2023 – 09.25
Ich erinnere mich daran, wie sie vor ein paar Monaten zum ersten Mal bei uns war, um an der Maßnahme teilzunehmen. Sie trug ein gelbes Sommerkleid und zeigte viel ihrer braungebrannten Haut. Trotz der Tattoos, für die ich mich nie begeistern konnte, ein schöner Anblick.
Nun ist Teilnehmerin 11, die mit ihrer entzückenden Optik überzeugt, zurück. Da ich damals ihr Coach war, ist Jörg nun an der Reihe, weil wir das so geregelt haben und Jörg sich schon lange darauf gefreut hat, sie betreuen zu dürfen.
Kaum ist sie da, fragt sie mich, warum nicht ich sie betreue. Ich erkläre ihr, dass der Platz bei Jörg frei war und er deshalb ihr Coach ist. Ihm sagt sie mehrfach, dass sie mich mehr mag und lieber zu mir will. So bleibt ihm keine andere Wahl, als zu sagen, dass sie zu mir gehen soll. Wenig später sitzt sie bei mir und fragt, ob sie bis zum Ende ihrer Maßnahme bei mir bleiben darf.
Wenn eine attraktive Frau, die auch noch gut riecht, zu mir will, kann ich leider nicht nein sagen. Also ändere ich einen ihrer Termine und teile Teilnehmer 2, der eigentlich ab morgen bei mir sein sollte, für Jörg ein. Ich glaube zwar, dass Teilnehmerin 11 bei Jörg in besseren Händen wäre, aber sie hat sich entschieden und muss nun die Konsequenzen tragen, während ich ihren Duft einatmen darf. Dabei wollte ich eigentlich keine Frauen mehr betreuen. Irgendwie habe ich das nicht im Griff.
Als sie mal wieder zu spät kommt, sage ich ihr, dass sie dementsprechend heute länger bleiben muss, was ihr gar nicht gefällt. Das kann ich nicht ändern, denn es gibt Regeln. Jörg sagt ihr, dass sie sich das selbst zuzuschreiben hat, denn sie wollte ja unbedingt zu mir. Bei ihm kostet Zuspätkommen einen Kaffee oder Cappuccino, dann ist das Thema erledigt. Nun will sie unverzüglich wieder von Jörg betreut werden, was ich ablehne. Hier wird nicht täglich der Coach gewechselt, wie es einem gerade passt, und ich bekomme zu hören, dass sie mich so nicht in Erinnerung hat und ich früher viel weniger streng gewesen sei. Da kann ich ihr nicht helfen: Ihre Coachwahl, ihr Problem.
Später benötigt sie Hilfe bei einer Bewerbung. Ich hocke neben ihrem Platz und rede Unsinn, um sie und mich zu unterhalten. Keine Ahnung, was ich sage, aber plötzlich umarmt sie mich und legt ihren Kopf an meinen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, unternehme auch nichts dagegen, denn sie riecht gut, und so oft werde ich nicht mehr von attraktiven Frauen umarmt. Dennoch finde ich die Situation befremdlich und glaube nicht, dass das professionell ist, was sich hier abspielt. Aber sie ist irgendwie entzückend, und ich mag das.
Wenig später darf sie gehen und einem Arbeitgeber ihre Bewerbungsunterlagen bringen. Als sie zurück ist, besucht uns auch ihr Freund, der schon früher ständig hier auf sie gewartet hat. Außerdem hat sie Jörg einen Kaffee mitgebracht. Es ist unglaublich, wie oft ihm jemand Kaffee mitbringt. So ein Kaffee kostet mindestens 2,50€, doch irgendwie schafft er es, regelmäßig ein Getränk serviert zu bekommen. Was das angeht, habe ich erhebliche Defizite.
Der Freund von Teilnehmerin 11 setzt sich brav in den Vorraum, während sie beklagt, dass sie heute länger bleiben muss. Als hätte ich das zu verantworten, und der Kaffee hat ihr da auch nicht weitergeholfen. Nachdem sieben Bewerbungen erstellt worden sind, die ich natürlich allesamt für sie geschrieben habe, wird sie immer ungeduldiger, weil sie nichts mehr zu tun hat und keine Stellen mehr findet. Außerdem sitzt ihr Freund im Vorraum, was sie noch hibbeliger macht, als sie ohnehin schon ist. So kann ich nicht arbeiten, weshalb ich ihr die Aufgabe gebe, unverzüglich drei Bewerbungen persönlich bei den Arbeitgebern abzugeben. Es bringt ja nichts, wenn sie hier nur rumquengelt. Das halte ich nicht aus.
Die Telefonnummer
Knapp fünf Monate nachdem sie uns verlassen hat, kommt Teilnehmerin 11 mal wieder vorbei, um zu schauen, wie es hier läuft. Das macht sie in unregelmäßigen Abständen, seit sie damals einen Job angenommen hat und unsere Hilfe nicht mehr benötigt.
Wir plaudern ein wenig, und am Ende des Gesprächs fragt sie nach meiner Telefonnummer, weil sie ab und zu mal nachfragen möchte, wie es mir geht. Man soll Berufliches und Privates trennen, also kann ich ihr die Telefonnummer nicht geben. Ich gebe sie ihr trotzdem, weil sie zu attraktiv ist und ich bei attraktiven Frauen nur schlecht nein sagen kann.
Sie will mich demnächst auf einen Kaffee einladen, was grundsätzlich nicht geht, weil ich mich nicht mit ehemaligen Teilnehmerinnen treffen sollte und außerdem gar keinen Kaffee mag. Andererseits ist es sicher gut für mein Ego, wenn ich mit einer Frau, die 15 Jahre jünger ist, Zeit verbringe.
Umarmung der Woche
Nachdem sie vor fünf Monaten meine Telefonnummer wollte, aber nie angerufen hat, kommt sie wieder ins Büro, um etwas auszudrucken. Da sie heute besonders gut riecht, kann ich natürlich nicht nein sagen. Vermutlich gehört sie zu den Frauen, bei denen mir ein Nein schwerfällt.
Es ist offensichtlich, dass es ihr nicht gut geht, und auf meine Frage, wie es ihr geht, kann sie nur mit Mühe ihre Tränen unterdrücken. Ich hocke mich neben sie, und sie erzählt ein wenig von ihren Problemen. Dabei legt sie ihre Hand auf meine, was mir durchaus gefällt, aber eigentlich nicht geht. Doch weil es ihr so schlecht geht, und sie so gut riecht, ziehe ich meine Hand nicht zurück. Nach einer Weile und weil ich eh nicht helfen kann, widme ich mich wieder meiner Arbeit, während sie ihre Sachen packt. Als sie fertig ist, steht sie auf, bedankt sich und sagt, dass sie mich gerne umarmen würde. Ich will die Situation nicht ausnutzen, kann zu einer Umarmung aber nicht nein sagen. Also kommt sie zu mir, ich stehe auf, und wir umarmen uns.
Obwohl ich nicht so der Umarmer bin, muss ich aufpassen, dass ich sie nicht zu lange festhalte, denn sie riecht nicht nur gut, sie fühlt sich auch gut an. Außerdem geht es ihr nicht gut, das darf ich nicht zu meinem Vergnügen ausnutzen. Vielleicht bin sogar ich derjenige, der die Umarmung nötiger braucht, aber das würde ich nie zugeben.
Meine Unprofessionalität wird langsam bedenklich, dennoch schaffe ich es, die Umarmung nicht zu lange dauern zu lassen, was zwar schade, aber alternativlos ist. Wenige Augenblicke später ist sie fort, und nur ihr Geruch und meine Verwirrung bleiben zurück. Vom Jobcoach zum Seelentröster scheint der Weg kürzer zu sein, als ich dachte.
Obwohl ich mir durchaus wünsche, dass sie bald wiederkommt, hoffe ich doch, dass sie es nicht tut, denn so kann ich nicht ordnungsgemäß arbeiten und gefährde meinen guten Ruf. Das mit dem „guten Ruf“ ist natürlich Quatsch, aber so kann es auf keinen Fall weitergehen. In Zukunft nenne ich sie nur noch Umarmerin.
