Tag 1
Bevor es los nach Lahnstein geht, muss der Benz getankt werden. Erstmals zahle ich, seit die Politiker wieder verrückt geworden sind, mehr als zwei Euro für einen Liter. Da kann ich echt froh sein, dass der Benz zuletzt nur acht Liter verbraucht hat.
Die Anreise ist etwas verwirrend, weil ich das Gefühl habe, dass der Benz total schwerfällig ist und er beschleunigt, als ginge es ihm nicht gut. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Die A1 ist ziemlich voll. Wenn man das so sieht, sind die Spritpreise vielleicht doch human. Auf der A3 wird es besser, ich bin aber irritiert, dass ich über die A3 fahren muss.
Ohne Stau oder große Umständlichkeiten erreiche ich mein Ziel und stelle fest, dass alle Parkplätze besetzt sind. Erst als ich mir die Nachricht der Unterkunft nochmal durchlese, begreife ich, dass ich über den Bürgersteig direkt zum Parkplatz neben der Eingangstür komme. Manchmal bin ich schwer von Begriff.
Trotz guter Beschreibung irre ich kurz verwirrt im Hausflur herum. Ob das altersbedingte Verblöden schon begonnen hat?
Die Ferienwohnung ist groß, sauber und aufgeräumt. Gefällt mir. Vor allem die Badewanne. Da könnte man wunderbar zu zweit drin baden. Das hilft mir aber auch nicht weiter.
Als ich noch etwas aus dem Benz hole, stehen auf der anderen Straßenseite zwei Männer, die den Benz fotografieren und sich offensichtlich darüber unterhalten. Einer der beiden spricht mich an und fragt, warum der Benz so hoch steht. Er kommt zu mir rüber und fragt, ob ich neue Federn und Stoßdämpfer habe einbauen lassen, was ich bestätige. Seitdem sieht es tatsächlich so aus, als wäre der Benz höher gelegt. Er erzählt, dass es bei seinem Benz damals auch so war, er und sein Bekannter bei meinem Benz aber dachten, es handle sich eventuell ein Sondermodell mit Allradantrieb. Vermutlich dachten sie an den Golf Country. Und ähnlich lächerlich sieht es beim Benz auch aus. Bei seinem Fahrzeug dauerte es zweieinhalb Jahre, bis es sich wieder normalisiert hatte. Schrecklicher Gedanke.
Wie zuletzt immer nach meiner Urlaubsankunft bereite ich mir ein Süppchen zu. Dann geht es los. Zunächst in die falsche Richtung, aber dennoch erwische ich mich dabei, wie ich vor mich hin grinse. Es kommt mir auch vor, als wären die Luft und das Wetter hier besser, die Leute weniger unangenehm. Vermutlich bin ich aber nur im Urlaub und ein anderer Mensch. Das Sakko hätte ich jedenfalls nicht gebraucht.
Wie üblich wandere ich immer weiter, vom Rhein zur Lahn, bis ich irgendwann auf einer Bank Platz nehme, weil ich nicht mehr laufen mag. Da ich mein Wasser ausgetrunken habe und es auch etwas frisch wird, muss ich langsam zurück, stelle aber zu meiner Überraschung fest, dass ich eine gute halbe Stunde von der Ferienwohnung entfernt bin.
Zurück in der Wohnung mache ich mir Nudeln und dazu gibt es ein gekochtes Ei, denn ich habe mir acht gekochte Eier mitgenommen. Vielleicht eine neue Urlaubstradition.
So gestärkt nehme ich anschließend ein Bad. Ich habe mir extra ein Bio-Schwefelbad mitgebracht, aber nach Schwefel riecht es nicht. Vermutlich ist es Mumpitz.
Leicht verspannt und mit Schmerzen im linken Knie endet der Tag wenig später. Was ich morgen mache, außer bei ALDI einzukaufen, weiß ich tatsächlich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass mein letzter Urlaub schon etwa neun Monate zurückliegt. Oder ich bin eine neue Version von mir.
Laut Zeitachse, der man aber nicht trauen kann, bin ich heute lediglich fünf Kilometer gewandert.
Bilder des Tages:
Auch dieses Mal ein Bett für zwei. Daran wird es also nicht scheitern mit den Urlaubsabenteuern.
