Am letzten Tag der Woche muss ich Miss Erfolg an ihrem Standort vertreten, weil sie krank ist. Lederhose empfängt mich freundlich, bereitet mir sogar einen Tee zu und sieht dabei ganz entzückend aus. Wir kommen zwar nicht vom Siezen weg, aber damit kann ich leben, auch wenn es die Kommunikation erschwert. Nie zuvor haben wir uns so lange und nett unterhalten. Gefällt mir.
Weniger gefällt mir, was ich in den Berichten lese. Grammatik und Rechtschreibung eine Katastrophe. Gelegentlich frage ich mich, ob wirklich Miss Erfolg all das geschrieben hat. Oder vielleicht doch die Teilnehmerinnen selbst. Es klingt zumindest so. Wenn das so ans Jobcenter geschickt wird, dann verstehe ich echt nichts mehr. Noch weniger verstehe ich, als ich die Lebensläufe der drei Teilnehmerinnen, die ich heute betreue, lesen muss. Unterschiedliche Schriften, unterschiedliche Schriftgrößen, völlige Missachtung von Abständen, Rechtschreibung und Grammatik. Das ist ein eindeutiger Beweis, dass all das gar keine Rolle spielt, denn wie wir alle wissen, ist Miss Erfolg diejenige mit der Vermittlungsquote, an der wir uns messen müssen. Nichts von alldem, was wir unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern erklären, scheint von Bedeutung zu sein.
Obwohl es nichts bringt, entferne ich die Fehler, korrigiere Abstände, vereinheitliche Schriftgröße und Schriftart und schaffe – natürlich nur aus Sicht eines erfolglosen Coaches – optisch ansprechende Bewerbungsunterlagen.
Den drei Teilnehmerinnen halte ich eine meiner üblichen Reden. Sie hören zu, nicken artig und wollen über meine Vorschläge nachdenken. Als mir allerdings bewusst wird, dass mich die drei Frauen während meines Vortrages aufmerksam beobachten, fühle ich mich sofort unbehaglich und beende meine beeindruckende Performance rasch. Ich weise noch darauf hin, dass sich in Zukunft wieder jemand anderes um sie kümmern wird und sie dann vermutlich wieder andere Ideen bezüglich gewisser Formulierungen und der Optik des Lebenslaufs hören werden. Sie sollen dann selbst entscheiden, was sie bevorzugen.
Zum Abschluss schreibe ich meine Berichte, verabschiede mich von Lederhose, die sich bedankt, und verlasse den Standort. Ich glaube, ich war gut. Aber das kann auch Einbildung sein.
Möglicherweise liegt es genau daran, dass Du mit der Chefin und Co. Thema hast, wegen Deinem Intellekt und weil Du auf solche Dinge achtest und Wert legst. Menschen, die auffallen, sind sowieso suspekt.
Ich weiß es nicht. 🤷♂️