Kaum ist die Umarmerin da, redet sie ziemlich merkwürdige Sachen. Unfassbar viel. Ich frage mich kurz, was heute los ist. Sexy ist es jedenfalls nicht.
Wenig später braucht sie Hilfe und ich hocke neben ihr. Währenddessen legt sie immer wieder ihre Hand auf meine Schulter oder den Arm. Dann erzählt sie von ihrer Wohnung, die ich ja kenne. Mittlerweile dürfte ohnehin jedem auffallen, dass wir uns auch privat kennen. Ich überlege kurz, ob das alles so richtig ist, habe dann aber keine Lust, weiter darüber nachzudenken. Da sie heute gerne Word-Grundlagen lernen möchte, übergebe ich sie an Resi, die unsere Expertin dafür ist.
Als die Umarmerin in der Sonne eine Raucherpause macht, setze ich mich zu ihr und sie zeigt mir ihren YouTube-Kanal, wo sie singt und Gedichte vorträgt. Sie erzählt noch ein wenig von sich, was mich zwar nicht überzeugt, aber da wir ganz vertraut Schulter an Schulter sitzen, will ich da auch nicht kleinlich sein. Sie trägt schwarze Leggings in Lederoptik und ich kann nicht behaupten, dass mich das nicht anspricht. Kurz frage ich mich, ob es nicht fragwürdig ist, dass ich hier draußen mit einer Teilnehmerin sitze und wir zusammen Videos schauen, aber auch das ist mir letztlich egal. Irgendwann sage ich aber doch, dass wir wieder reingehen müssen.
Als wir wieder drinnen sind, möchte sie, dass ich ein Glas ihrer Zitronenlimonade zusammen mit ihr trinke. Probieren mag ich die Limonade zwar eigentlich nicht, aber es gefällt mir, dass sie mir ein Glas holt und einschenkt.
Später benötigt sie noch einmal meine Hilfe, da Resi anders beschäftigt ist. Das ist der Moment, in dem ich kurzzeitig jegliche professionelle Distanz vermissen lasse, denn als ich zu ihr gehe, lege ich meine Hand auf ihre Schulter und streife beim Vorbeigehen fast beiläufig über ihren Rücken. Sie scheint es nicht zu stören und mir gefällt diese Distanzlosigkeit gut. Von außen betrachtet wirkt es möglicherweise wie Flirten, doch vermutlich leiden wir nur unter plumper Vertrautheit. Trotz dieser Vertrautheit siezen wir uns weiter. Es ist wichtig, eine angemessene Distanz zu wahren, damit gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Trotzdem ist das Verhalten für einen Jobcoach vermutlich unprofessionell. Aber Professionalität lasse ich bei Frauen eh gelegentlich vermissen.
Zu ihrem nächsten Termin bringt sie eine weitere Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Somit steigt ihre Fehlzeitenquote auf 69,23 %. Sie möchte, dass wir uns kurz in die Sonne setzen und uns unterhalten. Offensichtlich geht es ihr nicht gut.
Sie hat einen Minijob als Servicekraft angenommen, was grundsätzlich gut ist, aber für ihren unprofessionellen Coach keine Lösung ist. Obwohl sie wieder ganz entzückend aussieht und auch gut riecht, schildere ich ihr, wie ich ihre berufliche Situation sehe und schlage ihr vor, dass sie drei Tage bei Thalia im Lager zur Probe arbeitet. Als ich ihr die Arbeitszeiten nenne, ist sie erschrocken. Ich erkläre ihr, dass ein Acht-Stunden-Tag normal ist und es eine Chance ist, endlich wieder ihre Situation zu ändern. Drei Tage testen und dann entscheiden. Sollte es bei dem Arbeitgeber noch freie Plätze geben, wird sie sicher einen bekommen, wenn ich sie dort empfehle. Da sie auf ihren väterlichen Freund hört, ist sie einverstanden.
Heute verzichten wir komplett auf jegliche Distanzlosigkeit. Erst bei der Verabschiedung hält sie meine Hand länger fest, als nötig wäre, und lässt erst los, als die Entfernung es unmöglich macht.
Ich bin ja ein Freund betrieblicher Unprofessionalität und stabilen Büromöbeln im Allgemeinen.
Unprofessionell kann ich voll gut und stabile Büromöbel sollten überall Pflicht sein.