Maßnahmegeschichten 08.26

Der iranische Schweißer, der unter 23 Euro Stundenlohn nicht arbeiten will, hat ein Jobangebot vom Jobcenter dabei: Hilfsschweißer mit einem Stundenlohn von über 18 Euro. Er ist total aufgebracht, unzufrieden und zerreißt das Angebot vor Jörg. Dieser weist ihn auf mögliche Konsequenzen hin. Das ist dem Schweißer egal – dann lebt er halt auf der Straße. Da er Frau und Kinder hat und wir arme Flüchtlinge stets gut behandeln, wird das natürlich nicht passieren. Er macht schon seit Jahren, was er will, ist nun zum mindestens dritten Mal in einer Maßnahme, die sicher nicht günstig ist, und wird keine Konsequenzen fürchten müssen. Stattdessen müssen wir ihn weitere Wochen hier erdulden. Ich bin ja dafür, ihn komplett zu ignorieren, aber das ist keine Option. Schließlich ist es unsere Aufgabe, ihn zu unterstützen und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Doof nur, dass er das überhaupt nicht will. Fraglich ist auch, ob er überhaupt für den Arbeitsmarkt zu gebrauchen ist.

Meine neue Teilnehmerin hat viele E-Mail-Adressen. Eine davon lautet: heutebinichfeucht@… Für Bewerbungen gänzlich ungeeignet.

Als es am Mittwoch zu Beginn unserer Mittagspause klingelt, sind wir genervt und fragen uns, wer die Frechheit besitzt, unsere Pause zu stören. Ich öffne die Tür, und vor mir steht die Brasilianerin. Sie darf natürlich jederzeit stören. Ich bitte sie herein, und sie nimmt in meinem Büro Platz. Da es im Büro ziemlich warm ist, zieht sie ihren Mantel aus. Ein eng anliegendes Oberteil, das durchaus tief blicken lässt, kommt zum Vorschein. Obwohl ich es nicht will, wandert mein Blick immer wieder zu dem Ausschnitt. Egal, wie alt ich werde – lässt eine Frau tief blicken, bin ich fasziniert. Sie hat sich einen Joghurt mitgebracht, den sie isst, während sie ein wenig von ihrer Ausbildung erzählt. Ich frage mich abermals, wieso sie mich immer wieder im Büro besuchen kommt. Da ich keine Antwort finde, erfreue ich mich einfach an ihrem Anblick und genieße das Privileg, von einer attraktiven 26-Jährigen besucht zu werden. In der Regel muss man ein alter, reicher Sack sein, um so junge Frauen zu treffen. Später zeigt sie mir ein Foto ihres Bettes und des Schlafzimmers. Als pubertierender Jüngling, wäre ich jetzt sicher ganz aufgeregt und aus dem Häuschen gewesen und hätte bestimmt einen unpassenden Spruch gebracht, den Frauen alles andere als witzig finden würden. Heute fällt mir so ein Spruch nicht einmal ein, wenn ich darüber nachdenke; ich sage lediglich, dass es ein schönes Bett ist. Da ich Teilnehmer betreuen muss, verabschiedet sich die Brasilianerin nach etwa 45 Minuten wieder von mir. Wir verabreden uns nicht, weil die Zeit der Verabredungen vorbei ist.

Später teilt Jörg mir mit, dass Nacken-Norbert seit zwei Stunden bei ihm sitzt, ohne ein Wort zu reden. Ich frage, ob es vielleicht helfen könnte, wenn ich dem kleinen Norbert einen grünen Luftballon schenke. Jörg hält das für eine gute Idee. Ich blase einen grünen Ballon auf und bringe ihn Nacken-Norbert. Dieser nimmt den Ballon und bemalt ihn sofort. Ich frage ihn, warum er so schweigsam ist und er sagt: „Weil Jörg zu viel redet.“ Ich frage die anderen beiden Teilnehmer, ob das stimmt. Sie möchten sich dazu nicht äußern. Nacken-Norbert ist wirklich teilweise wie ein Kind. Dementsprechend braucht er eine andere Ansprache. Da ich selbst vergessen habe, erwachsen zu werden, ist das für mich meist recht einfach, und ich finde oft Zugang. Vor Nacken-Norbert liegt ein Stellenangebot, und ich frage, was es damit auf sich hat. Er möchte sich bewerben, weiß aber nicht wie. Ich schaue mir das Angebot an, öffne eine Bewerbungsvorlage und lasse ihn ein paar Sachen eintippen. Nachdem das erledigt ist, lasse ich ihn sein E-Mail-Postfach öffnen, diktiere ihm einen Text, und wir versenden die Mail. Zum Abschluss bitte ich ihn, alles ins Bewerbertagebuch eintragen. Er bedankt sich für meine Hilfe, und ich gehe zurück zu meinen Teilnehmern.