Es ist der letzte Tag im Februar 2024, 15.30 Uhr. Wie fast jeden Donnerstag besucht mich Frau P., um zu quatschen oder weil sie Hilfe braucht. Außerdem ruft sie fast täglich an, um zu erzählen, was ihr wieder passiert ist. Heute wollen wir eine Mail an die Wohnungsgesellschaft und einen Brief an die LWL-Klinik schreiben. Wir haben gerade mit der Mail begonnen, als es klingelt. Ich erwarte niemanden und habe in zwanzig Minuten Feierabend.
Ordnungsgemäß gehe ich zur Tür und erkenne, dass eine Frau vor der Tür steht, aber zunächst nicht, wer es ist. Als ich die Tür öffne, erkenne ich die Umarmerin und bin erfreut. Sie fragt, ob ich etwas Zeit habe, um ihr zu helfen. Jetzt habe ich schon zwei junge Frauen hier, die meine Hilfe benötigen, offiziell aber längst keine Teilnehmerinnen mehr sind. Eigentlich darf ich das nicht, aber vielleicht leide ich unter einem Helfersyndrom oder kann nur schwer Nein sagen. Vielleicht auch beides.
Ich bitte sie herein und erkläre, dass sie kurz warten muss, weil ich erst Frau P. helfe. Die Umarmerin geht direkt hinter meinen Schreibtisch, zieht sich einen Stuhl heran und beginnt mit ihren Unterlagen. Ich hatte zwar gedacht, sie würde sich an einen der Teilnehmerplätze setzen, doch so kann ich ihren wundervollen Duft viel besser inhalieren. Ich helfe abwechselnd Frau P. bei der Mail und der Umarmerin beim Ausfüllen. Die Umarmerin legt ihre Hand auf meinen Arm und bedankt sich. Da ich lernfähig bin, zumindest gelegentlich, lege ich anschließend meine Hand auf ihren Arm und sage, dass ich mich kurz um Frau P. kümmere und gleich wieder Zeit für sie habe. Zwei Frauen zugleich glücklich zu machen, war noch nie meine Stärke. Deshalb einigen Frau P. und ich uns, den Brief nächste Woche zu schreiben, und sie verabschiedet sich.
Nachdem sie alles ausgefüllt hat, druckt die Umarmerin ihre Unterlagen aus. Ich sage ihr, dass sie wieder ganz wunderbar riecht und frage nach ihrem Parfum. Das weiß sie nicht, sie hat einfach zu viele Parfums. Sie freut sich jedenfalls, dass ich ihren Duft mag. Es ist allerdings nicht nur ihr Duft, den ich mag.
Dann ist es Zeit für den Abschied. Sie packt ihre Unterlagen zusammen und teilt mir mit, dass sie diese jetzt direkt zur Anwältin bringt, und fragt, ob ich nach Feierabend Lust auf einen Kaffee hätte. Eigentlich habe ich zig Gründe, nein zu sagen: Ich trinke keinen Kaffee, muss zur Toilette, fahre normalerweise direkt nach Hause, und das Coupé muss gewaschen werden. Außerdem esse ich zu festen Zeiten. Während mir all diese Argumente durch den Kopf gehen, höre ich mich „ja“ sagen. Sie freut sich und ich wundere mich, denn ich treffe mich nicht mit fremden Frauen. Damit habe ich vor vielen Jahren aufgehört.
Etwa fünfzehn Minuten später treffen wir uns vor einer Bäckerei. Immer noch verwirrt bestelle ich meinen ersten Kaffee seit Jahren – klein, schwarz, ohne Firlefanz. Sie bestellt einen großen und sagt: „Ich bezahle und sie setzen sich hin. Großartig, denn ich liebe es, wenn Frauen für mich bezahlen. Während ich sitze und in Gedanken schwelge, bringt sie mir Kaffee. Herrlich, sie zahlt nicht nur, sie bedient mich auch. Nachdem sie ihren Kaffee geholt und sich gesetzt hat, beginnt sie zu erzählen. Wie schlecht es ihr derzeit geht, wegen ihrem Ex-Freund, und wie gut es ihr tut, wenn sie mal mit jemandem reden kann. Es ist offensichtlich, wie sehr sie das alles mitnimmt; sie wirkt gealtert und sieht fertig aus. Erschreckend, und das alles wegen eines Mannes mit Minderwertigkeitskomplexen. Mein Redeanteil liegt bei etwa zehn Prozent. Mehr habe ich auch nicht zu erzählen. Ich bin in etwa so unterhaltsam wie ein abgeknickter Grashalm am Straßenrand. Am Ende des Gesprächs lässt der Jobcoach in mir dann allerdings noch ein paar Weisheiten zum Berufsleben auf sie niederprasseln.
Zum Abschied sagt sie, dass wir gerne öfter Kaffee trinken können. Ohne weiter nachzudenken, stimme ich zu. Sie umarmt mich, definitiv länger als beim ersten Mal, legt ihren Kopf an meinen und ich muss echt aufpassen, Distanz zu wahren, denn die Umarmung gefällt mir gut und könnte von mir aus viel länger dauern.
Die Umarmerin holt etwas ab
Einen Tag nach unserer Umarmung schreibt die Umarmerin eine Mail und bittet mich, den Anhang für sie auszudrucken. Natürlich kann ich das und antworte, dass sie den Ausdruck gerne später abholen kann.
Etwa drei Stunden später ist sie da. Ich reiche ihr den Ausdruck, sie bedankt sich, gibt mir die Hand und verabschiedet sich wieder. Heute braucht sie offensichtlich weder einen väterlichen Rat noch eine Umarmung.
Die Umarmerin bringt einen Mann mit
Einen schlechteren Zeitpunkt hätte die Umarmerin kaum wählen können, denn in einer Minute beginnt die Besprechung mit unserem Chef, drei Mitarbeitern des Jobcenters und der Vergabestelle zum Start der neuen Maßnahme. Dennoch öffne ich ihr die Tür und lasse sie herein. Zu meiner Überraschung hat sie einen Mann dabei, der optisch durchaus ihren Ex-Freunden ähnelt. Vermutlich Ihr neuer Freund. Er gehört scheinbar auch zur stillen Sorte und sagt nicht mehr als ein kurzes „Hallo”.
Ich gebe der Umarmerin die übliche Kopie, doch sie möchte zusätzlich etwas mit mir ausfüllen. Heute ist das unmöglich, sage ich ihr, was sie schade findet. Außerdem wollte sie mit mir Kaffee trinken. Kaffee mit der Umarmerin und ihrem neuen Freund, möglicherweise interessant, aber im Moment unmöglich. Ich biete ihr an, dass sie heute nach Feierabend oder morgen wiederkommen kann, um die Unterlagen mit mir zu erledigen. Dabei fällt mir auf, dass ich sie mehrfach duze. Als väterlicher Freund darf man das vermutlich, doch anschließend sieze ich sie wieder und tue so, als hätte ich sie nie geduzt. Da ich keine Zeit mehr habe, verabschiede ich mich von den beiden und gehe zurück zur Besprechung.
Da sie in der Woche nicht mehr auftaucht, gehe ich davon aus, dass sie die Formulare auch ohne meine Hilfe ausgefüllt hat. Ich bin gespannt, wann – und mit wem – sie mich das nächste Mal besuchen wird.
Die Umarmerin fragt erneut nach meiner Telefonnummer
Im Mai 2024 schreibe ich der Umarmerin eine Mail und frage, wie sich einer unserer Teilnehmer am besten bei dem Unternehmen bewerben soll, in dem sie arbeitet. Ihre Antwort: Sie habe eine neue Telefonnummer und meine Nummer nicht mehr. Ob ich sie ihr geben könne, damit sie mich künftig per WhatsApp anschreiben kann. Da ich ihr meine Nummer schon im letzten Jahr gegeben habe, kann ich auch diesmal nicht nein sagen und teile sie ihr erneut mit. Weil ich ein grenzenloser Träumer und Romantiker bin, schreibe ich sogar dazu, dass ich mich freue, von ihr zu hören. Wird sie ihren väterlichen Freund dieses Mal kontaktieren oder warte ich erneut vergebens auf eine Nachricht von ihr?
Kaum zwei Stunden später ruft sie im Büro an. Meine Mail hat sie da noch gar nicht gelesen. Sie ist unterwegs und teilt mir am Telefon im Grunde dasselbe mit, was sie bereits in der Mail schrieb. Sie klingt angeschlagen, erzählt ein wenig, warum es ihr nicht gut geht, und sagt, dass sie, wenn sie es schafft, später noch vorbeikommen will. Vielleicht braucht sie etwas Aufmunterung und ein paar optimistische Worte von ihrem väterlichen Freund. Ich kann das, denn ich bin ein empathischer Coach voller Weisheiten, der obendrein gut zuhören kann. Es kann aber auch alles ganz anders sein.
