Mai 1996

Der Alkoholiker
Die Maßnahme bleibt weiter ein Alptraum, doch benehme ich mich immer noch so, dass es keinen Grund gibt mich rauszuwerfen. Durchaus grenzwertig in meinen Beleidigungen, aber im Herzen sicher ein feiner Kerl, kümmere ich mich, wie verprochen, um die Schwachen und habe sogar Verständnis für den Alkoholiker, der mit uns in dieser Fortbildung gefangen ist. Dies ist nicht immer leicht, weil mich das Thema Alkohol in meiner Familie schon immer begleitete und ich, wenn ich ehrlich bin, ziemlich angewidert bin, wenn einer ständig oder jedenfalls regelmäßig besoffen ist. Dennoch versuche ich den Alkoholiker, der sich anfangs der Fortbildung noch zurückgehalten hat und mittlerweile deutlich als Alkoholiker zu erkennen ist, zu unterstützen, so dass auch er nicht gefeuert wird. Würde eh keinem helfen, wenn man ihn feuert.

Eines schönen Tages, was vermutlich wenig verwunderlich ist, fällt unser Alkoholiker ein paar Meter vor der Schule um und bleibt liegen. Weil wir ihn vermissen und uns auch Sorgen machen, begeben wir uns mit ein paar Leuten auf die Suche. Als wir ihn finden, versuchen wir ihn zu wecken, was uns nicht gelingt. So bestellen wir einen Krankenwagen für ihn. Diese Aktion führt natürlich dazu, dass unser Alki aus dem Kurs geworfen werden soll. Als einige von uns dagegen protestieren überlässt der Chef uns die Entscheidung darüber, ob unser Alki bei uns bleiben darf. Nach einer kurzen Diskussion können wir alle, die dafür waren ihn rauszuwerfen, davon überzeugen, dass wir mit dem Besoffski weiter machen. Dieser bedankt sich herzlich bei uns und ich fühle mich wie ein Samariter, der etwas Brillantes geleistet hat und bilde mir ein, dass ich durch mein aktives Mitwirken dazu beigetragen habe, dass zwei Menschen bis zum Ende dieser Fortbildung beiwohnen können und keinen Ärger mit der Arbeitsamt bekommen werden. In mir steckt vielleicht doch ein guter Mensch. Irgendwo in den Tiefen meines Daseins.

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