08.09.25 – 28.09.25
Tag 1
Die Anreise erinnert mich zunächst an Geocaching-Ausflüge. Nur dass diesmal nicht Petra fährt, sondern ich – und dass es mit Geocaching rein gar nichts zu tun hat. Im Parkhaus stelle ich das Coupé auf Deck 3 ab und zahle an der Rezeption gleich 60 Euro, nur damit ich das Internet nutzen darf. Willkommen in der schönen neuen Welt.
Bei der Anmeldung fällt mir eine schlanke Frau auf, die mich auch registriert – zumindest bilde ich es mir ein. Da sie keine grüne Tasche trägt, gehe ich davon aus, dass sie heute abreist. Sie wirkt nett und scheint nicht nur mich, sondern ähnlich wie ich, die Dinge um sich herum zu betrachten.
Mein fester Platz im Speisesaal: Nummer 118. Außenplatz, immerhin. Mit am Tisch: zwei Frauen und ein Mann. Meiner Meinung nach völlig unnötig, aber offenbar Standard. Das Mittagessen – Frikadelle, 1,5 Kartoffeln, Gemüse, Schokopudding mit Sahne – begeistert mich nicht wirklich, ist aber nicht schlecht. Salat hätte es auch gegeben, aber für die Drängel-Atmosphäre war ich noch zu verwirrt. Hetti, mir gegenüber, versucht ein Gespräch. Sie kann nicht wissen, dass ich dafür nur mäßig zu gebrauchen bin. Ich habe nichts zu erzählen und außer gelegentlichen Sprüchen kann man mit mir wenig anfangen. Mit meiner Sitznachbarin rede ich noch weniger, mit dem Mann so gut wie gar nicht. Ich bin neu, ich muss erst beobachten.
Zimmer 208 wird die nächsten drei Wochen mein Zuhause. Wenn ich es richtig beobachte, hat niemand so viel Gepäck wie ich: Zwei Koffer und eine Sporttasche. Das unterstreicht vermutlich meine Merkwürdigkeit, aber Wäsche waschen möchte ich vermeiden. Außerdem will ich kleidungstechnisch punkten. Sorgen, die sich sonst sicher niemand macht.
Um 13.00 Uhr spreche ich mit der für mich zuständigen Ärztin: blond, jung, attraktiv, sympathisch. Leider ist sie dazu gezwungen, meinen knochigen Körper zu begutachten. Privat möchte ich den Anblick keiner Frau mehr zumuten. Nachdem sie meinen Körper kennt, fragt sie, ob ich lieber „Action“ oder „Entspannung“ möchte. Wann hat mich das eine Frau zuletzt gefragt? Ich wähle Entspannung, aber ohne Schwimmen, weil ich das nicht kann. Sie wird einen Plan erstellen und winkt zum Abschied. Das ist süß. Sie ist auch süß, aber das darf man heutzutage vermutlich nicht einmal mehr denken.
14.00 Uhr. Beim Rundgang mit den anderen „Neuen“ schweige ich standhaft. Immerhin erhalte ich ein paar wichtige Informationen, fürchte aber, sie rasch zu vergessen.
15.15 Uhr. Erste Behandlung: Sole-Photo-Therapie. Nur ein anderer neuer und ich tragen kein ordnungsgemäßes Schuhwerk. Er zieht seine Schuhe aus, nachdem er von anderen Gästen darauf hingewiesen wurde. Ich bleibe sitzen und warte, was wohl passieren wird. Während des Wartens taucht die Frau, die mir bei der Anmeldung aufgefallen ist, auf. Vermutlich ist es auch ihr erster Tag. Sie trägt einen Bademantel. Ich trage selbstverständlich keinen Bademantel. Derartiges lehne ich kategorisch ab. Ich sehe so schon lächerlich genug aus.
Überraschend spricht mich die Frau an, ob ich ihr einen Gefallen tun kann. Sie hat die Therapiedokumentation nicht dabei und will sie schnell holen. Sie bittet mich, dass ich, falls sie aufgerufen wird, darauf hinweise. Sie heißt Frau H. Ich glaube, sie ist nett und ich übernehme die Aufgabe.
Eine Mitarbeiterin fragt, welche der neuen Gäste kein passendes Schuhwerk anhaben. Großartig, schon falle ich auf und weise darauf hin, dass ich schnell andere Schuhe holen kann. Doch das ist nicht nötig, ich bekomme Überzieher. Dann werde ich auch schon aufgerufen und vergesse direkt Frau H. und die Aufgabe, die sie mir übertragen hat.
Eine junge Mitarbeiterin erklärt mir die Abläufe. Gefällt mir nicht. Das Bad schon, der Ablauf nicht. Nachdem ich zwanzig Minuten in dem Bad gelegen habe, muss ich mir ein Tuch umwickeln und nach vorne kommen. Eine andere Frau begleitet mich in eine Kammer, in der ich sieben Sekunden mit UVB-Licht beschossen werde. Natürlich nackt und somit hat mich heute schon die zweite Frau so gesehen. Doch es wird noch besser, denn nun müssen die aktuell betroffenen Stellen einzeln bestrahlt werden. Da es sich um die Innenseiten der Oberschenkel handelt, liege ich wenig später nackt vor der dritten Frau. Ich weiß, dass die Frauen den ganzen Tag nackte Menschen sehen und das oft nicht schön ist, dennoch tut es mir Leid, dass ich ihnen keinen besseren Anblick bieten kann. Andere Patientinnen und Patienten sehen mich auch in meinem lächerlichen Tuch, meine dürren Beine, meine Schultern, die Ärmchen. Mir tut es Leid, dass ich nun täglich, außer sonntags, hier sein werde. Immerhin darf ich im Anschluss nicht duschen, was mir gefällt, denn eine Gemeinschaftsdusche würde mir jetzt den Rest geben.
Salben bekomme ich im „Salbenzimmer“ reichlich. Rücken eincremen lehne ich dankend ab. Die Termine zur „Salbenbehandlung“ darf ich offiziell ignorieren. Die Creme gegen Juckreiz versuche ich nicht zu nehmen, die Cortison-Creme muss ich abends nehmen. Alle anderen Cremes und Salben sind eher harmlos und werde ich reichlich verteilen.
Außerhalb der Behandlungstermine trage ich selbstverständlich keine Trainingssachen, sondern ein Sakko. Außer mir macht niemand so etwas. Ich versuche alles, um nicht wie ein Patient auszusehen. Vermutlich fällt es niemandem auf. Was mich stört ist, dass ich selbst für ein Sakko mittlerweile zu dünn bin. Das ist einfach keine gute Entwicklung.
Beim Abendessen die nächste Überforderung: Menschen, Schlangen, zu viele Optionen. Ich nehme zwei Brötchen, zwei Scheiben Salami, Margarine, Joghurt. Fertig. Am Tisch Smalltalk, während ich feststelle: Es gibt durchaus ein paar attraktive Frauen hier. Aber dieser Ort ist nichts für Anbandelungen.
Abends hole ich meinen Therapieplan: Frühstück 6:45 Uhr. Das bedeutet: Wecker 05.47 Uhr. Jeden Tag. Dazu weitere Termine über den Tag verteilt. Entspannung stelle ich mir anders vor.
Mit dem Essen muss ich mir auch etwas einfallen lassen. Das war heute definitiv zu wenig. Zum Glück habe ich zwei Äpfel, zehn hartgekochte Eier und zwei Packungen Nussmix dabei. Aber das kann eigentlich nicht der Weg sein.
Ein Spaziergang beendet den Tag. Alleine, möglichst weit weg von den anderen. Die Mission Kurschatten ist für mich hier absolut nicht durchführbar. Nach dem ersten Tag sehe ich auch keine Entspannung, sondern nur Termine. Außerdem werden hier auch nur Symptome behandelt. Das ist zwar nett und bringt Vielen viel Geld, aber so wirklich überzeugt bin ich nach dem ersten Tag nicht.
Als letzte Mahlzeit gönne ich mir ein gekochtes Ei und einen Apfel.
Morgen geht es mit dem vollen Programm los. Wird es mich ent- oder verspannen?
Hier wohnte ich vorübergehend.
Tag 2
Ich schlafe einigermaßen, werde aber gelegentlich wach, weil ich es nicht gewohnt bin, so flach zu liegen. Der Lattenrost scheint nicht verstellbar.
Als der Wecker um 05:47 Uhr klingelt, bin ich alles andere als wach oder gar bereit aufzustehen. Ich mache mich dennoch ordnungsgemäß frisch und freue mich über den morgendlichen Stuhlgang. Heute trage ich zu meiner Jeans ein schwarzes Hemd und einen Spritzer Orange Flamingo. Mit zehn Kilo mehr würde das sicher gut wirken. So aber sehe ich eher aus wie ein alter Mann, der seine letzten Tage im Sanatorium verbringt.
Im Speisesaal sitze ich alleine am Vierertisch, was ich durchaus schätze. Die anderen drei frühstücken wohl später. Es gibt zwei Brötchen mit Hähnchenbrust. Ich schaue mich um: Der Saal ist leer, niemand trägt ein Hemd oder eine Bluse. Ich bin der Exot unter den Exoten. Menschen sind eine lächerliche Spezies – wenig robust, voller Gebrechen. Und was für Summen das alles verschlingt. Hunderte von Leuten, die versorgt werden müssen. Solche Kliniken sind Gelddruckmaschinen.
Frau H. geht an mir vorbei. Zunächst erkenne ich sie nicht, schaue weg. Als mir bewusst wird, dass sie es ist, ist es zu spät. Sie hält mich nun sicher für einen komischen Typen. Kontakte werde ich hier wohl keine knüpfen. Das ist auch nicht der Ort dafür. Ich bin hier, um schöne Haut zu bekommen. Und tatsächlich: Im Vergleich zu gestern hat sie sich schon deutlich verbessert. In zwei, drei Tagen sollte sie optisch so wunderbar sein, dass ein Kurschatten eine Option wäre. Aber die Mission Kurschatten ist bereits beendet.
Ich bin so müde, dass ich direkt am Frühstückstisch einschlafen könnte. Die Frau am Nebentisch unterhält wieder alle. Ich bin froh, dass ich an keinem Achtertisch sitzen muss. Zum Mittagessen werden an diesem Tisch vermutlich zwei neue Menschen sitzen. Hier findet ein ständiger Austausch statt. Flüchtige Begegnungen. Am Tisch vor mir eine Umarmung: Eine Frau reist ab. Man ist froh, sich kennengelernt zu haben. Ich hingegen bin froh, bald mein Tablet zurückzubringen. Ich bin unfassbar müde.
08:45 Uhr. Entspannungstherapie. Einige Kurgäste liegen maximal bequem, ich nur halbwegs. Entspannungsmusik läuft, der Therapeut fordert auf, bestimmte Körperteile wahrzunehmen. Mein Kopf kommentiert alles, hört jedes Geräusch, und ich frage mich, wieso ich der Einzige bin, der die Schuhe nicht ausgezogen hat. Immerhin habe ich einen Trainingsanzug an und die Trainingsjacke geöffnet. Insgesamt ist es recht entspannt, was wohl an der Musik liegt. Nach 30 Minuten ist es vorbei. Ich wundere mich, dass es nicht in den Therapieplan eingetragen wird. Vielleicht habe ich den Raum zu früh verlassen. Der Mann neben mir hat heute Geburtstag. Geburtstag in der Reha-Klinik. Irgendwie deprimierend. Ich gehe aufs Zimmer zurück. Es regnet und ich bin unfassbar müde.Irgendwie ist mir auch übel.
09:32 Uhr. Dritter Stuhlgang. Bedenklich. Ob die hier irgendwas ins Wasser tun? Hauptsache, ich muss nicht während irgendwelcher Therapien aufs Klo.
Um 10:00 Uhr beginnt das Schmerzbewältigungstraining. Im gleichen Raum, in dem das Entspannungstraining stattfand. Ich schaue in den Raum. Zu viele Leute. Das Thema interessiert mich nicht, außerdem rebelliert der Magen. Ich gehe zurück aufs Zimmer.
11:45 Uhr. Mittagessen. Dieses Mal trage ich Sakko zum Hemd. Was für eine Abgrenzung. Als hielte ich mich für was Besseres. Die junge Frau am Nebentisch unterhält wieder alle. Das ist nett, aber für mich ist das nichts. Gelegentlich gehen attraktive Frauen am Tisch vorbei. Das ist gut fürs Auge, letztlich aber bedeutungslos. Wir sind ein Haufen versehrter Menschen, die zufällig gleichzeitig hier gelandet sind.
An unserem Tisch gibt es neue Versehrte, einen Mann und eine Frau. Sie sind nicht da. Lediglich der Mann, der nicht viel spricht, ist da. Er reist morgen ab, ich schenke ihm meinen Pfirsich. Dann müssen wir auch schon weiter zur Therapie. Morgen sitze ich mit drei völlig neuen Leuten am Tisch. Das ist nichts für mich.
12:30 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Ich bin etwas früher da. Sitze alleine im Wartebereich und höre, dass jemand läuft. Jemand, der auch in den Wartebereich will. Es ist Frau H. Kurze Begrüßung, kurzer Small Talk. Dann werden wir gleichzeitig aufgerufen. Beim Reingehen fragt sie, ob ich mir die Haare habe schneiden lassen. Ich sage, ich hätte sie selbst geschnitten. Was ich nicht sage ist, dass ich es schon am Sonntag gemacht habe. Keine Ahnung, wie sie darauf kommt, dass ich mir die Haare geschnitten habe. Möglicherweise verwechselt sie mich. Soweit ich es bisher mitbekommen habe, duzen sich alle Kurgäste. Frau H. und ich siezen uns. Sie hat damit angefangen, ich mache einfach mit, weil es wohl zu meinem Stil passt, Frauen zu siezen. Vielleicht sollten wir uns mal privat treffen, schließlich sieze ich Frauen, die ich privat treffe, mittlerweile scheinbar grundsätzlich.
Nach dem Schwefelbad sehen wir uns nochmal kurz. Wir tragen nichts weiter als ein Laken. Bei ihr wirkt es allerdings nicht lächerlich. Es tut mir Leid, dass sie mich so sehen musste.
Um 14:00 Uhr habe ich den letzten Termin des Tages. “Einführungsvortrag” im Raum V1. Ich sitze in der letzten Reihe, rede mit niemandem und schaue mich um. Viele scheinen sich zu kennen und plaudern miteinander. Es ist etwa 14.05 Uhr, als der Vortrag abgesagt wird. Jetzt kann ich machen, was ich will. Wenn doch nur mein Magen Ruhe gäbe.
14:47 Uhr. Vierter Stuhlgang. Irgendwas stimmt hier nicht. Wenn das so weitergeht, bin ich am Ende der Reha nicht mehr da. Dann habe ich mich selbst verdaut.
Das Wetter ist mies, ich habe Magenschmerzen, bleibe im Bett und schlafe zwischendurch. Erst zum Abendessen stehe ich wieder auf. Dort treffe die beiden neuen Gäste, Jochen und Andrea. Da Hetti nicht mehr da ist, übernehme ich ihre Rolle und spreche mit allen. Ein merkwürdiger Kautz bin ich schon. Zum Abendbrot genehmige ich mir zwei Scheiben Vollkornbrot mit Geflügel und einen Gemüsesalat. Hoffentlich ohne Milch.
Beim Abendspaziergang gehe ich auch durch den Kurpark und stelle fest, dass einige Kurgäste sich am Abend hübsch machen und manche sogar einen feinen Duft auflegen. Einige gehen in die Kneipe, wo es auch Alkohol gibt. Sicher ein Ort für Anbandelungen und Kurschatten. Ich werde weder dort hingehen noch ins Haus des Kurgastes. Vereinzelt gibt es auch Einzelgänger wie mich, die während ihres Aufenthalts möglicherweise sogar noch weniger mit anderen Gästen kommunizieren als ich.
Eine Weile sitze ich noch irgendwo im Gebäude, um kurz nach 20.00 Uhr bin ich zurück auf meinem Zimmer, esse ein hartgekochtes Ei und ein wenig Nussmix. Ich darf wirklich kein Gramm mehr abnehmen.
Im Vergleich zu gestern fand ich den Tag besser, fast schon angenehm. Ohne die Magenprobleme wäre ich durchaus zufrieden.
Abends lese ich die Nachricht der Brasilianerin, der ich Fotos meines Zimmers geschickt habe: “Das ist schon gut haha, wann kann ich Sie besuchen?” Ich verstehe nicht, warum sie das will. Aber ich habe Frauen noch nie verstanden.
Sechs neue Produkte für meine Haut, mein Zahnpulver und mein Parfum, um Frauen anzulocken.
Tag 3
Ich bin noch keine dreißig Minuten wach, da gibt es die erste Darmentleerung des Tages. Zu Beginn des Tages finde ich das ja durchaus gut, aber wenn das so weitergeht wie gestern, ist es bedenklich. Leider gibt es hier keine Waage. Ich bin sicher, ich habe schon abgenommen. Außerdem bin ich im Nacken- Schulterbereich total verspannt. Dafür sieht meine Haut besser aus.
Mir ist zum ersten Mal so schlecht, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt frühstücken kann. So übel, dass mein Kreislauf Probleme macht und mir total warm wird, obwohl es nicht warm ist. Drei Tage Übelkeit hatte ich in dieser Form schon länger nicht. Außerdem bin ich so müde, dass ich fast im Sitzen einschlafe.
Bevor ich zum Frühstück gehe, stelle ich fest, dass man den Lattenrost sehr wohl verstellen kann. Wieso ich das erst jetzt bemerke, bleibt ein Rätsel.
Im Speisesaal begegne ich Frau H. Wir grüßen und sie lächelt freundlich.
Zu meiner Überraschung esse ich zwei Vollkornbrötchen, lasse aber die Margarine weg, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass die Margarine für meine Probleme verantwortlich ist.
Der Mann, der heute abreist, erscheint nicht zum Frühstück. Irgendwie schade. Mit Jochen und Andrea gibt es Smalltalk am Frühstückstisch. Jochen kommt aus dem Bereich Gebäudemanagement. Möglicherweise hat er eine Firma. Zu viele Informationen am Morgen.
08:00 Uhr. Vortrag „Was hält uns gesund?“. Pflichtveranstaltung. Interessanterweise setzt sich Frau H. nur einen Platz weiter. Wir reden nicht miteinander, weil ich nicht weiß, worüber wir reden sollten. Der Vortrag ist okay, aber er bietet mir nichts Neues. Mir gefällt der Teil am besten, bei dem ein paar der Anwesenden sagen sollen, was am heutigen Tag bisher gut war. Wie man es erwartet, nennen manche Leute Dinge, die sie mit einem „aber“ relativieren. Ein echter Klassiker. Da ist noch Luft nach oben. Schräg vor mir sitzt ein Lockenkopf. Laptop auf dem Schoß, Tablet griffbereit. Er arbeitet an irgendwelchen Grafiken. Er ist wichtig, unverzichtbar, vielleicht ist er auch selbstständig und braucht das Geld. Vom Vortrag bekommt er vermutlich nichts mit, dabei wäre das für ihn sicher wichtig. Da nach dem Vortrag nicht eingetragen wird, dass man anwesend war, ist das mit der Pflichtveranstaltung fragwürdig. Theoretisch kann man alle Vorträge ausfallen lassen und niemand würde es merken.
09:00 Uhr. Wärmetherapie. Während ich im Wartebereich sitze, kommt Frau H. vorbei. Sie zieht sich auch ständig um und bemerkt mich nicht. Es gibt Fango für den oberen Rücken. Das ist sehr entspannend und während ich so da liege, erzählt mein Darm viele Geschichten.
Erwartungsgemäß habe ich weiter Magenschmerzen und nehme regelmäßig Nuxal. Liegt es wirklich am Essen oder mache ich mir Stress, den ich nicht greifen kann?
10:40 Uhr. Hydrojet ist cool, aber fünfzehn Minuten sind schnell vorbei.
Zwischendurch wird mir immer so schlecht, dass ich fürchte, ich muss mich übergeben. Gastritis? Ich werde wohl eine Magenspiegelung nach meiner Rückkehr machen lassen müssen. Zwar sind die Schmerzen hier schlimmer als sonst, aber letztlich sind die Probleme ja schon länger da und trotz des positiven MRT-Ergebnisses muss es eine Ursache für die wiederkehrenden Probleme geben. Auffällig ist auch, dass selbst kleiner Druck von außen im Bereich des Schwertfortsatzes Übelkeit und Schmerzen verursacht.
11:45 Uhr. Mittagessen. Ich verzichte auf den Joghurt und die Soße. Es gibt vegetarisches Gyros, Reis und etwas Gemüse. Neu an unserem Tisch: Birgit. Wirkt sehr selbstbewusst und beginnt direkt ein Gespräch.
Nach dem Essen frage ich nach, ob ich laktosefreies Essen bekommen kann und erfahre, dass ich dazu ein ärztliches Attest brauche. Alternativ kann ich mich mit den Ernährungsberatern des Hauses unterhalten und sie gegebenenfalls anordnen, dass ich laktosefrei ernährt werden muss. Ich entscheide mich dafür, dass ich nach dem Abendbrot in die Stadt fahre und mir Laktase-Tabletten kaufe.
Kurz nach dem Essen sind die Magenbeschwerden meist eine kurze Weile weg, dann folgt die nächste Welle der Übelkeit. Drei Wochen möchte ich nicht so leben. Mit derartigen Problemen habe ich früher lange genug gelebt. Ich will das nicht mehr.
12:40 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages. Ich kann echt nicht so viel essen wie ich ausscheide. Furchtbar.
13:00 Uhr. Vortrag Sport / Arthrose. Der Raum ist gut besetzt und zum ersten Mal wird die Anwesenheit überprüft. Neues erfahre ich nicht und auf die Frage, ob die Einnahme von Kollagen wirklich hilft, gibt es eine eher ausweichende Antwort. Manches scheint mir veraltet, aber es gibt ja viele Meinungen und sicher auch unterschiedliche Wege. Einer der Kurgäste ist erkältet, hustet und muss sich ständig die Nase putzen. Es ist gut, dass ich mich so absondere und nicht irgendwelchen Gefahren aussetze. Der Lockenkopf ist auch während dieses Vortrags mit seinem Laptop beschäftigt. Er trägt ein klassisches Feinripp-Unterhemd. Ich weiß nicht, ob das wirklich eine gute Idee ist.
