November 2004

Montag, 01. November
Ab heute bekomme ich Überbrückungsgeld und bin von nun an offiziell selbständig. Wahnsinn, aber ich fühle mich trotzdem nicht besser, zumal ich heute ins Büro muss. Dazu kommt, dass heute ein Feiertag ist, da sollte ich schon mal gar nicht im Büro sein. Die Zeit im Büro vergeht irgendwie, ohne dass ich etwas auf die Reihe kriege. Dennoch behaupte ich, dass ich diesen Monat sechs Datenerhebungen/Termine haben werde. Dabei habe ich nur zwei wirklich sicher, aber ich muss ja positiv denken und vor allem reden. Das gelingt mir nun hin und wieder und so stelle ich die anderen im Büro ein wenig zufrieden. Verlogene Welt.


Mittwoch, 10. November
Meine ersten beiden Kundentermine stehen an. Zum ersten Termin fahre ich allein, was sich als etwas dämliche Idee herausstellt, denn es wird chaotisch und weicht ziemlich von dem ab, was Standard ist und wie man normalerweise bei Kunden vorgeht. Nach einer Stunde hat der Mandant, Kunden heißen ab jetzt auch für mich Mandanten, keine Zeit mehr. Ich habe immerhin fast alle Daten und hoffe, so eine Bilanz erstellen zu können. Termin zwei findet mit Herrn Rotenbaum statt. Ich glaube, der Termin verläuft planmäßig und ich verdiene theoretisch demnächst ein paar Euro. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Es ist schon spät, 22.30 Uhr, und alle sind müde als wir endlich fertig sind und die Datenerhebung geschafft ist. Herr Rotenbaum redet zu viel.


Donnerstag, 11. November
Ich verbringe den Tag damit durch Geschäfte zu wandern, auf der Suche nach einem Anzug, der auch bei kaltem Wetter akzeptabel ist, und einem Mantel. Nach Hause komme ich Stunden später wie erwartet ohne Einkäufe. So werde ich halt weiterhin im Sommeranzug durch die Kälte irren. Passt alles zu dieser bekloppten Sache.


Freitag, 12. November
Nach meinem morgendlichen Fitnessprogramm fahre ich wieder nach Dortmund, um einen Anzug zu kaufen. Dieses Mal nehme ich Petra mit, denn allein finde ich nie einen angemessenen Anzug. Und tatsächlich bin ich heute erfolgreich. Es gibt einen Mantel und einen Anzug für mich. Somit habe ich schon über 500 Euro für meinen neuen Beruf ausgegeben. Wenn ich mich recht erinnere war das früher anders, da wurde man bezahlt, wenn man irgendwo arbeitete. Aber die Zeiten ändern sich halt.

19:00 Uhr. Wieder mal Schule, Thema GRV. Es ist langweilig wie immer und will einfach nicht enden. Erst gegen 21.50 Uhr können wir gehen. Der Abend ist gelaufen, ich fahre heim und lege mich ins Bett.


Samstag, 13. November
Ich bin wieder im Büro, weiß nicht warum und wieso und gebe lediglich zwei Datenerhebungen in den Computer ein. Später werte ich diese mit Herrn Rotenbaum aus, erstelle eine Finanzbilanz und fahre irgendwann nach Hause zurück. Das ist alles total bescheuert.


Sonntag, 14. November
Ich gehe ein wenig spazieren.


Montag, 15. November
Ein weiterer Bürotag. Ich bin völlig deplatziert, doch mittendrin und erstelle, erneut zusammen mit Herrn Rotenbaum, eine Finanzbilanz für die Mandanten, die am Dienstagabend besucht werden müssen.


Dienstag, 16. November
Der Besuch am Dienstag verläuft scheinbar positiv. Zumindest sind alle freundlich und Herr Rotenbaum redet wie üblich sehr viel. Ich indes frage mich, was ich hier mache. Das ist nicht mein Beruf und wird es auch nie sein. Und so bin ich, obwohl als Geschäftsmann verkleidet, nur ein Beobachter der skurrilen Situation.


Mittwoch, 17. November
Ich treffe den Mandanten von gestern Abend und unterhalte mich kurz mit ihm. Sein Interesse an einer Zusammenarbeit scheint nicht mehr vorhanden sein, er mag auch nichts weiter dazu sagen. Wozu soll ich dann da nächste Woche Mittwoch nochmal hinfahren? Wozu verschwende ich meine Zeit mit Mandanten, die mir sowieso nichts einbringen? Oder liegt es an meiner Einstellung, dass ich nie etwas verkaufe? Und wie lange will ich diesen Blödsinn noch mitmachen?


Donnerstag, 18. November
Mehr als die Hälfte des Monats ist vorbei. Geld verdient habe ich keins und die Aussichten, dass sich diesen Monat daran wirklich etwas ändert, sind sehr bescheiden. Mein komplettes Umfeld ist ebenso kritisch wie ich. Alle sind sich einig, dass ich in meinem derzeitigen Job scheitern werde, so wie ich immer gescheitert bin. Ich weiß, dass sie recht haben. Die total positiven Mitarbeiter im Büro auf der einen und die kritischen außerhalb des Büros auf der anderen Seite. Ein Zustand, der für Unbehagen sorgt. Bis Ende April erhalte ich noch Überbrückungsgeld. So lange kann und werde ich vermutlich auch weiter rumeiern, dann ist es vorbei und ich kann endlich meine Zeit wieder auf dem Sofa verbringen und ohne diesen Unsinn weiter leben.

Um 19:00 Uhr sitze ich erneut beim Unterricht. Thema der nächsten drei Donnerstage ‘Haus und Wohnen’. Wie schön. Der Dozent des Abends: Herr Viel. Leicht durchgeknallt, doch das überrascht mich nicht. Anfangs macht er, wie sollte es auch anders sein, die Einwandbehandlung. Wer nicht gut antwortet, darf aufstehen, beim zweiten Mal auf den Stuhl klettern und bei einer weiteren nicht zufrieden stellenden Antwort geht es rauf auf den Tisch. Der hat total einen an der Waffel. Zum Glück bleibe ich von dem Blödsinn verschont. Mein Tischnachbar hat weniger Glück, er darf sogar aufstehen. Peinlicher wird es zum Glück nicht und wir beginnen mit dem eigentlichen Unterricht, was bedeutet, dass die Show des Herrn Viel eine neue Dimension erreicht. Wie so oft kann ich mich gar nicht begeistern und sehne das Ende der albernen Show herbei. Irgendwann, es muss nach 22.30 Uhr sein, hört die Show tatsächlich auf und wir dürfen raus. Jetzt muss ich diese Show noch an zwei weiteren Donnerstagen über mich ergehen lassen und bekomme immer mehr Mitleid mit mir.


Donnerstag, 25. November
Teil zwei der unglaublichen Show des Herrn Viel steht an. Ich habe die Ehre in der ersten Reihe zu sitzen. Und wer so freundlich und begeistert bei der Sache ist wie ich, der wird natürlich öfter aufgefordert sein erlerntes Wissen vorzuführen. Klappt leider nur zum Teil, denn ich weiß eigentlich nichts und wer nichts weiß, der wird wieder und wieder gefragt. Ansonsten geht die Show fast spurlos an mir vorbei. Ich schalte beinahe völlig ab, schweife gedanklich in anderen Sphären und irgendwann ist es vorbei. Ich kann nicht sagen, dass ich an diesem Abend etwas gelernt habe, aber ich habe es überlebt. Und das ist ja schon mal was.

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