Endlich wieder eine Badewanne. Obwohl durchaus Platz für zwei ist, werde ich sie nicht teilen. Das ist aber kein Egoismus.
Bei der Aussicht ist klar, warum ich Lahnstein gebucht habe. Das ist meine Welt.
Eine gemütliche Ecke für Schriftsteller und Blogschreiber. Dummerweise habe ich das Ladegerät für den Laptop vergessen. Irgendwas fehlt halt immer.
Tag 2
Obwohl ich die Matratze ziemlich weich finde, schlafe ich erstaunlich gut. Wach werde ich gegen 06.40 Uhr, weil es hell ist. Ich bleibe liegen, schlafe nochmal ein und dann beginnt der Tag damit, dass ich meinen körperlichen Verfall deutlich sehe und spüre. Der untere Rücken schmerzt, meine Haut ist trocken und juckt, mein Gesicht sieht eingefallen aus und wenn ich, egal an welcher Körperstelle, über meine Haut reibe, rieseln Millionen Hautschuppen runter. Meine Hände sind trocken und rissig, eine vollkommen neue Entwicklung, die vor ein paar Tagen begann. Das ist alles so erotisch, dass ich froh sein kann, kein Sexleben zu haben. Welche Frau will sich das antun? Einen Mann, der möglicherweise beim Liebesakt zu Staub zerfällt, oder einfach nur zerbröselt, wünschen sich vermutlich nicht viele. Eher niemand.
Ich gehe zu Aldi und die Rückenschmerzen sind kaum zu ertragen. Es ist mir bewusst, dass es sich um Verspannungen handelt, aber das hilft mir nicht. Ein Mann zerfällt, live in Lahnstein. Warum auch nicht? Immerhin ist es nicht windig und ich muss keine Mütze tragen.
Als ich später gefrühstückt habe, bin ich planlos und weiß nicht wirklich, wohin es mich zieht. Da es keine Option ist, den Rest des Tages ratlos dazusitzen und auf eine Eingebung zu warten, muss ich raus. Doch schon die Frage, was ich anziehe, überfordert mich. Ich verfalle wohl nicht nur körperlich.
Mit Hemd und Lederjacke geht es los. Anfangs finde ich es etwas frisch, dann passen Temperatur und Kleidung zusammen und ich mache ein paar Labcaches, weil es sich irgendwie anbietet.
Ich bin erst eine Stunde unterwegs, da muss ich pinkeln. Wäre ich im Wald, würde sich sicher eine Möglichkeit finden lassen. Inmitten der Stadt ist es schwierig. Ich irre suchend umher, da fallen mir zwei Gänse auf, die einen VW Beetle attackieren. Er wird beschimpft, eine der Gänse fliegt mehrfach gegen die Tür. Erst halte ich sie für dumme Gänse, doch dann erkenne ich den Grund. Die Gänse spiegeln sich im Lack. Da sie ihren Fehler nicht erkennen, wird der Beetle weiter beschimpft, eine Gans greift die Stoßstange an und beißt mehrfach zu. Mehr Unterhaltung geht kaum. Wenig später sitzen die beiden auf dem Dach und setzen ihre Angriffe fort. Kurz überlege ich, ihnen die Situation zu erklären, denke aber, sie würden mich nicht verstehen. Außerdem muss ich weiter einen Platz zum pinkeln suchen.
Irgendwann sehe ich eine Art Schuppen, bei dem eine Tür offen steht. Es gibt einen schmalen Zugang, der Schuppen sieht verlassen aus. Ich pirsche mich ran, schaue hinein. Alte Kabeltrommeln, Gerümpel, zerbrochenes Glas. Das ist kein gutes Benehmen, aber die einzige Alternative wäre es, mir Hosen zu machen.
Spürbar erleichtert wandere ich weiter, schaue mich um, cache und stelle abermals fest, dass es einfach zu viele Autos gibt. Alles ist zugeparkt, ständig muss irgendwer warten. Dennoch wirken die Leute weniger genervt als im Ruhrgebiet. Niemand hupt, keiner zieht eine Fratze. Sehr angenehm. Weniger angenehm ist, dass ich nach etwa einer Stunde schon wieder pinkeln muss. Vor allem, weil ich heute maximal einen halben Liter getrunken habe, diesen aber im Schuppen entsorgt habe. Ich schaue nach Restaurants in der Nähe. Alles was mich anspricht öffnet erst um 17:30 Uhr. Sechs Stunden kann ich eher nicht mehr warten. Eine öffentliche Toilette könnte helfen, doch als ich dort ankomme, steht davor eine kleine Warteschlange. Das ist nichts für mich. Etwa zwanzig Minuten bis zur Ferienwohnung.