Noch fast anderthalb Stunden bis zur Sole-Photo-Therapie und schönes Wetter. Leider reicht das nicht als Motivation, um rauszugehen. Also verbringe ich die Zeit mit meinen Magenproblemen auf dem Zimmer.
14:02 Uhr. Dritter Stuhlgang des Tages. Und es fühlt sich nicht so an, als wäre es damit erledigt.
15:15 Uhr. Letzter Termin für heute. Anschließend mache ich einen Spaziergang bis zum Bahnhof.
17:30 Uhr. Abendessen. Da ich früh dran bin, stehe ich mit anderen Kurgästen vor dem noch verschlossenen Speisesaal. Zwei Frauen, die einer anderen bei etwas geholfen haben und etwas weiter hinten standen, gehen nach vorne und teilen den anderen mit, dass sie eigentlich zuerst hier waren. Das ist so deutsch, dass ich fast fasziniert bin. Vielleicht reservieren sie die ersten Plätze demnächst, indem sie Badetücher oder Kuchenteller dort deponieren, wo sie ihrer Meinung nach hingehören. Interessanterweise reagiert niemand auf deren Ansage. Der Traum aller Träume: mindestens einmal das Buffet eröffnen. Menschen sind solche Fehlkonstruktionen.
An unserem Tisch reden wir fast gar nicht, bis Birgit da ist. Wie neue Personen die Gruppendynamik immer wieder verändern können, ist fast schon faszinierend.
Wegen meiner Magenprobleme gehe ich in die Stadt und kaufe ein: Laktase-Tabletten 18.000, Heilerde-Kapseln, Leber- und Gallentee, Salbei-Bonbons. Die Bonbons aber nur für den Fall, dass ich spontan einen Kurschatten küssen muss. Das ist natürlich Quatsch, sie sollen nur Mundgeruch verhindern.
Nachdem das erledigt ist, will ich zur Burg Bentheim. Eine sehr junge Frau mit ihrem Begleiter kommt auf mich zu. Sie ist vergnügt, wie junge Leute es oft sind. Zu meiner Überraschung ist es meine Ärztin, die mich sogar erkennt. Wir grüßen ordnungsgemäß. Sie ist so jung und mir fällt da nur der Begriff „süß“ ein, aber sie ist Ärztin. Süße, junge Ärztin. Ich bin langsam echt zu alt für diese Welt.
Beim Bummel durch Bad Bentheim fühlt es sich fast wie Urlaub an. Würde ich mich jetzt mit Geocaching beschäftigen, wäre ich total durcheinander. Bad Bentheim könnte echt ein Urlaubsort für mich sein. Für Momente schalte ich ab und schlendere wie im Urlaub durch den Ort.
Rückweg. Ich überquere gemeinsam mit einer jungen Frau, ihrem Begleiter und ihrem Hund bei Grün eine Straße. Auf der anderen Straßenseite ein Mann mit Fahrrad. Er bleibt stehen und als wir ihn fast erreicht haben, beschimpft er uns: „Wie soll ich da vorbeikommen, wenn ihr alle nebeneinander geht?“ Wir sind überrascht und ich sage den beiden, dass der Mann nur des Meckerns wegen stehengeblieben ist. Die junge Frau, vermutlich noch keine 18, sieht aus wie die junge Jennifer Connelly und für einen Moment verliebe ich mich in sie.
In der Klinik hole ich mir zunächst heißes Wasser für den Tee. Auf dem Weg zum Zimmer höre ich Musik. Livemusik wird in einer Ecke präsentiert. „Guten Abend, gute Nacht.“ Der Gesang ist nicht wirklich schön, aber es passt dennoch hierher. Es hat etwas Beruhigendes. Auch etwas von Altersheim, nahendem Ende, Vergänglichkeit. Ich setze mich in die Nähe. Es könnte schlimmer enden; ein Hauch von Wehmut kommt auf. Eine Gemeinschaft für den Moment. Ich bin in der Nähe, aber nicht dabei. Leute kommen zurück, hier und da sitzen welche zusammen. Gemütlichkeit in einer Reha-Klinik. Ich bin kein Teil davon.
Zurück im Zimmer esse ich ein Ei, einen Apfel und etwas vom Nussmix. Dazu gibt es ein Glas mit Natron und Tee. Morgen habe ich vier Termine. Werde ich morgen private Gespräche mit anderen Kurgästen führen oder meine Außenseiterrolle lieber weiter zelebrieren?
Tag 4
Die Nacht ist okay, die Magenschmerzen am Morgen sind dezent. Ich trinke den kalten Leber und Galle Tee und hoffe, dass ich heute weniger Beschwerden habe und nicht so oft zur Toilette muss. Über den morgendlichen Stuhlgang freue ich mich dennoch, denn ich halte es für eine großartige Sache, den Tag mit dem Stuhlgang zu beginnen.
Beim Frühstück bin ich lange alleine am Tisch. Es gibt zwei Brötchen mit Geflügelwurst und Margarine. Dazu den Rest Leber und Galle Tee. Erst später kommt Birgit dazu. Die beiden anderen scheinen sich zu verspäten. Kurzer Smalltalk mit Birgit. Sie ist in einer Beziehung und hat zwei Kinder. Auch sie versucht ihre Ernährung zu optimieren und hat es eine Weile komplett ohne Zucker versucht. Damit ging es ihr besser. Genug Smalltalk. Zeit, den Speisesaal zu verlassen.
08:20 Uhr. Zweite Darmentleerung. Mein Darm bleibt verlässlich. Immerhin geht es mir ansonsten besser und ich habe nur minimale Magenschmerzen. Faszinierend finde ich, dass mein Stuhl hier so vorbildlich geformt ist. Sollte das so bleiben, liegt der Fehler eindeutig bei meiner Ernährung zu Hause. Ich habe da auch einen Verdacht, aber keinen Plan, wie ich das ändern kann. Ich werde es beobachten und mir bei Bedarf etwas einfallen lassen.
09:00 Uhr. Analyse der Körperzusammensetzung. Statt einen Vortrag zu hören, stehe ich auf einer High-Tech-Waage. Ergebnis: 70 von 100 Punkten. Größter Schwachpunkt sind meine wenig ausgeprägten Muskeln. Vor allem an den Armen, was mich aber nicht überrascht, denn ich sehe mich täglich im Spiegel. Mein täglicher Grundumsatz sind 1605 kcal. Bei den anderen Messungen liege ich fast immer knapp unter der Norm. Was mich etwas erschreckt ist die obere Zeile des Berichts, in der mein Alter steht. 55. Das ist eine Zahl, die in absolut keinem Zusammenhang zu meinem Gefühl steht. Unerklärlich. Unbegreiflich. In meiner letzten Reha-Woche wird noch einmal gemessen.
10:50 Uhr. Facharztvisite. Nach etwas längerer Wartezeit werde ich aufgerufen. Kaum sitze ich, kommt auch schon der Chefarzt hinzu, begutachtet meinen Körper, ist recht zufrieden, ändert etwas am Therapieplan und ist wieder weg. Auch die junge Ärztin hat nichts mehr anzumerken.
11:45 Uhr. Mittagessen: Rindfleisch, Erbsen, Kartoffeln. Kann man essen. Jochen ist nicht da, meine Beteiligung am Gespräch eher gering. Als Erster verlasse ich die kleine Runde. Ich werde immer ein Fremdkörper bleiben.
13:00 Uhr. Grundwissen Entspannungstraining. Auch hier erfahre ich nichts Neues. Eine Probeübung wird gemacht. Wir sollen uns vorstellen, wie wir eine Zitrone zerteilen, an ihr riechen, eine Scheibe abschneiden, hineinbeißen. Ich weiß, so etwas kann funktionieren. Bei mir funktioniert es dieses Mal nicht. Nach dem Vortrag treffe ich Jochen, den ich vorher übersehen habe. Kurzer Plausch. Er hetzt von Termin zu Termin, weil er im Erstgespräch sagte, dass er auch Probleme mit Schmerzen hat. Er wurde direkt geröntgt und hat nun quasi zwei verschiedene Bereiche, die behandelt werden. Vielleicht hätte ich auch sagen sollen, dass mein linker Ellenbogen und mein linkes Knie mir ständig Schmerzen bereiten. Habe ich aber nicht. Wieder eine Chance in meinem Leben verpasst. Eines meiner wenigen Spezialtalente.
Birgit, die auch an der Veranstaltung teilgenommen hat, hat schon Kontakte geknüpft, grüßt hier und dort, spricht mit unterschiedlichen Menschen und ist schon am zweiten Tag Teil der Gemeinschaft.
Später eine Nachricht von der Brasilianerin: “Ich kann immer am Wochenende kommen, aber nur wenn Sie möchten.“ Das ist sehr nett, aber nachdem ich ihr mitteile, dass sie mindestens zweieinhalb Stunden Anreise über sich ergehen lassen muss, um mich zu besuchen, hat sich das Thema erledigt.
14:10 Uhr. Dritte Darmentleerung. Scheint die Mindestanzahl zu sein. Zumindest ist mir nicht mehr übel. Kein Vergleich zu den letzten Tagen. Auch wenn ich angeblich noch nicht weiter abgenommen habe, sah ich noch nie verschrumpelter und unterernährter aus. Mein Bauch sieht aus, als hätte man ihn mit einer Vakuumpumpe nach innen gesaugt. Tiefe Löcher rechts und links. Hätte ich trainierte Bauchmuskeln, würden sie jetzt optisch auffallen, doch trotz des regelmäßigen Trainings ist davon nichts zu sehen. Ich kann froh sein, dass die Mission Kurschatten schon am ersten Abend beendet wurde.
Im Park gehen viele Kurgäste spazieren, manche joggen. Ich mache nichts davon, sitze einfach im Zimmer, schaue aus dem Fenster und warte auf den nächsten Termin. Oder warte ich einfach nur auf das Ende? Und wenn ja, welches Ende?
15:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie und letzter Termin des heutigen Tages. Zum Schwefelbad wird nun, auf Wunsch des Chefarztes, auch Salz hinzugefügt. Sonst ändert sich nicht viel, abgesehen davon, dass meine Sachen im Anschluss voller Salz sind. Ich könnte, um das zu verhindern, direkt duschen, aber da ich nichts von Gemeinschaftsduschen halte, dusche ich erst auf dem Zimmer und habe daher viel Salz auf der Kleidung.
Das Wetter ist okay, abgesehen vom Wind. Ich bleibe jedoch im Zimmer und schlafe sogar kurz ein. Vielleicht ist das die Art zu Leben, die für mich gemacht wurde.
17:30 Uhr. Wieder bin ich einer der Ersten beim Abendessen. Was sagt das über mich aus? Kurz nach mir setzt sich Birgit an den Tisch. Da sie den Unterhaltungswert an unserem Tisch kaum in Worte fassen kann, sagt sie: “Nichts gegen Dich, aber ich setze mich da rüber.” Ich bleibe mit meinen zwei Scheiben Vollkornbrot mit Geflügel und Salat zurück. Wenig später kommt Andrea, setzt sich und wir schweigen nach kurzer Begrüßung beharrlich. Keine Ahnung, wieso sich Birgit das entgehen lässt. Als Jochen erscheint, verabschiede ich mich gerade von Andrea, frage aber noch, was sie heute noch vorhat. Ahnenforschung. Ich beende den Vorgang, den Tisch zu verlassen und frage weiter nach. Eine ganze Weile dauert das Gespräch und am Ende wissen wir voneinander, was wir beruflich machen. Krasse Entwicklung. Nun ist es Andrea, die sich verabschiedet, um noch etwas Ahnenforschung zu betreiben. Da ich Jochen nicht alleine lassen will, führen wir die Unterhaltung fort. Der Speisesaal wird immer leerer und am Ende kommt sogar eine Frau, um die Tablets einzusammeln.
Wir machen noch einen Spaziergang durchs Gebäude und unterhalten uns auf einer Terrasse weiter. Am Ende weiß ich einiges von Jochen. Berufliches und Privates. Zum dritten Mal verheiratet und er arbeitet teilweise siebzig Stunden die Woche. Wenn man Leuten Fragen stellt und sie reden lässt, erfährt man fast immer einiges, weil die meisten Leute reden wollen, sich mitteilen. Ich erzähle natürlich auch von mir, aber mir gefällt es meistens besser, wenn andere reden. Ihnen tut es in der Regel gut, wenn sie erzählen können und jemand zuhört und ich kann zwischendurch irgendwelche Sachen, von denen ich glaube, dass sie weise und hilfreich sind, absondern. Coach oder Klugscheißer? Ein schmaler Grad, auf dem ich mich stets bewege. Eigentlich eine der leichtesten Sachen der Welt, doch meist verzichte ich und bleibe für mich. Warum ich es heute nicht gemacht habe? Vielleicht, also sehr wahrscheinlich sogar, weil Agnes schrieb, ich soll den Moment leben und albern sein und es als Chance sehen. Okay, ich war jetzt nicht albern, aber das ist man auch nicht einfach so. Es ist bereits 19.30 Uhr, als wir das Gespräch beenden, weil Jochen seine Frau anrufen möchte.
Später spaziere ich allein durch den Park und schlendere anschließend noch durchs Gebäude. Überall Menschen, kleine Gruppen, Spiele, Gespräche. Jeder kann einfach so durchs Gebäude wandern, manchmal begegnet man sich auf den Gängen. Eine angenehme Atmosphäre, die mich an etwas erinnert, ohne dass ich benennen könnte, was. Aber es gefällt mir.
War das heute ein einmaliges Erlebnis oder führe ich zukünftig regelmäßig Gespräche mit den beiden? Werde ich irgendwann auch mit anderen sprechen und wer ist Frau H. wirklich?
Die Sole wird direkt vor Ort gefördert.
Tag 5
Da ich nicht direkt nach dem Aufstehen auf die Toilette muss und auch nach einer halben Stunde noch nicht, bin ich irritiert, fast schon besorgt. Doch dann ist es soweit. Der Stuhlgang ist mein bester Freund am Morgen.
Frühstück. Es ist so leer, als ich beim Speisesaal ankomme, dass ich glaube, ich sei zu früh und es ist noch geschlossen. Ist es aber nicht. Heute sind wir sogar zu viert an unserem Tisch und ich beteilige mich an den Tischgesprächen.
07.30 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages. Vielleicht ist das hier für mich eine Stuhlgang-Reha. Doch was bringt mir der ganze Stuhlgang? Wo ist da der Sinn?
08:00 Uhr. Psychologische Gesprächsgruppe problemorientiert. Zehn Leute, alle an Krebs erkrankt. Mycosis fungoides, schwarzer Hautkrebs. Das ist das erste Mal, dass ich mich während der Reha konkreter mit dem Thema auseinandersetzen muss. Bisher war das ja nicht nötig. Eine Frau hat öfter Metastasen. Dass sie anfängt zu weinen ist mehr als verständlich. Sie berichtet von der Behandlung, von Bestrahlungen. Der Krebs ist dadurch zurückgegangen. Schön, aber es macht es nicht wirklich besser. Sie klagt darüber, dass sie erst an ihrem letzten Tag das Gespräch mit der Psychologin hat. Maximal dumm geplant. Es ist auch das erste Mal, dass ich jemandem begegne, der die gleiche Krankheit hat wie ich. Einer davon ist 72, sieht aber viel jünger aus und hat die „Pest“ seit 15 Jahren. Er musste schon operiert werden und macht hier seine dritte Reha.
Nach der Runde spreche ich ihn an. Zufälligerweise gehen wir zu viert zusammen. Vielleicht ist es aber auch kein Zufall, dass ausgerechnet die vier Leute mit Mycosis fungoides zusammenbleiben. Es entsteht sofort ein Gespräch, weil endlich jeder jemanden kennt, der die gleiche Krankheit hat. Als ich sage, dass Ärzte nur Symptome behandeln, es aber eine Ursache geben muss, habe ich die ganze Aufmerksamkeit der Gruppe. Ein völlig neuer Ansatz, der bisher noch kein Thema war. Ich erzähle noch ein bisschen von meiner Behandlung und meinem Weg, dann muss ich weiter, da der nächste Termin auf mich wartet. Wie es aussieht, haben wir alle am Nachmittag gemeinsam den Termin bei der jungen Ärztin. Ich bin gespannt. Das war bisher der interessanteste Termin der Reha.
09:00 Uhr. Hydrojet. Immer wieder angenehm und nicht zu verwechseln mit „Jet Airliner“ von Modern Talking. Obwohl ich mir die Kombination gut vorstellen kann.
09:45 Uhr. Autogenes Training. Eigentlich identisch mit der Entspannungstherapie. Für mich ist das gut, auch wenn ich zu viel denke.
10:45 Uhr. Waldmedizin, Teilbereich Entspannung. Zunächst finde ich den Treffpunkt nicht, spreche dann eine Frau aus einer Gruppe an, ob das hier der Treffpunkt der „Waldmeister“ ist. Erst bestätigt sie das, dann korrigiert sie: Treffpunkt für Waldmedizin. Sag ich doch.
Es dauert, bis ich erkenne, dass der Mann, der auch das autogene Training geleitet hat, unser Waldführer ist. An der Stimme erkenne ich ihn, optisch hat ihn die Mütze so verändert, dass ich ihn einfach nicht erkennen konnte. Ich finde auch diesen Termin interessant, obwohl man mir das sicher nicht ansieht. Neues erfahre ich nicht wirklich, aber ich bin ja durchaus gerne im Wald. Wegen des Windes trage ich eine Mütze. Vielleicht hat mich der Mann, der uns durch den Wald führt, auch nicht erkannt. Das Mittagessen rückt näher, doch wir sind so entschleunigt, dass ich nervös werde. Ich weiß, das ist nicht gut, aber ich habe Termine. Mit einer Frau, die nicht unbedingt für Gruppenveranstaltungen ist, entferne ich mich von der Gruppe. Bevor sich unsere Wege trennen, weiß ich ein paar Dinge über sie, sie hingegen fast nichts über mich. Das gefällt mir.
11.45 Uhr Mittagessen. Nudeln mit Bolognese. Die ersten Nudeln seit über einem Jahr. Lecker. Aber die Zeit drängt.
12:30 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Andrea, Jochen und ich haben fast zeitgleich unsere Termine. Irgendwie witzig. Während der UVB-Behandlung betrachte ich meine Haut. Optisch fast ein Traum. Fühlt sich auch gut an. Schade, dass keine Frau je wieder davon kosten darf.
Nach der Behandlung dusche ich ausgiebig, creme mich ein und esse etwas Nussmix, weil ich tierischen Hunger habe. Noch ein Termin, dann ich die Woche fast um.
14:15 Uhr. Derma-onkologische Schulung bei der jungen Ärztin. Im Wartebereich wundere ich mich, dass die drei von heute Morgen nicht da sind. Erst nach einigen Minuten glaube ich den Mann zu erkennen, kann mich aber auch irren. Als wir in den Schulungsraum gehen, erkenne ich, dass ich mich nicht geirrt habe. Auch die beiden Frauen saßen im Wartebereich. Gesichter kann ich mir echt gut merken.
Der Vortrag der jungen Ärztin zum Thema Mycosis fungoides ist kurzweilig. Neues erfahre ich kaum, aber zumindest scheint die Erkrankung die Lebenserwartung bei frühzeitiger Behandlung nicht zu beeinträchtigen. So deutlich wurde das bisher noch nicht vermittelt. Zum Abschluss verschenkt die Ärztin Sonnencreme mit Schutzfaktor 100. Alle greifen brav zu und bedanken sich ordnungsgemäß. Ich verzichte, weil ich nichts von diesen chemischen Sonnencremes halte.
Nach dem Vortrag unterhalte ich mich noch eine ganze Weile mit den beiden Frauen. Eine der beiden reist morgen ab. Ihr Gesicht muss ich mir nicht merken. Die andere bleibt noch eine Woche. Scheinbar ist es so, dass man mit dieser Krankheit alle zwei Jahre eine Reha bekommen kann. Wenn das immer so entspannt läuft, wie in dieser Woche, ist das vielleicht eine Option für mich. Vielleicht kann ich dann auch das Thema Kurschatten wieder aktivieren. Aber soweit ist es noch lange nicht. Am Ende unseres Gesprächs tauschen wir noch einmal unsere Namen aus. Keine drei Minuten später habe ich sie tatsächlich schon wieder vergessen. Das ist auch nicht normal.
Mit sechs Terminen an einem Tag habe ich einen neuen Rekord aufgestellt. Den Rest des Tages kann ich machen, was ich will. Dummerweise weiß ich nicht, was ich will. Ich habe nur tierischen Hunger und esse ein Ei. Wirklich weiter bringt mich das nicht. Der Hunger bleibt unverändert und ich liege bis zum Abendessen auf dem Bett.
17:30 Uhr. Wieder bin ich einer der Ersten am Buffet. Wie üblich gibt es zwei Scheiben Vollkornbrot mit Geflügel und dazu einen Salat. Dass ich mal so ein Salatesser werde, konnte auch niemand ahnen. Birgit verzichtet heute aufs Abendessen. Wir drei bleiben zum ersten Mal sitzen, bis alle aufgegessen haben – interessante Entwicklung. Bis zum Ende meiner Reha muss ich mich auch nicht mehr an andere Leute gewöhnen. Andrea will heute die Ahnenforschung fortsetzen, Jochen hat keinen Plan, und ich will in die Stadt gehen.
Dort kaufe ich zunächst eine Tafel Zartbitterschokolade und Nuts Royal. Anschließend wandere ich durch den Ort. Einfach so, weil ich es mag. Schon bald bekomme ich Hunger, ständig habe ich Hunger. Also esse ich ein wenig Schokolade im Schlosspark, bevor ich langsam zurück zur Klinik gehe.
