Dezember 2008

Letzte Praktikumswoche
Es ist verdammt kalt hier im Autohaus, weshalb ich einen Heizlüfter mitgebracht habe, was meinem Chef so gar nicht passt. Sollte er allerdings auf die Idee kommen mir diesen zu verbieten, werde ich mein Praktikum sofort beenden. Die Heizung in der Werkstatt schaltet er jedenfalls morgens immer als erstes aus. Kostet schließlich Geld. Darum ist es so kalt in der Werkstatt, dass ich da mit Sicherheit nicht arbeiten würde. Hätte er letzte Woche das Auto verkauft, dann könnte er vielleicht heizen, aber da er ja nicht an jeden Kunden verkauft, wird halt gefroren.

Weil ich in den letzten Tagen viele Anfragen per Mail hatte, aber kein Vertrag zu Stande kam, muss ich jetzt alle Mails, die ich den Kunden schrieb, vorlegen, damit der Chef mir sagen kann, wo meine Fehler liegen. Wirkliche Fehlerquellen kann er mir allerdings auch nicht nennen, aber ich soll die Kunden auf jeden Fall noch einmal anschreiben. Fein. Aber was mache ich, wenn ein Kunde plötzlich bar bezahlen will? Dann bekommt er doch eh kein Auto, weil der Chef kein Bargeld will. Verdammter Teufelskreis. Da mein Praktikum nächste Woche endet und ich ein Praktikumszeugnis brauche, mir hier aber keins erstellt wird, muss ich es mir selber schreiben. Selbstverständlich schreibe ich mir ein gutes Zeugnis. Nur Sinn macht das nicht, weil ich nicht beurteilen kann, ob ich ein so gutes Zeugnis auch verdient habe. Meiner Meinung nach nicht, aber ein gutes Zeugnis sieht immer gut aus.

Am Mittwoch möchte ein Kunde ein Auto bei mir kaufen. Dem Chef allerdings reicht ein unterschriebener Vertrag nicht und deshalb will er, dass der Kunde 2103,-€ anzahlt. Scheinbar ist die Krise in der Automobilbranche hier doch noch nicht angekommen. Es bleibt abzuwarten, wie der Kunde auf die Forderung reagiert.

Mein selbsterstelltes Zeugnis bekomme ich am Donnerstag unterschrieben zurück. Ein bedeutungsloses, beschriebenes Blatt Papier ohne irgendwelchen Wert für meine Zukunft.

Am Samstag verkaufe ich einen Fiat Grande Punto. So endet die Woche doch noch akzeptabel.

Arbeitszeit in dieser Woche: 43 Stunden und 00 Minuten


Kundin der Woche
Scheinbar habe ich ein Händchen für verwirrte oder gar gestörte, jedenfalls eindeutig dämliche Kunden, die mir ihre ganze Dämlichkeit auch noch unverblümt präsentieren. So durfte ich am Samstag folgendes Schreiben genießen:

Hallo Herr F.,

also folgende Sachen waren für mich unklar.
Im Kaufvertrag stand nix von einer Gas anlage, desweitern steht eine barzahlung drin, wobei die Zahlungsmethode nicht einmal klar war.
Dann fehlten mir die Angaben wie Erstzulassung , hätte ich diesen #Kaufvertag unterschrieben haääten sie mir ein jedglich anderen Fiat Punto dahin stellen können.
Ach und sehr gut fand ich das Kommentar keine Schäden bekannt, da es ja ein (so zu sagen)”Neuwagen” ist . ist das meiner Meinung nach eine Falsch aussage.

Da ich mich dann auch noch unter Druck gesetzt gefühlt habe. Habe ich mich gegen ihr Autohaus entscheiden.

Natürlich stand da etwas von einer Gasanlage. Kann man aber leicht übersehen, da es eine fett gedruckte Überschrift ist. Würde man die Kundin verkaufen und “Keine Schäden bekannt” schreiben, könnte man in der Tat von einer ‘Falschaussage’ sprechen. Vielleicht hätte sie die Schule nicht so früh abbrechen sollen…

Nachbarin zieht weg
Die Nachbarin, die noch nicht einmal ein Jahr nebenan wohnt, zieht um. Ihr gefällt es hier nicht mehr. Sie sagt, dass in dieser Gegend zu viele Zigeuner und andere Ausländer wohnen. Da frage ich mich natürlich, ob ein Umzug innerhalb Deutschlands wirklich sinnvoll ist.


Die beiden letzten Arbeitstage im Praktikum
An meinem vorletzten Arbeitstag verkaufe ich einen Chevrolet Aveo. So gefällt mir das. Ein Chevrolet war mein erster Verkauf, ein Chevrolet ist mein letzter.