Es ist nicht nur, dass ich pinkeln muss, alle paar Minuten läuft meine Nase. Wie Wasser läuft es spontan los. Eine Entwicklung, die ich schon länger an mir beobachte, heute scheint sie einen weiteren Höhepunkt zu erreichen. Ich werde echt immer unattraktiver, in jeglicher Hinsicht. Der Titel „Laufnase des Tages” geht mal wieder an mich. Oder klingt Rotznase besser. Selbst hochziehen funktioniert nicht wirklich. Die wässrige Lösung drängt nach außen.
Als ich in der Ferienwohnung ankomme, ist es fast zu spät. Gerade noch schaffe ich es ins Bad. Als ich mich hinsetze, bringen mich die Rückenschmerzen fast um. Gut, dass ich nicht zu Verspannungen neige. Später schaffe ich es erneut nicht, mir die Hose im Stehen auszuziehen. Selbst im Sitzen ist es nur unter Schmerzen möglich. Was ein Verfall.
Zum Mittagessen gibt es Nudeln mit Nudelsoße. Eine Mahlzeit, die ich mir erfolgreich abgewöhnt hatte.
Nach dem Mittagessen gehe ich zum Rhein, setze mich auf eine Bank und lese „Der Kollege”. Zumindest versuche ich es, nicke aber immer wieder ein, weshalb ich bald aufgebe. Ich gehe eine alte Treppe herunter und stehe wenig später direkt vor dem Rhein. Eine ganze Weile stehe ich da. Es ist schön, keine Aufgaben zu haben und einfach nur hier zu stehen. Der Rhein, die Sonne und ich. Mehr braucht es nicht.
Danach sitze ich noch gut eine Stunde auf einer Bank und schlafe immer wieder kurz ein. Wenn ich dazu noch sabbern würde, wäre es perfekt.
Ein Junge, etwa drei Jahre alt, rollt mit seinem Rad hinter seinen Eltern an mir vorbei und weist mich darauf hin, dass hinter ihm ein Auto den Weg entlang kommt. Ich sage ihm, dass er sich schnell in Sicherheit bringen soll. Er überlegt kurz, und sagt dann, dass er sich neben die Bank stellt. Seine Eltern halten es für eine gute Idee. Als der Wagen vorbei ist, verabschiedet er sich von mir. Der vermutlich beste Moment des Tages.
Nach kurzer Pinkelpause in der Ferienwohnung, gehe ich nochmal los. Ich kaufe sogar sechs Postkarten, weil ich mir vorgenommen habe, aus meinen Urlauben immer Karten zu verschicken. Es ist herrlich altmodisch und könnte eine schöne neue Tradition werden. Allerdings frage ich mich wenig später, warum ausgerechnet sechs Karten, da ich die Zahl nicht besonders mag.
Minuten später sitze ich an der Lahn und lese das Buch zu Ende. Das Buch ist ähnlich belanglos wie die meisten meiner Blogeinträge. Mir fallen immer wieder Familien mit Kindern auf, die zusammen etwas unternehmen. Die Kinder wirken weder verwahrlost, noch verblödet. Nicht als wären sie lästige Anhängsel, die man nur bekommen hat, weil man das so macht. Für einen Moment denke ich, dass vielleicht doch noch Hoffnung besteht. Für mich hingegen besteht schon lange keine Hoffnung mehr. Wie ich so dasitze, denke ich, dass ich es echt ziemlich verkackt habe, das Leben. Aber vielleicht stimmt das auch nicht, vielleicht war gar nicht mehr drin. Leben am persönlichen Limit. Muss man akzeptieren.
Da ich nicht weiß, wo ich außerhalb essen kann – die meisten Restaurants haben geschlossen und ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, essen zu gehen – gibt es später nochmal Nudeln mit Nudelsoße. Als Vorspeise Nussmix. Innerhalb von nur zwei Tagen habe ich mich beim Thema essen komplett zurückentwickelt. Wahnsinn.