Auf dem Rückweg hole ich den Therapieplan für nächste Woche ab. Sieht recht entspannt aus. Ähnlich wie diese Woche, nur zu anderen Zeiten. Ich habe ziemliches Glück mit dem Therapieplan und der Lage meines Zimmers. Die Wege zu den meisten Sachen sind kurz, der Wasserspender ist fast vor der Tür. Manchmal bin ich ein echtes Glückskind, ohne ein Kind zu sein. Also innerlich schon, optisch schon lange nicht mehr.
Da mein Hunger nicht nachlässt, esse ich noch ein Ei und einen Apfel. Wenn in den nächsten drei Stunden nichts mehr passiert, hatte ich heute nur zweimal Stuhlgang. Wie oft werde ich morgen müssen und noch viel wichtiger: Wann wird die erste Frau mich fragen, ob ich leicht zu haben bin?
Tag 6
Der morgendliche Stuhlgang bestätigt ein altes Phänomen. Je mehr ich oben einführe, desto mehr kommt unten raus. Wird sich nie ändern und macht eine Gewichtszunahme unmöglich.
07:05 Uhr. Frühstück wie immer: zwei Vollkornbrötchen mit Geflügel und Margarine. Kurzer Smalltalk mit Jochen. Andrea erscheint erst, als wir schon losmüssen. Der Speisesaal ist auffallend leer. Vermutlich sind viele übers Wochenende nach Hause gefahren.
08:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie, letzter Termin der Woche. Meine Haut sah lange nicht besser aus. Ich bin gespannt, wie lange das anhält, bis der nächste Schub kommt. Mit dieser Haut könnte ich tatsächlich wieder daten, aber damit ist nicht zu rechnen.
Danach telefoniere ich anderthalb Stunden mit Agnes und friere dabei immer mehr. Erst nach dem Gespräch komme ich auf die Idee, das Fenster zu schließen. Draußen spielen zwei Gäste Minigolf. Ich würde auch gern spielen, wüsste aber nicht mit wem, und außerdem ist es mir zu kalt. 13 Grad sollen zwar selbst im heißesten September aller Zeiten normal sein, aber ich bezweifle das und finde nicht, dass 13 Grad zum Minigolfen einladen. Weil mir nichts Besseres einfällt, esse ich Nuts Royal.
Mittagessen. Graupensuppe. Lecker, aber davon ist man kaum bis zum Abendbrot satt. Andrea fehlt, wir anderen unterhalten uns kurz. Im Gegensatz zu mir, machen die beiden hier echt viel Sport. Sogar Zirkeltraining. Ich verzichte auf alles, was mit Bewegung zu tun hat, bin aber nicht sicher, ob das wirklich vernünftig ist. Wie immer suche und gehe ich den Weg des geringsten Widerstands. Der leichteste Reha-Plan ist mir schwer genug. Merkwürdige Einstellung. Ein Mann ohne Ehrgeiz und ohne Muskeln. Vielleicht auch ein Grund, warum ich von den Frauen hier absolut nicht beachtet werde. Da kann ich noch so viele Sakkos tragen und literweise Orange Flamingo auftragen. Für Frauen bin ich in etwa so interessant, wie ein geplatzter Luftballon, der achtlos in einen Gulli geworfen wurde.
Weil Jochen nicht fragt, frage ich ihn, ob wir am Nachmittag zusammen in die Stadt gehen. Er ist dabei. Würden wir mit anderen Leuten am Tisch sitzen, würden wir vermutlich mit denen etwas unternehmen. Der Sitzplan entscheidet quasi, mit wem ich meine Zeit verbringe. Eine meiner weiteren Superkräfte: den Sitzplan die Vorauswahl treffen lassen und dann aus den angebotenen Personen auswählen oder komplett verzichten.
14:30 Uhr. Auf in die Stadt. Ich dachte, dass ich recht flott gehe, aber das Tempo, das Jochen vorlegt, ist enorm und zeigt mir, dass schnell gehen anders geht. Kaum losgegangen, sind wir auch schon in der Stadt und ich frage mich, wie lange ich noch mithalten kann. Endlich rasen wir nicht mehr ganz so schnell, aber ein erholsamer Bummel geht definitiv anders. Das Wetter ist, abgesehen vom Wind, optimal zum Schlendern. Jochen ist allerdings kein Schlenderer. Am Ende haben wir ca. sechs Kilometer in zwei Stunden zurückgelegt. In der Zeit kann man sicher auch noch größere Strecken zurücklegen, aber doch nicht, wenn man eine Reha macht und entspannen will. Vielleicht bin ich auch zu alt und unfit für solche Aktionen. Bis zum Abendessen muss ich mich jedenfalls erstmal erholen. Ich möchte lesen, schlafe aber schon bald ein.
Abendessen. Wieder sitzen vier zu viert an unserem Tisch. Erstmalig biete ich meine Unterhaltungsshow. Zwar nicht das volle Programm, aber es ist gut für die Stimmung. Ich kann es doch noch. Endlich wird mal am Tisch gelacht. Ist ja nicht auszuhalten, eine Woche ohne Lachen. Da ist noch viel Luft nach oben.
Beim Abendspaziergang treffe ich Andrea, die in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist. Wir plaudern eine Weile; sie schätzt mich jünger ein und ist damit ab sofort meine Lieblingsperson am Tisch. Nachdem ich zuletzt auf 58 geschätzt wurde, fühle ich mich jetzt gleich viel besser. Mit ihr kann man sich gut unterhalten. Nach einer Weile geht es allein weiter in den Bentheimer Wald. Ein Gewitter grollt, der Wald wird dichter, es wird dunkler. Obwohl es sonst nicht meine Art ist, kehre ich irgendwann um. Wind kommt auf, leichter Regen setzt ein. Faszinierend und etwas gruselig. Ich denke an irgendwelche Horrorfilme. Herrliche Atmosphäre. Der Regen wird stärker, ich setzte meine Mütze auf. Ich werde nass und es stört mich nicht, ich finde es sogar irgendwie witzig.
Es ist wunderbar, wenn man sich um fast nichts kümmern muss. Wie damals als Kind, bei Klassenausflügen oder bei Reisen mit dem Fußballverein in irgendeine Jugendherberge. Vielleicht könnte ich für immer so weiterleben. Wie ein Teenie, der aber schon alt ist.
Später gibt es noch ein Ei, einen Apfel, das übliche Glas Wasser mit Natron und Leber und Galle Tee, dazu etwas Zartbitterschokolade. Ich schaue mir einen Film an: Noch einmal, June. Irgendwie passend zu der aktuellen Situation.
Welche Abenteuer warten morgen auf mich? Werde ich vielleicht sogar Rinder sehen? Oder passiert etwas völlig Unvorhersehbares?
Für die romantischen Momente empfehle ich den Schlosspark.
Tag 7
In der Nacht wache ich mit einseitigen Halsschmerzen auf. Mir ist warm, und sofort überlege ich, wo ich mich angesteckt haben könnte und wie hier mit Erkälteten umgegangen wird. Kann ich weiter an den Programmen teilnehmen, werde ich isoliert, muss ich nach Hause? Bis auf den Mann, der während eines Vortrags ständig seine Nase putzen musste, ist mir niemand mit Infekt aufgefallen. Wo also habe ich mich angesteckt? Mir fallen nur die Zangen für Brot und Brötchen ein und noch die Wasserspender. Sonst fasse ich ja nichts an. Ich überlege, welche Mittel ich brauche und wo ich sie bekomme.
Ich schlafe noch einmal ein und träume von einer jungen, kleinen Frau mit dunklen Haare und gebräunter Haut. Wir sitzen irgendwo, sind uns nah.Sie ist verheiratet, und ich erkläre ihr, dass ich das weiß und akzeptiere, dass wir keinen Sex haben werden. Sie antwortet, dass sie nie gesagt hat, dass wir nicht weiter gehen können. Es wird intimer, erregender und kurz bevor es richtig zur Sache geht, zwinge ich mich, den Traum zu beenden. So ist es immer mit meinen Sexträumen: Kurz bevor wirklich etwas passiert, wecke ich mich quasi. Selbst in meinen Träumen lasse ich keinen Sex zu. Das sagt sicher viel über mich aus. Wie soll man im Leben Sex haben, wenn man es sich selbst in Träumen verbietet?
Wenig später der nächste Traum. Ich arbeite irgendwo, es ist Pause. Ich gehe zum Schrank und will mein Essen holen. Es ist nicht da. Da es zwei Orte gibt, an denen es sein könnte, gehe ich zum anderen Ort. Doch auch dort ist nichts. Aber ich muss essen, werde erst nervös, dann wütend und dann wach. Was hat das nur zu bedeuten?
Noch ein Traum: Dieses Mal bin ich in einer Küche. In der Mitte steht eine Dusche. Ich will duschen. Eine verheiratete Frau ist ebenfalls in der Küche. Jemand kommt herein, und die Frau versteckt sich hinter mir in der Dusche. Aus irgendeinem Grund legt sie die Arme um mich, sodass man sieht, dass jemand hinter mir ist. Obwohl ich hinter dem Duschvorhang stehe, erkennt der Mann, der in die Küche gekommen ist, dass jemand mich umarmt. Der Vorhang ist nämlich rosa und größtenteils durchsichtig. Ich bin natürlich nackt, schließlich wollte ich duschen. Der Mann grinst, geht wieder und erzählt offenbar allen, dass ich mit einer Frau unter der Dusche stehe. Niemand darf wissen, wer die Frau ist, doch immer mehr Leute kommen in die Küche, setzen sich um die Dusche auf die Schränke, grinsen, machen Witze und ich stehe dumm da und kann nicht weg. Zwei der jüngeren Männer ringen miteinander und fallen aus dem Fenster. Ich beschimpfe einen jungen, etwas übergewichtigen Mann, dass ich ihn aus dem Fenster werfe, wenn er nicht sofort abhaut. Er krabbelt grinsend auf dem Schrank herum und fällt plötzlich runter. Ich fühle mich schuldig. Die anderen machen Witze, wollen wissen, wer sich hinter mir versteckt, und wollen einfach nicht gehen. Ich fühle mich beobachtet. Der junge Mann, der vom Schrank gefallen ist, kommt wieder hochgeklettert und grinst weiter. Alles wirkt surreal, durchaus irre, und ich fühle mich unbehaglich. Dann klingelt endlich der Wecker.
Ich bin müde, habe leichte Halsschmerzen und fühle mich gerädert. Was für eine Nacht, was für Träume. Kann das mal bitte jemand analysieren.
Weil ich total verspannt bin, mache ich ein paar Dehnübungen und zehn Kniebeugen. Das ist doch alles nicht normal.
06:30 Uhr. Immerhin der morgendliche Stuhlgang lässt hoffen, dass der noch Tag gut wird. Ob es heute wieder bei einem bleibt?
07:00 Uhr. Ich bin tatsächlich der Fünfte am Frühstücksbuffet. Das ist fast bedenklich. Andrea und Jochen kommen etwas später. Dann fällt mir auf, dass Jochen seit Tagen leichte Erkältungssymptome hat. Er erwähnte sogar einmal, dass er Angst hatte, man würde ihn nicht aufnehmen, weil er erkältet war. Jetzt schließt sich der Kreis.
Am Tisch reden wir über andere Kurgäste und deren Verhalten. Klara beobachtet alles noch intensiver als ich und erzählt von einem Mann, der ständig die Hände bewegt, als ob er klatschen würde. Ich schlage vor, dass wir nach dem Essen zu ihm gehen, uns verbeugen und uns für den Applaus bedanken. Dann schlage ich vor, dass jeder von uns sich an einen anderen Tisch setzen und dort einfach den Oberkörper hin und her bewegen könnte. Nur um zu sehen, wie die Leute reagieren. Als eine Frau, die laut Andrea bemerkt die vermutlich größten Portionen Nahrung zu sich nimmt, aufsteht, um sich noch etwas zu holen, womit sie ihr Brötchen belegen kann, schlage ich vor, dass wir ihr das Brötchen wegnehmen, sodass sie mit dem Belag an ihrem Tisch steht, aber kein Brötchen mehr hat. So geht es immer weiter. Ich weise auf eine große und durchaus attraktive Frau hin, die immer wieder zum Buffet geht. Ist sie eine nervöse Person oder braucht sie Aufmerksamkeit? Als sie wieder an uns vorbeigeht, vermute ich, dass sie dieses Mal zur Toilette geht. Volltreffer. Kaum ist sie drin, muss eine andere Frau auch. Als die bemerktt, dass besetzt ist, murmelt sie etwas. Viele Kurgäste murmeln vor sich hin oder kommentieren, was sie gerade tun. Ein Verhalten, das mir leider manchmal auch an mir auffällt. Beim Verlassen des Speisesaales, erwähne ich, dass jetzt vermutlich alle erleichtert sind, weil wir endlich weg sind. Vielleicht sind wir nun in der grotesken Phase angekommen.
Auf eine Erkältung bin ich nicht vorbereitet, weil ich im September gewöhnlich nicht erkältet bin. Sollte es tatsächlich eine sein, könnte man die Kur meiner Meinung nach auch abbrechen.
Bis zum Mittagessen schlafe ich und träume wieder. Erneut geht es um eine Frau. Sie hat blondes, eher kurzes Haar. Keine Ahnung, wer sie ist. Ich rede mit ihr, oder schaue sie nur an. Verschwommene Szene. Ortswechsel: Ich sitze mit einer dunkelhaarigen Frau in einem Biergarten. Die blonde Frau taucht auf, will mit mir reden. Erneuter Szenenwechsel. Ich bin nicht mehr am Tisch, sondern spreche mit der blonden Frau. Komische Dialoge. Manni taucht auf, findet alles befremdlich. Die Frau baggert mich an, berührt mich immer wieder. Es bleibt bizarr. Sie möchte mich treffen und bezeichnet sich als unkompliziert. Wir verabreden uns für irgendwann. Manni findet die Frau schrecklich, würde keine Zeit mit ihr verbringen. Alles zu anstrengend. Ich habe dem Treffen natürlich zugestimmt. Manni könnte das nicht, sagt er. Ich sehe das Problem nicht. Sie war doch nett, optisch auch okay. Ich gehe zurück zum Tisch im Biergarten. Meine Begleiterin ist längst gegangen, nur die Gläser stehen noch da. Der Wecker klingelt.
Im Nebenzimmer hustet ein Mann. Hat er in der Nacht auch schon. Erkältet?
Mittagessen. Wir beobachten und kommentieren weiter. Als Jochen aufsteht, um sich noch was zu holen, sage ich ihm, er soll jemanden mitbringen, der gut aussieht. Da sagt Andrea, dass er hier niemanden finden wird. Großartig. Auf dem Niveau fühle ich mich wohl. Nach der Rinderroulade mit Kartoffeln gönne ich mir noch einen Salat. Was ist nur aus mir geworden? Und warum erst jetzt? Ach ja, weil mir hier alles servierfertig präsentiert wird.
Nach dem Mittagessen besichtige ich die Burg. Das gefällt mir, das ist Urlaub pur. Auf dem Rückweg einmal kurz Geocaching. Mehr kann ich nicht verlangen
Vor dem Parkhaus sehe ich Frau H., die wohl über Nacht zu Hause war. Ihr Kleidungsstil gefällt mir, ich spreche sie an. Kurzer Plausch. Frau H. heißt Karo mit K. und kommt aus Rheine. Ab heute duzen wir uns. Bevor mir nichts mehr einfällt, sagt sie, dass sie ihre Sachen nun reinbringen muss. Perfektes Timing. Sie wünscht mir einen schönen Abend, ich erwidere, dass wir uns sicher vorher nochmal sehen. Das ist zwar Quatsch, aber dem Satz ist das egal.
Da ich bei meinem Bummel viel zu warm angezogen war und durchgeschwitzt bin, muss ich duschen. Ich muss echt aufpassen, die T-Shirts nicht zu sehr vollzuschwitzen, denn ich habe nicht genug dabei. Zwei wasche ich kurz mit der Hand aus, bevor ich mich wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand bringe.
Draußen spielt eine Kapelle, die Sonne scheint, Kinder toben im Park. Ein fast perfekter Sonntag, wenn man etwas dafür übrig hat.
17:30 Uhr. Abendessen. Ich könnte hier immer mehr zur One-Man-Show werden, aber das wäre peinlich und unangemessen. Heute gönne ich mir gleich drei Scheiben Brot mit Geflügel zum Salat. Unglaublich, was ich alles essen kann. Entweder trägt Andrea heute zum ersten Mal Parfum oder ich habe es bisher nicht wahrgenommen.
Nach dem Essen begleitet mich Jochen zum Geocaching. Wir suchen und finden einen Cache in der Nähe. Anschließend gehe ich noch eine Weile durch den Park.
Später das Übliche: Natron, Tee, ein Apfel und etwas Zartbitterschokolade. Auf ein Ei habe ich keine Lust. Bin zu voll.
Dazu einen Film: Laws of Attraction
Kurzes Fazit nach der ersten Woche:
• Mein Stuhlgang ist wieder völlig normal, Enzyme brauche ich derzeit nicht. Irgendetwas an meiner Ernährung zu Hause ist also unpassend und muss geändert werden.
• Meine Haut sieht aus wie neu. Optisch fast schon zum Verlieben.
• Ich habe lediglich einen Termin nicht wahrgenommen: das Schmerzbewältigungstraining.
• Mein Zimmer liegt ideal, die Wege zu den Terminen sind recht kurz.
• Ich mache absolut keinen Sport. Das ist nicht so wirklich clever.
• Das Thema Kurschatten hat sich früh erledigt. Intime Momente mit Frauen gibt es nur noch in meinem Träumen. Und selbst da ist es merkwürdig.
• Ich spreche mit Fremden und kann bei Bedarf unterhaltsam sein.
• Ich liebe es, mich um nichts kümmern zu müssen.
Werde ich morgen weitere Träume haben? Oder war es das erstmal?
Tag 8
In der Nacht kann ich nicht auf der Seite liegen, ohne dass mir schlecht wird. Fast wie zu Hause.
05:50 Uhr Stuhlgang. An der Menge wird deutlich, dass ich gestern viel gegessen habe. Ich denke, dass ich nach dem Abendbrot auf den Apfel und die Schokolade hätte verzichten müssen. Ich muss endlich begreifen, dass es für mich keinen Nutzen hat, so viel zu essen. Vor allem nicht am Abend. Wieder einmal hat mein Körper die These “Du musst nur mehr essen, dann nimmst du auch zu” eindrucksvoll widerlegt.
08:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Ich bin fünfzehn Minuten vor dem Termin da und darf direkt loslegen. Meine Freude auf ein warmes Bad war allerdings umsonst, denn das Wasser ist nicht wirklich warm und ich bin alles andere als begeistert. Nach dem fast schon erfrischenden Bad stehe ich 46 Sekunden in der UVB-Kabine, anschließend werden Oberarme, Bauch und Oberschenkel jeweils knapp über zwei Minuten mit UVB-Licht bestrahlt. Somit verstehe ich die ganzen Warnungen nicht, die bei meinem Handgerät immer auf eine maximale Bestrahlungsdauer von einer Minute hinweisen. Das ist alles ziemlich widersprüchlich. Hier steigert sich die Zeit täglich, also kann ich künftig zu Hause sicher auch länger bestrahlen. Nachdem alles erledigt ist, dusche ich und warte auf den nächsten Termin.
Es ist ziemlich windig, aber mit 16 Grad fast tropisch warm. Zumindest für diese Jahreszeit. Also laut Wetterexperten, die vom Wetter so viel Ahnung haben, wie Esel von Teilchenbeschleunigern.
09:45 Uhr. Waldmedizin Teilbereich Entspannung. Ein kleiner gemütlicher Spaziergang in den Wald. Manch einer beäugt meine Schuhe kritisch. Durchaus verständlich, denn ich trage schwarze Lederschuhe. Das ist relativ unpassendes Schuhwerk, aber Stoffschuhe erscheinen mir noch unpassender. Auf dem Rückweg spricht einer der Teilnehmer den Waldführer an und erzählt ihm eine seiner Lebensgeschichten. Der Waldführer lobt ihn und so wird die Geschichte weitererzählt. Ein Wohnmobil haben er und seine Frau sich gekauft. Als Corona gerade populär war. Erst zögerten sie, doch sie bereuen es nicht. Und zu Hause wird er seiner Frau vom Waldbaden erzählen. Im richtigen Moment erneute Bestätigung vom Waldführer. Und weiter geht die Geschichte. Ich habe genug gehört und wende mich einem anderen Teilnehmer zu, der total begeistert vom Waldspaziergang ist. Weil er erwähnt hatte, dass er nie friert, eröffne ich das Gespräch dementsprechend. “Sie sind also auch einer von denen, die nie frieren”. Schon erzählt er, dass er tatsächlich so gut wie nie friert, Zugbegleiter aus Recklinghausen ist, eine Freundin hat, die immer friert und ihn von Freitag bis Sonntag hier besuchen wird. Ich glaube, er ist ein netter Kerl, der mich etwas an John Candy in “Ein Ticket für zwei” erinnert. Zeit, sich zu verabschieden.
Auf dem Rückweg treffe ich Karo. Kurzer Smalltalk. Das wird hier noch zur Routine.
11:00 Uhr. Autogenes Training. Kaum aus dem Wald zurück, folgt das autogene Training, welches der Waldführer leitet. Ich höre ihm heute so gut wie gar nicht zu, bin aber recht entspannt. Jemand schnarcht, der Waldführer steht auf und beendet das Schnarchen. Die Frau neben mir beginnt zu schnarchen, beendet es aber von sich aus wieder. Wieder schnarcht jemand gegenüber, der Waldführer beendet es. Schnarchen ist auch eine erbärmliche Angewohnheit und unterstreicht die Fehlerhaftigkeit der Menschen. Vollkommen unerotisch und in gewisser Weise auch lächerlich.