Wenig überraschend schafft sie es nicht, ihren väterlichen Freund im Büro zu besuchen.
Die Umarmerin ruft an
Zwei Tage später, ich bin gerade dabei, mir eine Mahlzeit zuzubereiten, klingelt das Telefon. Ordnungsgemäß melde ich mich: „Hallo!” – „Hallo, Herr DrSchwein, hier ist Frau Umarmerin.” – „Ich weiß.“ Eine meiner Standardantworten, die nicht immer gut ankommt. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie vorgestern nicht ins Büro gekommen ist. Sie ist gerade erst zurück von ihren Terminen und erklärt ausführlich, warum es so spät geworden ist. Nachdem sie alles erzählt hat, fragt sie, ob ich während meines ganzen Urlaubs verreist sein werde. „Nein, nur ein paar Tage.“ – „Das ist gut, dann können wir ja zusammen Kaffee trinken. Es gibt viel zu erzählen. Sie können zu mir kommen. Ich kann aber auch zu Ihnen kommen.” Ohne weiter nachzudenken, sage ich ja. Sie erzählt weiter, weil sie viel auf dem Herzen hat. Ich höre zu und zwischendurch stelle ich sogar Fragen. Dabei frage ich mich, weil ich mich ständig irgendwas fragen muss, warum sie ausgerechnet mich als väterlichen Freund ausgewählt hat. Dann fällt mir die Antwort ein, und ich verleihe mir direkt den passenden Titel: DrSchwein, der Verständnisvolle. In den nächsten Tagen werde ich darüber nachdenken, wie gut mir der Titel gefällt.
Zum Ende des Gesprächs weist sie mich darauf hin, dass ich nun ja ihre Nummer habe und mich ruhig melden kann. Oder soll. Ich bin gedanklich nicht ganz bei der Sache und eh der passive Typ, der wartet, bis andere sich melden. Und was bedeutet eigentlich „Ich komme zu ihr oder sie zu mir”? Nach Hause oder in eine Lokalität am jeweiligen Wohnort? Da es bei mir keinen Kaffee gibt, wird es wohl auf Letzteres hinauslaufen.
Ein paar Tage später vereinbaren wir ein Treffen.
Die Umarmerin will heiraten
Fast zeitgleich kommen wir an der Persiluhr an, was ich sehr schätze. Auch heute weiß die Umarmerin optisch zu gefallen, was ich ebenfalls schätze. Die Begrüßung fällt etwas verhalten aus; wir geben uns die Hand. Vielleicht ist unsere Zeit des Umarmens längst vorbei. Ich kenne mich da nicht so aus, weil ich nicht so der Umarmer bin, obwohl es bei manchen Frauen durchaus angenehm war, sie zu umarmen.
Es ist voll, Kirmes und Feiertag zugleich. Glücklicherweise übernimmt die Umarmerin schnell die Gesprächsführung. Wir finden einen Platz im Casa del Gelato, direkt neben dem Kinderkarussell, und bestellen etwas zu trinken. Ihr Redeanteil liegt bei mindestens 80 Prozent, was ich ganz wunderbar finde. Ein Arbeitskollege, inzwischen auch ihr Freund, hat ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie hat natürlich ja gesagt. Das ist vermutlich vernünftig, vielleicht aber auch nicht. So etwas kann ich einfach nicht beurteilen. In ihrem Fall hat es jedenfalls dazu geführt, dass es ihr nun wieder gut geht. Also erstmal alles richtig gemacht.
Die beiden planen, in absehbarer Zeit wegzuziehen, weshalb es gut sein kann, dass nicht mehr viele dieser Treffen folgen werden. Das ist schade, denn es ist für mich durchaus angenehm, Zeit mit ihr zu verbringen. Obwohl wir uns gelegentlich versehentlich duzen, bleiben wir beim Sie. Sie weist mich darauf hin, dass ich sie als ihr ehemaliger Coach nie an ihrem Arbeitsplatz besucht habe. Ich erwidere, dass es natürlich eine echte Enttäuschung ist, ich aber während der Arbeitszeit das Büro nicht länger verlassen darf. „Dann kommen Sie eben nach Feierabend“, sagt sie. Da habe ich keine Argumente mehr, und gleichzeitig verstehe ich, dass ich gar nicht ihr väterlicher Freund bin, sondern immer ihr Coach bleiben werde. Interessant, aber eigentlich auch logisch. Wieso bin ich da nicht schon früher draufgekommen?
Nach etwa einer Stunde ist es Zeit zu gehen. Da sie beim letzten Mal bezahlt hat, übernehme ich es heute, obwohl sie mich wieder einladen wollte. Ich bregleite sie, auf ihren Wunsch, noch zu ihrem Auto. Zum Abschied bekomme ich doch noch eine Umarmung, was ich sehr angenehm finde. Sie bedankt sich, dass ich sie gebracht habe, dann endet unser entspanntes Treffen. Vielleicht war es unsere letzte Umarmung. Vielleicht auch nicht.
Die Umarmerin stellt ihren zukünftigen Ehemann vor
Kaum hat der Arbeitstag begonnen, erreicht mich ich eine Mail von der Umarmerin. Sie bittet mich, zwei Kopien anzufertigen, die sie später abholen wird. Für zwei Kopien sollte ich zwei Umarmungen verlangen, weil Umarmungen gut fürs Immunsystem sind und auch für bessere Laune sorgen können. Weil ich aber ein seriöser Jobcoach bin, verlange ich natürlich nichts.
Als die Umarmerin später die Kopien abholt, bringt sie ihren Freund mit und stellt ihn mir ordnungsgemäß vor. Es ist offensichtlich, welchen Männertyp sie bevorzugt. Aus meiner Sicht könnten das alles Brüder sein. Vermutlich sehen sie, wenn man sie mal zum Vergleich nebeneinander stellen würde, doch ganz unterschiedlich aus. Sie möchte, dass ich ihr demnächst helfe, einen anderen Job zu finden, da die beiden zusammen wegziehen wollen. Ob er dort auch arbeiten wird, weiß ich nicht, gehe aber davon aus, weil sie ja sonst wieder einen Mann finanzieren müsste.
Bevor die zwei sich verabschieden, teilt sie mir noch mit, dass nächste Woche geheiratet wird und schlägt vor, dass wir drei danach zusammen einen Kaffee trinken. Das ist so schräg, dass ich nicht nein sagen kann. Vielleicht werde ich so direkt Teil der Familie. Quasi der Familiencoach. Vor lauter Verwirrung vergesse ich, den beiden zu gratulieren. Ich bin mir aber ohnehin nicht sicher, ob das angebracht wäre. Sie kennen sich erst seit ein paar Wochen. Auf mich wirkt das alles wenig durchdacht und wenig überzeugend. Aber von solchen Beziehungssachen habe ich grundsätzlich keine Ahnung. Darum bin ich auch kein Beziehungscoach geworden.
Die Umarmerin hat geheiratet
Wie angekündigt, hat die Umarmerin zwischenzeitlich geheiratet und wie erwartet, bringt sie ihren neuen Ehemann, wenn sie zu uns kommt, mit. Keine Ahnung, was ich davon halten soll, erkenne aber ein Muster. Auch ihren letzten Freund hat sie ja ständig mitgeschleppt. So etwas finde ich grundsätzlich fragwürdig. Heute erfahre ich, dass beide den gleichen Nachnamen haben, allerdings nicht, wie zunächst vermutet, erst seit der Hochzeit, sondern davor schon. Das ist wahrlich ein merkwürdiger Zufall, vermutlich aber einfach nur Schicksal. Die beiden waren sicher schon immer füreinander bestimmt und haben sich vor kurzem endlich gefunden. Was ich auch interessant finde ist, dass er elf Jahre jünger ist. So jung sieht er eigentlich gar nicht aus, aber ich kann so etwas auch schlecht einschätzen. Für mich sehen die auch nicht aus wie ein frisch verheiratetes Paar. Frisch Verheiratete, so ist es zumindest in meiner naiven Phantasie, sollten glücklicher aussehen. Die beiden reden nur auf Türkisch miteinander und ich weiß nicht, wie gut er eigentlich deutsch spricht. Freundlich ist er aber schon, das kann ich jederzeit bestätigen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das mit den beiden entwickelt und wie oft ich sie hier noch begrüßen darf. Menschen werden mir immer ein Rätsel bleiben. Die Zeit der Umarmungen ist unter diesen Umständen natürlich vorbei und ich bin etwas enttäuscht, dass sie bisher keine Ersatz-Umarmerin mitgebracht hat.
