Der Mann mit den verschränkten Armen fehlt mittlerweile regelmäßig unentschuldigt. Ich weise ihn darauf hin, dass ich ihn beim nächsten Mal abmahnen muss. Da ihm, wie er sagt, jegliche Motivation abhandengekommen ist und er sich nicht gut fühlt, ohne allerdings krank zu sein, geht er zum Arzt und lässt sich krankschreiben. Vermutlich das Beste, was er tun kann.
Freude hingegen bereitet uns das feuchte Luder, nicht weil sie ihrem Namen gerecht wird, sondern weil sie innerhalb einer Woche drei Vorstellungsgespräche hatte.
Die junge Ukrainerin, die Jörg betreut, ist nicht nur jung, sie ist auch ein schöner Anblick. Sie weiß sich anzuziehen und lässt mitunter tief blicken, was Jörg verwirrt. Er sagt, er ist zu alt für so etwas. Was allerdings im Alter unverändert ist, ist die Schwierigkeit, beim Gespräch den Blick nicht immer Richtung Ausschnitt wandern zu lassen. Es kostet ihn wirklich die volle Konzentration. Ich habe das Glück, dass ich zu jungen ukrainischen Teilnehmerinnen absolut keinen Draht habe und es ist mir weiterhin ein Rätsel, warum ich mit jungen Ukrainerinnen absolut nicht in einen lockeren Dialog komme. Manchmal glaube ich, sie halten mich für einen Außerirdischen.
Ihre Mutter, deren Coach ich bin, ist wegen des Krieges in der Heimat völlig neben der Spur und erstmal für Wochen krankgeschrieben. Wenig später fällt auch die Tochter wegen Ängsten aus.
Jörg telefoniert mit einer Teilnehmerin, die sich zum zweiten Mal per Mail abgemeldet hat. Sie glaubt, dass es reicht, wenn sie sich einfach abmeldet. Jörg erklärt ihr, dass wir Nachweise benötigen. Minutenlang geht das Gespräch und sie behauptet, dass hätte er ihr im Erstgespräch nicht gesagt. Er gibt den Hörer an mich weiter, und ich frage, wo das Problem liegt. Sie erzählt ausführlich, was sie loswerden will. Ich höre zu und erkläre dann, was ihre Pflichten sind und wo sie es nachlesen kann. Sie antwortet, dass sie am nächsten Tag selbstverständlich einen Nachweis bringen wird. Macht sie aber nicht, weshalb sie abgemahnt wird. Ob wir sie damit beeindrucken können?
Eine andere Teilnehmerin, die wir noch nie hier gesehen haben, vermutlich auch nie sehen werden, fehlt wegen psychischer Probleme. Es ist beachtlich, wie viele unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter psychischen Problemen leiden. Ich würde das gerne als Modeerscheinung abtun, aber auch ich als Nicht-Fachmann erkenne, dass bei einigen einiges doch ziemlich durcheinandergeraten ist. Auf dem ersten Arbeitsmarkt werden die meisten von ihnen jedenfalls nicht lange überleben, falls sie überhaupt eingestellt werden, was unwahrscheinlich ist. Dann gibt es auch noch etliche, die zwar wollen, aber den Anforderungen niemals genügen werden. Die haben ganz andere Probleme, sind entwicklungstechnisch früh stecken geblieben und können das auch nie mehr aufholen. Wo keine Substanz vorhanden ist, kann auch nichts wachsen. Erstaunlich ist, dass einige von denen gute Schulabschlüsse haben, weshalb wir mehr und mehr an der Aussagekraft von Abschlüssen zweifeln.
Drei Abmahnungen wegen unentschuldigter Fehlzeiten geben der Arbeitswoche eine besondere Note. Lange ist her, dass ich so viele Abmahnungen in einer Woche versenden musste. Auch wurden in dieser Woche so viele Termine nicht wahrgenommen wie seit Monaten nicht. Die Quote liegt dennoch noch bei 36,96 %. Und die wirklich wahre Quote gar bei 65,38 %. Das ist beachtlich, aber vermutlich nicht unser Verdienst, sondern einfach das, was passiert, weil es passiert.