Nachdem alle gegangen sind, sagt Jörg, dass er nicht verstehen kann, wie ich es aushalte, mit der Brasilianerin zu reden. Das könnte er nicht. Sie ist zwar ein toller Anblick, aber Gespräche mit ihr findet er völlig substanzlos. Er war diesbezüglich schon immer streng. Und auch mit Nacken-Norbert redet er nicht mehr. Er kann sein Verhalten nicht mehr ertragen. Verständlich. Hier wäre ein Coachtausch sicher sinnvoll, aber den Vorschlag sollte einer der beiden machen. Andererseits ist es vielleicht die Aufgabe des Stellvertreters, eine solche Entscheidung zu treffen.

Als Jörg fragt, welche beiden Teilnehmerinnen morgen bei mir sind, sage ich: „Frau Lehrerin und das feuchte Luder.“ Das wäre auch ein prima Film- oder Buchtitel. Jörg ist höchst amüsiert. Wieder einmal habe ich den Pfad der Professionalität verlassen. Bei einer solchen E-Mail-Adresse ist das kaum zu verhindern, und der Name „feuchtes Luder“ ist eine logische Konsequenz.

Am nächsten Tag – die ukrainische Lehrerin ist beim Jobcenter – sitze ich alleine mit dem feuchten Luder im Büro. Es folgt ein Gespräch über Frauen und Männer und Optionen. Sie ist vielseitig interessiert und offen für manches. Sehr interessant, aber nicht überraschend. Sie erzählt, dass ihre Schuhe nicht zu den Wetterverhältnissen passen, sie aber Schuhe anzeigen wollte, die zum Rest des Outfits passen. Ich finde es gut, wenn sich Leute Gedanken über ihre Kleidung machen. Irgendwann sagt sie, dass sie nicht konzentriert arbeiten kann, wenn wir so viel quatschen. Sofort biete ich ihr an, den Coach zu tauschen. ,,Das Geht?” – ,,Natürlich. Wenn sie unzufrieden sind, können wir jederzeit wechseln.” Zu Jörg möchte sie dann aber doch nicht, weil sie ihn anstrengend findet. Dabei hat sie ihn erst zweimal gesehen. Später weise ich sie auf Nachfrage darauf hin, dass ich nicht auf dem Markt bin. Die einzig akzeptable Antwort, die ein Jobcoach in so einer Situation geben kann. Wir sind hier schließlich nicht im Ferienlager oder bei „Wünsch dir was“

Am letzten Tag der Woche, teilt der iranische Schweißer uns mit, dass er nicht mehr zu uns kommt, weil er einen Job hat. In Wahrheit hat er aber gar keinen Job, sondern ein Gewerbe angemeldet und möglicherweise auch Geschäftsräume angemietet. Ob er weiß, was er getan hat, glauben wir nicht. Irgendwann verstehen wir immerhin, dass es um einen Kiosk geht, der in Kürze eröffnet werden soll. Wir erklären ihm, dass er dann kein Geld mehr vom Jobcenter bekommen wird. Scheint ihm klar zu sein. Oder auch nicht. In zwei Monaten etwa soll der Kiosk eröffnet werden. Angeblich bekommen wir nächste Woche von seinem Chef einen Arbeitsvertrag. Nachdem wir ihm mehrfach gesagt haben, dass alles, was er sagt, unrichtig und falsch ist, bedankt er sich bei uns, reicht uns die Hand und verabschiedet sich. Sieben Jahre nach seiner Einreise hat diese Fachkraft es endlich geschafft und wird von nun an mit dafür sorgen, dass es in Deutschland weiter aufwärts geht. Eine Lücke beim Fachkräftemangel konnte endlich geschlossen werden.

Weil auch eine andere Teilnehmerin einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, endet die bisher erfolgreichste Woche des Jahres versöhnlich und lässt uns fast euphorisch auf die nächste Woche blicken. Damit konnte zu Beginn der Woche wahrlich niemand rechnen.

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