Der Umarmerin geht es nicht gut
Einen Monat nach ihrem letzten Besuch erscheint die Umarmerin ohne ihren Ehemann im Büro. Sie sieht alles andere als glücklich aus. Irgendwie ist das Leben gerade nicht ihr Freund. Sie braucht ein paar Kopien und erzählt, dass sie einen Autounfall hatte und ihr Auto nun ein Totalschaden ist. Auch sonst scheint sie einiges mit sich herumzutragen. Da kann ich als Zuhörer und Ideengeber natürlich prima meinen Senf dazu geben, ohne ihr im Geringsten zu helfen. Da sonst niemand hier ist, habe ich sogar Zeit, ihr einen Tee zu machen. Ein einziges Mal bringe ich sie nur zum Lachen, was natürlich eine schwache Leitung von mir ist. Sie sagt, man müsse auch mal etwas alleine unternehmen, ohne den Partner, und dass es kein Fremdgehen sei, wenn man sich mal mit anderen trifft. Dem stimme ich ordnungsgemäß zu, weil es den Tatsachen entspricht und sie somit Recht hat.
Wir plaudern noch ein paar Minuten, dann muss sie wieder los. Statt einer Umarmung gibt es zum Abschied einen Händedruck, was mich nicht überrascht, aber irgendwie deprimiert. Eine neue Umarmerin hat sie auch nicht für mich, was ich ebenfalls deprimierend finde. Am Freitag will sie nochmal vorbeikommen und mit mir einen Kaffee trinken. Da kann ich natürlich nicht nein sagen, weil ich bei solchen Angeboten grundsätzlich nicht nein sagen kann. Ich bin gespannt, ob sie tatsächlich erscheint. Vielleicht bringt sie ihren Mann mit. Oder wenigstens eine Ersatzumarmerin. Vermutlich wird nichts von alldem passieren, weil sie vor lauter Problemen vergessen wird, dass sie vorbeikommen wollte.
Die Umamerin möchte Kaffee trinken gehen
Am möglicherweise heißesten Tag des Jahres steht plötzlich die erkältete Umarmerin vor der Tür und möchte Kaffee mit mir trinken gehen. Zwei Monate sind seit ihrem letzten Besuch vergangen. Grundsätzlich finde ich Ihre Idee prima, aber ich gehe nicht mit erkälteten Frauen aus. Außerdem sitzt noch ein Teilnehmer bei mir. Natürlich käme der auch eine Weile alleine zurecht und könnte sich notfalls an Jörg wenden, aber der Beruf geht nun einmal vor. So muss die sommerlich gekleidete Umarmerin, die wie immer ein schöner Anblick ist, heute ohne mich Kaffee trinken. Ich biete ihr aber an, dass wir an einem anderen Tag gerne nachholen können, weil ich die Gesellschaft attraktiver Frauen mag. Sie dürfen nur nicht erkältet sein.
Die Umarmerin taucht wieder auf
Vier Monate war sie tatsächlich untergetaucht. Sie brauchte Zeit, um einiges zu verarbeiten, ist noch nicht damit durch, aber wieder zurück, weil sie ein paar Kopien benötigt und ein paar Lebensweisheiten ihres früheren Coaches. Ihre Fröhlichkeit ist ihr offenbar völlig abhandengekommen, und lächeln tut sie auch nicht wirklich.
Irgendwann fragt sie:
„Was haben Sie in den letzten Wochen gemacht?“
„Ich habe Sie vermisst.“
„Sie hätten mich anrufen können.“
„Ich dachte, Sie wollten Ihre Ruhe haben.“
„Stimmt.“
Gute Gespräche kann ich.
Nächste Woche benötigt sie noch einmal meine Hilfe. Sie möchte nämlich den Job wechseln, und da trifft es sich gut, dass sie einen Jobcoach kennt, der bei attraktiven Frauen in Not einfach nicht nein sagen kann. Zum Abschied gibt es einen Händedruck. Die Zeit der Umarmungen ist echt vorbei, obwohl sie so wirkt, als könnte sie dringend eine gebrauchen. Aber vermutlich würde ihr das auch nicht helfen.
Mal sehen, wie es ihr nächste Woche geht. Kuchen will sie dann mitbringen, doch weil ich mich an meinen Diätplan halten muss, ist das keine Option. Darum will sie sich etwas anderes einfallen lassen. Ich glaube, sie wird es bis nächste Woche vergessen haben. Vielleicht vergisst sie sogar den Termin.
Die Umarmerin möchte keine Torte
Sie vergisst weder den Termin noch den Kuchen – sie bringt ihn einfach nicht mit. Dafür ist sie pünktlich und braucht, wie angekündigt, Hilfe bei einer Bewerbung.
Da wir immer noch Kirschtorte im Kühlschrank haben, die langsam mal weg muss, biete ich der Umarmerin bei ihrem nächsten Besuch ein Stück davon an. Sie möchte aber nicht. Also helfe ich ihr, wie vereinbart, bei einer Bewerbung und höre ihr zu, während sie direkt neben mir sitzt und dabei gut riecht. Einmal legt sie ihren Kopf an meine Schulter. Das finde ich durchaus angenehm. Ein paar Minuten später geben wir uns zum Abschied die Hand.
Neues Jahr, neues von der Umarmerin. Ich bin ehrlich überrascht, als ich die Mitteilung bekomme, dass mir die Umarmerin nun bei Instagram folgt. Vor allem, weil ich dort meinen Namen nicht vollständig angegeben habe und überwiegend Fotos von Dingen poste, die ich gegessen habe. Unverzüglich schreibe ich sie an und frage, wie sie mich überhaupt finden konnte. Per Sprachnachricht – ich wusste bis heute nicht, dass das bei Instagram überhaupt geht – teilt sie mir mit, dass sie es selbst nicht weiß, aber Menschen, die gut zu ihr waren, immer findet. Die Antwort ist sympathisch, also lasse ich sie gelten. Sympathisch finde ich übrigens auch, dass wir uns weiterhin siezen.
Die Umarmerin bringt mir Kuchen mit
Es ist noch keine 14.00 Uhr, als jemand bei uns schellt. Vor der Tür steht die Umarmerin, und hat mir Kuchen mitgebracht. Ich bedanke mich artig und sage ihr, dass sie gut riecht. Wenn eine attraktive Frau gut riecht und mir Kuchen mitbringt, bin ich nur noch bedingt zurechnungsfähig.
Die Umarmerin setzt sich mir gegenüber an den Tisch und berichtet von ihrer nächsten gescheiterten Ehe. Wir führen ein interessantes Gespräch über das innere Kind und ähnlichen Kram. Sie hat sich ein Buch dazu besorgt, allerdings in türkischer Sprache, weshalb ich damit nichts anfangen kann. Ich sage ihr, dass wir über den Inhalt reden, wenn sie es gelesen hat. Sie ist begeistert, dass ich mich auch mit solchen Themen beschäftige.
In ihrer Familie kommt das mit der gescheiterten Ehe nicht gut an, daher, so sagt sie, bin ich quasi mehr Familie als ihre Familie. Oder bin ich einfach jemand, der sie nicht verurteilt? Irgendwas in der Art. Das Gespräch bestätigt mir jedenfalls, dass ich nicht nur ihr Coach, sondern auch weiterhin ihr väterlicher Freund bin. Ich erfülle sicher beide Rollen zu ihrer vollsten Zufriedenheit, weiß aber nicht, was ich davon halten soll.
