Die Umarmerin und der Besuch ihrer Einschlafhilfe

Pünktlich komme ich bei der Umarmerin an. Zur Begrüßung verzichten wir auf jeglichen Körperkontakt. Mitgebracht habe ich einen Sekt-Piccolo und einen Glücksbringer, weil ich gerne etwas mitbringe, wenn ich jemanden besuche. Sie freut sich, macht einen Tee für mich und wir setzen uns ins Wohnzimmer.

Wie üblich, überlasse ich ihr den größeren Redeanteil. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie mich vollqualmt, was aber letztlich auch nicht hilft. Nach der vierten Zigarette ist die Luft für mich ziemlich unangenehm. Aber es ist ihre Wohnung, da kann ich es ertragen oder gehen. Also ertrage ich es. Wir sitzen weit genug auseinander, dass es zu keiner zufälligen Berührung kommen kann. Auch sonst beobachte ich keinerlei Flirt-Symptome. Und ich achte da sehr genau drauf, weil ich manchmal Zeichen nicht erkenne.

Sie fragt, ob ich schon mal fremdgegangen bin. Ordnungsgemäß verneine ich, weil ich mich nicht erinnern kann, so etwas getan zu haben. Ihre bisherigen Männer haben sie wohl gelegentlich betrogen. Was Männer angeht, hatte sie bisher insgesamt nicht so viel Glück. Kein Glück würde sie mit mir auch haben. Irgendwann sagt sie, dass ich mich sicher freuen werde. Ich bin gespannt, was jetzt kommt. Die Erklärung ist, dass sie mittlerweile keinen Hauch von Liebe mehr für ihren Mann hat. Interessant, denn ich war eh davon ausgegangen, dass es schon länger so ist.

Sie erzählt, dass sie immer eine Maske getragen hat, selten so war, wie sie wirklich ist. Dann fragt sie, was mein erster Eindruck war, als sie zum ersten Mal in unsere Maßnahme kam. Mein erster Eindruck war, sie sei zu attraktiv, um mit ihr arbeiten zu können. Sie bedankt sich für das Kompliment. Komplimente kann ich. Manchmal.

Je mehr sie von ihren Kindern erzählt, desto mehr nimmt es sie mit. Sie weint. Da ich nicht weiß, wie ich ihr helfen kann, nehme ich ihre Hand. Wirklich helfen tut es nicht. Sie weint immer mehr, weshalb ich sie in den Arm nehme. Wenig später liegt sie weinend auf meiner Brust. Das ist jetzt so ähnlich wie im letzten Jahr, als ich sie nach einem denkwürdigen Nachmittag besucht habe. Damals saßen wir allerdings auf dem Balkon. Vielleicht ist das unser Muster. Sie braucht jemanden, um sich auszuweinen, ich leide unter einem Helferkomplex. Hoffentlich ist das nicht alles, was uns verbindet.

Heute redet sehr viel über Liebe und geliebt werden. Und darüber, dass zwischen uns von Anfang an eine Verbindung war und sie mir vertraut. Ich indes stelle fest, dass Teile unserer Gespräche mehr Tiefe haben, als ich es für möglich gehalten habe. Dann denke ich daran, dass Jörg sie für ziemlich schlicht hält und frage mich, ob ich da mehr erkennen will, als eigentlich da ist.

Gegen 00:30 Uhr sagt sie, dass ich bestimmt so spät nicht mehr nach Hause fahren mag und entschuldigt sich dafür, dass sie erst so spät Zeit hatte. Ob ich im Wohnzimmer übernachten mag. Ich sage, dass ich es mir überlege, weiß aber, dass ich tatsächlich keine Lust mehr habe, noch zu fahren.

Manchmal schaue ich sie einfach nur an, ihre kleinen Hände, die Finger, ihre gebräunte Haut an den Armen, ihre Schultern, ihr Gesicht. Diese Attraktivität gefällt mir so gut, dass ich erstaunt bin, dass ich absolut nichts unternehme, um eine möglicherweise unangebrachte Nähe herzustellen oder um Grenzen auszutesten. Das ist faszinierend und verwirrend zugleich, obwohl ich sicher bin, meine Gründe dafür zu haben.

