Die Umarmerin vertraut ihrem väterlichen Freund

Kurz bevor ich mit dem frisch gewaschenen Benz die Garage erreiche, brennen und tränen meine Augen so stark, dass ich froh bin, überhaupt unfallfrei die Garage erreicht zu haben. Ich muss die Augen schließen und sitze ein paar Minuten nur da. Es ist, als hätte man mir eine Säure ins Auge gekippt. Ich dachte, diese Probleme hätte ich hinter mir gelassen. Irgendwann lässt das Brennen nach und ich kann die Augen wieder öffnen.

Etwas später lese ich die WhatsApp-Nachrichten, die ich bekommen habe. Der Umarmerin geht es nicht gut und sie fragt, ob ich sie anrufen kann, da sie es mir am Telefon erzählen möchte. Da kann ich als ihr früherer Coach und väterlicher Freund natürlich nicht nein sagen.

Bei ihr läuft es wahrlich unrund. Man erkennt auch kein Ende ihres Dilemmas, aber immerhin arbeitet sie daran. Am Ende des Gesprächs vereinbaren wir, dass wir gleich zusammen Kuchen essen. Das hatte ich zwar nicht so geplant, aber ich habe Urlaub und Zeit.

Wir kommen fast zeitgleich an der Bäckerei an, was ich zu schätzen weiß. Da ich etwas weiter weg parken muss, wartet sie am Eingang auf mich. Offene Schuhe, gepflegte Füße, Fußkettchen, blaue Sommerhose, enges Top, schulterfrei. Attraktiv von Kopf bis Fuß. Für den Anblick hat sich das Treffen schon gelohnt. Zur Begrüßung geben wir uns die Hand. Als würden wir uns zu einer Therapiestunde im Freien treffen.

Wir bestellen, ich bezahle, und wir setzen uns draußen hin. Sie sich in die Sonne, ich mich in den Schatten. Weiterhin siezen wir uns konsequent. Sie erzählt von ihren unschönen Erlebnissen, ich gebe Kommentare dazu ab, nutze die Zeit aber auch, um sie anzuschauen. Ihre Fingernägel gefallen mir allerdings nicht. Künstlich und so weit rausgewachsen, dass sie erneuert werden dürften. Außerdem nicht meine Farbe. Ich bevorzuge schwarz.
Mit klugen Ausführungen, die meine Rolle als Lebenscoach, vor allem aber als väterlicher Freund, untermauern, beteilige ich mich immer wieder an dem Gespräch. Irgendwann sagt sie, ich solle mal etwas erzählen, da sie immer nur dieselben Themen hat. Sofort lehne ich das ab und sage, dass ich es mag, wenn sie redet und fordere sie auf, etwas Positives zu erzählen. Sie denkt kurz nach, dann erzählt sie eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Anschließend fragt sie, ob das positiv gewesen sei. Das kann ich ihr nur bestätigen. Die Geschichte nutze ich direkt, um ihre Stärken, die sie aktuell nicht sieht, herauszustellen. Wirklich Privates von mir erzähle ich auch im weiteren Verlauf nicht. Und Komplimente mache ich ihr auch schon länger nicht mehr.

Als wir unseren Kuchen gegessen und die Getränke getrunken haben, gehe ich davon aus, dass wir nun gehen. Doch dann fragt sie, ob ich noch etwas trinken möchte. Da kann ich natürlich nicht nein sagen. Nicht nur, weil sie bezahlt, sondern auch, weil ich so den Anblick noch eine Weile genießen kann. Einmal Spanner, immer Spanner.

Wir kommen auf Jörg zu sprechen, den sie, wie sie sagt, durchaus mag. Mit seiner Art kommt sie allerdings nicht klar. Er hält oft längere Vorträge, und jedes Mal, wenn sie etwas dazu sagen wollte, hat er sie dahingehend belehrt, dass sie jetzt nicht dran sei. Danach hat er einfach weiter geredet. Am Ende wusste sie gar nicht mehr, was sie eigentlich sagen wollte. Damit kommt sie nicht klar. Darum will sie nicht mehr zu ihm.

Papperlapapp, müsste ich jetzt einwenden. Andererseits habe ich es ja schon selbst erlebt, wie unzufrieden er wird, wenn jemand redet, wenn es aus seiner Sicht nicht angebracht ist. Und sie ist nicht die Erste, die mir davon berichtet. Ich weise sie dennoch darauf hin, dass man bei Jörg etwas lernen kann. In diesen Genuss kommt man bei mir eher nicht. Dafür, sagt sie, gehe ich auf die Menschen ein. Auf ihre Eigenarten. Vermutlich, weil ich lieber improvisiere, als Vorträge zu halten.

Nachdem ich weiter meine Rolle als väterlicher Freund ausfülle, kommt sie darauf zu sprechen, dass ich ihr vor einiger Zeit die Werkstatt meines Vertrauens empfohlen habe. Da würde sie gerne ihren Wagen hinbringen. Oder sie gibt mir den Schlüssel, dann kann ich das machen. Mir vertraut sie, daher wäre es kein Problem, mir den Wagen zu geben. Das Thema hatten wir vorhin doch schon. Nicht immer den Leuten so schnell trauen. Okay, ich bin der Coach, dem Frauen vertrauen, aber man sollte sein Auto dennoch nicht einfach so abgeben. Daher schlage ich vor, dass wir zusammen zur Werkstatt fahren und ich sie, falls sie das Auto da lassen muss, nach Hause bringe. Sie ist einverstanden.

Sie sagt, sie müsse ihr Auto unbedingt waschen, hat aber keine Lust dazu. Macht ja nichts. Ob ich sie zur Waschstraße begleiten mag, fragt sie völlig überraschend. Zusammen macht das nämlich mehr Spaß. Als ich mich bereit erkläre, wirkt sie für einen Moment unbeschwert. Das war mein Ziel. Das habe ich erreicht.

Wenig später machen wir uns auf den Weg. Während sie das Auto mit dem Hochdruckreiniger abspritzt, kann ich sie beobachten. Mich erinnert die Situation an früher. Damals wartete oft ihr Mann draußen auf sie. Offenbar motiviert sie Gesellschaft bei vielen Dingen. Ich ignoriere das Muster. Nach der Hochdruckreinigung folgt die Bürstenwäsche. Sie fragt, ob ich das machen möchte. Immer abwechselnd. Ich sage ihr, dass ich ihr lieber dabei zuschaue, aber gerne nachher das Abspülen übernehme. Findet sie gut. Wenig später sieht sie mir dabei zu, wie ich den Wagen abspüle.

Anschließend fährt sie mich zum Benz und zum Abschied geben wir uns die Hand.

Ich bin gespannt, ob sie nächste Woche wirklich mit mir zur Werkstatt will und wie oft wir wohl noch zusammen Kuchen essen.

8 Kommentare

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  1. Man muss auch mal Strohhalme greifen. Vielleicht klappt es besser an romantischeren Orten als Waschstraßen.

  2. Andere hätten ihr hechelnd das Auto gewaschen, in der Hoffnung auf den Bonus…
    Von daher, Respekt! Vll ist das gerade der richtige Weg zum Ziel 🙂