11:45 Uhr. Mittagessen. Wieder einmal bin ich der Erste am Tisch und schlage später vor, dass wir uns um 19.00 Uhr treffen und jeder seine Lebensgeschichte erzählt. Dann habe ich eine bessere Idee: Jeder von uns spricht andere Kurgäste an und wer am Ende die meisten Lebensgeschichten gehört hat, gewinnt. Ich muss echt langsam aufhören mit den merkwürdigen Ideen. Vor dem Speisesaal gibt es zwei Wege, einen mit und einen ohne Treppen. Seit dem dritten oder vierten Tag nehme ich fast immer den Weg mit den drei Treppen und springe diese herunter. Wie ein kleiner Junge. Das Problem ist, ich finde es gut und werde da wohl auch nicht mehr mit aufhören.
13:00 Uhr. Hydrojet. 15 Minuten einfach nur rumliegen. Eine meiner stärksten Disziplinen.
14:00 Uhr. Grundwissen Schmerz Teil 1. Der Vortrag fesselt mich von Anfang an. Mehrfach fallen mir die Augen zu und eine unfassbare Müdigkeit ergreift Besitz von mir. Die Fragen, die in den Raum gestellt werden, beantwortet die Person mit blauem Haar. Warum ich Person schreibe? Das ist eine Geschichte, die bei Gelegenheit erzählt werden muss. Die Antworten sind gut. Die Probleme der Person liegen tiefer und ich hätte Lust zu ergründen, was da wohl alles schief läuft und was die sechs Monate Psychotherapie wohl gebracht haben. Ich fürchte allerdings, dass ich nicht mehr erfahre, als ich bisher weiß. Hörensagen.
15:15 Uhr. Nachsorge. Noch ein letzter Vortrag für heute. Zum ersten Mal nimmt unser ganzer Tisch an einem Vortrag teil. Mir ist es im Wartebereich zu voll und irgendwann sagt Birthe, dass ich ja demnächst die Vorträge halten kann, weil ich hier ständig zu Vorträgen gehe. Ich erwidere, dass ich es nicht mag, mit so vielen Menschen zu reden. ,,Dann können wir uns ja glücklich schätzen, dass Du mit uns sprichst.” – ,,Das liegt daran, dass wir am selben Tisch sitzen.” Klingt vielleicht gemein, aber letztlich ist es doch so. Würden wir woanders sitzen, würden wir die anderen höchstwahrscheinlich maximal als Randnotiz wahrnehmen. Teile einer großen Masse. Unkenntlich gemacht in der Masse.
Den Vortrag hält ein Arzt. Es ist der erste Vortrag, der kurzweilig, unterhaltsam und stellenweise lustig ist. Die Kurgäste lachen. Was ich allerdings etwas befremdlich finde: Sie applaudieren auch. Das tut dem Arzt sicher gut und gefällt ihm, aber mal ehrlich, Applaus ist dann doch etwas übertrieben. Was ist nur mit den Menschen los? Halten sie alles für eine Comedy-Show? Sind sie verrückt geworden? Oder bin ich es, der einfach nichts versteht? Würde ich mich nicht auch freuen, wenn man mir applaudiert? Sind meine Witze nicht gut genug? Muss ich mir Sorgen machen, weil man mir nie applaudiert?
Bis zum Abendbrot sitze ich einfach nur im Zimmer. Das Wetter ist optisch schön, aber es ist so windig, dass ich nicht mehr raus möchte. Ob ein Kurschatten eine Lösung wäre? Für den Kick, für den Augenblick?
17:30 Uhr Abendessen. Auf der anderen Seite des Buffets fällt mir ein hagerer Typ auf, der aufgebracht wirkt. Was er sagt, verstehe ich nicht. Er knüllt irgendwas zusammen, legt es über dem Buffet ab, sein Zorn scheint der Frau vor ihm zu gelten. Er überholt sie, immer noch erbost, zornig und voller Verständnislosigkeit. Schüttelt den Kopf, schnappt sich ein paar Sachen und stapft zu seinem Tisch. Hochinteressant. Das gab es hier auch noch nicht. Sekunden später ist er wieder da, holt sich Kaffee oder Tee. Mundwinkel maximal nach unten gezogen, leicht irrer Gesichtsausdruck. Fast eine Hassfratze. Mit dem zu leben ist sicher keine Freude; selbst für ihn ist es sicher schwer, sich zu ertragen. So ein Frustgesicht habe ich hier noch nicht gesehen. Ob er noch weitere solcher Auftritte haben wird? Kann man ihm hier helfen? Will er überhaupt, dass man ihm hilft? Ich glaube, er ist so frustriert, weil seine Gesundheit auf irgendeine Art und Weise ruiniert ist. Hoffentlich lässt sich das reparieren. So ist das doch kein Leben.
Wieder einmal bin ich der Erste an unserem Tisch. Heute gönne ich mir nur zwei Scheiben Brot, weil das gestern etwas viel war und ich irgendwann auch noch die Eier essen muss. Abermals ist es recht lustig an unserem Tisch. Wir lästern ein wenig über manche Gäste, was gemein ist, aber wir meinen es nicht böse. Die Person mit den blauen Haaren heißt ab heute „Blue“. Ein Name, mit dem wir alle leben können. Manchmal habe ich gute Ideen. Am Tisch von Blue sitzt mittlerweile auch eine Schriftstellerin, was ich sehr interessant finde. Ob sie über Blue schreiben wird?
Wer ist diese Person namens Blue überhaupt? Eine Frau, die aber als Herr angesprochen werden möchte. Optisch trägt sie zwei Merkmale, die sie durchaus sichtbar als Frau entlarven, aber eine Frau möchte er nicht sein. Laut meinen Informationen ist eine OP geplant, was eine gute Idee ist, wenn sich jemand aus den richtigen Gründen dazu entschieden hat. Wer im falschen Körper geboren wurde, hat wahrscheinlich keine andere Wahl. Sollte es allerdings nur der Plan sein, weil es gerade in Mode ist und jede Verwirrung zu noch mehr Verwirrung führt, dann halte ich es für keine gute Idee. Manchmal ist im Oberstübchen einfach nur ein großes Chaos, und nicht jedes Chaos sollte mit einer Geschlechtsumwandlung beantwortet werden. Ein hochinteressanter Fall. Gerne würde ich mehr darüber erfahren, aber das dürfte schwierig werden.
Später schaue ich Die Thomas Crown Affäre und esse rein gar nichts dazu, weil ich vom Abendbrot noch voll bin und mich viel zu wenig bewegt habe.
Tag 9
In der Nacht schlafe ich nicht so gut. Das liegt unter anderem daran, dass im Spülkasten der Toilettenspülung ständig etwas tropft und meinen Schlaf stört. Daher bin ich alles andere als wach, als der Wecker klingelt.
06:15 Uhr. Der erlösende Stuhlgang sorgt für das tägliche Glücksgefühl. Viel besser kann ein Tag kaum beginnen.
06:45 Uhr. Frühstück wie gehabt: zwei Brötchen mit Geflügel und dazu launige Gespräche. Birgit ist heute allerdings nicht gut drauf. Die ständige aktive Maschine hängt etwas durch, findet aber, dass die Frau am Nebentisch, die eine extrem auffällige Stimme und eine fast tödliche Lache hat, eine gute Synchronsprecherin wäre. Ich überlege, ob ich der Frau das vorschlage, wenn meine Ohren nicht mehr bluten. Und wer weiß, vielleicht ist sie sogar Synchronsprecherin oder spricht Hörbücher.
08:40 Uhr. Visite. Der Termin dauert nur wenige Sekunden, dann kann ich mich wieder anderen Dingen widmen. Im Anschluss melde ich das Problem mit dem tropfenden Wasser, fürchte aber, dass es, wenn jemand kommt, um es sich anzuschauen, kein Problem mehr gibt.
10:00 Uhr. Schmerzbewältigungstraining. Dieses Mal lasse ich es nicht ausfallen. Eine junge Frau leitet das Training. Sie spricht von einer Art Hypnose und redet sehr viel. Ich höre das eine oder andere Schnarchen, Musik, die Stimme der jungen Frau. Was sie sagt, verstehe ich nicht wirklich, manchmal bin ich gedanklich ganz woanders, gelegentlich nicke ich wohl auch ein. Vielleicht wird das zu meiner neuen Superdisziplin: Einschlafen bei Gruppenveranstaltungen, wenn jemand spricht.
Noch eine Stunde bis zum Mittagessen. Ich esse Nuts Royal. Das ganze Chillen macht scheinbar hungrig.
11:45 Uhr. Mittagessen. Rindergeschnetzeltes mit Spätzle und irgendeinem weißen Gemüse. Im Anschluss gönne ich mir einen Salat. Ich probiere aus, was mich optisch anspricht, und wundere mich immer wieder aufs Neue über mein Essverhalten hier. Mein gestörtes Essverhalten ist vermutlich nicht zu bemerken. Zu Hause esse ich nie Rindfleisch, hier fast täglich, seit ich zu Menü 2 gewechselt habe. Statt Schweinefleisch ist Menü 2 mit Rindfleisch, und es schmeckt mir bisher immer. Als wäre ich ein anderer Mensch. Zu Hause fast völlig gestört und beim Thema Essen maximal überfordert und eingeschränkt, hier ein fast unauffälliger und angepasster Teil der Masse.
13:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Da ich wieder einmal ziemlich früh dran bin, muss ich ein paar Minuten im Wartebereich warten. Außer mir ist noch eine weitere Frau dort. Sie telefoniert und hat es so eingerichtet, dass jeder hören kann, was am anderen Ende gesprochen wird. Freisprecheinrichtungen sind eine wunderbare Erfindung – fast so gut und erfolgreich wie Plastikverpackungen. Es geht wohl darum, dass irgendwer eine Hebamme benötigt, und die Frau gibt gute Ratschläge. Das ist Unterschichten-TV live vor Ort. Wir werden aufgerufen. Im Vergleich zu gestern ist das Wasser nicht nur warm, es ist fast schon heiß. Ich mag das. Es läuft Musik, ich bin entspannt, es herrscht Telefonverbot. Allerdings nur für Leute, die nicht komplett einen an der Waffel haben, alle anderen dürfen und können sehr wohl in der Wanne telefonieren. Die Unterschichten-TV-Frau lässt sich das natürlich nicht entgehen. Vermutlich ist nun ihr Lebensgefährte dran, dem sie die Geschichte mit der Hebamme erzählt. Plötzlich spricht er nicht mehr, man hört nur, wie er in der Küche oder in einem anderen Raum beschäftigt ist. Nach etwa zwei Minuten folgt die Aufklärung. Er kocht wohl gerade und nun erklärt sie ihm, wie er das zu machen hat, bevor sie fragt, warum er jetzt schon kocht. Ihre liebliche Stimme hallt durch alle Kabinen. Als die Badezeit um ist, verabschiedet sie sich. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie überall telefonieren darf. Ich würde sie direkt aus der Reha werfen, aber weil jede Patientin Geld bringt, wird das natürlich nicht passieren und sie kann fröhlich weitertelefonieren. Ich beschwere mich dennoch über sie, ich alter, weißer Nazi. Hängen sollte man mich dafür oder erschießen oder abfackeln. Was bilde ich mir nur ein? Die arme Frau.
Weil ich noch etwas Zeit bis zu den nächsten Terminen habe, esse ich den Rest Zartbitterschokolade. Hätte ich zu Hause nicht gemacht.
14.40 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages. Sehr überraschend, aber von schöner Konsistenz.
15:00 Uhr. Wärmetherapie. Herrlich entspannend. Draußen prasselt der Regen, ich bin warm eingepackt. Viel besser geht es nicht. Möglicherweise nicke ich zwischendurch mehrmals kurz ein. Ich weiß es nicht.
16:00 Uhr. Sozialrechtliche Fragen. Pflichtveranstaltung. Der bisher längste Vortrag bietet wenig Neues, ist aber dennoch interessant. Vor allem im Vergleich zu den meisten anderen Vorträgen.
17:30 Uhr. Abendessen. Während ich auf Einlass warte, kommt Karo, stellt sich zu mir und beginnt direkt ein Gespräch. Dass wir zusammen letzte Woche Montag hier angekommen sind, verbindet uns scheinbar irgendwie. Weil sie gleich noch einen Termin hat, lasse ich sie am Buffet vor. Dann gehe ich weiter an die Salatbar und sie zu den Getränken. Ich sitze bereits an meinem Platz, da ruft sie mir aus einiger Entfernung “Guten Appetit” zu. Dabei will ich doch nicht auffallen, falle aber allein schon wegen meiner Sakkos immer auf.
Längst machen wir uns etwas Sorgen um Birgit, da sie immer in Bewegung ist. Als würde sie vor etwas davonlaufen, was sie wohl auch tut: vor ihrer Krankheit. Sie lässt hier kein Sportprogramm aus, kommt oft als Letzte zum Essen und ist dennoch als Erste fertig. Permanent läuft sie auf Hochtouren, Entschleunigung ist vermutlich eine große Gefahr. So etwas geht selten gut, irgendwann bricht so ein System zusammen. Wir wünschen ihr, dass dieser Zusammenbruch ihr erspart bleibt.
Karo verlässt den Speisesaal, lächelt mich an, ich lächle und winke lässig zurück. Lässig winken kann ich wie ein Weltmeister. Von Andrea erfahre ich auf Nachfrage, dass sie hier bezüglich Kurschatten sehr wenig gesehen hat. Lediglich ein Paar hat sie ausgemacht. Interessant. Demnächst werde ich sie mal fragen, welche Kurorte besser für Kurschatten geeignet sind. Hilft mir zwar nicht, finde ich aber interessant.
Weil ich täglich besser werde, schlage ich vor, dass wir uns nach dem Essen noch in eine der vielen Sitzecken setzen und ein bisschen quatschen. Da sagen die zwei nicht nein. Auf dem Weg in einer der Sitzecken kommt uns Karo entgegen und wir lächeln uns ordnungsgemäß an. Jochen, dem das wohl auffällt sagt, dass Karo mich immer anlächelt. Ich bin überrascht und frage mich, wie er darauf kommt und wo ihm das schon aufgefallen ist. Ich erkläre ihm, dass es daran liegt, dass wir am gleichen Tag hier angekommen sind und uns gelegentlich unterhalten. Ich finde es gut, wenn Frauen mich anlächeln und bin der Meinung, dass mehr Frauen das machen sollten.
Eine Weile machen wir unsere üblichen Scherze, dann fragt Andrea, was wir am Sonntag vorhaben. Ich bin nicht sicher, aber scheinbar sind wir wenig später verabredet, am Sonntagvormittag nach Nordhorn zu fahren, um eine Bootsfahrt zu machen und am Sonntagnachmittag eine Waldtour mit einem Ranger. Da Andrea noch mit ihrem Vater telefonieren will, verlässt sie uns wenig später. Jochen und ich bleiben noch sitzen. Irgendwann telefoniert er mit seiner Frau, und mir kommt die Szene bekannt vor, so als hätte ich sie schon einmal erlebt. Als hätte ich genau diesen Moment bereits gelebt oder zumindest gesehen. Das ist sehr merkwürdig. Dazu passt, dass mir Andrea ja auch bekannt vorkommt. Seit Tagen frage ich, an wen sie mich erinnert. Dabei muss es ja keine andere Person sein, sondern ich erinnere mich tatsächlich an Andrea. Was geht da nur vor sich? Fantasiewelt ich nur oder steckt doch mehr dahinter.
Nach dem Telefonat zeigt Jochen mir noch Urlaubsfotos und wir bleiben bis 21.00 Uhr sitzen.
Dieser Tag hat eine völlig unerwartete Entwicklung genommen, und ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll.
Werden morgen wieder außergewöhnliche Dinge passieren? Kehren wir zur Normalität zurück. Oder haben wir die Normalität nie verlassen?
Tag 10
06:01 Uhr. Viel besser als mit einem morgendlichen Stuhlgang, der leicht den Körper verlässt, kann ein Tag kaum beginnen.
06:45 Uhr. Wenn man vorher Platz geschaffen hat, kann man direkt beim Frühstück den Platz wieder füllen. Großartiges System. Das Rein und Raus des Lebens. Beim Frühstück passiert nichts weiter. Birgit sagt, dass sie heute einen entspannten Tag hat und ich frage, ob das bedeutet, dass sie heute nur einen Halbmarathon laufen wird.
08:00 Uhr. Vortrag: Stressbewältigung. Obwohl es mein einziger Termin heute vormittag ist, vergesse ich ihn fast, weil ich der Meinung war, er würde erst um 10:00 oder 11:00 Uhr sein.
Karo darf auch an dem Termin teilnehmen und setzt sich zu mir in die letzte Reihe. Ein bisschen Smalltalk vor dem Vortrag. Der Vortrag selbst bietet nichts Neues, aber das habe ich auch nicht erwartet. Im Anschluss bleiben Karo und ich noch im Vortragsraum sitzen und wechseln später den Standort, weil der Raum geschlossen wird.
Sie ist Logopädin, 46 Jahre, und man kann sich gut mit ihr unterhalten. Wir haben oft ähnliche Ansichten, was für ein Gespräch durchaus hilfreich ist. Ich kläre auf, dass ich meine Haare zwar selber schneide, aber nach unserer ersten Begegnung nicht mehr geschnitten habe. Damit hat sie nicht gerechnet. Sie findet es gut, dass ich ihr erst gesagt habe, warum ich zur Reha bin, nachdem ich gefragt habe, und sie nicht direkt mit meiner Krankheitsgeschichte überfallen habe. Ich überfalle in der Regel grundsätzlich niemanden mit meiner Krankengeschichte. Von meinem Stuhlgang erzähle ich auch nur bestimmten Leuten. Für alle anderen schreibe ich es aber auf. Sie schreibt Essays, ich habe eine Webseite, verrate ihr das aber nicht. Das ist erst eine Option, wenn ich hier abreise. Irgendwann muss sie zur nächsten Therapie und verabschiedet sich mit den Worten: “Das war ein gutes Gespräch.”
Gute Gespräche kann ich wohl.
Ich entdecke noch einen Riegel einer anderen Tafel Zartbitterschokolade und lasse ihn in meinem Mund zergehen. Fast wie ein Genießer.
11:45 Uhr. Mittagessen. Irgendwas mit Soja. Danach Salat. Ich nehme mir sogar geschnittene Rote Bete. Ich bin was das Essen hier angeht eine völlig andere Version von mir selbst. Ich fürchte, wenn ich erst wieder zu Hause in meinem Trott bin, wird wenig bis gar nichts davon übrig bleiben.
13:30 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich hier auch nur ein Gramm zunehme.
14:00 Uhr. Arbeitsplatzschulung. Es ist das erste Mal, dass ich zu dem von meinem Zimmer aus am weitesten entfernten Ort muss. Sofort fürchte ich, mich zu verlaufen, weil es meine Art ist, mich vor neuen Dingen zu fürchten. Dank guter Wegführung verlaufe ich mich nicht. Der 80-Jährige, der auch zur Schulung eingeladen wurde, darf direkt wieder gehen. Alle anderen erfahren, dass man in der Woche 150 Minuten Ausdauertraining machen sollte und wie man schwere Kisten hebt. Ich persönlich glaube mittlerweile, dass niemand einen so passiven Therapieplan hat wie ich. Fast komplette Bewegungsverweigerung, dennoch finde ich es gut, einfach mal drei Wochen so herausgenommen zu werden. Sicher von der körperlichen Seite nicht optimal, aber dennoch glaube ich, dass es insgesamt gut für mich ist.
Der fast schon erwartete Klassiker folgt nach dem Nickerchen: Kollege Jörg schickt eine WhatsApp-Nachricht. Er hat eine Frage, irgendwas im Büro läuft nicht. Wir haben wohl einen Fehler gemacht, Oma Sheriff hat diesen entdeckt. Wenn er „wir“ meint, werde ich den Fehler wohl gemacht haben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es wirklich ein Problem gibt. Wenn mich letzte Woche eine Straßenbahn überfahren hätte, müsste die auch alleine klarkommen, und die Erde würde auch nicht stillstehen. Aber gut, dann telefonieren wir morgen früh. Agnes hält es für eine Zumutung, dass ich während der Reha mit Arbeitskram belästigt werde. Ich halte es für überflüssige Zeitverschwendung.
17:30 Uhr. Abendessen. Ich muss mich etwas beeilen, weil ich noch einen Termin habe. Außerdem bin ich noch total voll, weil ich mich heute fast überhaupt nicht bewegt habe. Das muss ab morgen besser werden.
Da das Wetter wegen der Klimaerwärmung miserabel ist, gehe ich auch am Abend nicht mehr raus. Ich hole mir nur noch etwas heißes Wasser und setze mich dann irgendwo im Gebäude hin. Weil das irgendwann langweilig ist, nehme ich wenig später woanders Platz. In der Nähe sitzen ein paar Leute, spielen etwas und haben Spaß. Die Frau mit der besonderen Stimme ist Teil der Gruppe. Es wird viel gelacht.
Zurück im Zimmer esse ich einen Apfel. Möglicherweise ist das gesund. Dazu schaue ich Der Kuss vor dem Tode.
Das Tropfen der Toilettenspülung ist mittlerweile lauter als je zuvor. Ich höre es permanent und hoffe, ich kann schlafen, fürchte aber, das wird nicht so leicht.
Wenn nichts Unerwartetes passiert, ist heute die Hälfte der Reha um und ich bin gespannt, was die zweite Halbzeit zu bieten hat. Wird in der zweiten Hälfte irgendetwas passieren, mit dem niemand rechnet?
Tag 11
Völlig verspannt wache ich auf: Die Matratze ist scheinbar zu hart, um mehrere Nächte auf ihr zu verbringen. Die Träume in der Nacht waren irgendwie durcheinander, aber sexlos.
Das verstellbare Kopfteil vom Lattenrost ist, wie ich erst jetzt bemerke, nicht ganz in Ordnung und bleibt nur auf einer Seite fixiert. Die andere Seite geht immer wieder herrunter. Vielleicht kann ich den Lattenrost drehen, da er sowohl am Kopf- als auch am Fußteil verstellbar ist.
Der Stuhlgang klappt auch nicht wirklich. Wenn ein Tag so beginnt, dann kann er meiner Meinung nach nicht großartig werden.
06:45 Uhr. Frühstück. Keine besonderen Vorkommnisse.
