Der Depp
Obwohl ich nicht daran glaube, lese ich fast täglich mein Horoskop. Meist habe ich wenige Sekunden später schon wieder vergessen, was darin stand. Doch diesmal gefällt mir mein Horoskop so gut, dass ich mich weigere, den Blödsinn zu vergessen, denn dort steht, dass ich am Abend jemanden kennenlernen werde. Das trifft sich gut, will ich doch heute ins FZW. Und mit dem Wissen, dort heute jemanden kennenzulernen, bin ich direkt doppelt motiviert.
Im FZW ist zunächst alles wie immer. Die Musik ist fein, ein paar nette Frauen sind auch da. Ich spüre, dass heute was geht, und ich glaube, ich bin bereit. Während Sam tanzt, halte ich – so wie es Tradition ist – sein Bierglas. Schließlich ist es eine meiner Spezialfähigkeiten. Neben mir steht eine kleine, attraktive Frau, die mir gut gefällt: dunkles, gewelltes Haar, gute Figur, schönes Gesicht. Sie beachtet mich nicht weiter, was völlig normal ist.
Irgendwann kommt Sam von der Tanzfläche, ich gebe ihm sein Bier, und er spricht direkt die kleine, hübsche Frau neben mir an. Ich bin immer wieder überrascht, wie spontan er manchmal ist. Scheinbar findet er auch gleich die richtigen Worte, denn die zwei unterhalten sich eine Weile. Als ich vor Langeweile meine Arme verschränke, schlägt Sam nach mir und weist mich darauf hin, dass ich das lassen soll. Also lasse ich den Quatsch und stelle mich anständig hin.
Einige Augenblicke später reicht mir Sam sein Bierglas erneut und geht tanzen. Da stehe ich also wieder mit seinem Bierglas neben der kleinen, hübschen Frau. Kurz überlege ich, dann beschließe ich, ihr zu erzählen, dass ich der beste Bierglashalter bin, den es gibt, weil ich genau weiß, wie man so ein Glas richtig hält. Anfangs scheint sie nicht ganz überzeugt, doch nach einer Weile führen wir eine nette Unterhaltung, und für einen Moment bin ich fast stolz auf mich. Ich bringe sie sogar zum Lachen. Ich bin entzückt. Endlich mal eine, die meinen Humor mag und dazu noch ziemlich sexy aussieht.
Nach einiger Zeit kündigt sie an, dass sie gehen muss. Ich sage, man sieht sich bestimmt mal wieder hier, und verabschiede mich. Kaum ist sie weg, kommt Sam zu mir und fragt, ob ich ihre Telefonnummer habe. Natürlich nicht. Was soll ich auch damit? Ich würde sie sowieso nicht anrufen. Sam findet das gar nicht gut und nennt mich von nun an nur noch Depp.
„Du Depp machst auch alles falsch. Du Depp hättest nach ihrer Nummer fragen müssen.“ „Du Depp”, auch mal ohne Satz.
Ich wurde noch nie zuvor so oft hintereinander Depp genannt. Dabei fand ich mich ziemlich cool. Ich war gut, egal was Sam behauptet. Ich hatte meinen Spaß, und ich glaube, ich bin auf einem guten Weg. Wenn es weiter so läuft werde ich noch in diesem Jahr meinen nächsten Sex haben. Wunderbar. Und ich glaube ab sofort an Horoskope.
Rätselhafte Ereignisse
Eine Woche später bin ich mit Loerz und Sam im FZW. Zunächst kippt mir eine Frau ihren Wein über den Rücken, vermutlich weil sie einen Gehfehler hat oder kurzzeitig die Kontrolle über ihren Körper verliert. Zum Glück ist es Weißwein.
Später zeigt mir Sam die kleine Frau, deren Telefonnummer ich nicht wollte. Ich denke, was soll´s, sag ich halt Hallo. Und dann komme ich den Rest des Abends nicht mehr von ihr weg. Irgendwann fragt sie mich sogar, ob ich am Samstag mit ihr ins SixxPM gehen möchte. Natürlich nicht. Samstag gehe ich mit Loerz aus. In solchen Momenten neige ich dummerweise dazu übermütig zu werden. Und so schlage ich vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken gehen. Dabei mag ich gar keinen Kaffee. Sie ist natürlich sofort einverstanden.
Was folgt, ist die Sache mit der Telefonnummer. Ich will ihre Nummer nicht, also gebe ich ihr meine. Ich verstehe das alles nicht. Als sie mich beim Abschied umarmt, bin ich vollends verwirrt. Was entwickelt sich denn hier? Okay, dumme Frage, das ist vermutlich offensichtlich. Verdammt, finde ich die attraktiv.
Das erste Treffen
Sonntag. Wir treffen uns in der Limette, ziehen weiter ins Cottons, fahren orientierungslos durch die Stadt auf der Suche nach einer Lokalität, die uns zusagt, finden aber keine. Schließlich spazieren wir quer durch Dortmund und frieren dabei. Zum Schluss landen wir wieder in der Limette und trinken Tee.
