Maßnahmegeschichten 06.26

Wieder einmal hat die ukrainische Lehrerin ihr Passwort für ihren AWO-Account vergessen. Wie üblich fordern wir ein neues an. Doch die Mail, die sie von der AWO bekommen sollte, um das Passwort zu bestätigen, kommt nie an. Es dauert eine Weile, bis ich verstehe, warum das so ist. Ihr Speicher ist voll. Ich sage ihr, dass sie Mails löschen soll. Das macht sie dann auch. Eine nach der anderen. Vorher liest sie sich aber jede Mail, die sie löscht, durch. Das dauert natürlich seine Zeit.

Irgendwann ist sie der Meinung, genügend Mails gelöscht zu haben. Da diese allerdings nun im Papierkorb sind, hat sie noch keinen Speicherplatz gewonnen. Ich versuche, ihr die Situation zu erklären, was dazu führt, dass sie jede einzelne Mail aus dem Papierkorb löscht. Ich frage mich, wie sie es schaffen konnte, bis heute zu überleben.

Nachdem alle Mails gelöscht sind, reicht der Speicher noch immer nicht. Ich erkläre ihr abermals, dass wir, um die Bewerbung auf die vom Jobcenter vorgeschlagene Stelle verschicken zu können, die Mail der AWO empfangen müssen. Sie versteht nichts, weiß nicht, wovon ich rede und sagt mir, dass ich die Bewerbung als Hauswirtschaftliche Hilfskraft doch schon gemacht habe. Erneut erkläre ich ihr, dass wir die Bewerbung versenden müssen. Nun fängt sie an, Bilder zu löschen, um Speicherplatz freizumachen. Ich glaube nicht, dass sie wirklich versteht, warum das wichtig ist. Vielleicht ist sie gar nicht dumm, sondern leidet unter Demenz oder Alzheimer oder allgemeiner Gehirnverkalkung.

Nach über einer Stunde können wir endlich die Bewerbung versenden und anschließend möchte sie sich wieder als pädagogische Ergänzungskraft bewerben. Ihr Traum lebt weiter, während ich völlig ratlos nicht mehr weiß, was ich dazu noch sagen soll.

Erdachter Dialog in meinem Kopf: ,,Kann es sein, dass Sie dumm sind?” – ,,Ich verstehe nicht. Wir müssen versuchen.”

Nachdem sie uns längst verlassen hatte, kommt die Frau fünf Minuten vor Ende meines Arbeitstags wieder. Sie soll bei einem Gutachter einen Termin vereinbaren, damit dieser die Notwendigkeit einer Zahnbehandlung bestätigt. Sie möchte, dass ich dort anrufe. Ich erkläre ihr, dass sie mit ihrem B2-Abschluss dazu selbst in der Lage sein sollte, obwohl ich weiß, dass sie dazu nicht in der Lage ist. Erwartungsgemäß versteht sie beim Telefonat fast nichts und ich muss das Gespräch fortführen, um den Termin zu vereinbaren.

Frau Lehrerin kostet seit ihrer Einreise aus der Ukraine bisher nur Geld. Neben dem Bürgergeld hat man ihr mehrere Deutschkurse bezahlt, den B2-Kurs hat sie zwar beim zweiten Mal bestanden, aber wirklich verstehen tut sie nichts. Im Gegenteil: Woche für Woche scheinen sich ihre Deutschkenntnisse zu verschlechtern. Nun bekommt sie neuen Zahnersatz im kompletten Oberkiefer. Gleichzeitig heißt es, wir alle müssen mehr arbeiten, nebenbei wird alles teurer – aber für Leute, die hier einfach mal so eingereist sind, machen wir fast alles möglich.