07:51 Uhr. Der verspätete Stuhlgang. Vermutlich zu spät, um den Tag großartig sein zu lassen, aber dennoch eine Erleichterung. Was wäre ein Leben ohne morgendlichen Stuhlgang?
08:03 Uhr. Der Anruf im Büro. Meine aufwändige Excel-Tabelle ist zwar hilfreich, die Chefin möchte aber eine andere, die sich nicht auffinden lässt, weil ich die möglicherweise nicht gespeichert habe. Ich weiß es auch gerade nicht und es ist mir ziemlich egal. Jörg ist jedenfalls ziemlich verzweifelt, weil er irgendwo die Tabelle besorgen und dann die Daten aus unserer Tabelle übertragen muss. Es könnte alles so einfach sein, aber das ist nichts, was mit der Chefin möglich ist. Das Einzige Berechenbare ist ihre Unberechenbarkeit.
Und sie setzt dem Ganzen die Krone auf, denn sie möchte die Tabelle auch für die vorige Maßnahme. Auch hier habe ich keine Ahnung, wo sie ist, weiß aber, dass ich sie der Chefin mehrfach geschickt habe, bis sie endlich zufrieden war. Hier sind wir wieder im reinen Schikane-Modus. Vielleicht aber ist auch alles normal und wir verstehen es nur nicht, weil wir keine Chefs sind. Letztlich müsste die Chefin die alte Tabelle haben, wird aber, wenn man sie darauf hinweist, anmerken, dass sie sehr viele Maßnahmen betreut und bei jeder Maßnahme immer alles griffbereit gespeichert sein muss, da sie sich das nicht alles merken kann. Das ist unsere Aufgabe. Mag sein, aber die Maßnahme ist seit Monaten vorbei.
Andererseits wurde ich mal nach fünf Jahren gefragt, ob ich noch Daten aus der allerersten Maßnahme habe. Hatte ich, aber normal ist das alles nicht. Und noch einmal: Es läuft seit Jahren bei uns problemlos.Echtes Durcheinander gibt es immer nur, wenn die Chefin eingreift. Ich verstehe nicht, wieso man sich und allen anderen das Leben immer so schwer machen muss. Irrsinn in Perfektion. So wirklich Lust auf eine Rückkehr ins Büro macht das alles nicht. Wäre ich nicht ich, würde ich mir einen anderen Job suchen. Aber letztlich wird überall irgendwer oder irgendwas die Harmonie stören. Menschen sind halt einfach zu beschränkt, um entspannt zu leben.
Bis zum nächsten Termin lese ich ein wenig und beobachte später einen kleinen Jungen, der draußen Dinge tut, die kleine Wesen so tun. Irgendwie beruhigend und interessant.
11:20 Uhr. Hydrojet. Erster Anschiss während der Reha, weil ich einfach das Gerät einschalte, so wie am ersten Tag gezeigt und an den Folgetagen praktiziert. Darf man aber nicht. Ob ich denn hier arbeite, fragt der Therapeut. Ordnungsgemäß verneine ich und erfahre, dass das Gerät 15.000 Euro kostet, während er es ausschaltet. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand so redet. Und es wird nicht besser, denn als nächstes fragt er, was wohl passiert, wenn das Gerät eine Fehlfunktion hat. Ich denke, dann kommt ein Techniker und behebt das Problem. Sag ich aber nicht. Er ist so stolz, dass er das Gerät bedienen kann, da will ich ihn nicht stören, weshalb ich auf seine Fragen und Aussagen nur mit Ja oder Nein antworte. Bringt ja nichts, schließlich habe ich etwas gemacht, was ich nicht machen darf. Er weiß leider nicht, wann man aufhören kann zu reden, und fragt, was ich denke, warum die Therapeuten hier arbeiten. Ich hoffe nicht, um 15.000-Euro-Geräte einzuschalten, denn das wäre ziemlich mies, wenn das Einschalten und Bedienen seine einzige Kompetenz wäre. Die Frage lasse ich ganz schuldbewusst unbeantwortet. Immerhin fragt er, wie er das Gerät für mich einstellen soll. Ein Nicht-Therapeut wäre dazu kaum in der Lage. Der Tag läuft echt irgendwie nicht rund.
11:45 Uhr. Mittagessen. Hähnchen, Kartoffeln, Erbsen und Möhren. Wieder kein Grund zu klagen.
Es ist der erste Tag, an dem mir hier irgendwie langweilig ist. Draußen ist es grau und windig. Mir fehlt jegliche Motivation. Antriebslos warte ich auf den nächsten Termin.
Zwischendurch denke ich darüber nach, was das hier für eine Gelddruckmaschine ist, mit all den Patienten. Es kann doch niemand wirklich daran interessiert sein, dass die alle wieder gesund werden. Jeden Tag gehen Kurgäste nach Hause und deren Plätze werden direkt wieder besetzt. Allein die Kosten, die das alles verursacht. Und natürlich sagen sie in den Vorträgen, dass mit immer mehr Patienten zu rechnen ist, weil sie es offenbar sogar so wollen. Vielleicht sogar ein wenig mehr. Denn auch hier gilt es, den Umsatz permanent zu steigern. Der Rubel muss rollen.
Was würde aus all den Reha-Zentren, wenn man anfinge Krankheiten tatsächlich und dauerhaft zu heilen? Arbeitsplätze würden wegfallen, Einnahmen sinken. Das wäre ein harter Schlag für eine riesige Industrie. Auch wenn es so klingt, ich halte solche Einrichtungen nicht für falsch oder überflüssig, und ich profitiere derzeit sehr davon. Die Behandlung wirkt, meine Haut ist toll. Aber insgesamt finde ich dennoch, dass in der Regel nur Symptome behandelt werden. Das mag hier okay sein, die Probleme fangen viel früher an. Zunächst bei den Hausärzten, dann bei den Fachärzten, die selten so wirken, als wollten sie tatsächlich heilen. Vermutlich hängt das auch alles zusammen und alle sind sich einig. Richtig ist es deshalb noch lange nicht.
Wenn ich das richtig verstanden habe, dann macht die KI hier die Therapiepläne, trägt die Zeiten ein. Nicht immer perfekt, vor allem, wenn jemand viele Termine hat, aber so spart man früher oder später die sonst dafür zuständige Person ein. Braucht man ja nicht. Ich glaube, der Mensch ist hier, wie eigentlich mittlerweile fast überall, größtenteils Mittel zum Zweck. Großartige Einnahmequellen auf zwei Beinen, meistens zumindest. Manchmal fehlt auch ein Bein. Oder auch zwei. Ich glaube, das ist alles irgendwie pervers und wird nicht besser. Aber das ist nur meine Meinung an einem Tag, an dem mein Stuhlgang unpünktlich kam. Darum bin ich vielleicht nicht zurechnungsfähig. Also weniger als sonst.
15:00 Uhr. Wärmetherapie. Das könnte mein Favorit hier sein. Warme Gemütlichkeit.
Weil das Wetter mies ist und ich nicht raus mag, bestelle ich Tee und Seife. Eines meiner größten Talente: Dinge bestellen. Anschließend schaue ich ein wenig von der Doku Hallervorden – Didi gegen den Rest der Welt.
17:30 Uhr. Abendessen. Weil die Zeit knapp ist und ich nicht so schnell essen will, verzichte ich auf den Salat. Dann muss ich auch schon los.
18:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Die Ruhe im Bad stört der Mann in der Kabine vor mir. Er planscht mit dem Wasser herum, macht komische Geräusche, und ich kann mir nicht erklären, was er da anstellt. Als ich auf die UVB-Behandlung warte, kommt ein stark übergewichtiger Mann ebenfalls nach vorne, um zu warten. Vermutlich ist er der planschende Mann. Er musste vermutlich immer wieder Wasser bewegen, um am ganzen Körper etwas von der Therapie zu haben, und das hat ihn sicher sehr angestrengt. Zumindest stelle ich mir das so vor.
Karo sitzt auch an einem der UVB-Geräte. Das erklärt, warum sie nicht zum Abendessen war, und ich glaube, sie wird nach der Behandlung auch kein Essen mehr bekommen. Wieder ein Beispiel für schlechte Terminplanung.
Nachdem ich frisch geduscht bin, mache ich endlich wieder einen Spaziergang. Im Wald ist es doch am schönsten. Auf dem Weg zurück zum Zimmer, treffe ich auch Jochen, der in der Ecke mit dem Kamin, wo wir vorgestern saßen, ein Buch liest. Bis etwa 21.50 Uhr bleiben wir dort und ich schlage vor, dass wir am Wochenende mal in die Kneipe gehen, um zu sehen, wie es da ist. Mal schauen, wie es uns dort gefallen wird. Ob ich dort Kurschatten sehen kann?
Nützlich. Und für später eine Option. Oder gar eine Notwendigkeit?
Tag 12
06:00 Uhr. Ordnungsgemäßer Stuhlgang. Es sollte ein guter Tag werden.
06:45 Uhr. Frühstück. Ich stelle fest, dass manche morgens nicht zum Frühstück kommen können, weil die KI genau zu der Zeit andere Termine vergeben hat. Man sollte Maschinen nicht unkontrolliert walten lassen.
Das übliche Frühstück wird mir zu Hause sicher fehlen. Als ich auf den Flur schaue, sehe ich Kora, die wie ich die Treppen runter springt. Großartig. Einfach großartig.
08:00 Uhr. Psychologische Gesprächsgruppe problemorientiert. Eine andere Psychologin, neue Leute, übliche Vorstellungsrunde. Mir geht es scheinbar am Besten von allen. Ich stelle mich kurz vor und höre zu, bis die Psychologin mich anspricht. Offenbar bin ich wieder der Einzige, der Alternativen zur Schulmedizin ausprobiert.Und dann sind alle Blicke auf mich gerichtet und ich rede klug daher, gebe Tipps und Anregungen und merke, wie mein Gesicht heiß wird. Vermutlich habe ich einen roten Kopf und möchte am liebsten aus der Situation verschwinden, doch mein Vortrag ist noch nicht zu Ende. In was für eine Situation bin ich hier nur geraten? Möglicherweise hat keiner einen größeren Redeanteil als ich. Zumindest kommt es mir so vor. Ich sage einer Frau, die meint, dass sie die ganzen Vorschläge, die sie bekommt, nicht ausprobieren will, dass genau das der Fehler ist, weil sie nichts probiert. Ich meine es nur gut, fürchte aber, ich klinge wie ein Klugscheißer. Nach der Stunde höre ich, wie man über mich redet. Was habe ich da nur wieder angestellt?
09:00 Uhr. Sozialberatung. 5 Minuten. Ich mag junge, attraktive Frauen und wenn man ein nettes Gespräch mit ihnen führen kann, umso besser. Ich hoffe zwar, in dem Bericht steht, dass ich immer und immer wieder eine Reha benötigen werde, andererseits geht es mir so gut und ich rede daher, als würde es mir gut gehen, dass der Eindruck entstehen kann, dass ich so eine Reha gar nicht brauchen kann. So ein Gespräch ist vermutlich besser, wenn man in einem Loch steckt. Ich bin allerdings froh, dass es gerade nicht so ist.
09:45 Uhr. Autogenes Training. Ich mache das sicher komplett falsch, bin aber fast durchgehend entspannt und überrascht, als es schon vorbei ist.
11:30 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Fünfzehn Minuten vor dem Mittagessen einen solchen Termin zu legen, halte ich für ziemlich dumm, aber das ist hier eh ein großes Thema. KI-Termine. Auf dem Weg zur Therapie springe ich, weil mein Körper es so will, die zwei Treppenstufen hinauf. Ich nehme nicht nur zwei Stufen auf einmal, ich springe tatsächlich. Eine Frau hat das beobachtet und ruft:“Wenn ich das auch noch so könnte.” Ich muss echt immer auffallen.
Zeitlich wird es nach der Behandlung knapp und ich verzichte aufs Duschen, eine Kurzwäsche muss reichen.
12:05 Uhr. Mittagessen. Die größte Portion bisher. Nudeln mit Bolognese vom Rind. Auch irgendwie geil. Kaum habe ich aufgegessen, geht Kora an uns vorbei. Sie trägt kurze Shorts und ich bin ganz begeistert. Ich habe eine Schwäche für solche Beine in knappen Shorts. Aus der Nähe betrachtet sehen die sicher nicht mehr so gut aus. Und falls doch, ist es besser, sie trägt etwas anderes, wenn wir uns nochmal unterhalten. Sonst kann ich mich nicht konzentrieren, zumindest nichts aufs Gespräch. Ich weiß jetzt schon nicht, wie ich den Anblick vergessen soll. Warum tut sie mir und meiner Fantasie das an?
12:30 Uhr. Entspannungssitzung: Videobrille. Hätte ich gerne ausprobiert, schaffe ich aber zeitlich nicht. Stattdessen dusche ich ausgiebig, weil ich es nötig habe.
14:15 Uhr. Derma-onkologische Schulung. Vor Beginn treffe ich eine die Teilnehmerinnen mit den Metastasen im Kopf aus der morgendlichen Gesprächsgruppe. Sie sagt, dass ich beim Mittagstisch Thema war, weil sie meine Einstellung mit der Krankheit umzugehen gut findet. Heute falle ich auf und man redet auch über mich. Was für eine Entwicklung.
Modul 1 und 2 werden zusammen in fünfundvierzig Minuten vorgetragen. Wirklich Neues erfahre ich nicht. Wie es scheint, bin ich recht gut informiert über Hautkrebs. Erneut wird auf die Wichtigkeit von Sonnencreme hingewiesen. Ich schweige dazu, weil meine Meinung eine komplett andere ist.
Anschließend sitze ich im Kurpark, mache einen Spaziergang und lese draußen vor meinem Zimmer noch eine Weile. Bisher ein sehr erfreulicher Tag, abgesehen vom miesem Zeitplan zur Mittagszeit.
17:30 Uhr. Letzte Fütterung des Tages. Ich schlage vor, dass wir uns um 19.15 Uhr treffen, um in den Park zu gehen und zu gucken, was abends so geht. Andrea kann nicht, sie muss telefonieren. Kurz bevor wir gehen, erscheint Karo im Speisesaal. Immer noch in diesen kurzen Shorts. Ich schaue etwas länger hin. Immer noch nichts an den Beinen auszusetzen. Zumutung. Eine glatte Zumutung.
19:00 Uhr. Spontaner Stuhlgang. Sicher vor Aufregung.
Der Therapieplan für nächste Woche ist da. Fast perfekt. Nur zwei Termine finde ich nicht so überzeugend. Aber damit beschäftige ich mich, wenn es so weit ist.
Wie geplant machen Jochen und ich einen kleinen Spaziergang und schauen uns von außen das Publikum der Kneipe an. Wenig reizvoll, nichts fürs Auge. Da müssen wir heute nicht rein. Als nächstes schauen wir, ob an der Pinnwand in Haus 4 irgendwer irgendwen für irgendwas sucht. Das ist nicht der Fall. Also setzen wir uns in die Sitzecke von Haus 3. Langweilig. Jochen möchte richtig alte Schläger hören, findet aber nichts. Also starte ich den Klassiker Erika. Mit Video. Wir finden das so lustig, dass wir fast durchgehend lachen. Wir erwarten, dass man uns unverbindlich rauswirft. Jemand kommt vorbei und schaut irritiert. Ich weiß nicht einmal, was an der Situation konkret so lustig ist, aber wir sind bis zum Ende des Liedes vergnügt. Es folgt das Westerwaldlied. Das verkraften wir nicht und brechen die Musikstunde ab.
Bis etwa 21:40 Uhr bleiben wir noch sitzen, dann ist es genug für heute. Ich schaue noch, wer mir bei Instagram geschrieben hat. Die Brasilianerin teilte mit, dass sie zu mir kommen würde, wenn ich will. Unglaublich. Sie würde fünf Stunden oder mehr Zeit im Zug verbringen, nur weil ich das will. Ich antworte, dass ich ihr das nicht zumuten möchte, wir aber nach meiner Rückkehr gerne nochmal essen gehen können. Der Tag hat wirklich gehalten, was der morgendliche Stuhlgang hoffen ließ.
Werde ich den heutigen Tag während der Reha noch toppen können? Oder geht es ab jetzt nur noch bergab?
Kurpark-Romatik ohne Kurschatten
Tag 13
06:13 Uhr. Der erste Stuhlgang kurz nach dem Aufstehen lässt hoffen, dass der Tag ähnlich gut wird wie der gestrige.
07:00 Uhr. Frühstück. Am Wochenende ist der Speisesaal spürbar leerer. Auch Jochen und Birgit kommen erst später. Wie schnell ich mich doch an dieses Ritual gewöhnt habe. Offenbar bin ich anpassungsfähiger, als ich dachte.
09:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Fast gemütlich, aber nur fast, denn wie so oft in letzter Zeit, liegt in Kabine 11 jemand in der Wanne, der ständig mit dem Wasser planscht und irgendwie stöhnt. Vielleicht wegen irgendwelcher Schmerzen, vielleicht weil das Wasser zu heiß oder kalt ist. Oder die Person erträgt es nicht, keine Geräusche zu machen. Ich weiß es nicht, aber es stört mich, denn ich möchte einfach nur zehn Minuten entspannt in der Schwefel-Sole-Mischung liegen.
10:20 Uhr. Petra holt mich ab, um mit mir ins Designer Outlet Ochtrup zu fahren. Zunächst glaube ich, das Outlet-Center sei zu klein, erkenne dann aber, dass ich mich geirrt habe, und bin zufrieden. Für Petra beginnt der Einkaufsbummel erfolgreich, ich bleibe zunächst erfolglos.
Wir essen mittags im Ristorante Caffè La Passione. Die Pizza Tonno schmeckt gut, gestärkt geht es weiter.
Überraschend finde ich eine Sommerhose von Tom Tailor, obwohl ich gar nicht danach gesucht hatte. Wenig später entdecke ich ein Hemd von Eterna. Reduziert auf knapp unter 50 Euro. Das Hemd glänzt, fühlt sich gut an und passt. Da kann ich nicht Nein sagen. An der Kasse zahle ich schließlich nur 20 Euro und bin entsprechend erfreut. Ich liebe es, mehrfach reduzierte Kleidung zu kaufen. Petra hat einen noch besseren Lauf und ergattert mehrere Kleidungsstücke. Zeit, den Ausflug zu beenden.
Zurück in Bad Bentheim zeige ich Petra mein Zimmer, danach fahren wir ins Städtchen, bummeln kurz und entscheiden uns fürs Café Ferdinands. Wir bestellen beide den Wildkräutersalat und sind sehr zufrieden. Einer der besten Salate, die ich gegessen habe. Das Wetter hingegen ist eher ein Reinfall, denn es regnet plötzlich und wird frisch. So war das alles nicht geplant. Was für ein Höllensommer. Zur Hölle mit ihm.
Gegen 19:20 Uhr setzt Petra mich wieder an der Kurklinik ab. Zeitgleich kommt eine Frau aus der Gesprächsrunde und fragt, ob ich aus Unna komme. Sie stammt aus Bergkamen, quasi um die Ecke. Wir wünschen uns noch einen schönen Abend, dann trennen sich unsere Wege.
In einer Sitzecke liest Jochen ein Buch. Ich setze mich zu ihm, wir plaudern etwas. Nach einer Weile kommt eine Frau mit Krücken, setzt sich ans Klavier und spielt etwas. Leider schrecklich. Zum Glück erkennt sie es selbst und beendet das Trauerspiel rasch. Wir unterhalten uns noch kurz. Sie fragt, ob ich Arzt sei. Ich erwidere, dass ich das gerne geworden wäre, es aber nicht geklappt hat. „Dann arbeiten Sie bestimmt im Büro“, meint sie. Auf meine Nachfrage erklärt sie, sie erkenne das an meiner „Büro-Gesichtshälfte. Interessant. „Und die andere Hälfte?” Die stehe für Räuber, allerdings im schelmischen Sinn. Nichts Negatives. Das lasse ich gelten. Beim Abschied nennt sie mich „Herr Doktor“. Ich entgegne, dass sie mich künftig bitte immer so ansprechen möge.
Nachdem sie gegangen ist, sage ich zu Jochen, dass ich sie beim nächsten Mal vermutlich nicht wiedererkennen werde. Ihm geht es genauso. Mehr passiert nicht und wir beenden gegen 20:35 Uhr unseren Plausch und gehen zurück auf unsere Zimmer.
Welche Abenteuer warten am Sonntag auf mich und werde ich meinen Stuhlgang auch morgen loben können?
Tag 14
05:30 Uhr. Ich wache auf und höre, dass es regnet. Erst bin ich enttäuscht und traurig, etwas frustriert sogar, doch dann fällt mir wieder ein, wie wichtig Regen zum Überleben ist und ein grauer Himmel uns vor zu viel Sonne schützt. So können wir die Hitze der letzten Wochen vielleicht doch überstehen.
06:15 Uhr. Kaum aufgestanden, schon Stuhlgang. Es sind oft die kleinen Dinge, die entscheiden, ob ein Tag die Chance hat, gut zu werden. Früher Regen und Stuhlgang lassen jedenfalls vermuten, dass es ein ziemlich guter Tag werden könnte.
07:00 Uhr. Beim Frühstück sind nicht viele Leute, der Speisesaal nur spärlich gefüllt. Ich mag das. Birgit sehen wir heute Morgen nicht. Obwohl das Wetter wenig erbaulich ist, halten wir an unserem Plan mit der Bootsrundfahrt fest.
09:10 Uhr. Abfahrt nach Nordhorn. Kurz nach halb zehn sind wir vor Ort, um das Boot zu betreten. Das ist natürlich zu früh und wir warten bei frischen 15 Grad und böigem Wind am Anleger. Das Wetter ist einfach eine Katastrophe. Zumindest für mich.
