Maßnahmegeschichten 20.26

Da Jörg einen Arzttermin hat und Resi spontan an einem anderen Standort einspringen muss, bin ich früher als üblich im Büro, um mir einen Überblick zu verschaffen. Die Quote liegt bei 34,82 %, was ich enttäuschend finde, da ich erwartet habe, dass während meines Urlaubs die Quote durch die Decke geht. Ansonsten fehlen hier und da Einträge, nicht alle Dokumentationen sind vollständig, was mich kurz aufregt und mir nicht gefällt. Nach einem Urlaub brauche ich immer eine Weile, um wieder klarzukommen. Daher bin ich wenig begeistert, dass ich mich direkt um alle Leute kümmern muss, die am Vormittag einen Termin haben.

Ich bin noch immer nicht ganz angekommen; da steht der Verzweifelte vor mir. Ich bin sicher, dass er erst um 10.00 Uhr seinen Termin hat, aber weil er dann einen Arzttermin hat, ist er einfach jetzt schon hier. Ich habe zwar keine Zeit, aber vermutlich spielt es keine Rolle. Also bereite ich die Vertragsunterlagen vor, während der aus seinem Leben erzählt. Er versteht nicht, warum er seinen letzten Job verloren hat, will unbedingt wieder arbeiten, weil es ihm so gut getan hat. Je mehr er erzählt, desto klarer scheint es, warum er den Job verloren hat. Da er offenbar mich als Coach wollte – zumindest habe ich das so interpretiert –, werde ich ihm in den nächsten Tagen erklären müssen, was da möglicherweise schiefgelaufen ist beim letzten Job. Wir werden auch sicher wieder ausgedehnte Therapiestunden abhalten. Ob er mich dann noch immer lieben wird?

Einer von Jörgs Teilnehmern will, dass ich ihm ganz viele Lebensläufe ausdrucke, die er dann spontan zu Unternehmen bringt. Auch will er seine Bewerbungsunterlagen abfotografieren und dann per Mail verschicken. Ich erkläre ihm, warum das keine gute Idee ist. Überzeugen kann ich ihn nicht. Er will sofort arbeiten.

Die Umarmerin bringt ihre AU-Bescheinigungen vorbei. Diese reicht sie mir durchs Fenster, da sie nicht anschellen wollte und ich keine Lust hatte zur Tür zu gehen. Nach kurzem Smalltalk gibt sie mir zum Abschied die Hand. Diesmal legt sie aber auch noch ihre linke Hand auf meine Hand. Das ist durchaus angenehm, aber auch irgendwie schräg, zumal die Aktion vermutlich länger dauert als nötig und von anderen gesehen wird. Vielleicht leidet auch sie unter Berührungsbedürftigkeit.

Gegen 10:00 Uhr steht plötzlich eine andere Teilnehmerin im Büro. Ich weiß erst gar nicht, wer sie ist, ich bin lediglich sicher, dass sie keinen Termin hat. Noch bevor ich sie darauf hinweisen kann, teilt sie mit, dass sie sich immer total freut, wenn sie hier sein kann. Ich frage sie nicht, warum sie dann zweieinhalb Wochen unentschuldigt gefehlt hat. Stattdessen erkläre ich ihr, dass sie heute keinen Termin hat und es auch keine 10:00-Uhr-Termine gibt. Sie wirkt nicht, als würde sie verstehen, was ich ihr sage. Auf ihren Wunsch drucke ich ihr den Terminplaner nochmal aus. Ich glaube nicht, dass ihr das irgendwie weiterhelfen wird. Obwohl ihr total kalt ist, trägt sie lediglich eine dünne Bluse und einen Minirock. Als sie später ihren Lebenslauf abtippen soll, präsentiert sie ihre ganze Inkompetenz. Sie kann vermutlich nicht viel außer frieren und verpeilt sein. Ab heute nenne ich sie nur noch die Verpeilte. Später weise ich sie darauf hin, dass sie morgen dem Wetter angemessenere Kleidung tragen sollte, wenn ihr ständig kalt ist. Als pflichtbewusster Coach macht man so etwas. Sie antwortet nur, dass sie das Wetter heute ganz falsch eingeschätzt hat. Ich fürchte, es ist nur das Wetter, bei dem sie zu Fehleinschätzungen neigt. Ich hab beim Erstgespräch ja auch nicht für möglich gehalten, dass sie dermaßen durch den Wind ist.