Als wir durch die Stadt fahren, fühlen wir uns wie neunzehn. Als ich den Zeitpunkt verpasse, zu dem man sich hätte näher kommen können, fühlen wir uns wie zwölf, und ich halte es für angebracht, den Abend zu beenden. Doch als sie mich, anstatt sich zu verabschieden, küsst, fühlen wir uns gut. Und als wir den Rest der Nacht bei mir im Auto verbringen, fühlen wir uns wie fünfzehn. Irgendwie spannend.
Mit zu sich nach Hause nehmen will sie mich nicht, da sie sicher ist, dass sie dann nur ein One-Night-Stand für mich wäre. Keine Ahnung, ob sie damit recht hat. Wir küssen uns leidenschaftlich, und es fällt mir schwer, nicht schon im Auto mit ihr zu schlafen. Man könnte auch sagen: wir machen wild und leidenschaftlich rum, ohne den letzten Schritt zu gehen. Sie küsst gut und macht mich unglaublich an. Vermutlich bin ich ihr schon längst verfallen. Mehrmals überlegt sie, mich doch mit nach Hause zu nehmen, doch immer wieder kommt das Argument mit dem One-Night-Stand. Mir fällt das Denken zunehmend schwer. Wird schon alles richtig sein. Irgendwann hören wir tatsächlich mit der innigen Knutscherei auf und verabschieden uns.
Kurz nach sechs bin ich wieder zu Hause. Für mich war es eine der außergewöhnlichsten Nächte meines Lebens. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir uns über sechs Stunden unterhalten haben und trotzdem so gut wie nichts übereinander wissen. Sie meinte, wir hätten philosophiert. Ich weiß nicht einmal, was philosophieren wirklich bedeutet. Egal.
Ob wir uns wiedersehen? Ich denke schon. Auch wenn sie mir ein wenig zu verständnisvoll und zu begeistert von mir schien. Aber vor allem Letzteres fand ich irgendwie cool. Alles ist möglich. Ich will sie.
Wiedersehen im FZW
Unser nächstes Treffen findet im FZW statt. Ich bin abermals vollkommen angetan von ihr. Wir küssen uns ständig, und ich würde nichts lieber tun, als mit ihr ins Bett zu gehen. Sie gefällt mir ausgesprochen gut, und ich bin mehr als entzückt, den Abend hier mit ihr verbringen zu dürfen. Wie sie aussieht, wie sie sich anfühlt und wie sie küsst – besser kann es kaum sein. Die Zeit vergeht wie im Flug, dann müssen wir uns auch schon wieder verabschieden.
Kein Weg zurück
Geplant ist ein gemütlicher DVD-Abend bei ihr. Vorher treffen wir uns in Hohensyburg, gehen spazieren, trinken später etwas im Roadstop und lernen uns besser kennen. Doch irgendetwas scheint sie zu bedrücken. Irgendetwas scheint sie mir sagen zu wollen. Nur was?
Als wir zu unseren Autos gehen, um zu ihr zu fahren, kommt das, was ich erwartet habe. Sie sagt mir, dass sie einen Sohn hat. Und obwohl ich es geahnt habe, trifft es mich. Ist es nicht viel zu kompliziert, mich auf eine Frau mit Kind einzulassen? Dafür fehlt mir jegliche Reife. Ich bin vollkommen durcheinander, was sie natürlich merkt. Sie sagt, ich könne es mir überlegen: Ich kann ihr nachfahren und die Nacht mit ihr verbringen, oder einfach irgendwann abbiegen, und wir sehen uns nie wieder.
Wir fahren los, und ich bin wirklich kurz davor, einfach abzubiegen. Mein Verstand sagt, dass wäre das einzig Richtige. Doch mein Verstand hat keine Chance. Ich will diese Frau. Und, wie ich mich kenne, nicht nur für eine Nacht. Obwohl ich mir vorgenommen habe, niemals etwas mit einer Frau mit Kind anzufangen oder mich gar in eine Frau mit Kind zu verlieben, geht es in genau diese Richtung. Mein Verstand versucht nochmal, mich zu warnen, doch er hat keine Chance.
Als wir ihre Wohnung erreichen, bin ich nervös. Und wie immer, wenn ich nervös bin, ist mir schlecht. Ich würde am liebsten abhauen, aber das wäre albern. Sie zeigt mir die Wohnung, wir trinken etwas, dann gehen wir ins Schlafzimmer. Mir ist total übel. Ich kann kaum atmen. Sie sagt, ich könne jederzeit gehen. Nur ein Idiot würde jetzt gehen. Oder bleiben. Je nach Betrachtungswinkel.
Wir gehen ins Bett, ziehen uns aus und ich bin ihr nun endgültig verfallen. Und das liegt nicht nur an ihrem Körper. Der Sex ist unglaublich leidenschaftlich, und sie unglaublich laut. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so anmacht. Wann hatte ich zuletzt so langen, leidenschaftlichen Sex? Und dieser Körper – ich liebe ihren Körper.