Irgendwann fragt sie, ob ich ihre Telefonnummer noch habe. Ich bestätige das, obwohl es keinem von uns hilft. Sie weist noch darauf hin, dass sie mir Mohnkuchen mitgebracht hat, und ich frage sie, woher sie weiß, dass das mein Lieblingskuchen ist. „Es ist mein Lieblingskuchen“, sagt sie. Das lasse ich gelten. Offenbar fällt es ihr schwer, zu gehen, denn obwohl sie noch zum Elternsprechtag muss, zögert sie den Abschied hinaus. Gefällt mir, führt aber zu nichts. Schließlich gibt sie mir doch die Hand zum Abschied. Alles andere hätte mich auch gewundert. Ich weise sie noch darauf hin, dass sie meine Telefonnummer hat, was irgendwie schwachsinnig ist, ihr aber zeigen soll, dass ich mich nicht bei ihr melden werde. Sie sagt, dass sie nächste Woche wiederkommt, wenn ich einverstanden bin. Ich bin einverstanden. Schon fast an der Tür, dreht sie sich noch einmal um: „Wir könnten uns ja auch privat treffen, so wie damals in Lünen”. Dort gab es auch die letzte Umarmung. Neun Monate ist das her, wie die Zeit doch vergeht. Ich antworte, dass wir uns gerne privat treffen können, und sie sieht irgendwie zufrieden aus, als sie geht. Sehr interessant. Ich bin gespannt, ob sie sich in der nächsten Woche tatsächlich meldet oder wieder längere Zeit abtaucht.
Später unterhalte ich mich mit Jörg. Er bringt erneut seine Abneigung gegen die Umarmerin zum Ausdruck. Er hält sie für unfassbar dumm und behauptet, sobald sie den Mund aufmacht, hält er es nicht mehr aus. Sie gehört zu den Frauen, die einfach nur schweigend irgendwo stehen sollten. Ich finde, er ist da zu streng. Oder bin ich zu milde, weil sie gut riecht, mir Kuchen bringt und ich sie als väterlicher Freund nicht so streng verurteilen kann? Vielleicht hoffe ich auch auf eine Umarmung, möchte aber nicht von einer Frau umarmt werden, die ich für komplett bescheuert halte. Dabei ist die Zeit der Umarmungen lange vorbei. Sollte sie allerdings als Teilnehmerin wieder zu uns kommen, weil ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert wird, will Jörg sie auf keinen Fall betreuen, weil er sie nicht erträgt. Weiß ich doch, lange schon. Ich bin jedenfalls froh, dass die Umarmerin und ich uns weiter siezen, denn wenn ich demnächst wieder offiziell ihr Coach bin, wäre duzen völlig unangebracht.
Die Umarmerin riecht gut und scheint etwas zu wollen
Völlig überraschend taucht die Umarmerin im Juni wieder auf. Vier Monate sind seit ihrem letzten Besuch vergangen. Ich war davon ausgegangen, dass sie nicht mehr zu uns kommt, weil sie wieder mit ihrem Mann zusammen ist. Nun bin ich gespannt, was sie heute zu mir führt. Zur Begrüßung nennt sie mich „Herr DrSchwein“ und wir geben uns die Hand. Länger als nötig. Das mag ich, kommt mir aber komisch vor. Da hätten wir uns auch umarmen können.
Sie sieht zwar alles andere als glücklich aus, aber riecht wieder ganz wunderbar. Das folgende Gespräch kommt mir vor, als hätten wir es schon einmal geführt. Nach der Trennung von ihrem vorletzten Mann. Auch diesmal scheint sie völlig zermürbt. Die Geschichte wiederholt sich: ein ähnlicher Mann, dieselben Fehler, nur ein neuer Name. Es wirkt alles ziemlich krank, und wir beschließen, dass ihr jetziger Mann, der auch irgendwann ihr nächster Ex-Mann sein wird, dumm ist. Was ist eigentlich eine Frau, die sich eine jüngere Kopie ihres Ex-Mannes aussucht, innerhalb weniger Augenblicke heiratet, um dann fast den selben Mist nochmal zu erleben?
Die Umarmerin hat berufliche Zukunftspläne, die aus meiner Sicht unrealistisch sind. Doch das sage ich ihr nicht. Ich bin nicht ihr Jobcoach. Heute jedenfalls nicht. Das Gespräch ist nicht besonders unterhaltsam und ich beobachte ihr Verhalten, weil ich es interessant, aber auch durchschaubar finde. Während meines Urlaubs, so sagt sie, war sie schon mal hier, aber ich war eben nicht da. Jörg hat mir gar nichts davon erzählt. Vielleicht, weil er sie nicht mag. Sie schaut zur Tafel und entdeckt den Smiley, den sie einst gemalt hat. Ich hatte ihr damals gesagt, dass ich den nicht mehr wegwische. Als sie ihn nun sieht, lächelt sie endlich wieder. Ich sage ihr, dass ich genau das sehen will, sie soll für mich lächeln. Noch einmal lächelt sie, dann stirbt das Lächeln wieder und das Kummergesicht ist zurück. Schade.
Irgendetwas scheint die Umarmerin zu wollen. Von mir. Doch sie rückt nicht raus mit der Sprache. Will sie ihrem väterlichen Freund etwas mitteilen? Braucht sie jemanden, der ihr zuhört? Ist sie einsam? Oder hat sie einfach gehofft, dass ich sie verstehe, ohne dass sie etwas sagen muss? Was genau war ihr Plan, als sie herkam? Wir sprechen über ihren Geburtstag, auf den sie keine Lust hat. Ich sage, sie soll einen Kuchen backen, den wir dann gemeinsam essen. Ständig sage ich Frauen, dass sie für mich backen sollen. Dabei esse ich aus gesundheitlichen Gründen nur selten Kuchen. Zum Glück backen die Frauen in der Regel keinen Kuchen für mich.
Irgendwas an ihr reizt mich heute. Ich kämpfe mit mir, um nicht zu versuchen, ihre Situation auszunutzen. Mein altes Ich klopft deutlich an. Sie will offenbar nicht gehen, und ich muss mich zügeln, meinen Spieltrieb unterdrücken, denn das würde weder ihr noch mir helfen und das kann keiner wollen. Aber sie riecht so gut, ist so gut gebaut, dazu 15 Jahre jünger. Da darf ich durchaus auf abwegige Gedanken kommen. Sie zögert, will gehen, geht dann nicht, sagt, dass wir mal einen Kaffee trinken können, nicht hier, woanders. Es kostet sie vermutlich Überwindung das zu sagen. Sie wirkt unsicher, mir gefällt das. Ich sage zu. Alles andere wäre vermutlich komplett albern. Wir geben uns zum Abschied die Hand. Ich finde es durchaus nett, ihr die Hand zu geben, aber das mit dem Umarmen hat mir besser gefallen.
Als sie bereits an der Tür ist, sage ich, dass sie sich melden soll, wenn sie Zeit hat, damit wir zusammen ausgehen. Ich sage wirklich ausgehen. Ich glaube, ich bin nicht sehr klug, aber die Situation gefällt mir, also kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Zum Glück habe ich ihr den Ball zugespielt. Sie entscheidet, ob wir ausgehen. Somit ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch, denn wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird sie sich wieder länger nicht melden. So war es immer. Sie tauchte kurz auf, dann wieder ab. Kein Grund zur Sorge.
Die Umarmerin sagt ab
Zu meiner Überraschung – nein, das ist gelogen, so überraschend ist es nicht – frage ich die Umarmerin per WhatsApp, ob sie nächste Woche mit mir Kaffee trinken will. Meine Zeit ist begrenzt, da kann ich nicht warten, bis sie sich traut. Sie sagt direkt zu, nennt mich mehrmals Herr DrSchwein und nimmt den ersten möglichen Termin in der kommenden Woche: Dienstag, 19.00 Uhr, in Datteln. Keine Ahnung, was ich davon halten soll, aber grundsätzlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, sich mit einer attraktiven Frau zu treffen. Man muss ja auch nicht immer reden, wenn man sich nichts zu sagen hat. Ich bin gespannt, ob es tatsächlich zu dem Treffen kommt, rechne aber fest damit, dass sie vorher absagt.
Da ich genau das erwarte, frage ich sie am Dienstagvormittag, ob es beim geplanten Treffen bleibt. Natürlich nicht. Sie fragt, ob ich sie entschuldigen kann, da sie in der letzten Nacht nicht geschlafen hat. Es ist alles so vorhersehbar, so durchschaubar, dass ich kaum enttäuscht sein kann. Weil ich ein netter Mensch bin, biete ich ihr an, sich zu melden, wenn ihr danach ist. Mehr kann ich wirklich nicht für sie tun. Das Thema dürfte sich damit erstmal wieder erledigt haben. Vielleicht meldet sie in ein paar Monaten wieder. Oder sie steht eines Tages einfach wieder im Büro. Vielleicht wird das Ganze auch zu einer unendlichen Geschichte, die zu gar nichts weiter führt. Wer weiß das schon?
