Heute beginnen wir, Termine für die Umarmerin zu vereinbaren, da sie es alleine nicht schafft und es irgendwann auch zu spät sein könnte, um aus all dem Schlamassel rauszukommen, in dem sie steckt. Zunächst suchen wir im Internet nach irgendwelchen Kontaktmöglichkeiten. Dabei sitzen wir nebeneinander, diskutieren Optionen, sie schildert ihre Situation, dabei berührt sie mehrfach mein Bein. Als professioneller Coach müsste ich das unterbinden, aber das wäre albern und sähe ich auch gar nicht ein. Vielleicht leiden wir zwei unter Berührungsbedürftigkeit. Ganz kurz habe ich das Gefühl, als würde über ihrem Kopf ein Schriftzug aufleuchten: “Spielen Sie nicht mit dem Feuer, wenn Sie die Hitze nicht vertragen.” Sehr merkwürdig. Sie fragt, ob ich Lust habe, jetzt mit ihr Kuchen essen zu gehen. Ich lehne ab und verweise auf die andere Teilnehmerin, die ich nicht so lange alleine lassen kann.
Nachdem wir alle Daten gesammelt haben, gehen wir rüber zum Jugendamt. Weitere Termine vereinbaren wir später telefonisch. Irgendwann sagt sie, dass ich sie gerne wieder besuchen kommen kann und fragt, ob ich aktuell Single bin. Sie hat mich nämlich vor einer Weile mal mit einer Frau, Petra, gesehen. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Coaching und Privatem ziemlich deutlich. Leider kann ich nicht behaupten, dass mir das nicht gefällt. Natürlich mag ich es, wenn eine Frau Interesse an mir hat, bleibe aber in diesem Fall neutral, weil alles andere nicht zu verantworten wäre und keinem von uns helfen würde. Es ist wichtig, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten, weil man sonst seine Rolle als väterlicher Freund nicht mehr ordnungsgemäß ausüben kann.
Da meine andere Teilnehmerin spontan zu einem Arbeitgeber muss, um einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, weist mich die Umarmerin darauf hin, dass wir nun ja eigentlich rüber in die Bäckerei gehen könnten. Da hat sie wohl recht, was ich hier auch bestätige. Für einen Moment sieht sie glücklich aus. Wie jemand, der eine Hürde überwunden und ein Ziel erreicht hat. Kurze Zeit später sitzen wir in der Bäckerei und essen Mohnkuchen. Obwohl ich weiß, dass sie nicht viel Geld hat, lasse ich sie mich einladen. Während des Gesprächs duzt sie mich plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie es bewusst macht, oder ob es ein Versehen ist. Ich nehme das spontane und einmalige Duzen zur Kenntnis, ignoriere es aber, weil so viel Vertrautheit dann doch zu weit geht.
Anschließend plaudern wir draußen noch eine Weile, bevor sie mir zum Abschied die Hand geben will. Das möchte ich nicht, weshalb ich sie umarme. Händeschütteln ist bei Berührungsbedürftigkeit wahrlich keine Lösung. Egal, welchen Coaching-Ratgeber man liest, in keinem wird stehen, dass man seine Teilnehmerinnen umarmen sollte. Vermutlich nicht einmal als väterlicher Freund.
Zu ihrem nächsten Termin erscheint sie verspätet und völlig niedergeschlagen. Sie hat ein Urteil dabei, welches sie sich nicht zu Ende gelesen hat. Nachdem ich es gelesen habe, rate ich ihr davon ab, es durchzulesen. Das würde sie aus meiner Sicht völlig umwerfen.
Ein Problem bei ihr ist, dass sie zu vielen Menschen zu schnell vertraut. Sie sagt zwar, dass sie aus den Erfahrungen ihre Schlüsse gezogen hat und in Zukunft vorsichtiger sein wird, aber ich glaube nicht, dass sie das so einfach kann. So einfach ändern sich Menschen in der Regel nicht.
Es dauert eine Weile, bis sie wieder einigermaßen in der Spur ist. Sie hat es gestern nicht geschafft, zum Jugendamt zu gehen, obwohl wir das so abgesprochen hatten und fragt, ob ich sie nicht begleiten kann. Das ist keine Option, weshalb ich ihr erkläre, warum sie das alleine schaffen muss. Weil ich es für klug halte, sage ich ihr, dass sie das heute erledigen und im Anschluss wieder zu mir kommen soll. Sie verspricht es und gibt mir die Hand. Es ist wichtig, die Hand nicht zu lange zu halten, weil ihre Bedürftigkeit und ihr Unglück ihre Gedanken sonst noch weiter in die falsche Richtung lenken. Ich bin ganz sicher nicht das, was sie braucht, damit es ihr langfristig besser geht.
Als sie zurück ist, ist sie wenig begeistert, denn der Orthopäde hat sie für vier Wochen krankgeschrieben und in der Zeit muss sie eine Schiene tragen, darf nur an Krücken gehen und das Knie nicht bewegen. Damit muss ich die Maßnahme beenden, da sie auch nicht zu uns kommen kann. Ich sage ihr, dass ich das schade finde, weil ich sie nächste Woche einladen wollte. Sie meint, dass ich das doch machen kann, aber ich erwidere, dass sie nicht laufen darf und es daher nicht möglich ist. Sie sieht es auch sofort ein. Wir spielen noch eine Runde Ubongo, dann endet die Teilnahme und unsere Wege trennen sich, bis sie eines Tages wieder zu uns kommen wird. Damit endet auch diese unprofessionelle Coach-Teilnehmerin-Verbindung, was einerseits bedauerlich, aber letztlich für alle Beteiligten das Beste ist, bevor es immer weiter aus dem Ruder gelaufen wäre. Für solche Konstellationen findet man im Coaching-Ratgeber nämlich keine Lösungsansätze.
Wem nützt eigentlich die oft zitierte professionelle Distanz? Ich frage für einen Freund….
Allen Beteiligten. 😎