Wir schlafen nur wenig. Dafür am Morgen wieder miteinander. Sie ist jetzt noch lauter, noch leidenschaftlicher, und ich bin total begeistert. Wir frühstücken eine Kleinigkeit. Später steht sie nackt auf dem Bett, und ich betrachte sie. Der Anblick ist der Hammer. Leider bin ich nicht dazu in der Lage, ihr zu zeigen, wie sehr sie mir gefällt.
Nach dieser Nacht weiß ich, dass ich mehr davon will. Was ich noch nicht weiß, ist, dass das alles so nicht funktionieren kann.
Ausflug in die Niederlande
Spontan und fast unerwartet fahren Birte und ich wenige Tage später nach Holland. Es wird ein sehr schöner Tag. Sie bezahlt Speis und Trank, und ich bin weiter fasziniert von ihr. Welch schöne Frau, welch schöner Tag. Ich bin verliebt – und verliebt sein macht bekanntlich blind. Manchmal wohl auch blöd.
Geblendet von ihrem Aussehen blende ich alles andere aus. Vernunft ist etwas anderes. So etwas kann übel enden.
Als wir zurück in Deutschland sind, lädt sie mich noch zum Abendessen ein. Sie ist die erste Frau, mit der ich essen gehe.
Nach dem Abendessen nimmt sie mich mit zu sich nach Hause. Wir verbringen eine weitere schöne Nacht zusammen, haben wilden, leidenschaftlichen Sex – und ich bin viel zu sehr von ihr fasziniert, um zu merken, dass ich etwas will, das mit uns nicht funktionieren kann. Obwohl, ich merke das schon. Ich ignoriere nur alle Zeichen, lasse den Verstand beiseite und konzentriere mich auf das, was ich sehen will.
Anders als geplant
Unser nächstes Treffen verläuft anders als geplant. Wir wollen uns mit einigen Bekannten in der Live Station treffen, doch einer nach dem anderen sagt ab.
Als wir dort ankommen, erwartet uns eine riesige Warteschlange. Wir beschließen, ins angrenzende Bistro zu gehen und dort zu warten, bis es leerer wird.
Während wir gemütlich zusammensitzen, wird Birte immer müder. Irgendwann beschließen wir, dass es besser ist, wenn wir zu ihr fahren – anstatt hier im Bistro einzuschlafen.
Bei ihr angekommen, gehen wir direkt ins Bett, reden noch ein wenig, und dann schläft sie ein. Ich muss wirklich ein faszinierender Bettpartner sein. Ihre Euphorie scheint schnell verflogen.
Einschläfernder Typ
Ein paar Tage später sitze ich gemütlich vor dem Fernseher. Die Flasche Cab ist schon halb leer, Chips und DVD liegen bereit. Ich finde die Vorstellung, den Abend allein mit mir auf dem Sofa zu verbringen, da trifft eine SMS ein. Birte lädt mich zu sich ein. Schon ist meine sensationelle Abendplanung dahin. Zum Glück bin ich derzeit so flexibel.
Bei Birte kommt es, wie es kommen muss. Ich schaffe es erneut, sie zum Einschlafen zu bringen. Diesmal sogar noch früher als beim letzten Mal. Immerhin bin ich diesmal so langweilig, dass ich gleich mit einschlafe. Selbst als ich mich am nächsten Morgen gegen halb neun von ihr verabschiede, ist sie noch völlig verschlafen und kann nicht aufstehen. Meine Wirkung auf Frauen kann man getrost als einschläfernd bezeichnen. Das ist nicht gut.
Cabaret Queue
Zwei Möglichkeiten: Entweder ich verbringe den Abend mit mir vor dem Fernseher oder ich treffe mich mit Birte und Ralf im Cabaret Queue. Letzteres erscheint mir sinnvoller, also sitzen wir gegen halb zehn dort. Es ist nicht viel los. Der Männeranteil liegt deutlich über achtzig Prozent, was definitiv nicht gut ist. Schlimmer als der Männerüberschuss sind allerdings die Lebewesen, die sich hier tummeln, Männer wie Frauen. Eine Ü30-Party ist dagegen ein Jungbrunnen. Die Geschmacklos-Pullunder-Fraktion scheint hier ihr Klassentreffen zu haben. Welch ein Glück, dass ich das miterleben darf.
Neben den Pullunder-Kriegern gibt es nur ein paar wenige Frauen. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist ein Schnurrbart. Doch auch so sind die meisten entstellt genug. Insgesamt ein wahres Fest für die Augen.
Zwanzig Minuten nach Mitternacht haben Birte und ich genug. Wir gehen. Ralf bleibt allein zurück. Wir fahren direkt zu ihr, um bei ihr noch ein wenig zu kommunizieren und uns von dem Schreck zu erholen.
Gegen fünf Uhr früh bin ich wieder zu Hause, liege völlig erschöpft in meinem Bett und verliere bald das Bewusstsein. Aber nicht für immer, um kurz nach zehn bin ich zurück in der Welt der Lebenden, und gespannt, welche Abenteuer noch auf mich warten. Und welche Ideen Birte noch haben wird. Sie hat eh ständig irgendwelche Pläne. Immer muss etwas passieren. Als würde uns die Zeit davonlaufen.