Die Umarmerin ruft an und will zu mir kommen
Völlig unerwartet ruft mich am Freitagnachmittag die Umarmerin an. Natürlich geht es ihr nicht gut, und sie weiß nicht weiter. Wir haben noch nie auf demselben Planeten gelebt, aber seit ihren gescheiterten Beziehungen ist sie nur noch neben der Spur. Abstruse Ideen, Kummer, keine Spur mehr von der alten Unbeschwertheit. Ihr neuester Plan: Sie will nach Baden-Württemberg ziehen. Möglichst weit weg von all dem Ärger hier und dahin, „wo nicht so viele asoziale Ausländer wohnen“. Dürfen Ausländer andere Ausländer als asozial bezeichnen, oder verstößt das mittlerweile auch gegen ein bislang unbekanntes Gesetz?
Alleine bekommt sie das alles jedenfalls nicht hin und bittet mich um Hilfe. Ich glaube nicht, dass ich ihr helfen kann, aber da ich ein Mann für fast alle Fälle bin, sage ich zu. „Ob sie morgen Abend zu mir kommen kann?“, fragt sie. Eine durchaus interessante Idee, aber morgen Abend ist Petras Geburtstagsrunde, da muss ich passen. Also einigen wir uns auf Sonntag. Ich glaube nicht, dass sie tatsächlich zu mir kommt, aber vielleicht irre ich mich auch. Ist schon vorgekommen, aber unwahrscheinlich.
Ich finde meine Rolle als väterlicher Freund zwar einerseits interessant, aber auf Dauer nicht so prickelnd. Ich kann mir natürlich einreden, dass sie nur einen Vorwand – einen unverfänglichen Grund – gesucht hat, um mich zu besuchen, aber das ist Quatsch. Hätte sie längst umsetzen können, habe ich ihr mehrfach angeboten. Sie weiß derzeit scheinbar so gar nicht mehr weiter und kontaktiert mich als ihre letzte Hoffnung.
Die Zeiten, in denen Frauen zu mir kamen, um ein wenig Spaß der intimeren Art zu haben, sind bekanntlich lange vorbei. Doch wann bin ich zu diesem privaten Sozialarbeiter mutiert, den Frauen mit Problemen besuchen wollen, damit sie danach weniger Sorgen haben? Es wäre doch viel sinnvoller, Frauen würden zu mir kommen wollen, um danach anderen Kummer zu haben. Einen verdrehten Kopf zum Beispiel. Alles andere ist doch Quatsch. Und wenig unterhaltsam.
Die Umarmerin besucht mich und es passieren merkwürdige Dinge
Nachdem die Umarmerin ihren Besuch bestätigt und sogar nach meiner Adresse gefragt hat, bin ich unsicher, ob sie tatsächlich noch absagen wird. Und falls nicht, was erwartet sie dann von ihrem väterlichen Freund? Zu ihrem Umzugsproblem kann ich wenig sagen, also rechne ich mit einem kurzen Besuch.
Kurz vor 17.00 Uhr steht sie tatsächlich vor meiner Tür. Ganz in Schwarz, zierlich, gut riechend, irgendwie auch fertig. Ich mag keine aufgeklebten Wimpern, aber ich bin nicht kleinlich. Ich biete ihr etwas zu trinken an, sie wählt Wasser und Tee. Wir siezen uns. Ich stelle die falsche Frage, vielleicht ist es auch die richtige: „Wie geht es Ihnen?” Sofort fließen die Tränen. Vor mir sitzt eine völlig aufgelöste Frau. Manches, was sie sagt, verstehe ich nicht. Was kann ich tun? Ich setze mich zu ihr aufs Sofa und umarme sie. Dass ich damit mein Jahresziel, vier Frauen zu umarmen, erreicht habe, ist in diesem Moment nebensächlich. Zunächst wirkt es, als wäre ihr meine Umarmung unangenehm und unpassend. Möglicherweise eine Fehlinterpretation. Dann bricht es vollends aus ihr heraus. Ein Schluchzen folgt dem nächsten. Ich kann nichts weiter tun. Als sie sich etwas beruhigt, bringe ich ihr Tee und setze mich zurück in den Sessel.
Auf dem Balkon möchte sie rauchen, wir gehen raus. Ich mache Vorschläge, gebe Ratschläge. Sie erzählt weiter, schon sind meine Vorschläge nichts mehr wert. Sie weint, steht auf, umarmt mich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie setzt sich wieder und ich schlage etwas vor, was ihr sicher hilft: Seifenblasen. Sie schaut mich irritiert an. Aus dem Schlafzimmer hole ich welche, weil Seifenblasen manchmal eine Lösung sind. Zum ersten Mal lächelt sie, spielt mit den Seifenblasen und fragt, ob sie sie behalten darf. Natürlich darf sie. Sie hält sie fest, als gäben sie ihr Halt und erzählt weiter: Was sie berichtet, lässt mich sprachlos zurück. Manchmal nehme ich ihre Hand, manchmal lege ich eine Hand auf ihre Schulter. Hilflose Gesten eines vollkommen überforderten väterlichen Freundes.
„Ich habe seit dem Frühstück nichts gegessen“, sagt sie.
„Möchten Sie bei mir etwas essen? Soll ich Ihnen etwas machen?“
Sie nickt. Da ich gar nicht so viel Auswahl habe, mache ich ihr drei Rühreier, die ihr tatsächlich schmecken. Rühreier kann ich scheinbar. Danach fragt sie, ob ich eine Spülmaschine habe.
„Ich bin die Spülmaschine“, sage ich.
Sie nimmt den Teller, geht in die Küche und spült, als wäre es selbstverständlichste Sache der Welt.
Zurück im Wohnzimmer meint sie, sie wolle meine Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Ich finde, sie sollte nicht allein sein, und sage, sie kann bleiben. Sie umarmt mich, sagt, dass sie froh ist, mich kennengelernt zu haben. Ich sage nichts, halte sie nur.
Im Auto hat sie ein Fotoalbum, weil sie es an dem Ort, an dem sie mit ihrem Noch-Ehemann oft war, verbrennen möchte. Ein Ritual, eine Befreiung. Vielleicht irre ich mich, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht gut wäre, wenn sie das allein macht, also begleite ich sie. Sie wirkt erleichtert.
Während ich ihr nachfahre, erinnere ich mich an einen Abend mit Birte. Ihr bin ich damals auch nachgefahren und hätte vermutlich einfach abbiegen sollen. Jetzt wäre das vielleicht ebenfalls vernünftig, aber auch ziemlich mies. Ich rieche ihr Parfum an meinem Shirt. Zwischendurch rieche ich mein Parfum. Eine sehr angenehme Komposition in einer ziemlich abstrusen Situation.
Am Ort des geplanten Rituals sitzen zwei türkische Männer und trinken Bier. Sie bittet die beiden, woanders ihr Bier zu trinken, da sie ein Ritual durchführen möchte. Ich verstehe kein Wort, aber die beiden gießen tatsächlich ihr Bier weg und fahren. Das Fotoalbum übergießt sie mit Chantré, den wir von mir mitgenommen haben. Vermutlich unnötig, möglicherweise symbolisch wichtig. Dann steht das Album in Flammen. Rauch steigt auf, es riecht nach verbranntem Papier. Es knistert, ein letztes Aufbäumen einer missratenen Vergangenheit. Leute schauen neugierig und vermutlich irritiert von der Brücke, aber ich nehme sie kaum wahr. Ich würde so etwas sonst nie tun, aber jetzt ist das egal. Als das Feuer erlischt, löschen wir die Reste mit Mineralwasser und werfen sie in den Mülleimer.
Zu meiner Überraschung endet der Tag immer noch nicht, denn wir setzen uns auf eine Bank. Sie trinkt den restlichen Chantré, und wenig später weiß ich, zumindest sagt sie es so, mehr über sie als ihre Ehemänner. Wir reden noch sehr viel über persönliche Dinge, wobei sie zumeist redet. Sie weint, ich halte ihre Hand oder sie meine. Es kommt mir komisch vor, dennoch lasse ich die Hand da, weil ich nicht weiß, wie man sich in so einer Situation richtig verhält.