Am Dienstag verkaufe ich zu meiner Überraschung noch ein Auto. Zum Glück ist es wieder ein Chevrolet. Ein weiterer Chevrolet Aveo. Alles andere als einen Chevrolet hätte ich auch nicht verkauft.

Dann ist es vorbei. Der Chef lobt mich tatsächlich und stellt mir Vertragsverhandlungen in weiter Ferne in Aussicht. Ganz so schlecht kann ich dann vielleicht doch nicht gewesen sein. Andererseits redet der Chef gerne und meint nicht immer, was er sagt. Daher ist es unerheblich, was er zum Abschied sagt. Derzeit kann ich mir sowieso nicht vorstellen jemals als Automobilverkäufer zu arbeiten, denn ich bin einfach nicht der Verkäufertyp. War ich nie. Werde ich nie sein.


Plötzlich unbeliebt
Ich habe die Angewohnheit hin und wieder in einem Internettagebuch Texte aus meinem Leben zu veröffentlichen. Ich schreibe über Dinge, die ich erlebt habe und über Leute, die meiner Meinung nach einen Bericht über sich im Internet verdient haben. Natürlich schreibe ich auch über meine Umschulung und einige meiner Mitschüler und Mitschülerinnen. Selbstverständlich ist es nicht meine Art Positives zu berichten, sondern über Missgeschicke oder andere Dinge, die einen gewissen Unterhaltungswert haben. Dabei bin ich bekanntermaßen nicht immer sehr nett und vielleicht können sich die Leute, über die ich schreibe, ein wenig verarscht dabei vorkommen. Und so kommt es, wie es kommen muss. In der Firma, in der Berta ihr Praktikum absolviert, dienen meine Berichte als Pausenunterhaltung. Irgendwann fragt sich Berta, warum ihre Kollegen immer so einen Spaß haben und möchte wissen, worüber sie lachen. Beim lesen stellt sie dann rasch fest, dass ich unter anderem über sie und meine Umschulung schreibe. Da sie dabei in ihren Augen nicht so gut wegkommt, ist sie natürlich entsetzt und informiert sofort einige Mitschüler über meine Berichte. Außerdem schreibt sie mir, dass ich ein Arsch bin und meine Mitschüler und Mitschülerinnen längst über meine netten Berichte informiert sind. Meinen Hinweis, dass sie sich nicht so aufregen soll, da meine Texte der Unterhaltung dienen und ich später Schriftsteller werden will, beantwortet sie nicht. Dennoch glaube ich, dass sie meine Texte nicht nur ausgedruckt hat, um sie den anderen Schülern zu zeigen, sondern auch, weil sie von meinen Texten angetan ist, was sie aber niemals zugeben wird.

Zum ersten Schultag bringt sie meine ausgedruckten Notizen mit und präsentiert sie den Mitschülern, die noch nicht informiert waren. Es scheint sie glücklich zu machen. So glücklich und aktiv war sie vor dem Praktikum nie. Bei einigen Mitschülern kommen meine Notizen überraschenderweise weniger gut an. Der alte Mann beachtet mich ebenso kaum noch, wie Virus und die meisten Mitschülerinnen. Das heißt, mit einer Ausnahme, denn Bröckelchen redet auch weiterhin mit mir. Einige Frauen versuchen sie dazu zu bringen nicht mehr mit mir zu reden und beschimpfen sie. Was für erbärmliche Kreaturen sich hier doch tummeln. Aber ich will mich nicht beklagen, denn Berta scheint glücklicher als je zuvor und das ist etwas, was sie nur mir zu verdanken hat. Darauf kann ich stolz sein.


Bernadette
Als ich am Montagmorgen wie üblich nach Mails gucke, entdecke ich folgende Mail:

Hallo DrSchwein, (ich weiß ja nicht, ob ich dich einfach so nennen und duzen darf – aber ich riskier es einfach, weil mir grad danach ist), diese Email kann getrost in die Rubrik “Fanpost” eingeordnet werden, denn ich bin wirklich schwer beeindruckt von dem, was ich zu lesen bekommen habe.
Wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit war es mir leider nicht möglich, sehr viele dieser geistigen Ergüsse zu mir zu nehmen – aber das hole ich mit Sicherheit später nach.
Ich bin im Internet auf deine Seite geraten und froh, dass ich mich so lange wach gehalten und nach Männern geschaut hab.. 🙂 Es ist verdammt selten, etwas so intelligentes lesen zu dürfen – und dann auch noch mit dieser besonders ansprechenden Art des Sarkasmus, der Ironie und der gesunden Gehässigkeit, schön verpackt in einen – meiner Meinung nach – wundervollen Humor.
Ach ja.. ich bin altersmäßig noch knapp unter 100… 40 um genau zu sein.. und wohne gar nicht so weit von dir entfernt – noch in Dortmund, aber am Rande von Lünen.
Also – ich hoffe, deine Seite bleibt noch sehr lange erhalten und wir können uns irgendwann mal ausführlich und vielleicht direkter unterhalten.
Bis bald?
Ganz liebe Grüße sendet
Bernadette