Mein erstes Picknick
An einem Montag mache ich mit Birte das erste Picknick meines Lebens. Eine ihrer spontanen Ideen führt uns auf eine Wiese in Hohensyburg. Wir sitzen auf einer Decke, essen Salamibrötchen und trinken Frankenhain Blue. Ein herrlicher Nachmittag.
Wieso habe ich so etwas nicht schon früher gemacht? Sie bringt mich dazu, Dinge zu tun, die ich mir bisher immer verweigert habe. Was das betrifft, tut sie mir wohl gut.
Zandvoort
1988 habe ich zuletzt eine Nacht im Ausland verbracht und war sicher, dass ich so etwas nie wieder tun würde. Da habe ich mich wohl geirrt. Am 14. April 2007 brechen Birte und ich auf, um eine Nacht in Zandvoort zu verbringen. Für den normalen Durchschnittsbürger keine große Aktion, für mich eine Sensation.
Das Wetter ist gut, meine Begleitung attraktiv, und dennoch bringe ich es fertig, zwei Tage lang fast nur zu meckern. Am Strand ist mir zu viel Sand, zu viel Sonne, zu viele Menschen sind ebenfalls da. Offenbar bin ich mit nichts zufrieden. So gelingt es mir, Birte und mir das Wochenende gründlich zu verderben, ohne es wirklich zu merken.
Unser erster Abend verläuft auch anders als erwartet, aber irgendwie auch nicht. Birte ist völlig erschöpft. Wir bleiben im Hotelzimmer, sie schläft sogar ein, bevor wir Sex haben. Ich frage mich, ob wir zwei wirklich zusammenpassen, obwohl ich längst weiß, dass wir es nicht tun. Während sie schläft, denke ich über unsere Beziehung nach und wie so oft in den letzten Tagen sagt mir mein Verstand, dass das mit uns nicht funktionieren kann.
Wir sind beide zu kaputt für eine Beziehung. Zu viele Meinungsverschiedenheiten, zu viele belanglose Diskussionen, die nur Kraft kosten. Wir passen einfach nicht zusammen. Aber ich will sie trotzdem. Oder besser gesagt: ich will das Gefühl der ersten Treffen zurück, die Leidenschaft, die Unbeschwertheit.
Während sie schläft, liege ich wach und frage mich, ob man eigentlich Sex mit einer schlafenden Frau haben darf. Ich entscheide mich dagegen. Besser, ich schlafe auch. Bringt ja alles nichts.
Monstertanz in den Mai
Gegen 21.30 Uhr hole ich den Loerz ab und wir fahren zu Birte, wo sie bereits mit Babsi und Isolde mit dem „Vorglühen” begonnen hat. Gegen Mitternacht sind alle soweit angetrunken, um in die Rohrmeisterei weiterzuziehen. Babsi, die keinen Alkohol zu sich genommen hat, beendet an dieser Stelle ihre Abendaktivitäten und fährt nach Hause. Ich, der einzig verbliebene Fahrtüchtige, bin der Chauffeur des restlichen Abends und bringe Birte, Isolde und den Loerz zur Rohrmeisterei. Isolde ist eine sehr attraktive Frau. Das Transportieren von Menschen gehört zu den wenigen Dingen, die ich gut beherrsche.
Die Rohrmeisterei ist ausverkauft, und der Türsteher will uns nicht rein lassen. Zum Glück kennt Birte jemanden, der Einfluss hat, und wir dürfen doch hinein. Kaum blicken wir auf die Geschöpfe, wissen wir, dass der Abend kein Fest für unsere Augen werden wird. Überall tummeln sich unattraktive Gestalten, wild tanzend, laut, verschwitzte Körper in fremden Rhythmen. Ein Spektakel der besonderen Art.
Birte und Isolde stört das nicht. Sie sind in Tanzstimmung und legen auch gleich los. Loerz und ich bleiben mehrmals fassungslos stehen und fragen uns, ob ein Reiseveranstalter für schaurig-schöne Menschen heute Sonderrabatt angeboten hat.
Als wir zwei an der Bar sitzen und vor lachen und entsetzen fast nicht mehr atmen können, wird Loerz plötzlich von einem als Frau verkleideten Ungeheuer angesprochen. Sekunden später zwingt sie ihm ihre Telefonnummer auf. Sobald sie sich umdreht, löscht er sie wieder. Lustig. Kurze Erholungspause, dann folgt der nächste Angriff: ein völlig betrunkenes Weibsbild, das aussieht, als hätte das Leben längst aufgegeben. Frankensteins Tochter ist definitiv eine Naturschönheit im Vergleich zu ihr. Das Weibsbild sieht völlig fertig und verbraucht aus und will partout nicht verschwinden. Ihr leerer Blick und die verzweifelte Jagd nach einem Mann zum Vögeln sind kaum zu ertragen. Erst als Loerz Isolde bittet, so zu tun, als wären sie ein Paar, lässt das Ungetüm ab. Das war Rettung in höchster Not.
Kurz darauf verlassen wir die Rohrmeisterei. Ich bringe Isolde nach Hause, dann fahren wir drei noch zu Loerz, um den Abend Revue passieren zu lassen und unsere Monstergeschichten zu erzählen.