Wir gehen zum Mülleimer, um diese Szene abzuschließen. Sie fragt, ob ich bei ihr einen Tee trinken möchte. Ich sage ja und merke erst etwas später, dass sie nicht irgendwann meint, sondern jetzt, als sie sagt, dass ich im Gästebett übernachten kann. Es ist nach 21.00 Uhr und ich müsste etwas essen. Bei mir zu Hause. Aber das wäre auch albern. Wie geplant, werfen wir die leere Weinbrandflasche auf die verkohlten Reste des Albums im Mülleimer. Eine leere Flasche auf verbrannte Asche. Nur eine bedeutungsschwangere Geste oder doch mehr?
Ihre Wohnung überrascht mich, ohne benennen zu können, was ich erwartet habe. Schön eingerichtet und total aufgeräumt. Sie kommt aus dem Bad, trägt eine bequeme Hose, ihre Haare zum Zopf gebunden. Für mich sieht sie völlig verändert aus, als wäre sie einfach so zu einer anderen attraktiven Frau geworden. Sie zeigt mir ihre Bücher. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so viel liest. Auch hierfür habe ich keine Erklärung.
Wir sitzen auf dem Balkon, sie zündet die gefühlt 700ste Zigarette an, ich gieße ihr Wein ein und schaue ihre Fotoalben an. Ohne ihren Hinweis hätte ich sie auf den Bildern nicht erkannt, sehe keine Ähnlichkeit zwischen der 20-jährigen auf den Bildern und der 40-jährigen neben mir. Mich überrascht ihre Offenheit, dieses Vertrauen. Ich bin vielleicht doch der Sozialarbeiter, den meine Sakkos optisch aus mir gemacht haben.
Es läuft Geigenmusik. Wie ein Soundtrack zu einem romantischen Film. Ich hätte bei ihr vieles erwartet, aber nicht das. Diese Musik passt nicht, und passt doch so gut. Sie füllt die Pausen zwischen unseren Sätzen, begleitet sanft die Situation. Sie hat sich sogar eine Geige gekauft, die sie mir direkt zeigt. Sehr interessant. Nur schade, dass niemand von uns darauf spielen kann. Es sind echt viele Überraschungen an einem einzigen Tag.
Es ist bereits nach 22.00 Uhr, als sie beschließt, dass ich etwas essen muss, weil ich so dünn bin. Auch sollte ich nicht mehr so weit von ihr weg sitzen. Vielleicht interpretiere ich das auch falsch. Es ist eigentlich zu spät, um noch etwas zu essen, aber ich akzeptiere zwei gekochte Eier. Sie verschwindet in der Küche. Wenig später serviert sie gekochte Eier, Kartoffelecken, Oliven, Tomaten, Gurken. Dazu Brot. So viel Essen am Abend überfordert mich. Sie bringt auch noch ein Cocktailglas mit einem Waldmeistergetränk für mich. Wir essen, reden und hören weiter Geigenmusik. Total laut und ich wundere mich, dass sich niemand beschwert. Sie sagt, dass sie seit Tagen nicht richtig gegessen hat. Somit hat sich mein Besuch auch für sie gelohnt. Nach dem Essen sitzen wir weiter zusammen, sie zeigt mir einen Stern, den ich nicht sehe, und sagt, dass sie nicht aufgeben wird. Sie will kämpfen. Ich halte das für eine gute Entscheidung, glaube jedoch nicht, dass der Wille allein reichen wird. Aber es kann ein Anfang sein.
Auf dem Balkon hängen zwei schöne Lampen und weil ich ihr sage, dass ich die Lampen mag, nimmt sie eine ab und schenkt sie mir, was mir natürlich gut gefällt. Die Gesamtsituation bleibt undefinierbar.
Wir sitzen Schulter an Schulter, ich lege manchmal meine Hand auf ihr Knie. Es fühlt sich leicht an, aber auch falsch. Ich betrachte sie: gebräunte Haut, kleine Finger, diese Schultern. Verdammt attraktiv. So eine Nähe hatte ich Jahre nicht und es kommt mir vor, als hätte ich mir diese Situation schon gewünscht, als ich sie zum ersten Mal sah. Allerdings ist mir auch bewusst, dass wir nur hier sitzen, weil es ihr so schlecht geht und sie nicht alleine sein will. Ein weiterer Unterschied zu damals, als ich einer Frau so nah war, ist, dass hier nicht mehr passieren wird, weil die Umstände einfach anders sind.
Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Sie duzt mich versehentlich, korrigiert sich sofort. Ich schlage vor, dass wir uns duzen. Es klappt nicht, immer wieder kehren wir zum „Sie“ zurück. „Wie alt sind Sie? Fünfzig?“ – „Das ist zwar falsch, aber okay.“ – „Sie sehen jünger aus.“ – „Danke. Sie können jetzt aufhören. Ich mag Sie schon. Sie müssen das jetzt nicht mehr sagen.” Solche Momente lassen diesen Abend für kurze Augenblicke leicht und unbeschwert sein. Vermutlich hilft der Wein auch dabei, dass die Finsternis sie für kleine Momente verlässt.
Immer wieder knackt sie Pistazien und reicht mir wortlos die Kerne, als wäre es Routine, doch das kann nicht sein. Jedes Mal berühren sich unsere Finger. Ich mag das und weiß doch, dass nichts davon passieren würde, ginge es ihr besser, aber das spielt jetzt keine Rolle.
Erst gegen 01.00 Uhr frage ich mich, ob es vielleicht doch unangemessen ist, dass ich trotz einer gewissen Vertrautheit ständig meine Hand auf ihr Knie lege. So wie ich sie heute kennengelernt habe und wie es ihr geht, würde sie vermutlich nicht sagen, wenn sie das nicht möchte. Also lasse ich es einfach sein, bis ich sie gegen 01.15 Uhr verlasse. Sie bietet nochmal an, bei ihr zu übernachten, doch das ist wohl weiterhin keine gute Idee.
Es gab Momente, da waren sich unsere unterschiedlichen Planeten erstaunlich nah. Bei dermaßen unterschiedlichen Planeten eine seltene Konstellation. Mit einer letzten Umarmung verabschieden wir uns. Möglicherweise ist es unsere letzte Umarmung.
Die Umarmerin bringt mir die Lampe und wir siezen uns
Am Tag nach dem Treffen frage ich die Umarmerin, wie ihr Tag war und erwähne, dass ich die Lampe nicht absichtlich vergessen habe. Sie nennt mich mehrfach Herr DrSchwein und ich sieze zurück, denn das können wir gut, darin haben wir Übung. Sie bedankt sich für meine Unterstützung und teilt mir mit, dass sie mir morgen die Lampe ins Büro bringt. Unnötig, aber ich widerspreche nicht. Auf meinen Vorschlag, das Treffen gerne zu wiederholen, sagt sie nur, wir könnten wegen eines Termins noch sprechen.
Direkt danach frage ich mich, ob mein Vorschlag vielleicht etwas bedürftig klang. Ob an meiner Mitteilung etwas Verzweifeltes haftet. Ich beschließe unverzüglich, künftig nicht mehr zu fragen, weil sie sich sonst vielleicht verpflichtet fühlt, ohne es zu wollen. Vermutlich hilft es ihr ohnehin nicht, wenn wir Zeit miteinander verbringen.
Am nächsten Tag bringt sie mir die Lampe und sieht fertig aus. Lange kann das nicht mehr gut gehen mit ihr. Sie erzählt, dass sie nach unserem Treffen nicht schlafen konnte, nachts noch spazieren ging, überhaupt nicht mehr klarkommt. Ihre Probleme übersteigen längst meine Möglichkeiten. Sie ist weiter der Überzeugung, dass es ihr nach einem Umzug besser gehen wird. Ich denke, ein Umzug wird da nicht reichen. Doch dafür ist sie nicht empfänglich. Wir siezen uns konsequent, was vielleicht auch besser ist. Ob ich sie besuche, wenn sie umgezogen ist, fragt sie. Unwahrscheinlich, denke ich. Dennoch sage ich zu.