Dass außer uns niemand bei dem Wetter eine Bootsrundfahrt macht, überrascht nicht, gefällt mir aber. Die kleine Rundfahrt ist unterhaltsam und wäre bei schönem Wetter sicher um einiges schöner. Der Bootsführer empfiehlt uns ein italienisches Restaurant, was ich sehr hilfreich finde, da wir später noch etwas gemeinsam essen wollen. Ich habe Nordhorn auf meiner Urlaubsliste stehen, aber ich weiß nicht, ob das jetzt noch nötig ist, nachdem ich an der Bootsrundfahrt teilgenommen habe. Ich werde zu gegebener Zeit darüber nachdenken.
Nach der Rundfahrt gehen wir durch die fast menschenleere Stadt. Der kühle Wind sorgt dafür, dass wir im Eiscafé Pinocchio etwas Warmes trinken, um selbst wieder warm zu werden. Würde ich Eis essen wollen und wäre zufällig in der Nähe, käme ich hierher. Irgendwie gefällt mir die Atmosphäre. Als es endlich 12.00 Uhr ist, zahlen wir und gehen ins empfohlene Ristorante Gondola, da wir alle durch die pünktlichen Mahlzeiten in der Klinik irgendwie darauf konditioniert worden sind, zu festen Zeiten essen zu wollen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für feste Zeiten, aber so konsequent wie hier konnte ich sie nie ausleben. Das mag zwanghaft wirken, tut mir und meinem Körper aber gut.
Ich bestelle Pizza Tonno. Mir gefällt das Ambiente, die Bedienung ist sehr freundlich und es wird sogar eine Kleinigkeit vorab serviert. Es gibt Pizzabrötchen zu den bestellten Gerichten. Leider sind wir alle zu voll, um sie auch noch zu essen. Für mich eine wirklich perfekte Empfehlung. So mag ich das.
Da das Wetter zu unangenehm ist, verzichten wir auf den Waldausflug mit dem Ranger. Mieses Wetter kann einem echt einiges vermiesen. Schade, wirklich schade.
Zurück im Zimmer, dusche ich und trage danach etwas Orange Flamingo auf. Dadurch, dass ich den Duft hier täglich trage, nehme ich ihn oft nicht mehr wahr. Frauen hat er bisher auch nicht beeindruckt. Weder einen Kurschatten noch ein Kompliment hat er mir gebracht. Enttäuschend. Wirklich enttäuschend. Normalerweise schiebe ich fehlende Reaktionen von Frauen immer darauf, dass sie schüchtern sind, aber da ich weiß, dass das albern ist, verzichte ich darauf. Man kann sich auch nicht immer belügen.
Plötzlich werde ich müde und mache ein Nickerchen.
17:30 Uhr. Abendessen. Von Birgit keine Spur. Es ist recht wenig los und wir vereinbaren, dass wir uns nachher wieder in der Kaminecke treffen. Vorher mache ich aber noch einen Spaziergang, weil ich mich meiner Meinung nach zu wenig bewegt und die Pizza noch nicht verdaut habe. Deutlich erkennbar am Völlegefühl und leichten Magenschmerzen.
Später sitzen wir im Bereich der Anmeldung und bekommen mehr Kurgäste zu sehen als an den anderen Abenden. Immerhin drei bis fünf Frauen finden wir ganz attraktiv, was aber niemandem hilft. Später gibt es noch einen medizinischen Notfall. Das trübt die Stimmung. Zum Glück bleiben uns die Details erspart.
Um kurz nach 22:00 Uhr bin ich zurück im Zimmer. Die Magenschmerzen werden stärker. Ich bin unzufrieden. Vielleicht war die Pizza zu perfekt, um ohne Nebenwirkungen zu bleiben.
Werden wir morgen Abend tatsächlich ins Haus des Kurgastes gehen und dort verweilen? Und wo sind die Kurschatten, wenn man sie braucht?
Tag 15
06:06 Uhr. Der Stuhlgang ist sehr willkommen, ändert aber nichts daran, dass ich noch leichte Magenschmerzen habe. Folglich ist es unwahrscheinlich, dass der Tag heute überzeugen kann und richtig gut wird.
06:45 Uhr. Frühstück. Immerhin verschwindet die Restübelkeit beim Frühstück. Fürs Erste gebe ich mich damit zufrieden. Im Gespräch verrät Birgit, dass sie sich anfangs fragte, was sie mir wohl getan hat, weil ich sie kaum beachtet habe und nicht gerade freundlich wirkte. Ich brauche halt manchmal Zeit, bevor ich entscheide, ob ich mit einer Person reden mag. Und zwei Tage finde ich vollkommen okay.
09:45 Uhr. Waldmedizin Teilbereich Entspannung. Heute halten wir zunächst einen Spiegel auf Kinnhöhe, um damit die Baumspitzen zu betrachten. Kann man machen, begeistert mich aber nicht. Danach bekommen wir eine Lupe, um Moos dadurch zu betrachten. Interessant, doch auch nichts, was ich in einer Gruppe brauche. Kurz darauf geht es schon wieder zurück.
Ein Mann, der heute zum ersten Mal dabei ist, meint, er werde sich das nicht noch einmal antun. Ich erwidere, dass ich das verstehe, dass ich aber gerade deswegen hier bin. Zur Entspannung, um einfach mal runter zu kommen. Das gefällt ihm irgendwie.
Entspannung kommt vielen in Bezug auf eine Reha wohl nicht in den Sinn. Vielleicht haben wir Menschen wirklich verlernt, was Entspannung is: nichts tun, stillhalten, aushalten. Ich bin echt ein Exot hier, denn ich bin hier, um meine Ruhe zu finden und maximale Entspannung zu erleben. Reha bedeutet für mich Auszeit, Abschalten. Fast wie früher als Kind, als man sich um nichts kümmern musste. Und das gefällt mir gut.
11:00 Uhr. Autogenes Training. Im Wartebereich sitzt Karo und liest konzentriert auf ihrem Smartphone. Ich überlege kurz, ob ich sie stören will, und entscheide dann, dass eine Störung sinnvoll ist und sich ein Gespräch lohnt. Es gibt hier schließlich nicht viele Menschen, mit denen man sich gut unterhalten kann.
Sie erzählt, dass dies ihr erstes autogenes Training ist und sie nicht nur an Sklerose, sondern auch an Fatigue leidet. Das ist ernüchternd und bedrückend. Wozu nur all diese Krankheiten?
Wir plaudern eine Weile, bis der Waldführer uns abholt. Unsere Liegen stehen nebeneinander, fast schon romantisch. Es ist sehr entspannend und ich döse immer wieder kurz weg und bin überrascht, als die Zeit plötzlich um ist. Nach einer kurzen Unterhaltung verlassen wir als Letzte den Raum, bevor sich wenig später unsere Wege trennen. Und wieder habe ich vergessen, sie nach ihren Essays zu fragen.
11:45 Uhr. Das bisher schlechteste Mittagessen für mich: Wirsingroulade mit Kartoffeln. Lediglich die Kartoffeln sind okay, die Soße mäßig und die Wirsingroulade schmeckt mir gar nicht. Das Schweinefleisch esse ich zwar auf, aber es schmeckt eher wie irgendeine billige, gekochte Masse, die man in Dosen kaufen kann. In der dritten Woche lasse ich zum ersten Mal etwas auf dem Teller liegen. Bah.
13:00 Uhr. Vortrag Bewegung. Erwartungsgemäß erfahre ich auch hier nichts Neues und kämpfe tapfer gegen das Einschlafen an.
Es gibt immer mehr Spackos, die am Telefon den Lautsprecher einschalten, damit alle, die in der Regel vor Banalität strotzenden Gespräche, mithören können. Fortschreitende Degeneration gepaart mit Rücksichtslosigkeit, wohin man schaut.
14:00 Uhr. Facharztvisite. Der vermutlich wichtigste Termin der Woche, und wohl auch das letzte Gespräch mit der jungen Ärztin. Sie teilt mir mit, dass die Reha bis zum 29. September läuft. Ich hatte den 28. im Kopf. Bei der nächsten Reha rechne ich genauer.
Auf ihre Frage, wie es mir gehe, antworte ich, dass ich sehr zufrieden sei und es mir prächtig ginge. Sie wirkt einen Moment überrascht, als hätte sie mit einer anderen Antwort gerechnet. „Dann wird das nichts mit einer Verlängerung”, sagt sie. „Nein“, erwidere ich, „meine Haut ist ja fast wie neu.“
Sie verschreibt mir noch einige Salben für zu Hause. Weil wir auf die Oberärztin warten, plaudern wir weiter. Zunächst über meine berufliche Laufbahn, dann befrage ich sie zu ihrem Werdegang und ob sie damit zufrieden ist. Dieses Gespräch ist spannender als vieles, was ich in meinem Job erlebe. Vielleicht ist mein Job wirklich nichts mehr für mich.
Die Oberärztin schaut sich meine extrem trockene Haut an. Als ich ihr sage, dass ich meine Haut oft mit purem Kokosöl eincreme, sagt sie, dass ich das auf keinen Fall mehr machen soll, weil es die Haut austrocknet und ihr Feuchtigkeit entzieht. Besser sind Cremes mit Urea. Die benutze ich auch. Ihre Aussage muss ich dennoch überprüfen. Es wäre echt blöd, wenn es so ist. Dann benutze ich es natürlich nicht mehr.
15:15 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages. Eine gute Entscheidung meines Körpers.
17:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Die Uhrzeit finde ich blöd, und Entspannung will sich auch diesmal nicht einstellen. Neben mir wird geplanscht, gestöhnt und vor sich hin gemurmelt. Vielleicht ist es der Hitze geschuldet, vielleicht auch ganz anderen Wehwehchen. Warum nur müssen diese Leute immer gleichzeitig mit mir hier sein? Dann wieder: „Uhhhhh… ahhhh…“. Leiden in Dauerschleife. Es folgt etwas Verständliches:„Dass ist mir zu heiß.” Wem sagt sie das? Sich selbst? Mir? Erhofft sie Erlösung? Erklärt sie sich so, warum sie leidet? Es bleibt ein Rätsel. Sie verlässt die Wanne. Zwei Minuten Ruhe, bevor ich raus muss. Doch zu früh gefreut: Aus dem Becken nebenan dringt schon das nächste Stöhnen einer leidenden Person. Absicht? Es wirkt fast so. Meine Zeit ist um. Skurril.
Kurz noch in die Ganzkörper-UVB-Kabine. Die anschließende Behandlung fällt wegen Personalmangel aus. Immerhin ein zehnminütiger Zeitgewinn. So bin ich eher beim Abendessen, als gedacht.
17:55 Uhr. Abendessen. Am Nebentisch sitzt eine junge Frau. Frisch eingetroffen, gute Figur. Zu jung, um Kontakt aufzunehmen. Schade. Am Tisch reden wir kurz über Nachrichten. Abermals erkläre ich, dass ich mir so eine manipulierte Scheiße nicht mehr anschaue und frage, ob es dabei denn auch mal positive Nachrichten gibt. Daran kann sich spontan niemand erinnern. Warum tut man sich das dann an? Um zu erfahren, dass Putin und Trump für alles verantwortlich sind? Das ist mir zu einfach, obwohl ich es durchaus einfach mag. Schön wäre es, wenn die Sache mit einem Kurschatten einfach wäre. Doch ich bin kein Maßstab, wie ein Lehrer auf der Berufsschule zu sagen pflegte, wenn ich mal wieder machte, was ich will und andere darauf hingewiesen haben.
19:15 Uhr. Treffpunkt Wartebereich Haus 3. Jochen und ich sitzen dort eine Weile, bevor wir rüber ins Haus des Kurgastes gehen. Dort sind vier Männer beim Kickern. Daneben steht ein Billardtisch. Das war´s. Das ist so unterhaltsam, dass wir direkt wieder gehen. Wir schauen uns noch im Bastelraum um und wirken dort direkt wie Fremdkörper. Das Haus des Kurgastes ist nichts für uns.
Also wandern wir von Sitzecke zu Sitzecke, sitzen mal hier, dann woanders, bevor wir wieder im Wartebereich Platz nehmen und Frauen dabei zusehen, wie sie stricken und sich darüber unterhalten. Das ist das Maximale an Unterhaltung, was es heute für uns gibt. Später setzen wir uns wieder in den Anmeldebereich. Es kommen zwar gelegentlich Leute vorbei, aber fürs pubertierende Männerauge ist nichts dabei. Also schauen wir uns, wie gestern auch, Urlaubsbilder von Jochens Reisen an, bis ich gegen 22:15 Uhr müde werde und mich zurückziehen muss.
Geocaching ist während einer Reha durchaus möglich und ein netter Zeitvertreib.
Tag 16
06:00 Uhr. Nach einer weiteren Nacht mit wenig Schlaf lässt immerhin der morgendliche Stuhlgang hoffen. Was wären wir Menschen nur ohne Hoffnung?
Mir fällt in diesen Reha-Tagen auf, dass ich nur noch selten die Schmerzen unter den Rippen spüre. Mein Gesundheitszustand hat sich erstaunlich verbessert. Bleibt die Frage: Was kann ich zu Hause tun, damit es so bleibt?
06:45 Uhr. Vor dem Speisesaal steht Karo und studiert Kalorientabellen, wird daraus aber nicht schlau. Sie erzählt, dass der Himmel heute früh wunderschön war und ist ganz begeistert. Davon habe ich natürlich nichts mitbekommen und frage nach einem Foto. Hat sie. In der Tat ein schöner Himmel. Sie mag außerdem Spiegelungen und zeigt mir weitere Fotos. Mit ihr zu plaudern ist sehr angenehm. Sie ist auch weiterhin die Einzige, mit der ich regelmäßig rede, obwohl sie nicht an meinem Tisch sitzt.
Kaum sitze ich beim Frühstück, teilt Andrea mit, dass sie sich erkältet fühlt. Sofort startet mein Körper alle möglichen Abwehrreaktionen und baut hoffentlich genug Abwehrzellen auf, um eine Erkältung abzuwehren. Eine Vitamin-D-20.000-Tablette soll später den Rest erledigen. Eine Erkältung kurz vor dem Ende der Reha wäre fatal und würde den Reha-Erfolg unverzüglich vernichten
Direkt nachdem ich aufgegessen habe, verlasse ich fast fluchtartig den Tisch. Zurück im Zimmer spüre ich schon erste Erkältungssymptome und fürchte, ich bin verloren.
08:00 Uhr. Psychologisches Gespräch. Ich mag solche Gespräche: gutes Niveau, ich kann klug daherreden, ohne wirklich klug zu sein. Wichtig ist, dass ich am Ende aus solchen Gesprächen etwas fürs Leben mitnehme und auch umsetze. Auch wenn es nicht immer offensichtlich ist und oft auch nicht klappt, bleibt das Ziel, mein Leben in irgendeiner Weise zu verbessern.
10:00 Uhr. Schmerzbewältigungstraining. Thema heute: ein Baum. Wer damit Probleme hat oder unwohl fühlt, darf jederzeit gehen. Das meint die junge Frau, die das Training leitet, wirklich ernst. Offenbar gibt es tatsächlich Leute, denen Bäume Angst machen.
Wir sollen uns einen Baum vorstellen, an irgendein Wetter denken … rasch höre ich nicht mehr richtig zu. Hörbar ist, dass die Frau immer in eine andere Richtung spricht, alle mal anschaut beim monotonen Vortrag. Mir ist das egal, ich will nur hier liegen. Als sie irgendwann eine Weile schweigt, sind die zwanzig Minuten fast schon um. Am Ende fragt sie, wer sich einen konkreten Baum vorstellen konnte. Manche konnten es, andere nicht. Es hat keine negativen Folgen, wenn man es nicht konnte. Glück gehabt.
11:00 Uhr. Entspannungstherapie. Dieses Mal als Fantasiereise. Heute unter erschwerten Bedingungen, weil in der Nähe bis zum Ende der Therapie mehrfach gebohrt wird. Ist laut. Mir aber egal.
11:45 Uhr. Mittagessen. Hühnerfrikassee mit Reis und Salat. Keine weiteren Erkältungsanzeichen. Das lässt hoffen.
13:00 Uhr. Wärmetherapie. Ich liebe es.
13:28 Uhr. Der dringend benötigte zweite Stuhlgang sorgt für Erleichterung.
14:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Endlich wieder ohne jammernde, leidende und stöhnende Menschen. Entspannung pur.
Danach hole ich mir die verordneten Salben und Cremes ab, die ich mit nach Hause nehmen darf. Auf dem Rückweg treffe ich Kora. Wir plaudern, sie zeigt mir ihr Alien-Nackentattoo. Sie meint, früher dachte sie immer, sie sei ein Alien, aber heute erscheint es möglich, dass all die anderen die Aliens sind. Ich denke, sie könnte Recht haben und verweise auf den Film Die Körperfresser kommen, an den mich das merkwürdige Verhalten der Menschen oft erinnert. Den kennt sie nicht, speichert ihn aber direkt auf ihrer „Watchlist“. Spontan soll ich meinen Lieblingsfilm nennen. Da gibt es viele, aber da es nur einer sein soll, nenne ich Heat. Ihrer ist Signs, an den ich mich nur sehr schwach erinnere, während sie begeistert davon erzählt. Muss ich wohl bald nochmal schauen. Filme mehrfach schauen ist eh eines meiner besonderen Talente. Sie vergisst fast ihren nächsten Termin und muss loslaufen. Großartig, wenn ein Gespräch mit mir solche Nebenwirkungen hat.
16:10 Uhr. Spaziergang mit Andrea im Hutewald. Kaum im Wald, stehen wir mitten in einer Herde Galloway-Rinder, die gerade den Standort wechselt. Für eine Weile können wir weder vor noch zurück. Ich finde das entzückend, bedauere aber, dass sich keines der Tiere von mir anfassen lässt.
Mit meinem Orange Flamingo gehe ich hier irgendwie unter. Ein Mann mit Joop Homme hinterlässt eine deutlichere Duftspur, ein anderer erfüllt gleich den ganzen Flur, selbst wenn er längst weg ist. Keine Ahnung, was er benutzt, aber er hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Auch einige andere Neuankömmlinge ziehen deutliche Duftspuren hinter sich her. Der Orange Flamingo-Effekt bleibt leider aus; ich muss mich allein auf mein Auftreten und meinen Charme verlassen.
17:30 Uhr. Abendessen. Erneut ist der Salat der Höhepunkt. Andrea, Jochen und ich bleiben, bis kaum noch jemand da ist. Jochen meint, er habe mich heute mit „der Bohnenstange“ gesehen. So also nennt er Karo. Interessant. Somit hat er heute direkt zwei Bohnenstangen zusammen gesehen. Ich habe ihn nicht gesehen, was aber durchaus vorkommen kann, wenn ich mit einer Frau in ein Gespräch vertieft bin.
Danach sitzen wir im Wartebereich von Haus 3. Kora kommt vorbei und ich bitte sie, uns ein wenig zu unterhalten. Sie setzt sich zu uns und erzählt von ihrem Lieblingsbaum, von dem sie natürlich ein Foto hat und für uns sucht. Sie hockt sich neben mich und zeigt den Baum, der eindeutig ein Gesicht hat. Irgendwie hat sie etwas an sich, was ich anziehend finde. Lässt sich nicht erklären, ist manchmal einfach so. Obwohl man sich nicht kennt, fühlt es sich vertraut an. Sie hat überhaupt einen Blick für Gesichter in Dingen und zeigt weitere Bilder. Sie hat definitiv einen Knall. Ich finde das sehr sympathisch. Da sie duschen muss und es sich gemütlich machen will, verlässt sie uns, bevor die Stimmung einen weiteren Höhepunkt erreicht. Andrea nennt sie eine „sympathische Durchgeknallte“. Wenn ich schon mit Leuten rede, die nicht an meinem Tisch sitzen, dann mit besonderen.
Gegen 19:22 Uhr geht Andrea. Jochen und ich bleiben, und überraschend nehmen uns einige Frauen wahr, wünschen einen guten Abend, wechseln ein paar Worte mit uns. Als wären wir Teil der Menge, ohne wirklich dazuzugehören. An unseren letzten Tagen fallen wir endlich Frauen auf. Vermutlich haben wir heute einen Höhepunkt unseres Aufenthalts erlebt. Als wir um 21:00 Uhr den Abend beenden, sind wir auf einem guten Weg. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wohin uns dieser Weg führt und was wir da sollen.
Können wir unsere Bekanntheit morgen noch steigern? Und wie sehr werden wir das alles vermissen, wenn es vorbei ist? Werden wir dieselben sein wie vor der Reha?
Galloway-Rinder wollte ich unbedingt vor meiner Abreise treffen.
Tag 17
06:17 Uhr. Der Stuhlgang tut sich heute schwer. Vielleicht bin ich einfach noch zu müde für einen ordentlichen Start. Ich erwarte daher nur einen mittelmäßigen Tag.
Seit Tagen fallen mir drei Frauen auf, die ständig FFP2-Masken tragen. Haben sie einen Infekt? Oder sind sie Kardiologie-Patientinnen? Beides ergibt für mich keinen Sinn, schließlich sitzen sie im Speisesaal ohne Maske zwischen allen anderen, weil sie essen müssen. Offenbar ist die Gefahr beim Gehen über den Flur größer als beim Sitzen und Essen in einem vollen Raum. Diese Logik werde ich nie begreifen. Vielleicht bin ich einfach nur ein dummer Mensch.
06:45 Uhr. Frühstück. Vielleicht bilde ich es mir ein, doch es scheint, als trügen immer mehr Menschen Maske. Eine Frau vom Nebentisch trägt nun ebenfalls eine. Sie kommt nur kurz zum Tisch, um sich etwas Kaffee aus der Kanne, die alle am Tisch benutzen, zu holen. Wenn sie mit ihren verseuchten Fingern die Gemeinschaftskanne anfasst, scheint auch keine Gefahr für andere zu bestehen. Vermutlich, weil sie eine Maske trägt. Andrea wirkt auch wieder erkältet. Überall wird gehustet. Aber das kann eine Fehleinschätzung meinerseits sein. Hypochonder wie ich haben oftmals eine gestörte Wahrnehmung. Eine weitere Frau mit FFP2-Maske taucht auf, setzt sich an ihren Tisch, nimmt die Maske ab und frühstückt in aller Ruhe. Alles wirkt wie in einem dystopischen Film: Idiocracy 2 – Der Untergang. Faszinierend und erschreckend zugleich. Man hört von einer Frau, die wegen eines positiven Corona-Tests abreisen musste. Kein Fortschritt am menschlichen Verhalten zu erkennen. Corona bleibt tödlich, jeder andere Infekt nebensächlich. Hat unsere Spezies es wirklich verdient, noch lange zu überleben? Ich glaube nicht.