Dass Frau Lehrerin sich Kriegsflüchtling nennen darf, finde ich mehr als zweifelhaft. Sie kommt aus einem Gebiet, in das viele Ukrainerinnen und Ukrainer flüchten, die tatsächlich in Kriegsgebieten wohnen. Im Gegensatz zu ihr haben wir hier immer wieder Frauen, die wirklich aus den Frontgebieten stammen. Diese leiden verständlicherweise auch jetzt noch unter den Zuständen dort. Mit ihnen kann man manchmal gar nicht arbeiten, weil sie wegen der schlechten Nachrichten aus der Heimat und neuer Kriegshandlungen psychisch am Ende sind. Interessanterweise sind es aber genau diese Frauen, die hier gut Deutsch gelernt haben, es gut sprechen und tatsächlich nach Arbeit suchen, weil sie aktuell hier leben müssen, obwohl sie lieber zurückgehen würden. Sie hatten keine Wahl; sie mussten fliehen. Frau Lehrerin hingegen nutzt einfach nur Möglichkeiten, die man ihr gar nicht hätte bieten sollen. Verübeln kann man ihr das natürlich nicht. Sie profitiert einfach von einem kranken und auf den ersten Blick wenig durchdachten System. Ganz so dumm ist sie letzten Endes wohl doch nicht.

Nacken-Norbert schenke ich zum Geburtstag einen rosa Luftballon. Möglicherweise der Höhepunkt der Arbeitswoche.

Mein neuester Teilnehmer ist 63 und wenn er anfängt zu reden, hört er meistens nicht mehr auf. Selbst wenn ich ihn, weil es keine Jobs für ihn gibt, eher nach Hause schicke, dauert es mindestens eine weitere halbe Stunde, bis er tatsächlich geht. Er ist auch ein Freund von Impfungen. Dreimal wurde er gegen Corona geimpft und Corona ist noch gar nicht weg, weshalb er gerne eine Auffrischungsimpfung möchte. Das hat aber wohl kürzlich nicht geklappt, weil nicht der richtige Zeitpunkt für die Corona-Auffrischungsimpfung war. Gegen die Grippe lässt er sich grundsätzlich impfen, weshalb er auch noch nie eine Grippe hatte. Nur Erkältungen, was aber normal ist, weil die Grippeimpfung nicht gegen gewöhnliche Erkältungen hilft. Da hat er extra beim Arzt nachgefragt. In Kürze will er sich alle Impfungen, die man so bekommen kann, holen, denn Impfungen sind gesund und verhindern zuverlässig, dass man eine der Krankheiten, gegen die man geimpft ist, bekommt. Ich sage zu all dem nichts, höre brav zu, habe keine Meinung, weil ein Coach dazu keine Meinung äußern sollte und es auch zu nichts führen würde. Ich nenne ihn ab sofort den Impffreund.

Er erzählt auch viele Heldengeschichten, wie er jemandem aus den aus meiner Sicht nichtigsten Gründen lautstark die Meinung gesagt hat. Für einen Moment vergesse ich, dass ich als Coach nichts dazu sagen sollte und lasse folgende Bemerkung fallen: ,,Klingt nach mangelnder Impulskontrolle. Oder aufgestauter Wut.” Wir vertiefen das Thema dann nicht weiter, weil es zu nichts führen würde und ich kein Therapeut bin. Auch wenn ich manchmal nicht sicher bin, dass ich wirklich keiner bin.

Als ich meine verschmierte Brille an meiner Hose abwische, erklärt er mir, dass er so etwas nie tun würde. Dafür benutzt er nur spezielle Tücher. Aber seine Brille hat auch fast tausend Euro gekostet und ist schon fast zehn Jahre alt.

Er ist, wie er sagt, ein stattlicher Kerl. Für mich ist er der Impffreund mit exklusiven Brillen, der vor lauter Wut gelegentlich unter mangelnder Impulskontrolle leidet.

Ein Mann, der zum vierten Mal bei uns teilnehmen soll, erscheint nicht zu seinem Termin. Nach ein paar Telefonaten weiß ich warum. Er hat zu Beginn der Woche eine Arbeit aufgenommen. Weil ich nicht weiß, wie ich es ordnungsgemäß verbuchen soll, gebe ich es so ein, dass er als vermittelt in die Statistik eingeht. Schon der zweite Höhepunkt dieser Arbeitswoche. Langsam wird’s unheimlich.

Am Freitag erfahre ich, dass es eine mündliche Zusage gibt, dass die Maßnahme um ein Jahr verlängert wird. Der Arbeitsplatz wäre somit ein weiteres Jahr gesichert. Das ist der dritte Höhepunkt der Arbeitswoche. Besser kann eine Arbeitswoche kaum laufen.

2 Kommentare

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  1. Prima, dann gehen die Massnahmengeschicfen weiter.
    Und ihre Rente steigt ins Unermessliche.