Da ich etwas zu früh bin, warte ich im Auto, bis Kirsten da ist. Sie ist im Gegensatz zu mir mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist. Ihr fällt auch direkt auf, dass ich meine Haare kürzer trage. Ob das gut oder schlecht ist, sagt sie nicht. Agnes ist der Meinung, dass es gut ist. Vermutlich hat sie recht, aber sicher bin ich nicht, ob das die Lösung ist. Denn zwischen „gelungen kurz“ und „zu kurz“ ist es nur ein schmaler Grat. Vor allem dann, wenn die Stirn sehr viel Platz für sich beansprucht. Und je mehr man von meinem Gesicht sieht, desto älter sehe ich meiner Meinung nach aus. Dies wurde mir aber bisher allerdings nur von mir selbst bestätigt.
Da ich nicht genug Geld für den Parkscheinautomaten dabei habe, leihe ich mir 50 Cent von Kirsten. Ich bin ein Freund kostenloser Parkplätze – vermutlich auch deshalb, weil ich aus der Zeit gefallen bin.
Am Eingang warten wir auf Jörg, der wenig später mit dem Fahrrad eintrifft. Der einzige Umweltsünder bin somit wieder ich.
Die Westermanns Brasserie ist optisch ansprechend und erstaunlich leer. An einem frühen Samstagabend für mich durchaus überraschend. Wir bekommen einen Fensterplatz und bestellen.
Die Gespräche laufen flüssig, wir haben eine breite Themenvielfalt zu wirklich gutem Essen. Der Service ist auch gut, allerdings eine „One Man Show“, sodass es vermutlich gut ist, dass sich die Anzahl der Gäste nicht weiter erhöht. Je später es wird, desto leerer wird es. Ob das hier grundsätzlich so ist oder eine Folge davon, dass alles immer teurer wird und Essengehen mehr und mehr zum Luxus wird, weiß ich nicht. Es wäre schade, wenn dieses Lokal deshalb irgendwann schließen müsste. Aber so ist das: Wenn ein Land vor die Hunde geht, dann schließen konsequenterweise auch immer mehr Restaurants. Vielleicht ist es auch gut so. Alles hat seine Zeit, und seien wir ehrlich: Dieses Deutschland kann auch langsam weg.
Nachdem wir gespeist haben, bleiben wir noch eine Weile sitzen und bestellen weitere Getränke. Mittlerweile sind nur noch drei Tische besetzt. Zu meiner Überraschung verzichtet Jörg komplett darauf, Kirsten Komplimente zu machen. Das ist neu, daran will ich mich nicht gewöhnen müssen. Ich werde es nächste Woche mit ihm besprechen. Komplimente sind ein wichtiger Teil unserer kleinen Runde, und ich möchte nicht, dass sich daran etwas ändert.
Wir erzählen Kirsten, dass ich in der letzten Woche spontan sechs „Gedichte“ geschrieben habe. Jörg bestätigt die Qualität eines der beiden Gedichte, die ich ihm vorgelesen habe. Vielleicht ist Kirsten ein wenig beeindruckt von meinem Talent. Vermutlich aber nicht.
Während wir den Kellner beobachten, wie er emsig bedient, aufräumt und putzt, beschließen wir, dass er gar kein Mensch, sondern eine Maschine ist. Eine neumodische KI-Maschine. Höchst effizient, aber nicht in Deutschland hergestellt, weil wir auch in dem Bereich längst abgehängt wurden. Da es etwas dauert, bis wir bezahlen können, gehen wir davon aus, dass gerade ein anderes Programm bei ihm abläuft. Wir vermuten, dass er zu einer bestimmten Uhrzeit, oder wenn alle Gäste gegangen sind und alles ordnungsgemäß hergerichtet ist, einfach abgeschaltet wird. Und wir meinen das nicht negativ, denn sein Arbeitseifer ist durchaus lobenswert, seine Emsigkeit beachtlich. Vermutlich sind wir sogar ein bisschen beeindruckt.
Als wir gegen 21:00 Uhr das Lokal verlassen, bringe ich Kirsten zum Hauptbahnhof, damit sie nicht mehr umsteigen muss. Außerdem treiben sich abends merkwürdige Gestalten in der Gegend herum. Es ist sowieso bemerkenswert, dass eine Frau sich traut, zu dieser Zeit alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Viele Frauen dieser Art gibt es nicht mehr – und es werden, so kommt es mir vor, täglich weniger. Im besten Deutschland aller Zeiten.
…dieses Deutschland kann tatsächlich weg…
🤷♂️😳☠️
Ich lese, spule zurück… tatsächlich, schon wieder ein Monat vergangen…^^
Gedichte? Werden wir die lesen können?
Ja, die Zeit rennt.
Niemand will Gedichte, falls es tatsächlich welche sind, lesen.