Euro Stundenlohn nicht arbeiten will, zuletzt eingeladen haben, hat er sich geweigert und musste nicht an der Maßnahme teilnehmen. Er wollte sich lieber selbstständig machen. Sein Plan war es, Klopapier herzustellen und zu verkaufen. Nicht schlecht für einen Schweißer. Kreativ. Doch leider fand man die Idee nicht förderungswürdig. Seit seiner Einreise im Jahr 2019 hat er noch nicht gearbeitet und ich bezweifle, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Aber ich neige zu Fehleinschätzungen und vermutlich, nein, mit Sicherheit belehrt uns der Mann, der nicht nur schweißen kann, sondern darüber hinaus äußerst kreativ ist, eines Besseren. Er schätzt seine Chancen, einen Job zu finden, übrigens auf 80 %. Die Frage, warum er dann in Deutschland noch nicht gearbeitet hat, kann er nicht beantworten. Vermutlich liegt es daran, dass hier noch keiner seinen Wert erkannt hat.
Der Nachfolger vom Dschinn ist 63 Jahre und hat ein paar gesundheitliche Einschränkungen durch zwei Bandscheibenvorfälle. Er ist redselig und ich bin gespannt, ob ich mehr Erfolg habe, ihn zu vermitteln als die Coaches der letzten Maßnahmen, an denen er teilgenommen hat. Als er mich auf Mitte bis Ende 40 schätzt, gewinnt er natürlich ein paar Pluspunkte bei mir. Nach der ersten Einheit ist er zuversichtlich, fast schon euphorisch. Dabei habe ich nicht viel mehr gemacht, als seine Bewerbungsunterlagen zu überarbeiten, ein paar Sätze zu sprechen und ihm sehr lange zuzuhören.
Was die Quote angeht, beruhen unsere ganzen Hoffnungen aktuell auf dem 62-jährigen Teilnehmer, der nächste Woche einen Arbeitsvertrag vorgelegt bekommt. Wenn er den Vertrag unterschreibt, sollte ich wirklich zurücktreten, bevor es noch besser wird und ich vor lauter Überheblichkeit täglich gefeiert werden will.
Die Verlängerung der Maßnahme lässt weiterhin auf sich warten. Aber so wie es gerade läuft, kann es nicht mehr lange dauern und unser Arbeitsplatz ist ein weiteres Jahr gesichert.
Viele unserer Teilnehmer und auch Teilnehmerinnen schimpfen darüber, wie furchtbar Trump ist. Die Wurzeln allen Übels. Sie finden in der Presse unendlich viele Artikel zu dem Mann. Der Mann ist vermutlich auch Schuld daran, dass sie arbeitslos sind. Es ist so großartig, eine Person für alles verantwortlich zu machen, um so vor eigenen Problemen oder Unzulänglichkeiten geschützt zu sein. Dazu passt folgendes:
Wenn Sie jeden Job verlieren, weil der Chef ein Arschloch ist, könnte es dann nicht vielleicht sein, dass man selber das Problem ist? Wenn man immer wieder in die gleiche Situation gerät, wäre es dann nicht sinnvoll, über sich und sein Verhalten nachzudenken? Doch das können die meisten heute nicht (mehr). Oder sie haben Angst vor dem, was sie dann sehen würden. Von einer Gesellschaft, in der immer die anderen Schuld haben, kann und sollte man nicht zu viel erwarten.
Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass das Leben in Deutschland besser wird, wenn Trump morgen im Meer ertrinkt. Die Energiepreise werden nicht fallen, Straßenschlachten werden nicht eingestellt und in Messerverbotszonen werden Messer weiterhin mitgeführt und vielleicht sogar benutzt. Und genauso werden diejenigen unserer Arbeitslosen weiter arbeitslos bleiben. Es wird einfach nur ein anderer für die Probleme verantwortlich gemacht. Nur vor der eigenen Tür wird weiterhin nicht gekehrt.