Da ich selten Fanpost bekomme und das Gefühl habe, dass mich da jemand gerne kennenlernen möchte, antworte ich auf die Mail.

Hallo Bernadette, Fanpost klingt gut. Lassen wir das mal so stehen. Schön, dass ich nachts noch damit unterhalten kann eine Webseite zu haben. Und interessant, was man alles findet, wenn man nach Männern sucht.
Ich gehe mal davon aus, dass meine Seite noch ein paar Tage bestehen bleiben wird. Und wenn Du Dich, warum auch immer, mal ausführlich darüber unterhalten willst, lässt es sich vielleicht einrichten.
Gruß
DrSchwein

Was folgt ist ein kurzer, aber reger Mailverkehr, in dem sie erneut ihr Interesse an mir bekundet und versucht mehr über mich zu erfahren. Ich bleibe so unverbindlich wie möglich. Schließlich weiß ich nicht, wer da mit mir kommuniziert und was sie von mir will. Mit der vierten Mail schickt sie mir ein Foto und ich finde, dass man sich ruhig mal treffen kann. Wobei ich nicht glaube, dass sie sich nur unterhalten will. Das kleine Miststück will vermutlich mit mir ins Bett und tut in ihren Mails nur so brav. Ich schreibe ihr, dass sie mir weitere Fragen gerne persönlich stellen kann, wenn sie mich auf einen Kaffee einlädt.
Am Abend kommunizieren wird kurz über MSN. Ich sage ihr, dass ich mich freue, dass sie mich auf einen Kaffee einladen will. Worauf sie anmerkt, dass sie nicht gesagt hat, dass sie das tun wird. “Ich weiß, dass Du mich einlädst.” – “Wieso?” – “Weil Du mich kennenlernen willst.” Wenig später fragt sie, ob ich am Donnerstagnachmittag Zeit habe. Das passt gut, da ich am Donnerstag eh in Dortmund bin, und so verabreden wir uns für Donnerstag auf einen Kaffee.

Bei unserem Treffen erkenne ich sie natürlich nicht wirklich, da sie meiner Meinung nach möglicherweise anders aussieht als auf dem Foto. Glücklicherweise gibt sie sich sofort zu erkennen. Wir gehen ins Alex und ich betrachte sie etwas genauer. Die Figur ist durchaus reizvoll. Möglicherweise ein paar Kilos zu viel, aber das stört mich nicht, denn ich wiege ein paar Kilos zu wenig, was sie scheinbar auch nicht stört. Ihre Hände überzeugen mich nicht so wirklich, aber sie sind keineswegs hässlich oder unansehnlich. Bei Händen brauche ich manchmal eine Weile, um sie abschließend beurteilen zu können. Was mir allerdings gut gefällt sind ihre Augen. Die Unterhaltung klappt auch ganz gut. Sie macht hin und wieder zweideutige Bemerkungen, auf die ich zunächst nicht eingehe. Später weise ich sie darauf hin, dass ich ihre zweideutigen Bemerkungen schon wahrnehme und nicht weiß, was das zu bedeuten hat. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass sie immer wieder mal versucht mit mir zu flirten. Ich weiß allerdings nicht, ob ich zurück flirte. Ist vermutlich auch egal. Als sich unser Treffen dem Ende entgegen neigt, sagt sie, dass sie gerne noch bleiben würde und es voll blöd findet, dass sie jetzt nach Hause muss. Sie stützt sich auf den Tisch und kommt mir verdammt nahe. Nur wenige Zentimeter trennen unsere Lippen. Aber es passiert nichts. Ich will jetzt nicht, denn ich bin in gewisser Weise verklemmt und alles andere als so cool, wie ich manchmal wirken will. Zeit zu gehen. Sie zahlt die Rechnung und ich begleite sie noch ein paar Meter, bevor sich unsere Wege trennen. Ich sage zu ihr, dass wir uns gerne wieder sehen können, ich aber eine Freundin habe. “Danach habe ich Dich nicht gefragt.” – “Ich weiß, aber ich finde Du solltest es wissen.” Sie sagt mir, dass sie einen Freund hat, was wiederum mir ziemlich egal ist. Wir bleiben noch einen Augenblick stehen und ich habe das Gefühl, dass sie mich küssen will. Doch bevor sie es wirklich tut verabschiede ich mich von ihr. Vielleicht beim nächsten Mal. Vielleicht auch nicht. Es ist offensichtlich, dass ich in Bezug auf Frauen nicht wirklich weiß, wie ich mich verhalten soll.