Nach einem kleinen Verdauungsspaziergang, beende ich gegen viertel nach Acht meine Aktivitäten. Für morgen habe ich einen Plan. Möglicherweise setze ich ihn sogar um.
Die Zeitachse ist der Meinung, ich wäre heute 11 Kilometer gewandert. Ich fühle mich, als wären es doppelt so viele gewesen.
Bilder des Tages:
Dinge, die ich im Urlaub brauche und mittlerweile auch immer dabei habe. Es sei denn, ich vergesse sie.
Der erste Urlaubseinkauf. Fast gesund und sinnvoll.
Schöner Anblick. Davon bekomme ich nie genug.
Gänse, die fast erfolgreich einen VW Beetle erobert haben.
Tag 3
Kaum bin ich wach, bekomme ich eine WhatsApp-Nachricht von der Umarmerin. Sie möchte sich krankmelden, weiß die Nummer vom Büro aber nicht. Ich könnte sie darauf hinweisen, dass sie auf den Vertragsunterlagen steht, verzichte aber darauf, schicke sie ihr und wünsche gute Besserung. Mehr kann ich nicht für sie tun.
Gegen halb zehn geht es los. Der frische Wind verlangt, dass ich eine Mütze aufsetze, sonst verlangt niemand etwas. Ich bin noch keine fünfundvierzig Minuten unterwegs, da muss ich pinkeln. Langsam wird es lästig und ich frage mich, was als nächstes kommt. Inkontinenz?
Der Aufstieg zur Burg Lahneck bringt mich ins Schwitzen, aber ohne Aufstieg würde dem Urlaub etwas fehlen. Wie üblich, cache ich auf dem Weg. Manchmal grüße ich entgegenkommende Leute, attraktiven Frauen nicke ich lächelnd zu. Es kommen mir aber nur selten Leute entgegen, was ich sehr schätze. Oben angekommen, muss ich mich bald erleichtern. Danach fühle ich mich gleich viel besser und bleibe noch eine ganze Weile, schaue ins Tal und hab nichts weiter vor. Nur die Aussicht genießen und atmen. Alles bei perfektem Wetter.
Später, als ich auf dem Rückweg bin, kommen mir drei ältere Menschen entgegen. Ein Mann und zwei Frauen. Sie bewegen sich langsam mit ihren Wanderstöcken vorwärts. Vielleicht ein Ehepaar mit einer Freundin, deren Mann mittlerweile verstorben ist. Oder sie hat sich getrennt, weil er ein Langweiler war. Oder hatte nie einen, weil es nie passen wollte. Ich finde es jedenfalls irgendwie rührend und auch großartig, dass sie gemeinsam wandern statt mit dem Auto oder Bus oben zu fahren. Aus wirtschaftlicher Sicht sind die drei natürlich eine Katastrophe und der aktuellen Politik ein Dorn im Auge, denn sie bringen nichts mehr ein, sondern leben einfach nur. Menschen ohne echten Nutzen für die Gesellschaft. Und vermutlich blockieren sie Wohnungen, in denen man wunderbar Flüchtlinge unterbringen könnte. Und jetzt soll bloß keiner sagen, ich liege falsch mit meinen Gedanken. So abwegig ist das alles längst nicht mehr. Mir ist das alles egal, mir gefällt, dass die drei noch so aktiv sind. Aber sicher sehe ich das nur so, weil ich auch bald so alt bin, dass ich nur noch lästig bin und weg kann.
Auf dem Rückweg sehe ich fünf Polizisten, die auf einer Brücke kontrollieren, ob Autofahrer Radfahrer überholen. Sobald das passiert, wird der Autofahrer unverzüglich angehalten. Hier ist die Welt noch in Ordnung.
In der Bäckerei Kugel hole ich mir ein Kügelchen und ein weiteres Teil. Ernährungstechnisch wird es hier immer mehr zu einer Katastrophe.
Zum Mittagessen gibt es natürlich Nudeln mit Nudelsoße, danach das zweite Teil vom Bäcker. Lecker.
Den Nachmittag verbringe ich lesend am Rhein und schlafe gar nicht ein. Zwischendurch beobachte ich Leute. Irgendwie ist alles sehr friedlich hier. Unhektisch. Entschleunigt kommt mir alles vor. Sehr merkwürdig.