Die Gähnerin sitzt drei Stunden bei mir und möchte nicht einmal zurück, als Jörg wieder da ist. Am Ende frage ich sie, was sie heute gemacht hat. Sie hat begonnen, ihren Lebenslauf zu ändern. Ihr Freund hat nämlich gesagt, ihr Lebenslauf enthalte zu viele Textfelder und da eine KI bei Bewerbungen immer eine Vorauswahl trifft, wird ihre Bewerbung durchfallen. Darum wird der Lebenslauf nun KI-gerecht umgestaltet. Allerdings reichten die drei Stunden nicht aus, daher wird sie beim nächsten Termin weitermachen. Erst danach kann sie sich auf die Stelle, die sie sich ausgesucht hat, bewerben. Da sie vollkommen beratungsresistent ist, und aus unserer Sicht auch mächtig einen an der Waffel hat, sage ich dazu nichts. Wir können ihr nicht helfen, predigen seit Monaten, dass ihr Lebenslauf so nicht in Ordnung ist, wissen aber, dass sie eh macht, was sie will. Und jetzt wird es eben ein KI-kompatibler Lebenslauf. Was sie bisher verändert hat, sieht erwartungsgemäß furchtbar aus. Aber mir muss er auch nicht gefallen – vielleicht sieht eine KI das anders.

Da ein Zeitarbeitsunternehmen kurzfristig 50 Lagerhelfer sucht, vereinbare ich kurzfristig vier Vorstellungsgespräche, wobei die Verpeilte vermutlich zu verpeilt ist, um den Termin wahrzunehmen. Bei den anderen drei Teilnehmern bin ich aber zuversichtlich.

Am Ende des Tages darf ich mir eine von zwei Pflanzen aussuchen, die ein Teilnehmer, der kürzlich einen Job bekommen hat, uns gekauft hat. Die Töpfe zu den Pflanzen hat übrigens die Gähnerin gespendet. Sie bleibt dennoch ein hoffnungsloser Fall. Besagter Teilnehmer war vor Jahren schon einmal bei uns. Damals allerdings erfolglos. Vielleicht war er damals noch zu jung. Außerdem hatte er damals einen Coach, der nicht wirklich hilfreich war. Dieses Mal war Jörg sein Coach, und ich glaube, das hat ihm wirklich geholfen. Nicht nur beruflich. Was mich freut, ist, dass ich ihm die Stelle vorgeschlagen habe und ihn auch direkt zu dem Arbeitgeber geschickt habe. So schließt sich der Kreis, denn damals war ich sein Coach. Was mich stört, ist nicht, dass er damals keinen Job gefunden hat, sondern vielmehr, dass ich ihn nicht wirklich gefördert, motiviert und aufgebaut habe. So kann ich mein damaliges Versagen vielleicht etwas wohlwollender betrachten, weil der junge Mann nun da ist, wo er sein will und ich eine neue Pflanze habe.

So endet der erste Arbeitstag, der durchaus intensiv war, versöhnlich. Fast schon leicht und unbeschwert. Und somit viel besser, als ich es erwartet habe.

Einblatt

Am Mittwoch fehlen wieder die üblichen Verdächtigen. Die Verpeilte natürlich auch. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass sie es nächste Woche zum Vorstellungsgespräch schafft. Sie lebt definitiv nicht auf diesem Planeten und wieder einmal stellt sich die Frage: Wie konnte dieser Mensch nur so lange überleben?

Da Resi demnächst nicht mehr dienstags, sondern montags zu uns kommt, kann ich den Einsatzplan wieder ändern und muss hoffen, dass ich damit nicht gegen interne Regeln verstoße.

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