Ein alternder Coach und zwei Ukrainerinnen

Da Jörg diese Woche noch Urlaub hat, ist Resi am Dienstag für die dunkelhaarige Ukrainerin zuständig. Zum Glück, denn es wäre schwer, sich bei dem Anblick zu konzentrieren. Minirock, blickdichte schwarze Strumpfhose, figurbetontes Oberteil. Ich wäre vermutlich nur damit beschäftigt, nicht zu sabbern und nicht die ganze Zeit debil zu grinsen. Das mag pubertär klingen, ist aber so. Es lenkt mich einfach ab.

Am Mittwoch ist die blonde, ukrainische Friseurin bei mir. Zunächst frage ich sie, warum sie gestern nicht zu ihrem Termin erschienen ist. Versteht sie nicht, weil sie ja montags ihre Termine hat. Wegen des Feiertags war ihr Termin halt gestern. Hatte ich ihr letzte Woche mehrfach erklärt. Nachdem sie es jetzt endlich versteht, müsste ich ihr eigentlich anbieten, den Termin diese Woche nachzuholen. Stattdessen sage ich, dass er am Ende der Maßnahme nachgeholt wird. Ich kann mit ihr nicht arbeiten, soll Jörg sich an ihr erfreuen.

Später soll sie eine Mail schreiben und ich diktiere den Text. Natürlich alles auf einmal und für sie zu schnell. Fragend schaut sie mich an. Also erkläre ich ihr, dass ich weiß, dass es zu schnell war, und diktiere langsamer, während sie schreibt. Da ich sie dabei natürlich ständig anlächle, lächelt sie zaghaft zurück. Während sie schreibt, stehe ich neben ihr und schaue sie an. Ein entzückendes Wesen. Schlanke gepflegte Hände, schöne Lippen, hellblaue Augen. Was ich erstaunlich finde: Sie schreibt zwar langsam, aber fehlerfrei. Das kriegen einige, die hier zehn Jahre oder länger zur Schule gegangen sind, oft nicht hin.

Während meine beiden anderen Teilnehmerinnen fröhlich miteinander plaudern, sitzt sie schweigend da. Also mische ich mich in das Gespräch ein und versuche sie einzubeziehen. Sie ist zwar sehr schüchtern, geht aber darauf ein und lächelt brav. Für gute Stimmung sorgen kann ich und ich glaube, es tut ihr gut, mit einbezogen zu werden. Auch wenn es nur für einen Moment ist. Ab nächster Woche hat sie das Vergnügen, von Jörg gecoacht zu werden. Das hilft ihr sicher mehr. Ich gehe dann nur ab und zu rüber, schaue sie an und lächle sie vielleicht mal an, um zu testen, ob sie zurücklächelt. Mehr kann ich wirklich nicht für sie tun.

Am Donnerstag ist die dunkelhaarige Ukrainerin bei mir. Heute trägt sie eine Art cremefarbenen Haus- oder Trainingsanzug. Auch darin sieht sie natürlich gut aus, aber überzeugen kann mich das Outfit nicht. Während ich mit einem neuen Teilnehmer plaudere, kann ich sie beobachten. Gerne würde ich sie unattraktiv finden, aber es gelingt mir nicht. Auch sie hat schöne, zarte und gepflegte Hände und eine gute Haltung. Da es nicht auffällt, kann ich sie mir lange anschauen.
Zweimal zeigt sie mir Stellenanzeigen, die sie interessant findet. Beide Male erkläre ich ihr, dass die Stellen nicht für sie geeignet sind, was sie sofort einsieht. Was mir gefällt: Wenn sie Fragen hat, kommt sie immer zu mir an den Tisch. Und wenn ich zu dem anderen Teilnehmer gehe, schaut sie oft zu mir rüber. Dann lächle ich sie an und bekomme ein entzückendes Lächeln zurück. Fast wie im Ferienlager, nur ohne Ferienlager.

Kurz vor Feierabend frage ich den neuen Teilnehmer, wie er es fand, und lasse eine meiner üblichen Bemerkungen fallen. Als ich sie einbeziehe, schaut sie sofort aufmerksam rüber, lächelt und sagt, dass sie nicht versteht, was ich meine. Ironie ist schwierig, erst recht, wenn jemand die Sprache nicht sicher beherrscht. Ich erkläre es ihr nochmal, aber sie schaut mich weiterhin fragend an. Erst als aus der Ironie eine Tatsache geworden ist, bestätigt sie mir, dass Jörg ein strenger Coach ist. Das war zwar nicht das Ziel, aber ich glaube, dass sie sich freut, ins Gespräch eingebunden worden zu sein. Und ich freue mich, dass sie mich wieder anlächelt. Die Freuden eines alternden Coaches: angelächelt werden – und sich einbilden, sie lächeln nicht nur aus Höflichkeit zurück.

Vom Aussehen her könnten die beiden Ukrainerinnen jedenfalls die freien Plätze der Brasilianerin und der Umarmerin einnehmen. Aber so einfach funktioniert das natürlich nicht.

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