Als ich meine Arme betrachte, sieht die Haut an einigen Stellen gerötet aus. Entweder bricht die Mycosis Fungoides gerade heftig aus oder es ist ein Sonnenbrand. Optisch manchmal schwer zu unterscheiden. Nur hatte ich fast immer Kleidung mit langen Ärmeln an. Und es sind auch zu kleine Flächen für einen Sonnenbrand. Vielleicht ist es doch ein Schub. Dieser ganze körperliche Verfall ist einfach zum kotzen.
Als ich nicht mehr sitzen kann, beschließe ich, Richtung Aldi zu gehen. Erstmals in diesem Urlaub schlendere ich völlig entspannt, was sogar meinem verspannten Rücken gefällt.
In meinem Kopf schien es sinnvoll, Richtung Aldi und Bäckerei Lohner zu gehen, doch kaum bin ich da, weiß ich nicht, warum. Ratlos gehe ich durch den Laden und kaufe lediglich Bio-Basmati-Vollkornreis, weil die Nudeln fast aufgebraucht sind. Als würde das irgendwas ändern.
Zurück in der Ferienwohnung mache ich mir die zweite Dose Hühnersuppe. Eine gibt es immer zur Begrüßung, eine weitere ist für Notfälle. Ich glaube, dies ist ein Notfall. Was das Essen angeht, ist es ein Rückfall in meine schlimmsten Urlaubszeiten. Zum Nachtisch gibt es das Kügelchen. Weit weniger süß als erwartet. Morgen auf dem Programm: Reis mit Pesto Verde.
Da ich auch heute ständig Taschentücher brauche, mein Vorrat aber zur Neige geht – hätte ich doch nur welche bei Aldi gekauft – stelle ich eine Toilettenpapier-Rolle auf den Tisch. Es fließt ja immer weiter aus der Nase.
Mit einem kleinen Verdauungsspaziergang beende ich den Tag und bin gegen zwanzig vor acht zurück in der Ferienwohnung, wo ich ein Schwefelbad nehme.
Später schmerzt das rechte Auge, wenn ich es schließe. Aus gesundheitlicher Sicht ein sehr abwechslungsreicher Urlaub bisher. Aber leider nicht überzeugend.
Laut Zeitachse waren es heute 13 Kilometer. Wenn es denn stimmt.
Bilder des Tages:
Für immer verbunden. In fast jedem Urlaub komme ich an einem Jobcenter vorbei. Erst mit meinem Ableben wird diese Verbindung ihr Ende finden.
Der geile Rudi. Er wurde 2005 zum Ehrenbürger der Stadt Lahnstein ernannt. 2008 wurde die Lahnbrücke seinetwegen umbenannt. Mann nannte ihn auch Allzweck-Rudi.
Meine Hauptmahlzeit in den ersten Tagen. Exklusives Essen gehört zu meinen Top-Eigenschaften.
Wegen der nie enden wollenden Pubertät, gibt es auch dieses Mal ein solches Foto. Natürlich ist die junge Frau auch von vorne attraktiv. Darauf lege ich großen Wert.
Tag 4
Die Augenschmerzen sind auch am nächsten Morgen noch da. Der Blick in den Spiegel bestätigt eine Entzündung. Ich sehe mit den Beulen unter den Augen Jahre älter aus. Vielleicht sehe ich aber auch nur so alt aus, wie ich bin und eben nicht, wie ich aussehen möchte. Euphrasia -Augentropfen sind alles, was ich dem entgegensetzen kann.
Meine Haut ist von Kopf bis Fuß trocken; bei Berührung rieseln Hautschuppen herab. Mit den Hautschuppen könnte ich vermutlich ein ganzes Zimmer in eine Landschaft aus Hautschuppen verwandeln. An den Oberschenkeln sieht alles nach einem Schub der Mycosis Fungoides aus, denn da habe ich definitiv keinen Sonnenbrand. Das ist definitiv der Urlaub des Verfalls. Aber das hält mich nicht von meiner morgendlichen Wanderung ab. Nichts kann mich davon abhalten – außer dem Tod, der allerdings täglich näher kommt und wahrscheinlicher wird.