Abgesehen von all den Albtraumwesen war es ein netter Abend.
Gefährlich, aber nett. Und vor allem: sehr entspannt.
Probleme
Neben dem Spaß, den wir immer seltener miteinander haben, gibt es eine Menge Probleme. Oft sogar Streit. Ich war noch nie mit einer Frau zusammen, die so häufig streiten muss. Ihr südländisches Temperament ist faszinierend und anstrengend zugleich.
Wenn ich endlich auf meinen Verstand hören würde, dann würde ich diese Beziehung beenden. Aber ich kann und will nicht auf den geilen Sex verzichten, den wir durchaus noch haben, wenn sie nicht vorher einschläft. Außerdem bin ich verliebt. Und Verliebte sind bekanntlich nicht zurechnungsfähig.
Ich rede mir ein, dass es irgendwann besser wird. Dass sie entspannter wird. Nicht mehr ständig unter Strom steht. Ich helfe ihr bei der Selbstständigkeit, im Haushalt, dennoch bleibt sie angespannt. Und so geraten wir wieder und wieder in dieselben sinnlosen, ermüdenden Diskussionen.
Wir passen nicht zusammen. Aber ich will es nicht akzeptieren. Ich bin so vernebelt, dass man mich ohrfeigen müsste. Doch niemand tut es. Und so stürze ich mich immer weiter in mein Verderben. Dabei ist es so offensichtlich, dass diese Beziehung niemals von Dauer sein kann.
Urlaub mit Kind?
Obwohl ich alles andere als überzeugt bin, sage ich zu: eine Woche Urlaub mit Birte und ihrem Sohn auf einer deutschen Insel. Vielleicht ist das ja die Chance, die Beziehung in die richtige Bahnen zu lenken. Vielleicht aber auch der Anfang vom Ende. Eine Katastrophe mit Ansage. Irgendwie geht das alles zu schnell. Oder ich bin einfach zu langsam für diese Beziehung.
Spaghetti Desaster
An einem späten Sonntagnachmittag im Mai machen Birte und ich einen Spaziergang. Alles scheint normal, bis sie meint, dass wir, wenn wir zurück sind, Spaghetti Bolognese machen. „Wir“ bedeutet für mich zu diesem Zeitpunkt, dass sie in der Küche steht und kocht, während ich sie zuquatsche oder faul im Wohnzimmer abhänge. Als sie mir dann erklärt, dass ich das Essen zubereiten soll, während sie die Wohnung aufräumt, halte ich das für einen Scherz. Leider ist es ihr voller Ernst.
Kaum zu Hause angekommen, wirbelt Birte putzend durch die Wohnung, während ich leicht überfordert in der Küche stehe. Nicht, dass Spaghetti Bolognese eine große Herausforderung für den Durchschnittsbürger wären, doch nachdem ich mich sechsunddreißig Jahre erfolgreich vor solchen Aktionen gedrückt habe, bin ich etwas irritiert. Die Bolognese gelingt mir erstaunlich gut. Die Spaghetti hingegen weniger: Zum einen, weil ich für zwei Personen die komplette 500-Gramm-Packung in den Topf werfe, zum anderen, weil ich sie völlig zerkochen lasse. Woher soll ich auch wissen, dass man die Dinger rechtzeitig aus dem Wasser holen muss? Ich gehöre einfach nicht in die Küche.
Als Birte schließlich vorschlägt, dass wir im Winter gemeinsam einen Kochkurs belegen, finde ich das ehrlich gesagt etwas beunruhigend. Es gibt schließlich eine Vielzahl an Fertiggerichten, die sich mühelos und in Rekordzeit zubereiten lassen.
Und außerdem ist der Winter noch weit weg, da kann noch verdammt viel passieren.
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das hier so lange gut geht.
Zelten? Ich hasse Zelten
Das letzte Mal gezeltet habe ich vor über dreißig Jahren. Keine Ahnung, ob es mir damals gefallen hat. Jedenfalls hatte ich seitdem niemals das Bedürfnis, das noch einmal zu tun. Warum auch? Es ist unbequem, es krabbeln Insekten an einem rum, es gibt keine Badewanne, keine Matratze und meist auch keine anständigen sanitären Anlage. Was also soll daran schön sein? Zum Glück musste ich mich mit all dem auch nie beschäftigen. Bis heute.
Birte fragt mich plötzlich, wann wir denn zelten gehen. Ich merke sofort, dass sie es ernst meint und dass „Nein“ keine mögliche Antwort ist. Ich versuche ein paar Einwände, doch das hätte ich mir sparen können. Scheinbar hat sie längst beschlossen, dass Zelten auch für mich etwas Feines ist. Ort und Zeit stehen ebenfalls schon fest: im August, irgendwo in Holland. Den Namen des Ortes vergesse ich sofort wieder.