Alles deutet darauf hin, dass Blondi, die Frau, die während einer Mahlzeit gern mehrfach durch den Speisesaal läuft, uns heute verlässt. Für Schleicher ist das besonders traurig, da sie gerade erst zu seiner Bezugsperson geworden ist. Auch ich finde es ein wenig schade, Blondi ist schließlich optisch durchaus ansprechend.
Schleicher wirkt immer etwas unsicher, unbeholfen, therapiebedürftig. Einsam und ein wenig verloren. Holt er sich etwas vom Buffet, trägt er den Teller meist mit beiden Händen vor sich her und wiegt ihn dabei in einem eigenen, sanften Rhythmus. Ich schätze, er ist in den Zwanzigern, sicher bin ich aber nicht. Erst gestern habe ich gesehen, dass er auch mit anderen spricht. Ein interessanter Fall. Gerne wüsste ich mehr, aber ich bin hier nicht als Coach, sondern nur ein Patient, der beim Essen stets ein Sakko trägt.
08:37 Uhr. Zweiter Stuhlgang. Klar, der erste war unvollständig. War es das jetzt für heute? Sicher ist das nicht.
09:00 Uhr. Grundwissen Schmerz Teil 2. An Teil 1 kann ich mich nicht erinnern. Teil 2 bietet mir nichts Neues. Eine Reihe vor mir sitzt eine jüngere Frau. Gelangweilt nimmt sie ihr Smartphone zur Hand. Checkt die Mails, guckt bei WhatsApp, Facebook, Instagram. Schaut dort zwei kurze Videos, scrollt weiter, legt das Smartphone weg. Keine fünf Minuten später schaut sie erneut, ob ihr jemand geschrieben hat. Scheinbar nicht. Hoffnungsloser Fall.
11:00 Uhr. Hydrojet, heute nur für den Rücken, höchste Stufe. Herrlich. Das werde ich vermissen.
11:45 Uhr. Mittagessen. Überbackene Kartoffeln, vegetarisches Schnitzel, Ratatouille. Nur das Ratatouille rettet das Menü. Vielleicht gibt es bei uns am Tisch nur morgens Erkältungssymptome, im Moment wirkt alles normal.
Neues von Blue. Bisher stand auf ihrem Namensschild am Tisch „Frau”, zwischenzeitlich wurde es geändert und er war ein „Herr”. Kaum hatte sie das bemerkt, wurde er sehr sauer. Kurz gesagt, es war unzufrieden. Was aktuell auf dem Schild steht, weiß ich nicht, aber Blue hat ein weiteres Problem. Die Männer wollen nicht, dass sie deren Duschen nutzt, die Frauen nicht, dass er bei ihnen duscht. Blue steckt also in einem echten Dilemma und ich bin der Meinung, Blue sollte es noch einmal mit einer Therapie versuchen, um zu überprüfen, ob es wirklich das falsche Geschlecht ist und nicht nur Folge der aktuellen woken Hysterie.
Nachdem ich mein Geschirr weggebracht habe, ruft Karo mich zu ihrem Tisch, um mir mitzuteilen, dass eine ihrer Tischnachbarinnen sich ebenfalls über die stöhnenden und planschenden Mitbader beschwert hat. Ich kündige den beiden mit am Tisch sitzenden Damen an, heute um 18.15 Uhr in der Wanne zu liegen und meine Ruhe zu brauchen. Sie versprechen, still zu sein. Karo hat ihre Badezeit um 18.30 Uhr. Da sollte ich längst unter der UVB-Lampe liegen.
12:37 Uhr. Dritter Stuhlgang des Tages. Nun ist es aber auch gut. Oder kommt da noch mehr?
13:00 Uhr. Entspannungstraining: Progressive Muskelentspannung. Mein erstes Mal. Ein Mann schnarcht leise, eine ältere Frau rechts von mir lauter, muss mehrfach vom Waldführer, der auch dieses Training leitet, geweckt werden. Das Training gefällt mir trotzdem – bis auf die letzte Übung, bei der man alle Muskeln gleichzeitig anspannen soll. Die mache ich bestimmt falsch.
Obwohl die Sonne scheint, finde ich es frisch. Dazu der Wind und schon fühlt es sich richtig unangenehm an, obwohl es so gut aussieht. Erinnert mich an Frauen, die optisch schön anzuschauen sind, aber unangenehm sind.
14:17 Uhr. Vierter Stuhlgang des Tages. Auch wenn man es vermuten könnte, handelt es sich dabei nicht um Durchfall. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich damit für heute nun durch bin oder den Rekord weiter ausbaue,
15:00 Uhr. Vortrag Waldmedizin – Teilbereich Bewegung. Hilfreich zu erfahren, dass dort nicht nur spaziert, sondern auch seltsame Bewegungen gemacht werden. Mit den Armen herumfuchteln zum Beispiel. Das ist mir zu abgedreht. Da bin ich raus. Der Rest ist nett anzuhören, auch wenn Birgit und ihre beiden Begleiter so viel reden und herumalbern, dass ich kaum etwas verstehe. Macht nichts – ich kämpfe sowieso gegen die Müdigkeit an..
Es fühlt sich kälter an als die angezeigten 16 Grad. Ich schließe das Fenster, drehe die Heizung auf und schlafe, bis es Zeit fürs Abendessen ist. Vielleicht bin ich vom vielen Stuhlgang erschöpft.
17:30 Uhr. Abendessen. Heute muss ich mich beeilen, weil ich noch einen Termin habe.
18:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Zwei Arten des Stöhnens während der Bäder scheint es zu geben: Anspannung und Schmerz – oder Erleichterung und Loslassen Und das wirft die Frage auf, was losgelassen wird, welche Art Erleichterung die Menschen verspüren. Konkreter formuliert: Pinkeln die in die Wanne? Ein warmes Bad kann durchaus dazu verleiten, und wenn es endlich fließt, stöhnen sie vor Erleichterung. Nur eine Vermutung, aber gar nicht so abwegig. Für mich wäre das nichts.
Auch wenn ich mich weiterhin mit Komplimenten schwer tue, habe ich es wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass ich von drei Frauen innerhalb einer Woche Komplimente bekommen habe. Birgit und Andrea sagten unabhängig voneinander, ich sei ein attraktiver Mann, Bruna schrieb, ich sähe super aus. Super ist natürlich übertrieben, aber mittlerweile nehme ich Komplimente an, obwohl ich am liebsten protestieren würde, weil ich es so gewohnt bin und deren Meinung nicht teile. Aber ich bin ja auch hier, um mich weiter zu entwickeln. Darum lasse ich die Aussagen so stehen und habe sie mir notiert, um sie jederzeit nachlesen zu können.
Später schaue ich in den Spiegel und sehe nichts weiter als ein eingefallenes Gesicht voller tiefer Falten. Ich gefalle mir so einfach nicht.
Weil ich mich zu wenig bewegt habe, mache ich einen kleinen Abendspaziergang. Der Wind hat nachgelassen, es ist kühl, aber recht angenehm.
Danach hole ich mir heißes Wasser für den abendlichen Tee und schaue Two Night Stand. Netter Film.
Bleibe ich von einer Erkältung verschont – oder erwischt es mich doch auf den letzten Metern? Morgen wird es sich zeigen.
Vegetarische Enttäuschung am Mittag.
Tag 18
05:53 Uhr. Kaum wach, folgt der erste Stuhlgang. Mir ist übel und ich habe Magenschmerzen, weshalb ich skeptisch bin, dass der Tag heute gut werden kann.
Seit nunmehr drei Tagen tropft es im Spülkasten durchgehend, unregelmäßig und völlig zermürbend. Trotz geschlossener Badezimmertür stört es vor allem nachts.
06:45 Uhr. Frühstück. Andrea baut ihre Erkältung scheinbar aus und ich bin so müde, dass ich am Tisch einschlafen könnte. Werde ich mit einem Schlafmangel nach Hause fahren?
Im Zimmer mache ich erstmals die Heizung an, fühle mich schlapp und putze mir öfter die Nase. Erwischt es mich jetzt doch noch? Werde ich die letzten Tage alleine im Zimmer verbringen? War es das schon mit den Reha-Abenteuern?
09:00 Uhr. Analyse der Körperzusammensetzung. Der Blick in den Spiegel hatte es angedeutet, die Messung bestätigt es: ein Kilo weniger in zwei Wochen. Da ist der Phasenwinkel von 5,4 wenig tröstlich, zumal ich nicht weiß, was er bedeutet. Ich soll mehr Eiweiß zu mir nehmen, 60 g pro Tag. Ich glaube nicht, dass sich mein Körper davon beeindrucken lassen wird. Eiweißshakes in die Ernährung einzubinden ist eine Option. Auch das kann ich natürlich versuchen. Vielleicht habe ich dann fünfmal am Tag Stuhlgang. Wundern würde es mich nicht.
10:00 Uhr. Waldmedizin Teilbereich Bewegung. Lasse ich ausfallen. Stattdessen hänge ich bis zum Mittagessen im Zimmer rum, lese, telefoniere mit Agnes und überlege, wie ich meine Wohnung wohnlicher machen kann.
11:45 Uhr. Mittagessen: Hähnchenbrust, Möhren, Schlupfnudeln. Ganz okay. Endlich erfahre ich, dass es Senfgurken sind, die ich so gerne mag. Tagelang wollte mir das nicht einfallen, endlich weiß ich es wieder.
Beim Verlassen des Speisesaal ruft Karo mich an ihren Tisch. Ihr ist der Satz eingefallen, den sie vor einiger Zeit erfunden hat und mir mitteilen möchte. Nebenbei erwähne ich, dass ich bereits vierzig Seiten über meinen Aufenthalt geschrieben habe. Sie ist neugierig und ich biete an, ihr bei Gelegenheit Passagen vorzulesen. Einen Termin wollen wir später vereinbaren. Sofort frage ich mich, wie ich aus dieser Zusage wieder herauskomme. Frauen lese ich nämlich nie etwas vor, schon gar nicht meine Texte.
Bis zum nächsten Termin liege ich fast durchgehend im Bett. Mal lese ich, meistens schlafe ich.
17:00 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Die UVB-Bestrahlungen dauern inzwischen fast fünfzehn Minuten, dazu zehn Minuten Wanne und die kurzen Wege zwischen den Behandlungen. Das nimmt immer mehr Zeit in Anspruch. Danach muss ich mich etwas frisch machen. So schaffe ich es natürlich nicht pünktlich zum Abendessen.
17:50 Uhr. Abendessen. Zeitlich noch akzeptabel, aber heute gibt es fast ausschließlich Salate mit Joghurt oder Mayonnaise. Also bleibt mir nur der Salat mit Kichererbsen, der mich nicht überzeugt. Bevor wir uns nachher zur üblichen Zeit treffen, muss ich noch duschen und mich ordentlich eincremen.
Ich bin schon in der Nähe meines Zimmers, da werde ich gerufen. Ich drehe mich um und sehe am Ende des Ganges Karo, frisch aus der Wanne. Ich gehe in ihre Richtung und wir plaudern ein wenig. Sie erzählt, dass die Frauen am Tisch gefragt haben, ob ich Arzt sei, weil ich immer in „normalen“ Sachen rumlaufe. Großartig. Jetzt kann ich behaupten, dass es mit einem Kurschatten nicht geklappt hat, weil die Frauen mich für einen Arzt hielten und deshalb keinen Kontakt aufgenommen haben. Vielleicht stimmt es sogar. Anders kann ich mir meine Erfolglosigkeit sowieso nicht erklären.
Weil Karo wegen des Bades nicht Abendessen konnte, wird sie gleich in der Stadt etwas essen. Das ist sehr vernünftig. Ich hatte das für morgen überlegt, konnte mich letztlich aber nicht davon überzeugen. Ich erzähle, dass ich mich hier anders verhalte als zu Hause, mich hier relativ normal gebe, es zu Hause aber nicht bin. Das findet sie interessant, obwohl ich mich damit nicht interessant machen wollte. Offenbar weiß ich, wie man Frauen neugierig macht.
Sie, die sich viele Namen und Geschichten anderer Kurgäste merken kann, weiß nicht, wie alt ich bin. Entweder sie hat es vergessen, oder ich habe es ihr, wovon sie überzeugt ist, nicht gesagt. Ich sage ihr, sie solle sich ein Alter aussuchen, bleibe aber vorerst ohne Alter, jedoch nichts alterslos. Sie fragt, ob ich am Samstag schon verplant bin. Bin ich ausnahmsweise mal nicht, weshalb wir uns verabreden. Je nach Wind und Wetter können wir entweder in die Stadt oder in den Wald. Damit ist der Samstag verplant. Da ich auf der Suche nach einem coolen Hut bin, überlegen wir irgendwelche Albernheiten. Weil mein Haar bei Wind absteht und nicht mehr zu bändigen ist, bietet sich das Haar als Werbefläche an. “Hier könnte Ihre Werbung kleben”, sollte als Hinweis an meinem Haar angebracht werden. Karo überlegt sich was und bastelt es, wenn ihr etwas einfällt und sie die passenden Materialien findet. Bevor es zu albern wird, müssen wir weiter, da wir noch verabredet sind.
Sollte ich je wieder zur Reha fahren, werde ich ausschließlich Anzüge tragen. Trainingsanzüge. Und Mützen.
19:04 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages: Erst kommt es oben hinein, später unten wieder heraus.
19:15 Uhr. Wieder sitze ich mit Jochen im Bereich vor dem Café, später kommt Andrea dazu. Unterhaltsame Unterhaltungen unterhaltsamer Menschen. Weil Jochen schon am Samstag abreisen wird, beschließen wir, morgen in die Kneipe gehen.
Als Andrea uns verlässt, wechseln wir zu Haus 3, an unserem üblichen Platz. Eine Nachtschwester kommt vorbei und sagt, ich käme ihr bekannt vor. Da ich noch nie hier war und aus Lünen komme, habe ich wohl einen Doppelgänger. Den würde ich gerne mal sehen. Das stelle ich mir interessant vor. Vielleicht auch erschreckend.
Nachdem ich in den letzten Nächten nicht besonders gut geschlafen habe, kann ich heute nicht einschlafen. Ich schiebe es auf die kalten Füße, aber so einfach ist es sicher nicht. Vermutlich liegt es daran, dass die Reha sich dem Ende nähert und ich nicht weiß, wie ich zu Hause alles so gestalten kann, dass es nicht wieder wird wie vorher.
Dann ist auch schon Mitternacht und der Tag endgültig vorbei.
Wie wird mein Leben weitergehen, wenn ich diese kleine, schützende Welt hinter mir gelassen habe?
Tag 19
06:03 Uhr. Der erste Stuhlgang des Tages gestaltet sich schwierig und passt zu einer Nacht, in der ich erst weit nach Mitternacht einschlafen konnte. Vom Tag sollte ich besser nicht zu viel erwarten.
06:45 Uhr. Frühstück. Keine besonderen Vorkommnisse. Bis auf Birgits Anmerkung, mein Gesicht sehe total eingefallen aus. Da hat sie absolut recht. Vielleicht sollte ich mir doch einen weißen Bart stehen lassen, um den Verfall ein wenig zu kaschieren. Natürlich könnte ich alles auf den schlechten Schlaf der letzten Nächte schieben, aber selbst ausgeschlafen sieht es maximal minimal weniger eingefallen aus.
08:00 Uhr. Psychologische Gesprächsgruppe problemorientiert. Nur eine neue Frau ist dabei, die anderen waren letzte Woche schon da. Die Neue ist die zweite Frau in der Gruppe, die Metastasen hat. Ich bleibe zwiegespalten: Auf der einen Seite bin ich froh, dass mich das nicht betrifft und es gut möglich ist, dass ich auch nie so ein Problem haben werde, auf der anderen Seite kann ich es aber auch nicht ausschließen, denn diese Mycosis fungoides habe ich ja auch bekommen. Die Runde ist weniger lebhaft als letzte Woche; ich trage nichts dazu bei, höre nur zu.
09:40 Uhr. Hydrojet. Noch einmal fünfzehn Minuten Entspannung, dann ist auch dieser Teil der Reha Geschichte. Immer wieder erschreckend, wie schnell alles endet.
10:44 Uhr. Ein kleiner Stuhlgang für zwischendurch, um die Zeit zu überbrücken.
Wer im Park oder in der Klinik sitzt, starrt meist aufs Smartphone. Vereinzelt kann man aber Leute entdecken, die ein Buch lesen. Man muss nur genau hinschauen, dann entdeckt man sie. Ich finde es großartig, dass es solche Leute noch gibt. Sonderlinge einer längst vergangenen Zeit.
11:45 Uhr. Mittagessen. Spinatomelette mit Salzkartoffeln. Diese Woche ist das Mittagessen nicht so meins. Doch ich probiere alles, was man mir hinstellt. Das hier brauche ich aber nicht nochmal.
Immer wieder bekomme ich mit, wie Kurgäste untereinander Telefonnummern austauschen. Vermutlich, weil sie gemeinsam etwas unternehmen und sich so spontan verabreden können. Manche wollen sicher auch nach der Reha in Kontakt bleiben. Nur wenigen wird das gelingen. Meine Nummer habe ich niemandem gegeben, weil mir das unnötig erscheint. Man vergisst sich rasch, wenn jeder in seine Welt zurückgekehrt ist. Das ist weder schlimm noch gemein, es ist einfach der Lauf der Dinge. Nur ganz wenige Kontakte werden bestehen bleiben, weil Menschen sind wie sie sind.
13:30 Uhr. Wärmetherapie. Das ist für mich das Entspannendste überhaupt. Im Anschluss lege ich mich bis 15.00 Uhr ins Bett.
Es folgt ein Spaziergang durch den Bentheimer Wald. Vermutlich der letzte während dieser Reha.
17:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Kurz überlege ich, das Bad ausfallen zu lassen, weil es so knapp vor dem Abendessen liegt. Letztlich bin ich aber zu pflichtbewusst und habe keine Argumente, mich zu überzeugen, es nicht zu tun.
Auch heute wird meine Ruhe gestört, denn eine Frau in einem Raum neben mir pfeift zunächst bei einem Lied mit, dann spricht sie bei Herbert Grönemeyer den Refrain mit. Womit habe ich das nur verdient?
17:55 Uhr. Abendessen. Birgit sitzt lieber an einem anderen Tisch, aber das ist okay, denn dort wird sie besser unterhalten. Wir drei Zurückgelassenen bereiten uns seelisch auf den Kneipenbesuch vor. Vorher muss ich aber unbedingt duschen, Andrea muss telefonieren.
19.00 Uhr. Dritter Stuhlgang des Tages. Drei Mahlzeiten am Tag, dreimal Stuhlgang. Bei manchen Naturvölkern, oder zumindest bei einem, soll das nach jeder Mahlzeit so sein. Ein wohl normales und gesundes Verhalten. Vielleicht verwechsle ich da auch etwas.
19:15 Uhr. Treffpunkt Haus 3.
19:30 Uhr. Wir betreten die kleine Kneipe, setzen uns an einen Platz, von dem aus man eine gute Sicht hat und beobachten Leute. Ab und zu bekannte Gesichter, gelegentlich grüßen wir. Das Limit an Kontaktfreudigkeit ist schnell erreicht. Wir machen zwei oder drei Selfies, weil es uns ein Bedürfnis ist.
Ein Mann kommt herein, spricht die Leute, die am Nebentisch knobeln, an. Er wird ignoriert, versucht es bei uns. Er tut mir Leid, ich sage irgendwas und wenig später gehört er zu uns. Oder wir zu ihm. Merkwürdige Entwicklung. Vermutlich entstehen so Verbindungen. Würden wir, würden wir nicht in Kürze abreisen, öfter zu viert abhängen? Ich glaube nicht. Das ist eine Kneipenbekanntschaft und ich kann nicht einmal sagen, ob ich unseren Kneipenfreund morgen wieder erkenne.
Meine Kontakte beschränken sich hauptsächlich auf zwei Leute, und das nur, weil wir an den gleichen Tisch gesetzt wurden. Andrea empfindet es als Bereicherung, mich kennengelernt zu haben. Die Reha-Version von mir ist scheinbar gut gelungen. Und ich habe Glück, dass man mir keine Spackos an den Tisch gesetzt hat. Die Gespräche mit Andrea finde ich auch gut, obwohl ich mich darauf eingestellt hatte, während der Reha mit niemandem zu reden. Wäre sicher auch eine interessante Erfahrung geworden. Andrea fand mich anfangs, ebenso wir Birgit, komisch und fragte sich schon, womit sie das verdient hat. Bei Frauen hinterlasse ich offensichtlich anfangs eher keinen guten Eindruck.
Unser Kneipenfreund ist 63, verheiratet, hat Kinder, Enkelkinder und ein Boot. Er erzählt uns, dass es früher mehr „Kurschatten“ gab, weil eine Kur damals sechs Wochen dauerte. Die ersten drei Wochen braucht man, um überhaupt anzukommen, sich einen Überblick zu verschaffen und dann geht es langsam los. Da man jetzt nur drei Wochen hat, geht meist nichts los. Großartig, eine weitere gute Erklärung, warum bei mir nichts in diese Richtung gelaufen ist. Er klärt uns auch über die Leute mit Masken auf, denn er hat nachgefragt. Maske trägt, wer Corona hat. Wie damals. Wir haben viel dazugelernt und weil Masken so gut schützen, retten wir damit hier in der Reha hunderte Menschenleben. Hoffentlich gibt es die hochwirksame Impfung direkt zur Maske dazu. Wenn schon Sicherheit, dann bitte maximal. Seine Auskunft lässt allerdings die Geschichte von der angeblich nach Hause geschickten Frau zweifelhaft erscheinen. Ich bin jedenfalls froh, dass wir den Mann für heute zu unserm Kneipenfreund gemacht haben.