Wie im letzten Jahr macht sie nun Geigenmusik an. In dem Video dazu werden türkische Orte gezeigt. Sie erklärt mir, was wir da sehen, zeigt mir auf dem Smartphone Geschichten zu Gebäuden. Dann fragt sie plötzlich, ob ich nicht mal mit ihr nach Istanbul fliegen mag. Ich antworte, dass ich Fliegen nicht mag und gruselig finde. Mittlerweile sitzen wir nicht mehr ganz so weit auseinander und ich lege meine Hand auf ihr Knie. Wie damals, scheint es sie nicht zu stören. Allerdings frage ich mich tatsächlich, ob sie es wirklich mag oder sich nur nicht traut, etwas dagegen zu sagen. Vielleicht ist da tatsächlich ein Muster zu erkennen.

Irgendwann fragt sie, ob ich Lust hätte, mal mit ihr Feiern zu gehen. Ich frage sie, was sie unter Feiern versteht. In die Oper, ein Konzert, Operette. Ich sage ihr, dass das kein Feiern ist und überlege, ob ich irgendwas in der Art mal mit ihr unternehmen könnte. Eine Antwort finde und gebe ich nicht.

Gegen 01:50 Uhr ist es Zeit zu Schlafen. Sie bringt mir ein Kopfkissen und etwas zum Zudecken. Dann verabschiedet sie sich ins Schlafzimmer. Ich gehe kurz ins Bad und lege mich hin. Ich schlafe besser als erwartet, aber alles andere als gut, weil ich ständig aufwache.

Um kurz nach sieben Uhr bin ich wach und überlege kurz, ob ich nicht einfach gehen sollte, finde die Idee dann aber irgendwie merkwürdig. Also bleibe ich liegen, stehe dann auf, gehe durch die Wohnung, lege mich wieder hin und stehe erst gegen neun Uhr endgültig auf. Was aber auch nicht viel ändert, da ich nun anstatt zu liegen auf dem Sofa sitze. Um kurz nach halb zehn kommt die Umarmerin aus dem Schlafzimmer. Sie scheint morgens nicht viel zu reden, ist aber selbst kurz nach dem Aufstehen ein schöner Anblick. Vielleicht hat sie sich aber auch schon im Schlafzimmer zurechtgemacht. Ich schaue ihr dabei zu, wie sie Kaffee macht. Sie setzt sich zu mir, zündet eine Zigarette an und sagt, dass sie morgens immer so ruhig ist. Dann schaut sie aus dem Fenster. Wenig später fragt sie, ob es normal ist, dass sie manchmal einfach ganz lange aus dem Fenster schaut. Was ist schon normal? Und wenn es ihr dabei gut geht, kann es ja nicht verkehrt sein. Ich frage mich aber, ob ich nicht besser gehen sollte, um ihre Routinen nicht zu stören.

Kurz überlege ich, sie zu fragen, ob wir uns nicht duzen sollten, mache es aber nicht, weil das Siezen Teil unserer Beziehung zueinander ist. Duzen würde sich nicht nur falsch anfühlen. Wahrscheinlich wäre es das auch.

Später erzählt sie noch von ihren Plänen für heute und den nächsten Tagen. Dann macht sie uns etwas zu essen. Sucuk mit Rührei und Käse. Als wir später gemeinsam essen, ist weiterhin alles entspannt, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass wir auf völlig verschiedenen Planeten leben, auch wenn wir in manchen Dingen sehr ähnlich sind.

Als ich gehe, entschuldigt sie sich dafür, dass sie gestern so viel geredet und geweint hat. Ich sage ihr, dass es keinen Grund gibt, sich zu entschuldigen. Mit einer längeren Umarmung verabschieden wir uns. Beide sind wir der Meinung, dass wir das nochmal wiederholen können. Ob es wieder ein Jahr dauern wird, bis ich sie das nächste Mal besuche? Bei unserer bisherigen Geschichte kann ich es jedenfalls nicht ausschließen.

6 Kommentare

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  1. Romantik in Mini-Schritten. Ich bin verwundert, dass das schon ein Jahr her war. Möglicherweise verstellt sie sich öfter, als man denkt.

    • Ein Hauch von Romantik geht immer. 🙃
      Es ist erschreckend, dass es schon ein Jahr her ist.
      Vielleicht ist sie eine Verstellerin.

    • Von außen betrachtet würde ich vermutlich zustimmen.
      Von hier aus betrachtet ist das Potential fast vollständig ausgeschöpft.

      • Ich rede jetzt nur aus meiner Sicht… ich bin immer an den Punkt gekommen, wo ich mir die Frage gestellt habe, ob ich dann noch irgendwelche Ressourcen darauf verwenden sollte.

        • Die Frage nach den Ressourcen, die man verwendet, hängt ja auch davon ab, was man sich erhofft. Und dann entscheidet man dementsprechend. Ich sehe das auch so.