Und weil wir gerade dabei sind, bekomme ich auch gleich noch Styling-Tipps. Mein Outfit sei nicht locker genug, meint sie, und ich solle demnächst mal eine ¾-Hose tragen. Welcher Mann trägt denn unvollständige Hosen? Ich finde nicht, dass ich solch ein Kleidungsstück benötige. Ich bin schließlich ein Spießer, kein durchgeknallter Teeny. Ich will keine ¾-Hose. Da könnte ich mir gleich ein Röckchen anziehen. ¾-Hosen für Männer sind lächerlich.
Abendlicher Terror
Da ich immer öfter den Abend bei Birte verbringe, ist es logisch, dass ihr Sohn auch mal da ist, da sie ihn nicht ständig irgendwo anders lassen kann. Heute ist es besonders anstrengend. Der Kleine will nicht schlafen, kommt immer wieder zu uns ins Wohnzimmer. Vermutlich normal, aber natürlich nervt es auch. Warum Birte allerdings so reagiert, wie sie reagiert, kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe keine Ahnung von Kindererziehung, aber das hier gefällt mir nicht.
Ich versuche zu beschwichtigen, aber es klappt nicht. Irgendwann wird es ihr zu viel, sie schnappt den kleinen Kerl, bringt ihn raus auf den Balkon und schließt die Tür. Er klopft eine Weile so heftig gegen das Fenster, dass ich fürchte, die Scheibe hält es nicht aus. Wir sollen ihn ignorieren, was mir schwerfällt. Ich will Lösungen, aber hier gibt es keine.
Irgendwann beruhigt er sich. Später darf er rein und ins Bett. Das ist alles nicht richtig, aber was weiß ich denn schon? In meinem Kopf entwerfe ich Pläne, wie ich so etwas künftig verhindern kann. Dabei gibt es nur eine Lösung: das Weite suchen..
Ausflug nach Hohensyburg
Ein weiteres Beispiel ihrer völligen Überforderung erlebe ich ein paar Tage später während eines Ausflugs nach Hohensyburg. Der Kleine hat keine Lust, sie maßregelt ihn, und mir kommt das wieder komplett falsch vor. So kann Kindererziehung doch nicht funktionieren.
Wir versuchen Minigolf. Ich versuche nett zu sein, aber er will partout nicht. Schließlich brechen wir das Ganze ab. Sie schnappt ihn sich, zerrt ihn ein paar Meter weg und hält ihm eine Rede. Das ist doch krank. Was mache ich hier nur? Wie kann ich helfen?
Bis zum Ende des Ausflugs ist die Stimmung im Eimer. Niemand fühlt sich wohl. Und es missfällt mir, dass nur der Kleine dafür verantwortlich sein soll.
Doppelte Vogelscheiße
Zur Abwechslung gehen Birte, ihr Sohn und ich im Road Stop eine Kleinigkeit essen. Kaum habe ich meine Mahlzeit verspeist, scheißt mir ein Vogel direkt auf den Kopf. Ich finde das gar nicht köstlich, rege mich aber nicht weiter auf, da so etwas ja Glück bringen soll. Wenige Augenblicke später landet der nächste Schuss, diesmal direkt auf dem Tisch. Jetzt habe ich keine Lust mehr. So viel Glück und Scheiße zugleich halte selbst ich nicht aus. Ich beschließe, dass es an der Zeit ist, den Ort der scheißenden Vögel zu verlassen.
Eine Art Familienausflug
An einem Sonntagnachmittag fahre ich mit Birte und ihrem Sohn in den Westfalenpark. Dort ist es unfassbar voll, und wir müssen etliche Meter vom Parkplatz bis zum Eingang laufen. Da an dem Eingang direkt am Parkplatz zu viele Menschen anstehen und ich kein Bürger der guten alten DDR bin, verweigere ich mich selbstverständlich der Warteschlange, womit sich der lange Fußmarsch erklären lässt.
Im Park gönnen wir uns zunächst eine Fahrt mit der Seilbahn. Ein kurzes Vergnügen. Danach schauen wir uns den Trödelmarkt, oder was auch immer es ist, an. Statt gewöhnlichem Trödel gibt es dort Rosentrödel. Es ist wohl der Tag der Rose. Überall Blumen und andere Dinge, die wohl keiner braucht. Solche Trödelei macht hungrig, also entscheiden wir uns für eine Zwischenmahlzeit. Es gibt fettige Pommes und für mich eine leicht verkohlte Bratwurst. Ich mag verkohlte Bratwürstchen nicht.
Während unseres weiteren Rundgangs darf ich das Spielzeug ihres Sohnes, einen großen Geländewagen, tragen. Eine völlig neue Erfahrung. Zur Belohnung bekomme ich ein Eis. Zeit, über all das nachzudenken, bleibt nicht, denn es wird spät und wir reisen ab. Doch der Sonntag ist noch nicht vorbei.
Am Abend befinde ich mich, völlig überraschend, mit Birte, ihrer Freundin und drei Kindern auf einem Kinderspielplatz, und bin abermals erstaunt, was einem so alles passieren kann. Kaum habe ich die Situation einigermaßen verkraftet, ändert sie sich auch schon wieder. Birte und ihre Freundin wollen kurz verschwinden und lassen mich mit den Kindern zurück. Ich bestelle mir noch ein belegtes Brot und schon bin ich mit zwei kleinen Kindern alleine auf einem Spielplatz, da Kind Nummer drei sich zwischenzeitlich aus dem Staub gemacht hat. Irgendwie unheimlich.