Meine Wanderung führt mich zu dem Bereich zwischen Rhein und Lahn. Ich wollte eigentlich ganz woanders, stattdessen stehe ich gegenüber von Schloss Stolzenfels. Als ich weitergehe, überholt mich ein Hund, der aussieht wie die kleine Version eines Schäferhundes. Spontan hält er vor mir an, legt einen Stock vor meine Füße und schaut mich an. Kurzzeitig bin ich verwirrt, dann verstehe ich, was er möchte. Grundsätzlich eine gute Idee, aber so verspannt wie ich bin, ist es eine echte Quälerei, mich nach dem Stock zu bücken. Und werfen kann ich auch nicht mehr. Zum Glück ist dem Hund das egal und wir wiederholen das Spiel, bis sein Herrchen auf meiner Höhe ist. Nun habe ich nicht nur einen Hund zum Spielen, sondern auch jemanden, der was zu erzählen hat. Er erzählt von der BUGA 2029, für die hier einiges umgebaut wird. Eine neue Brücke wird gebaut und für den Ausbau der Rad- und Gehwege werden 82 Bäume gefällt. Da spielt Umweltschutz keine Rolle. Darum sollen alle E-Autos kaufen, während für den Bau von Windkrafträdern ständig Bäume abgeholzt werden. Und es gibt immer noch genug Bekloppte, die das glauben. Wie es aussieht, begleite ich die beiden während ihres gesamten Spaziergangs und werfe weiter Stöckchen für den Hund, der schon acht Jahre ist, aber rennt wie ein Jungtier. Nie wird er müde oder hat genug. Außerdem erfahre ich, dass der Mann nach einem Unfall mal 24 Stunden im OP lag und schon mit 40 berufsunfähig war. Interessant dabei ist, dass er mehr Rente bekommt als ich monatlich verdiene. Am Parkplatz trennen sich unsere Wege.
Es ist kurz nach elf. Ich sitze am Rhein und bin überzeugt, heute in der
Pizzeria Sorrento zu essen. Gerne würde ich auch eine Schifffahrt machen, aber wenn ich die vorbeifahrenden Schiffe betrachte, sehe ich, dass ich mir den Wunsch dieses Mal nicht erfüllen werde. Es sind einfach immer zu viele Leute an Deck. Das ist nichts für mich.
Zum Mittag gibt es tatsächlich Pizza Funghi. Diese ist gut und ziemlich groß. Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für mich.
Als ich nach dem Essen weitergehe, bin ich eine Weile schmerzfrei, was irritierend, aber sehr angenehm ist. Zu meiner Überraschung lande ich irgendwann wieder bei der Burg Lahneck, obwohl ich sicher war, da nicht mehr hochzugehen. Ich kann mir echt nichts glauben.
Völlig entspannt schlendere ich wieder runter, komme irgendwann völlig erschöpft unten an und muss mich am Rhein auf eine Bank setzen. Dort schlafe ich mehrfach kurz ein. Da ich mich weigere, zu glauben, dass es am Alter liegt, schiebe ich es auf den Natriummangel, der wohl auch zu meinem Verfall gehört.
Gegen halb sechs gibt es die letzten Nudeln und dazu etwas Reis. Garniert mit Pesto. Ob das ein Fortschritt ist, mag ich nicht beurteilen. Agnes findet es eher fragwürdig, was ich hier zu mir nehme. Mehr als fragwürdig. Als ich diese Mischung probiere, finde ich sie nicht nur fragwürdig, sondern eher bah, weshalb ein Teil davon im Klo entsorgt werden muss. Der kulinarische Tiefpunkt meiner Reise.
Wie üblich gehe ich später noch zum Rhein. Gegen 19:00 Uhr bin ich zurück in der Wohnung, da es zu frisch ist, um länger am Rhein zu sitzen und ich nicht mehr laufen kann. Mit einem Schwefelbad lasse ich den Tag ausklingen.
11 Kilometer sollen es heute gewesen sein, die ich zurückgelegt habe.
Bilder des Tages:
Ohne Therapielampe ist ein Urlaub zwar möglich, aber nicht sehr vernünftig oder gar klug. Ich brauche sie zwar nicht täglich, aber mehr als drei Tage ohne UVB-Behandlung sind keine gute Idee.
Die Aussicht des Tages mit Blick auf Schloss Stolzenfels.
Pizza Funghi in der Pizzeria Sorrento. Lange sah es aus, als würde ich es nicht schaffen, auswärts zu essen.
Einer der Nachteile, wenn man alleine Urlaub macht. Man sieht einen Minigolfplatz, hat aber niemanden, der mit einem spielen will. Das ist irgendwie traurig.