Fingerspiele
Am Samstagabend sitzen Ursula und ich irgendwo im Café Extrablatt. Am Tisch schräg gegenüber sitzen zwei frisch geschlüpfte Achtzehnjährige. Da Ursula Hunger hat und unser Essen noch nicht da ist, lutscht sie an meinen Fingern. Eine der beiden frisch geschlüpften Achtzehnjährigen beobachtet uns dabei. Sobald ich zu ihr rüber schaue, guckt sie weg. Ich glaube, sie ist scharf auf mich und möchte auch an meinen Fingern lutschen. Um sie ein wenig zu unterhalten, lutsche ich nach dem Essen an Ursulas Fingern. Auch das beobachtet die frisch geschlüpfte Achtzehnjährige sehr interessiert. Vermutlich wünscht sie sich, dass sie an Ursulas Stelle wäre. Ich glaube, sie will mich. Als Ursula zur Toilette geht, nehme ich mir einen Zettel und schreibe Ursulas Telefonnummer darauf. Wenig später beschließen wir, das Café zu verlassen. Ursula bezahlt die Rechnung und wir machen uns auf den Weg Richtung Ausgang. Dabei müssen wir an dem Tisch der beiden frisch geschlüpften Achtzehnjährigen vorbei. Beim Vorbeigehen lege ich den Zettel mit Ursulas Telefonnummer auf den Tisch der frisch geschlüpften Achtzehnjährigen. Als sie zu mir hoch guckt kneife ich ihr ein Auge zu und lächle sie an. Ursula bemerkt von alldem nichts. Bin ich ein Schwein oder einfach nur eine geile Sau?

Ich bin gespannt, wann sich Ursula und die frisch geschlüpfte Achtzehnjährige kennenlernen, damit wir drei gemeinsam an unseren Fingern lutschen können.


LILLÅNGEN
Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn ich kaufe mir meine ersten eigenen Badmöbel. Dazu fahre ich ins IKEA-Möbelhaus meines Vertrauens. Heute ist das IKEA-Möbelhaus meines Vertrauens in Osnabrück. Für gute Möbel fahre ich gerne 127 Kilometer. Weil ich es mir wert bin.

Ich weiß nicht, ob ich die Sachen kaufe, weil sie mir so gut gefallen oder ob es die Namen sind, welche mich zum Kauf nötigen. Im Optimalfall ist es beides. Und so kaufe ich mir das “LILLÅNGEN Waschbecken einfach”. Dazu gibt es die LILLÅNGEN Wachkommode mit 2 Türen, das LILLÅNGEN Beingestell, METRIK Türgriffe und die GRUNDTAL Einhandmischbatterie. Zuerst will ich mir die KATTSKÄR Zweihandmischbatterie kaufen. Aber wie der Name schon sagt, braucht man zum Betätigen der Zweihandmischbatterie zwei Hände. Da ich aber nicht weiß, ob und wann mir eine meiner Hände abfällt, bzw. abfault, entscheide ich mich für die GRUNDTAL Einhandmischbatterie. Sicher ist sicher. Morgen baue ich alles zusammen und nächstes Jahr suche ich mir eine schöne Küche mit einem ebenso schönen Namen für mich aus.

Dass dieses Jahr kurz vor dem Ende noch so aufregend werden würde, habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen gewagt. Ich hoffe, dass ich derartige Erlebnisse in meinem Alter unbeschadet überstehe. Deshalb sollte ich heute früh zu Bett gehen, damit ich den morgigen Tag noch erlebe.


Unterricht
Der Fachkundeunterricht ist zum Teil wirklich hervorragend, denn wir gucken irgendwelche Dokumentationen oder die Ludolfs. Wenn wir besonders fachlich arbeiten, stellen wir uns irgendwelche Fahrzeuge auf den Seiten der Automobilhersteller zusammen und gucken uns an, was so ein Auto kostet und wie teuer es ist, das Fahrzeug zu leasen. Und wie immer frage ich mich, ob ich im falschen Film bin. Meine Motivation, sollte ich je welche gehabt haben, ist vollkommen verschwunden. Und so bleibe ich in den beiden Wochen vor den Weihnachtsferien gleich zwei Mal zu Hause. Einmal gebe ich Kopfschmerzen als Grund an, beim zweiten Mal einen Werkstattbesuch. Früher hätte ich so etwas nicht gemacht.


