Der Ausschnitt

Vor etwa acht Jahren war sie schon mal in einer Maßnahme hier. Ich erinnere mich nicht an sie, aber an ihr Bewerbungsfoto. Heute sollte sie es nicht mehr benutzen, denn ich finde nicht, dass man sie darauf direkt erkennt, weiß aber nicht, wie ich es ihr sagen soll, ohne sie zu deprimieren. Als Coach sollte man so etwas können.

Sie ist Mitte 40, kräftig gebaut, aber durchaus attraktiv und vor allem ist sie nicht dumm. Wir können uns gut unterhalten, die Chemie scheint zu stimmen, aber beim Bewerbungsfoto versage ich seit Wochen.

Heute lässt sie tief blicken. Das lenkt mich natürlich ab. Ständig wandert mein Blick zu ihrem Ausschnitt. Meine Augen werden magnetisch angezogen. Wäre sie ein Mann, würde man es vermutlich als sexuelle Belästigung, mindestens aber als unangemessenes Verhalten kritisieren. Aber vermutlich wird mir vorgeworfen, dass ich immer dorthin schaue, weil ich schwach und widerlich bin. Wir leben ja in so kranken Zeiten.

Um nicht ständig in den Ausschnitt zu schauen, stelle ich mich so, dass der Bildschirm diesen verdeckt und ich nur ihr Gesicht sehe. Manchmal ruft sie sich zwar zu sich, aber dann stehe oder hocke ich neben ihr und werde nicht vom Ausschnitt abgelenkt.

Nachdem ich ihr eine Frage beantwortet habe, zieht sie ihr Oberteil nach vorne und bewegt es, als müsste sie sich etwas Luft zufächern. Ich schaue bewusst nicht hin und frage mich, warum sie das wohl macht. Da wir uns gerade noch darüber unterhalten haben, kann es nicht sein, weil ihr so warm ist. Oder wurde ihr warm, weil ich neben ihr gehockt bin? Das erscheint mir unlogisch. Vermutlich war sie nur gedankenversunken und hat sich nichts dabei gedacht. Und überhaupt, was ist denn schon dabei. Wird schon alles seine Richtigkeit haben.

Sollte es sich allerdings um eine Form der sexuellen Belästigung handeln, dann werde ich sicher selbst dafür verantwortlich sein. Schließlich liegt es immer am Mann, wenn es zu Missverständnissen kommt oder der Mann etwas falsch interpretiert.

Darum machen wir einfach weiter, als wäre nichts passiert. Und letztlich ist ja auch nichts weiter passiert. Es wurde nur kurz durchgelüftet.

4 Kommentare

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  1. Bringt es denn überhaupt einen Vorteil, dem Jobcoach derart den Kopf zu verdrehen?