Weil ich nicht weiß, was man mit kleinen Kindern auf einem Spielplatz tut, fordere ich die beiden auf, den Ball zu holen. Ich darf oder muss mitspielen. Zum Glück sind sie friedlich, und ich muss nicht maßregelnd eingreifen. Nach einiger Zeit kehren die Mütter zurück, wir ziehen weiter in den Garten der Freundin, und ich bekomme mein belegtes Brot. Als der Abend schließlich endet, habe ich immer stärker das Gefühl, dass das alles so nicht wirklich passt.
Kindergarten
Es ist das erste Mal, dass ich bei Birte übernachtet habe, während am Morgen ihr Sohn in den Kindergarten muss. Er sitzt am Tisch, Birte ist beschäftigt, und ich setze mich zu ihm. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, mit Kindern kenne ich mich gar nicht aus. Vielleicht ist meine eigene Unreife in diesem Fall ein Segen, denn der Kleine ist vergnügt. Wir plaudern, und er möchte, dass ich ihn in den Kindergarten bringe. Das ist überraschend, so soll es sein.
Später bringen wir ihn gemeinsam hin. Für mich ist alles unproblematisch und harmonisch, so wie ich es am liebsten mag. Als wir zurück sind, erzählt Birte, dass es morgens normalerweise nicht so entspannt ist, dass es meistens Stress gibt und ihr Sohn sonst nie so gut drauf ist. Deswegen, so sagt sie, sei sie eifersüchtig.
Da fällt mir nichts zu ein. Ehrlich gesagt erscheint es mir befremdlich. Sollte sie sich nicht freuen, dass es so problemlos funktioniert hat? Stattdessen ist sie eifersüchtig, weil der Kleine mich wohl mag. Diese Frau hat viele Probleme. Sie sollte vielleicht mal einen Arzt aufsuchen.
Streit
Wir liegen im Bett und reden über Filme. Irgendwann kommen wir auf Hostel zu sprechen, den sie „krank, furchtbar und verstörend“ findet. Ob ich ihn gesehen habe, fragt sie. Habe ich. Wie ich ihn fand? „Gar nicht schlecht. Bisschen krank, aber spannend.” Das hätte ich besser nicht sagen sollen, denn nun dreht sie komplett am Rad. Was ich denn für ein Mensch sei. Das ist doch nicht normal. Und so einem vertraue sie ihrem Sohn an.
Sie kriegt sich gar nicht mehr ein. Ich versuche zu erklären, dass es nur ein Film ist. – eine Fiktion, die zeigt, wozu Menschen fähig sein können. Aber nicht jeder, der so etwas interessant findet, ist gleich ein gefährlicher Psychopath. Wie so oft ist sie für Argumente oder meine Meinung nicht empfänglich. Sie tobt weiter, bis ich sage, dass die Diskussion nhier endet, da wir nicht auf einen Nenner kommen. Sie bleibt empört und hält mich für gestört. Das bin ich auch, aber auf eine andere Art.
Ich sage ihr, dass ich besser gehe. Weiteres Blabla, dann steht sie auf und geht in die Küche, weil sie mit „so einem wie mir“ nicht in einem Bett liegen kann. Also ziehe ich mich an, weil das alles zu krank für mich ist. Als ich an der Küche vorbeigehe, fragt sie, was ich mache. Ich erkläre, dass es ihre Wohnung ist, und dass ich gehe, wenn sie nicht mit mir in einem Bett liegen kann.
Anstatt einfach zu gehen, bleibe ich stehen und höre mir ihre kranken Ausführungen weiter an. Es wirkt, als wolle sie mich provozieren. Ich kenne solche Situationen. Es gibt Frauen, die treiben es so weit, bis der Mann ausrastet und sie schlägt. Sie erklärt mir weiter, wie krank und gestört ich bin. Und was mache ich Idiot? Ich erkläre ihr nun, wie gestört sie ist..
Ich halte einen vernichtenden Monolog, in dem ich nichts auslasse – ihr ganzes Verhalten, ihre Eifersucht, weil ihr Sohn wollte, dass ich ihn in den Kindergarten bringe. Sie schweigt. Endlich schweigt sie mal. Ich schreie sie nicht an, aber das muss ich auch gar nicht. Vermutlich hätte ich nicht halb so viel Schaden angerichtet, wenn ich sie geohrfeigt hätte. Als ich fertig bin, gehe ich und ärgere mich sofort, dass ich nicht früher gegangen bin. Warum habe ich mich überhaupt hinreißen lassen? ihr ganzes Verhalten, ihre Eifersucht, weil ihr Sohn wollte, dass ich ihn in den Kindergarten bringe.