Tag 5
Wenig überraschend beginnt auch dieser letzte Urlaubstag mit Augenschmerzen und einer sichtbaren Schwellung unter dem rechten Auge. Das wird mich aber nicht davon abhalten, den Urlaub traditionell fortzusetzen.
Heute geht es nicht zum Wasser, sondern aufwärts zu schönen Aussichtspunkten. Irgendwann komme ich an der Ruppertsklamm an und ärgere mich, dass ich keine geeigneten Schuhe trage. Das wäre sicher eine Wanderung ganz in meinem Sinne geworden. Da auch ich manchmal vernünftig bin, verzichte ich und nehme kurz auf der Lahnblick-Liege Platz. Auch ein bisschen abenteuerlich. Wäre es nicht so windig, würde ich vermutlich sehr lange hier liegen.
Was deutlich wird: Ich bin lieber im Wald als am Wasser. Wie sehr ich es in den letzten Tagen auch an Rhein und Lahn genossen habe, inmitten all der Bäume bin ich noch entspannter und dieses ganze Auf und Ab kommt meinem Rücken auch sehr entgegen.
In der Bäckerei Lohner kaufe ich für heute ein: zwei Brötchen mit gekochtem Schinken, ein Vollkornbrötchen, eine Vanillestange und eine Nuss-Nougat-Schnecke. In der Wohnung habe ich noch fünf gekochte Eier und drei Joghurts. Das sollte bis zu meiner Abreise genügen.
Nach den beiden Brötchen esse ich die halbe Vanillestange. Warum müssen ungesunde Sachen nur so lecker sein? Vermutlich, damit wir nicht zu lange gesund leben.
Was mir auffällt, Zahn 16 ist komplett ruhig. Vermutlich will er darauf hinweisen, dass alles gut ist und er nicht gezogen werden muss. Cleverer kleiner Zahn. Was allerdings nicht verschwunden ist, ist der Mundgeruch. Da es offensichtlich nicht vom Zahn kommt, verrotte ich wohl innerlich. Die Verwesung während des Verfalls ist nicht zu stoppen. Ich werde also nicht nur keinen Sex mehr haben, in dem Zustand werde ich auch nicht mehr geküsst. Dieses Jahr kommt es echt knüppeldick. Den Zahn lasse ich trotzdem ziehen.
Die Bevölkerungsgruppe, die hier sehr stark vertreten ist, sind russischsprachige Menschen. Egal, wohin man kommt: Deutsch wird immer mehr zu einer Nebensache.
Am Nachmittag mache ich einen letzten Spaziergang am Rhein entlang, aber so wirklich überzeugt bin ich nicht. Ich gehe einen Abschnitt ganz ohne Schatten. Vermutlich ist das nichts für mich.
Nach einer Pause in der Ferienwohnung, während der ich die ersten Sachen gepackt habe, geht es später zum letzten Mal an den Rhein. Da ich kaum laufen kann, sitze ich viel und lese. Manchmal schaue ich auch nur Schiffen nach oder aufs Wasser. Mehr braucht eigentlich kein Mensch. Abgesehen vom Geld, um das tun zu können.
Irgendwann folgt das letzte Schwefelbad des Urlaubs. Vermutlich sogar das letzte Vollbad des Jahres. Obwohl ich mich gut fühle, überlege ich, wie es wäre, wenn das Leben hier in der Badewanne endet. Da ich abgeschlossen habe und der Schlüssel in der Tür steckt, müsste der Hausmeister die Tür öffnen lassen. Und dann würde man mich kalt im kalten Wasser finden und untersuchen, ob ich eines natürlichen Todes gestorben bin. Dazu müsste man mich aus dem Wasser heben und abtransportieren. Als nächstes überlege ich, ob man die Ferienwohnung danach besser oder schlechter vermieten könnte. Danach frage ich mich, was mit mir nicht stimmt.
Später wird die Schwellung am Auge größer. Vielleicht muss sich das jemand anschauen, der sich mit so etwas auskennt. Kann es sogar sein, dass Zahn 16 dafür verantwortlich ist? Oder ist es einfach Zufall?
13 Kilometer habe ich heute zurückgelegt. Mehr als erwartet.
Bilder des Tages:
Pause auf der Lahnblick-Liege. Ich habe eine Schwäche für Liegen mit Aussicht. Leider zu frisch, um länger dort zu verweilen.