Andrea geht als Erste, kurz vor zehn verabschieden Jochen und ich uns ebenfalls.
Kurz vor Ende der Reha habe ich alles gemacht, was ich mir vorgenommen hatte. Es gibt fast nichts mehr zu tun.
Morgen noch ein letzter Termin, dann bald zurück ins echte Leben – zu all meinen Zwängen, Gedanken, Unzulänglichkeiten.
Hier fand die letzte ‚Psychologische Gesprächsrunde‘ statt.
Tag 20
05:27 Uhr. Zeit aufzuwachen, um bereit für den ersten Termin des Tages zu sein. In der Nacht habe ich, wie in den letzten Nächten auch, mies geschlafen. Ständig wach, vielleicht wegen des fast durchgehend tropfenden Spülkastens, oder wegen der zu harten Matratze. Das erklärt auch, warum mein Gesicht besonders eingefallen und faltig aussieht. Wirklich erholt werde ich nicht zu Hause ankommen.
06:15 Uhr. Sole-Photo-Therapie. Ausgerechnet der letzte Termin findet mitten in der Nacht statt. Andererseits gehört der letzte Tag danach ganz mir. Zum letzten Mal darf ich das Planschen und leidende Stöhnen einer fremden Person hören. Ich werde es nicht vermissen.
Es folgen 1:36 Minuten in der Ganzkörper-UVB-Kabine. Danach werden jeweils für 4:46 Minuten die Oberarme, der Bauch und die Oberschenkel mit UVB-Licht bestrahlt. Dann ist es vorbei, die Behandlung ist abgeschlossen. Das war es für mich.
07:10 Uhr. Erster Stuhlgang des Tages. Schaffe ich heute wieder drei?
07:30 Uhr. Frühstück. Andrea scheint nun endgültig erkältet. Kann mein Körper alle Angriffe der Erkältungsviren abwehren, oder erwischt es mich noch?
Karo kommt zu unserem Tisch und sagt etwas, was ich nicht verstehe. Auch die Wiederholung verstehe ich nicht und sage, dass ich die Sprache nicht kenne. Dann endlich kapiere ich, dass sie mir mitteilt, dass sie erkältet ist. Sie reicht mir einen Zettel, auf dem “Für Doc Schwein “ steht. Auf der Rückseite ihre Telefonnummer. Wann hat mir zuletzt eine Frau ihre Telefonnummer zugesteckt? Ich kann mich nicht erinnern. Manchmal werden Wünsche wohl doch wahr. Wenn ich mag, können wir später einen Spaziergang machen, dazu sollte sie nach einem Nickerchen in der Lage sein. Bei einem Spaziergang dürfte die Ansteckungsgefahr gering sein, weshalb ich zusage.
Hier funktioniert das WLAN heute gar nicht mehr. Da zahlt man gerne sechzig Euro für das Mediapaket. Blöde ist außerdem, dass der Empfang hier generell so schlecht ist, dass 4G zwar angezeigt wird, mobile Daten aber oft nicht funktionieren. So kann ich keinen Kontakt zu Karo aufnehmen. Das wäre typisch, wenn wir uns am Nachmittag nicht sehen, weil die Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt sind.
Immerhin kann man fernsehen, aber das ertrage ich nicht. Entweder es laufen Nachrichten oder irgendwas ohne Unterhaltungswert. Furchtbar.
Die Luft ist raus, ich packe einen Teil meiner Sachen. Anschließend lege ich mich etwa eine Stunde aufs Bett, schlafe aber nur kurz. Das Bett ist zu hart, das Tropfen im Spülkasten zu laut. Ebenfalls störend: andere Kurgäste, die ihre Türen laut schließen. Ich höre mich an wie ein Miesepeter. Sofort aufhören: das kann ich zu Hause wieder sein.
Ein kurzer Spaziergang soll mich wecken und die Abwehrkräfte stärken. Außerdem funktionieren im Wald die mobilen Daten, und man kann kommunizieren, weil es für den modernen Menschen kaum etwas Wichtigeres gibt, als permanent zu kommunizieren und Daten zu konsumieren. Komplett gestörte Gesellschaft. Und ich bin ein Teil davon. Auf dem Weg sehe ich unseren Kneipenfreund, erkenne ihn aber erst richtig, als er grüßt. Es bleibt beim Grüßen.
11:45 Uhr. Mittagessen. Zum letzten Mal zu viert. Das Essen – Zucchinisuppe mit Rindfleisch – ist okay, macht aber nicht satt. Birgit merkt an, dass ich täglich eingefallener aussehe. Das sehe ich auch so, sehe es aber nicht gerne. Eine erholte Optik hätte ich während der Kur bevorzugt, doch das ist leider nicht gelungen. Zum Abschied umarmen die beiden Damen des Tisches Jochen. Umarmungen zum Abschied sind scheinbar Tradition.
Weil es weiterhin kein Internet gibt, verabrede ich mich direkt im Speisesaal mit Karo für einen gesunden Waldspaziergang.
Zusammen mit Jochen warte ich anschließend in der Nähe der Rezeption, bis seine Frau ihn abholt. Zwischendurch dürfen wir einmal kurz raus, um den Hund von Birgit kennenzulernen. Viel mehr kann man von einem Tag kaum verlangen. Später erfahren wir, dass ein Bagger in den Niederlanden ein Kabel zerstört hat und wir deshalb kein Internet haben. Auch ein Klassiker. Es soll ab etwa 14:15 Uhr wieder funktionieren.
13:40 Uhr. Jochen wird abgeholt. Zeit, sich zu verabschieden. Die Wahrscheinlichkeit, sich in diesem Leben noch einmal zu begegnen, liegt bei maximal 2,7 Prozent.
13:50 Uhr. Zweiter Stuhlgang des Tages. Bei einer Stuhlgang-Meisterschaft hätte ich sicher gute Chancen.
Ich packe weiter, damit ich morgen nach dem Frühstück nur noch Kleinigkeiten einpacken muss.
15:00 Uhr. Aus verschiedenen Richtungen kommend, begegnen wir uns schon vor dem vereinbarten Treffpunkt. Das Gespräch läuft direkt flüssig, ich denke, hier stimmt die Chemie, das lässt sich gut an. Trotz ihrer Erkältung bemerkt sie mein Parfum. Damit ist sie die Erste. Es kommt wohl doch darauf an, dass man das richtige Parfum zur passenden Frau trägt. Oder soll man eine Frau mit Parfum tragen? Merkwürdige Gedanken – wie komme ich nur darauf?
Wir gehen zur Beobachtungsplattform und führen ein interessantes Gespräch. Die Zeit vergeht und ich fühle mich echt wohl. Zwei Durchgeknallte auf einer Plattform. Kann vollkommen schiefgehen oder harmonieren – hier harmoniert es wohl. Sie schlägt einen Spaziergang vor, da kann ich natürlich nicht nein sagen. Wieso passieren die angenehmsten Dinge oft dann, wenn man keine Zeit mehr hat? Andererseits gab es sicher genug Gelegenheiten, das vorher mal zu machen. Es ist lange her, dass ich mit einer unbekannten Frau so eine angenehme Zeit verbracht habe. Alles fühlt sich leicht und entspannt an. Als sie mich dann auch noch auf 52 schätzt, kann es kaum noch besser werden. Dann ruft der Pflichttermin Abendessen und beendet unsere Zeit. Lässt sich diese Stimmung jemals wiederholen, oder war sie nur für diesen Nachmittag bestimmt?
17:30 Uhr. Abendessen. Es ist ungewohnt, alleine am Tisch zu sitzen, aber auch nicht weiter schlimm. Irgendwie passt es zum letzten Abendessen während des Reha.
17:56 Uhr. Dritter Stuhlgang des Tages. Vielleicht werde ich mich demnächst selbst verdauen und anschließend ausscheiden.
Ich frage Kora, ob sie noch Lust hat, mit mir rumzuhängen. Sie muss sich erholen, was ich gut verstehen kann. Morgen ist ja zum Glück auch noch ein Tag.
Ich packe weitere Sachen und stelle fest, dass es schwierig werden könnte, alle Sachen in den beiden Koffern zu verstauen. Noch weigere ich mich aber, das zu akzeptieren. Darum höre ich auf und schaue die Sportschau. Es ist das erste Mal, dass ich hier fernsehe.
Danach bringe ich ein paar Sachen ins Auto und mache einen letzten Spaziergang.
Später möchte ich einen Film bei Prime schauen, aber keiner lässt sich starten. Spontan schaue ich bei Youtube „Vier Fäuste gegen Rio“. Ganz nett, aber auch ein bisschen fad.
Dann beginnt die letzte Nacht in Bad Bentheim. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nochmal in dieser Klinik schlafen werde, liegt zwischen 27 und 53 Prozent.
Das letzte Schwefel-Sole-Bad.
Tag 21
06:25 Uhr. Der Tag beginnt ordnungsgemäß mit dem Stuhlgang. Allerdings bin ich total verspannt. Das Bett werde ich am wenigsten vermissen.
07:00 Uhr. Das letzte Frühstück. Nur Andrea und ich sitzen am Tisch. Andrea ist erkältet und berichtet von Durchfall. Für einen Hypochonder wie mich ist es eine große Herausforderung, nicht sofort den Tisch zu verlassen.
07:33 Uhr. Da ich am Donnerstag entschieden habe, das Mittagessen ausfallen zu lassen und nach dem Frühstück zu fahren, heißt es nun Abschied nehmen. Verabschiedungen finde ich generell schwierig, vor allem wenn man Menschen mag. Was sagt man, wie verhält man sich? Was soll das Ganze überhaupt? Mit einer Umarmung – dem Standardritual – trennen sich hier und jetzt unsere Wege. Ich plumpse in Kürze zurück in mein Leben, Dienstag wird es bei Andrea so weit sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns nochmal wiedersehen, liegt aktuell bei etwa 7,12 Prozent. Bei Birgit etwa bei 2,7 Prozent.
08:15 Uhr. Das Beste kommt zum Schluss, heißt es. Manchmal ist es tatsächlich so. Ein letztes Mal treffe ich mich mit Karo zu einem Spaziergang. Wir besuchen „ihren“’ Baum. Wieder eine sehr angenehme Zeit mit interessanten Gesprächen. Jetzt weiß ich auch wieder, woran mich die Gänge über die Flure und dieser Spaziergang erinnern: an eine Klassenfahrt. Lediglich die Zahnpasta an den Türgriffen gab es hier nicht, und keine Lehrkräfte, die kontrollieren, ob alle auf ihren Zimmern sind und keinen Alkohol trinken. Vielleicht erinnert mich das auch an etwas ganz anderes, aber die Vorstellung der Klassenfahrt gefällt mir.
Karo meint, dass man, wenn man Leute aus dieser Zeit irgendwo trifft, sie vermutlich nicht einmal wiedererkennen und an ihnen vorbeigehen würde. Ich glaube, manche würde man erkennen, man hätte sich aber nichts zu sagen, weil das hier ein geschlossenes System ist. Anders als bei einer Klassenfahrt trennen sich die Wege nach einer Reha.
Passend finde ich, dass die Frau, die mir hier zuerst aufgefallen ist, auch die letzte ist, mit der ich Zeit verbringe. Vielleicht hätte es mich enttäuscht, wäre es anders gekommen. Aber das kann ich nicht wissen, weil es ja nicht so gekommen ist.
Weil die Zeit nicht nur hier, sondern grundsätzlich begrenzt ist, endet unser Spaziergang, ohne dass ich genau weiß, wie wir hier in der Nähe des Eingangs gelandet sind. Ich mag es, wenn die Chemie stimmt und selbst ich es schaffe, eine Weile nicht zu viel nachzudenken, und einfach im Hier und Jetzt bin. Das passiert mit zunehmendem Alter immer seltener. Die Klassenfahrt-Atmosphäre macht mich offenbar umgänglicher. Und wenn es gerade so gut läuft, heißt es auch schon Abschied nehmen.
Karo fragt, ob wir uns vor der Klinik zum Abschied umarmen – „muss ja nicht jeder sehen”. Natürlich. Alles andere wäre irgendwie merkwürdig. Es wird eine längere Umarmung, was mir durchaus gefällt. Dann sagt sie nach einem kurzen Moment Stille: „Wenn ich nicht erkältet wäre, würde ich dich jetzt küssen.“ Noch eine kleine Pause. „Wenn du es auch wollen würdest.“
„Natürlich will ich das“, antworte ich ohne Zögern. Alles andere wäre unwahr. Ein Kuss wäre die einzig logische Konsequenz dieses Treffens. Dass es nicht dazu kommt, passt allerdings zu mir. Entweder ich verpasse eine Chance oder verhindere sie, und wenn nicht, dann sind die Umstände verantwortlich. Auch das wird seinen Sinn haben. Selbst wenn es nur Unsinn ist.
Wir gehen in die Klinik, und als unsere Wege sich trennen, umarmen wir uns doch noch einmal. Jetzt ist es egal, ob jemand zusieht. Dann trennen sich unsere Wege endgültig. Für mich ist die Reha vorbei – in Kürze beginnt das alte Leben.
Das lässt sich nicht wiederholen. Beim nächsten Treffen würde mindestens einer von uns etwas erwarten – eine Umarmung, vielleicht einen Kuss. Die unschuldige Leichtigkeit wäre verschwunden. Die Situation wäre eine andere, die Klassenfahrt vorbei. Akzeptiert man das, hat man schon viel gewonnen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns wiedersehen, liegt irgendwo zwischen 7,12 und 12,7 Prozent.
Birgit sitzt in der Nähe der Rezeption und so umarme ich die dritte Frau an nur einem Tag. Für so viele Umarmungen brauche ich sonst Wochen oder gar Monate.
09:47 Uhr. Abfahrt. Das Coupé wirkt beleidigt nach drei Wochen Standzeit, will nicht anspringen. Die Batterie ist zu neu, um das Problem zu sein. Wie ich es vom ADAC-Mann gelernt habe, breche ich den Startvorgang nicht ab, bis der Motor irgendwann anspringt. Er läuft aber unrund und will kein Gas annehmen. Die Abgaskontrollleuchte ist an und ich habe Zweifel, ob ich so zu Hause ankomme. Als ich auf die Autobahn auffahre, ruckelt es gewaltig und ich beschließe, nicht schneller als 120 zu fahren. Nach und nach wird es besser, und irgendwann tritt das Ruckeln nur noch bei über 4000 Umdrehungen auf. Merkwürdig, aber ich komme ohne weitere Probleme zu Hause an.
Dort überwältigt mich rasch eine Leere. Was fange ich mit mir an, und will ich das überhaupt? Ich packe die Koffer aus, befülle die Waschmaschine, hänge Wäsche auf, und von der Entspannung ist schon nach wenigen Minuten nichts mehr übrig. Ich bin wieder der Alte. Mein Reha-Ich ist fort, eine komplizierte Version von mir nimmt ihren Platz ein und ich glaube nicht, dass das gut für mich ist. Wie kann man innerhalb weniger Minuten so ein Psycho werden, und wie soll ich diesen Psycho ertragen?
Nach der Reha ist vor der Reha. Vielleicht aber auch nicht.
Wird es ein Wiedersehen geben?









Der Stuhlgang war dann doch nicht so erschreckend, wie befürchtet nach der Triggerwarnung 🙂
Was ich beachtlich finde ist, wie detailreich du deinen Alltag wahrnimmst. Ich kann da in vielen Dingen folgen und erlebe mich auf meine Umwelt ähnlich, ist mir aber meist egal 🙂
Wobei es immer wieder seltsame Momente gibt, an denen ich auch merke das ich für manche Menschen ein Sonderling bin ohne das mir klar ist warum.
Wie letztens an einer Rewe Kasse, wo ein aufgedrehter, junger (Mitte 20) Kassierer mit jedem vor mir und nach mir am rumblödeln und dauerquatschen war. Als ich an der Reihe war verstummte er und nach dem er mich abkassiert hat, fing er sofort mit dem Typ hinter mir ein Gespräch an. Und es war schnell klar, die kannten sich auch nicht.
Aber an eine Kur dachte ich auch schon öfters. Bin ein paar Jahre älter und hätte es auch verdient, eine spannende Woche in einem schönen Kuzrort zu verbringen.
Zum Stuhlgang gibt es sicher noch andere Meinungen. Und man weiß nie, was sa noch kommt.
Vielleicht hat der an der Kasse erkannt, dass kein Smalltalk gewünscht ist.
Ich weiß nicht, ob eine Kur spannend ist. Aber interessant bisher. Urlaub in Bad Bentheim ist auch eine Option. So zum reinschnuppern…
Träume in der Art sehe ich als klares Anzeichen der Erholung. Du hast den Kopf endlich mal wieder frei für Schlüpfrigkeiten. Das sind nicht die schlechtesten Gedankengänge. 😉
Schlüpfrigkeiten, die selbst in Träumen zu nichts führen, finde ich bedenklich.😄🤷♂️
Einfach mal passieren lassen…. Das Universum hat noch einiges vor mit Dir. 😎
Das Universum hat sicher viel vor, nur ohne Schlüpfrigkeiten.
Da hat sie Recht, es ist eine Zumutung. Es muss auch mal möglich sein, dass die Leute auf der Arbeit ohne einen klarkommen und selbst wenn mit dem Fehler die Welt untergeht. So massiv wird es doch nicht gewesen sein.
Es ist der übliche Wahnsinn. Regt mich trotzdem auf.
Nur noch Bilder, kein Text 😭😭😭
Text ist immer nur einen Tag zurück…🙂
..jetzt sehe ich es 🥰 Danke. Finde den Blog fantastisch unaufgeregt. Bitte weitermachen, und nicht einfach ver-ferkeln wie der Maschinist.
Weiss jemand, was mit dem Maschinisten ist?
Der hat wohl die Lust verloren. Auf Claudia Klingers Blog gab es einen Artikel über sein Verschwinden, er hatte sich daraufhin als „Mark“ in den Kommentaren noch mal zu den Gründen geäußert. Vermisse den sehr, zusammen mit Schweins Blog für mich die zwei besten deutschsprachigen überhaupt.
Moin,
hier schreibt er:
https://betonfluesterer.wordpress.com/
Man muss sich allerdings anmelden, man kann dafür aber wieder kommentieren.
Danke.
Im Moment ist kein verferkeln geplant.
Finde ich prima, dass es Dir letztendlich doch ganz gut gefällt dort. 😉 Wieso hört Ihr sowas? Gut, dass ich es erst gerade angehört habe, sonst hätte mich wahrscheinlich im Westerwald kaputt gelacht. Da wars übrigens heute auch wieder ziemlich kalt und windig. Zum Glück mal kein sturzflutartiger Regen. 🙄
Die Brasilianerin….das ist ja hochinteressant. Gut, dass Du in Reha und danach absolut fit und gutaussehend für Frauenabenteuer bist… 🤭
Kichern musste ich allerdings heute Mittag doch noch, als mir das Fahrzeug mit dem Kennzeichen KO-RA begegnete. Natürlich im Westerwald. 🤪
Wie suchten nach alter, deutscher Musik. 🤷♂️😄
Hochinteressant? Warum? Immer noch Deine Hoffnung, dass irgendwann mal etwas mehr passiert? Irgendwas mit Romantik und Schmetterlingen? 🦋
Im Westerwald gibt es Sachen. Da rechnet auch keine mit. 🙂
Heißes Pflaster da. 🤭
Na klar, ich erwarte einfach immer das ganz große Kino. 🤗 Irgendwer muss ja dran glauben. 💞
Irgendwer glaubt immer dran…
..die Rinder sind der Hit. Sehen auch sehr schmackhaft aus. Bei den Parfums und den Wettbewerb um den eindringlichsten Duft musste ich unweigerlich an meinen Hund denken. Der ist ziemlich winzig. Und muss sich ordentlich recken wenn er höher gelegene Markierungen erschnüffeln will. Und es läuft bei Hunden tatsächlich so, je höher die Markierung desto interessanter, da nur ein großer Hund hoch pinkeln kann. Also evtl das Orange Flamingo weiter oben auftragen? 🤔
Ich habe nicht davon probiert. 🙂
Weiter oben auftragen wird schwierig, da ich immer einen Sprüher in die Luft mache und moch dann darunter stelle.
Vom Sozialarbeiter zum Arzt. 🙃 läuft doch….
Hätte zum Ende hin nicht gedacht, dass Du wirklich abnimmst. Stuhlgang in häufiger Anzahl heißt nicht unbedingt, dass nichts hängen bleibt. Vielleicht sollte das nochmal untersucht werden, ob der Darm dahingehend eine Störung bzw. Fehlbesiedelung hat. Vor allem wenn Du auf Zucker weitesgehend verzichtest. Die täglich benötigten Kalorien wurden doch sicher bestimmt oder?
Ich wünsche Dir ein tolles Wochenende! Genieße die letzten Tage. ☺️
Das ist ja schon immer so. Mehr rein, mehr raus. Ich werde es aber nächste Woche beim Arzt ansprechen, wenn ich es nicht wieder vergesse.
Ich werde versuchen, die letzten Stunden keinen Unsinn zu verzapfen. Danke.
Mein Lieber , ich habe schon früh erkannt, dass Du eine Maske trägst, trotzdem warst Du eine Bereicherung in diesem Reha-Aufenthalt. Nicht oberflächlich und egoistisch.
Ich kann Dir nachfühlen, wie es ist am letzten Abend alleine am Tisch zu sitzen, nicht so prickelnd, aber ist halt so.
Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du für Dich etwas mitgenommen hast ( 6 Wochen Reha 😉). Pass auf Dich auf.
Liebe Grüße Andrea
Meine liebe Andrea, trotz Maske war es mir ein Vergnügen Zeit mit Dir zu verbringen. Gute Gespräche, schöne Erinnerungen.
Ich weiß jetzt, dass 3 Wochen zu kurz sind. Der Kneipenfreund hat es durchschaut.
Du passt hoffentlich auch auf Dich auf. Alles andere wäre auch Quatsch. 😎