Ich bin erst wenige Meter gefahren, da klingt das Telefon. Birte. Natürlich. Und natürlich mache ich den nächsten Fehler und gehe ran. Sofort redet sie auf mich ein. Blabla. Sie kann nicht schlafen, wegen des Streits. Weiteres Blabla. Ich erkläre, dass ich nicht zurückkommen kann, führe überzeugende Argumente an, klinge vielleicht sogar souverän. Trotzdem kehre ich um, weil sie mir leid tut. Und weil ich offensichtlich auch nicht viel besser bin als sie. Das ist eine wirklich, wirklich kranke Beziehung. Und ich habe es nicht unter Kontrolle.
Wir reden kurz, gehen ins Bett. Sie sagt, dass ich sie völlig auseinandergenommen habe mit meinen Worten. Eine meiner großen Stärken. Die totale Vernichtung mit Worten. Es ist mir bewusst, doch ich sage nichts. Ich mag diese Seite von mir nicht. Noch weniger mag ich es, dass ich mich habe hinreißen lassen. Wir versuchen zu schlafen. Es ist keine schöne Nacht. Aber eine, die Spuren hinterlässt.
Ich habe gar keine Beziehung
Eine Weile sind wir noch zusammen. Ich rede mir ein, dass es schon wieder wird. Aber ich kann mir mein Verhalten nicht vergeben, und sie vermutlich auch nicht, denn wenige Tage später sehe ich Birte zum letzten Mal. Ein normaler Wochentag endet mit einer scheinbar normalen Verabschiedung, die allerdings auch das Ende unserer Beziehung bedeutet.Dummerweise sagt sie mir nichts davon, und so glaube ich in meiner totalen Naivität, dass wir noch immer zusammen sind.
Erst Tage später antwortet sie auf meine SMS. Später ruft sie mich an, um mir mitzuteilen, dass sie beruflich und privat dermaßen viel um die Ohren hat, dass einfach keine Zeit für eine Beziehung bleibt, und dass meine Nachrichten einfach nur nerven. Wenn ich nicht so verwirrt wäre, würde ich sie für diesen Blödsinn maßregeln oder wenigstens für verrückt erklären.
Stattdessen versuche ich, vollkommen durcheinander, diese Beziehung, die nie zu retten war, zu retten. Am Ende stellt sie zwar noch ein letztes Treffen in Aussicht, aber wirklich daran glauben kann ich nicht. Ich bin allerdings in einem Zustand, in dem ich unbedingt daran glauben will. Trotzdem hoffe ich, wie ein kleiner Schwachkopf, sie noch einmal wiederzusehen.
Ein letztes Gespräch
Beziehungstechnisch habe ich einen neuen Tiefpunkt erreicht. Ich habe wohl den Verstand verloren. Weil Birte sich nicht bei mir meldet, ich aber weiter an das in Aussicht gestellte Treffen glaube und es mir miserabel geht, schreibe ich ihr weitere SMS und Briefe, versuche sie telefonisch zu erreichen. Ich mache mich zum Deppen, benehme mich wie ein Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat, anstatt mir ein neues zu suchen. Aber ich kann nicht anders, weil ich halt den Verstand, zumindest aber die Kontrolle über mein Handeln, verloren habe.
Als ich sie nach einiger Zeit endlich telefonisch erreiche, werde ich beschimpft. Sie sagt, sie sei Mutter, habe einen Beruf. Und dass ich als Arbeitsloser, der den ganzen Tag Zeit hat, das nicht verstehen kann. Außerdem hat sie die Schnauze voll, ständig von mir belästigt zu werden. Ich mag ihr zweites Gesicht nicht, aber dieses Gespräch bringt mich endlich wieder zur Vernunft. Ich erkenne: Sie ist eine kranke, völlig durchgeknallte Frau, die meinen Verstand nur vorübergehend betäubt hat. Warum hat sie mich nicht schon viel früher beschimpft? Dann wären uns meine dummen Aktionen erspart geblieben. Wie ein Glas kaltes Wasser mitten ins Gesicht. Genau was ich gebraucht habe, um mich wieder unter Kontrolle zu haben.
Vielleicht sollte ich künftig wieder auf meinen Verstand hören und mich nur noch in weniger kranke Frauen verlieben – oder diesen ganzen verwirrenden Gefühlskram einfach lassen. Jedenfalls habe ich meine Lektion gelernt. So etwas wird mir nie wieder passieren. Ein zweites Mal werde ich mich nicht so zum Trottel machen. Denn wenn so etwas nochmal passiert, bin ich für immer verloren, nur noch eine lächerliche Karikatur meiner Selbst.
Aber vermutlich finde ich ohnehin andere Wege, mich lächerlich zu machen. Schließlich bin ich ein Mann.
Vielleicht muss man einmal so eine Situation durchmachen, um sich weiterzuentwickeln.
Krasse Geschichte – war sicher nicht einfach. Aber es stimmt schon, wenn man „die rosarote Brille“ auf hat, sieht man das wesentliche nicht (mehr).
Aber es ist sehr „amüsant“ und kurzweilig geschrieben – ich mag deinen Schreibstil !
Nein, war nicht einfach. Aber ich denke auch heute noch, dass es eine wichtige Erfahrung war.
Danke. Freut mich, dass es Dir gefallen hat.