Sie bittet mich, ihr ein letztes Mal bei Papierkram fürs Jobcenter zu helfen. Da sie ohnehin nicht in der Lage ist, das selbst zu erledigen, übernehme ich es. All das ist besorgniserregend und ich sehe keine Möglichkeit, sie wirklich zu unterstützen, aus dem Schlamassel rauszukommen. Das übersteigt meine nicht vorhandenen Sozialarbeiter-Kompetenzen. Da müssten Profis ran.
Zum Abschied geben wir uns die Hand.
Die Umarmerin kommt zu mir und wir gehen spazieren
Nachdem sie mir in der Woche geschrieben hat, dass wir am Wochenende einen Waldspaziergang machen können, bestätigt sie auf Nachfrage, dass sie heute zu mir kommen wird. Ich muss gestehen, dass ich auch diesmal mit einer Absage gerechnet habe.
Als sie gegen 17.00 Uhr bei mir erscheint, sieht sie erwartungsgemäß gut aus: weiße Schuhe, weiße Stoffhose, schwarzes Oberteil, Rücken und Schultern frei. Ein schöner Anblick. Und natürlich riecht sie wieder gut.
Sie hat sich einen Kaffee mitgebracht, weil es bei mir keinen gibt. Zum Kaffee serviere ich Wasser. Sie bemerkt, dass die Lampe, die sie mir geschenkt hat, auf dem Balkon hängt. Ich glaube, das gefällt ihr. Da die Beleuchtung nicht mehr funktioniert, will sie mir, wenn es die Lampen wieder im Sortiment gibt, eine neue bringen. Das finde ich nett. Sie sagt, dass ich offenbar den Job mache, der zu mir passt, und dass ich gefunden habe, was ich gesucht habe. Sie selbst wäre gerne Mathelehrerin geworden, doch das Leben lief in eine andere Richtung. Das bedauert sie.
Wir fahren mit dem Coupé zum Wald der Lüstlinge. Eine spontane Entscheidung. Im Wald plaudern wir entspannt und siezen uns natürlich konsequent weiter. Auch die Gesprächspausen scheinen sie nicht zu stören. Ich hingegen denke, dass es daran liegt, dass wir uns eigentlich nichts zu sagen haben, wegen der unterschiedlichen Planeten, auf denen wir leben. Unterschiedliche Planeten in verschiedenen Sonnensystemen.
Sie mag Disney-Filme. Damit es nicht zu einseitig wird, erzähle ich immer mal wieder aus meinem Leben und wundere mich, welche Geschichten ich auswähle. Vermutlich spielt es keine Rolle.
Zurück am Coupé frage ich, ob sie noch weitergehen oder den Spaziergang beenden möchte. Da sie wenig geschlafen hat, will sie zurück, schlägt aber vor, dass wir noch irgendwo etwas trinken gehen. Ich bin einverstanden.
Sie betrachtet das Coupé und sagt, dass es ihr gefällt. Das gefällt mir natürlich auch.
Spontan fahre ich nach Mengede. Im Eiscafé Dolomiti gibt es zwei Sitzbereiche – einer ist menschenleer. Dort will sie sitzen, möglichst weit weg von anderen Menschen. Mir gefällt das. Wir haben den ganzen Bereich für uns allein. Sie erzählt, dass sie früher nach jeder Beziehung sofort eine neue begonnen hat, es diesmal aber anders machen will. Zeit für sich. Das täte ihr gut. Wenn sie endlich weggezogen ist, will sie von vorn beginnen. Ein Sturm zieht auf, es regnet. Eine Bekannte ruft sie an und fragt, was sie gerade macht. „Ich bin mit meinem Lehrer unterwegs“, antwortet sie. Dazu fällt mir nur “Unser Lehrer Dr. Specht” ein. Oder der Fußballer, der mich auch immer seinen Lehrer nennt. Nun wissen wir auch, warum wir uns nicht duzen – wer duzt schon seinen Lehrer?
Irgendwann ist der Regen so heftig, dass wir ins Café gehen und noch etwas bestellen. Wir sitzen in einer Ecke, schweigen viel. Irgendwann sagt sie, man könne gut mit mir chillen, weil ich nicht so viel rede. Ob ich es mag, Zeit mit ihr zu verbringen und ob ich gerne mit ihr rede, fragt sie. “Sonst wären wir nicht hier”, sage ich. Es ist die einzig richtige Antwort. Ob ich schon mal bei Mutter Wehner war, will sie wissen, und erzählt, wie gut es ihr da gefällt. Man kann von dort Pferde sehen. Ob ich Lust habe, mit ihr mal dorthin zu gehen. Da kann ich natürlich nicht nein sagen.
Auf der Toilette hängt über dem Pissoir ein Spiegel, angeschrägt, sodass man sich beim Pinkeln von vorne zusehen kann. Eine neue Erfahrung, aber wirklich weiter bringt sie mich nicht.
Zeit, das Café zu verlassen. Ich zahle, weil ich manchmal auch für Frauen zahle. Auf dem Weg zum Coupé raucht sie eine Zigarette. Im Vergleich zum letzten Sonntag raucht sie sehr wenig. Und sie muss nicht einmal weinen. Daher braucht sie wohl auch keine Umarmung.
Im Auto sage ich ihr, dass ich sie für eine vielschichtige Frau halte. Ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist, aber mir fällt kein besseres ein. Sie freut sich und sagt, dass ich der vierte Mann bin, der das zu ihr gesagt hat. Wenn ich es richtig verstehe, haben das bisher nur ältere Männer zu ihr gesagt. Ich passe also bestens in die Reihe. Sie erzählt, dass sie es ruhig mag, kein Mensch für Partys ist. Auch heute erfahre ich wieder viel über sie. Unsympathischer macht sie das alles nicht.
Als wir zurück sind und das Coupé auf dem Hof abgestellt ist, fragt sie, ob ich sie noch zu ihrem Auto bringe. Wie könnte ich da nein sagen? Zur Verabschiedung umarmen wir uns dann doch. Sie fühlt sich wie immer gut an und riecht lecker. Ich rieche auch lecker, aber im Gegensatz zu mir sieht sie gut aus. Sie sagt noch, dass wir das nächste Mal zu Mutter Wehner gehen. Dann ist unser Treffen vorbei und sie fährt heim.
Es war ein entspanntes Treffen. Wir bleiben beim “Sie”, weil das prima zu unserer Lehrer-Schülerin-Beziehung passt. Ich sehe mich aber weiter als väterlichen Freund.
Ob das wirklich ein entspannter Abend sein kann, wenn ich heiß auf die Frau bin und nichts läuft, werde ich später gefragt. Ja, das kann es. Denn auch wenn ich sie anziehend finde, weiß ich, dass die Planeten, auf denen wir leben, nicht zusammenpassen. Und als ihr väterlicher Freund muss ich mir darüber keine weiteren Gedanken machen. Die Rollen sind klar verteilt
Die Umarmerin verschwindet erneut
Nach unserem letzten Treffen schreiben wir noch ein paar Mal über WhatsApp, doch die Abstände werden größer. Da von ihr nie die Initiative ausgeht, schreibe ich irgendwann auch nicht mehr.
Anfang September deaktiviert sie erneut ihr Instagram-Profil. Kurz darauf verschwindet sie auch bei WhatsApp – entweder hat sie wieder eine neue Nummer oder meine Daten gelöscht. Alles ist möglich.
So endet also eine seltsame, stellenweise schöne, manchmal auch absurde Zeit mit einer attraktiven Frau, die ich nie wirklich verstanden habe. Oder sie mich nicht. Vermutlich wir uns nicht.
Die Umarmerin taucht wieder auf
Ende September meldet sie sich per WhatsApp zurück.
„Guten Morgen, Herr DrSchwein, ich bin es – die Umarmerin. Das ist meine neue Nummer.“
Keine Erklärung. Kein Wort zu dem, was war. Nur dieser Satz. So, als wäre nichts geschehen. Und vielleicht ist auch wirklich nichts geschehen. Die unglaubliche Geschichte wird fortgesetzt. Wiederholt sich nun alles in gewohnter Weise, oder fügen wir unserer Geschichte doch noch neue Aspekte hinzu?
Ein paar Mal schreiben wir uns per WhatsApp, dann taucht sie wieder ab.
Die Umarmerin bleibt, was sie immer war: ein attraktives Rätsel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.