Silvester im Cafe del Sol
Eigentlich wollte ich den Silvesterabend alleine in meinem Zimmer verbringen, doch irgendwann letzte Woche ließ ich mich spontan zur Silvesterparty ins Café del Sol einladen. Und so mache ich mich gegen 20.07 Uhr auf den Weg dorthin. Als ich das Café del Sol betrete habe ich das Gefühl auf eine Kaffeefahrtgesellschaft zu treffen. Lauter alte Menschen mit Hüten schmücken den Raum. Hier muss es sich definitiv um ein Missverständnis handeln. Tut es aber nicht. Ich werde Silvester tatsächlich in einem Seniorenwohnheim verbringen. An unserem Tisch sind wir zu zwölft und machen den Altersdurchschnitt dieser Veranstaltung kaputt. Das kann ja heiter werden.

Anfangs unterhalte ich mich kaum, was allerdings weniger an meinen Tischnachbarn als an dem Schock liegt. Immer wieder schaue ich mich fassungslos um und muss feststellen, dass dies alles kein Scherz, sondern knallharte Realität ist. Ich überlege kurz, mir auch einen dieser albernen Hüte aufzusetzen, verwerfe den Gedanken aber rasch wieder.

Gegen 22.09 Uhr stehe ich am Buffet. Es ist so dunkel, dass man einige Speisen nicht wirklich erkennen kann. Vermutlich ist das auch besser so. Vieles ist schon vergriffen. Scheinbar habe ich mir den falschen Zeitpunkt ausgesucht, um zum Buffet zu gehen. Und scheinbar habe ich auch ein Händchen für Dinge, die mir nicht schmecken. Mein Fleisch ist derart widerlich gewürzt, dass ich es nicht essen kann. Vermutlich kann das niemand essen. Die anderen Dinge auf meinem Teller sind auch kein Festschmaus. Lediglich die Hackfleischbällchen lassen sich genießen. Obwohl das Buffet wenig später aufgefüllt wird, verzichte ich auf einen zweiten Durchgang.
In der Zwischenzeit ist der DJ eingeschaltet worden, legt sich mächtig ins Zeug und die Senioren bevölkern die Tanzfläche. Die Party hat begonnen. Ich gucke mir das tanzende Volk mit den albernen Hüten an und schüttle den Kopf. Das mache ich im Laufe dieser Kaffeefahrtgesellschaft noch öfter. Als der DJ ‘Live ist live‘ spielt und die Gesellschaft eine Polonäse startet, frage ich mich, ob ich nicht doch auf einer Karnevalsveranstaltung bin. Und zum ersten Mal an diesem Abend verspüre ich Angst. Angst in einem Alptraum gefangen zu sein, aus dem ich nie wieder aufwache. Weitere Karnevalslieder folgen. Der DJ fordert das alte Volk auf in die Hände zu klatschen und das alte Volk kommt seiner Bitte nach. Ein schauriger Anblick. Einige Demenzkranke schlagen mehr oder weniger rhythmisch mit den Händen auf die Tische. So stelle ich mir ein (vermutlich letztes) gemütliches Zusammensein im Hospiz vor.

Gegen 02.00 Uhr wird es langsam leerer. Die meisten Senioren müssen zurück in ihre Heime, um dort auf den Tod zu warten. Ich erfreue mich weiterhin bester Gesundheit und plane bereits die Silvesterparty 2009. Vielleicht eine Kaffeefahrt mit anschließender Sterbehilfe.


Jahresrückblick 2008
4 Frauen geküsst, mir aber nur 2 davon gegönnt – ein paar Mal im Kino gewesen – weniger Erkältungen als 2007 gehabt – wochenlang kein Nasenspray genommen – nur 15 Mal joggen gewesen – Achselhaare regelmäßig rasiert – Ein Wochenende in Bremen verbracht (mit einer Frau) – einen Zahn ziehen, einen überkronen lassen – ein sechsmonatiges Praktikum gemacht, ohne rausgeschmissen zu werden – es geschafft, dass nur noch eine Frau aus meiner Klasse mit mir redet – kein (richtiger) Single mehr

Damit konnte ich meine Erlebnisse gegenüber dem Vorjahr toppen. Nicht auszudenken, was nächstes Jahr alles passiert, wenn es so weitergeht.

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