Meine größten Urlaubssünden sind Schnecken. Aber nur die vom Bäcker. Hier sieht man eine sehr leckere Nuss-Nougat-Schnecke. Früher nannte man manchmal Frauen Schnecken, aber das ist nicht nur pubertär, es ist menschenverachtend und rechts und verboten.
Ein letzter Blick über den Rhein am Ende des Urlaubs.
Der letzte Abend endet mit einem Schwefelbad. Vermutlich das letzte Bad in diesem Jahr.
Tag 6
Nach dem Aufwachen ist das Auge ziemlich geschwollen und schmerzt beim Öffnen und Schließen. Dafür ist der Zahn weiterhin erstaunlich ruhig. Mich beruhigt es, dass ich den Zahn für die Augenentzündung verantwortlich machen kann. Ein weiteres gutes Argument, um am Dienstag nicht doch panisch einen Rückzieher zu machen und dem Zahn noch eine Chance zu geben. Das Auge bekommt einen Tropfen Euphrasia, dann habe ich keine Zeit mehr, mich damit zu beschäftigen.
Ich packe meine Sachen, bringe den Müll runter und dann ist es Zeit, den Urlaubsort zu verlassen. Schön war es, aber ich werde nicht wiederkommen, weil es noch zu viele Orte gibt, die auf meiner Merkliste stehen, meine Zeit aber begrenzt ist und ich maximal dreimal im Jahr in den Urlaub fahre.
Während des Urlaubs habe ich tatsächlich nur ein Paar Schuhe und eine Jeans getragen, obwohl ich genug zum Wechseln dabei hatte. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt so gemacht habe.
Ich habe auch noch nie so lange und so oft einfach nur irgendwo gesessen. Gelesen habe ich auch mehr als üblich. Das ist vermutlich eine positive Entwicklung.
Die Ferienwohnung war top, aber die Lage für mich nicht ganz optimal gewählt. Dafür hatte ich aber die Badewanne, die ich viermal für ein Schwefelbad in Anspruch genommen habe. Hoffentlich hat meiner Haut das irgendwie geholfen.
All das geht mir durch den Kopf, während ich im Benz Richtung Heimat fahre.
Als ich zu Hause ankomme, muss ich sehr dringend pinkeln. Dabei fällt mir auf, dass ich während der Hin- und Rückfahrt nicht einmal anhalten musste, um zu pullern. Das ist irgendwie schön und beruhigend.
Bilder des Tages:
Auf dem Foto sieht es aus, als hätte ich einfach nur einen Tränensack. Aber so ausgeprägt sind meine Tränensäcke noch nicht. Ehrlich.
Wie üblich, bleibt ein Buch am Urlaubsort zurück. Eine Tradition, auf die ich nicht verzichten mag.
Der Benz auf seinem Privatparkplatz. Bereit, um mich nach Hause zu transportieren.
Es freut mich, dass das Ende der Lahn besser als der Beginn überzeugen konnte. zwischen den Orten liegen Welten. 🤔
Ich hoffe, Du konntest Dich gut erholen und dass Auge langsam besser wird. Diese knalligen, grünen Fotos gefallen mir.
Hast Du denn die Dir angebotene Stadtführung in Anspruch genommen?
Ich hätte Dir vorher mal aus dem Lahnbuch erzählen können. Ist mir heute erst eingefallen, dass ich sowas besitze. Da habe ich gerade schon identische Fotomotive entdeckt. 😅
Dauert bei mir ja oft, bis es besser oder gut wird.
Auge besser, dafür Zahn schlechter. Es wird nie langweilig.
Stadtführung. Natürlich auch vergessen. An so etwas muss Du mich doch vorher erinnern. Oh man. 😳
Lahnbuch. Was es alles gibt.
Entschuldigung, ich gelobe Besserung und denke fortan für Dich mit.
Ich wünsche Dir, dass die Erholung trotz des körperlichen Verfalles noch etwas anhält.
Das mit dem Buch war Zufall wie es zu mir gelangt ist. Viel darin geschaut habe ich noch nicht.
Großartig. Dann kann ich mich weiter mit dem Vergessen beschäftigen. 😄
Das hoffe ich. Morgen Abend weiß ich dazu mehr.