September 2004

Der Beginn einer neuen Karriere
Das Telefon klingelt. Ein Herr Rotenbaum von einem Finanzdienstleistungsunternehmen ist dran und will wissen, warum ich meine Versicherung gekündigt habe. Ich sage ihm, dass ich kein Geld habe. Er fragt, warum ich kein Geld habe. Obwohl es ihn nichts angeht, sage ich ihm, dass ich keinen Job habe. Er schlägt mir spontan einen Job beim dem Finanzdienstleistungsunternehmen für das er arbeitet vor, was ich durchaus komisch finde. Er gibt mir seine Nummer, ich könne ihn ja anrufen, wenn ich Interesse habe. Ich habe kein Interesse und ich rufe ihn sicher nicht an. Wozu auch? Wenig später klingelt das Telefon erneut. Falsch verbunden. Okay. Ich lege auf.

Ein paar Tage später klingelt das Telefon schon wieder. Es ist Herr Ekelfink, der Chef von Herrn Rotenbaum und er möchte mich gern kennenlernen, weil ich der richtige Mann für das Finanzdienstleistungsunternehmen sein könnte. Ich weiß nicht, wie er auf eine so blöde Idee kommt, doch er schlägt einen Termin vor. Ich sage zu und weiß nicht warum.

Ein paar Tage später erscheine ich tatsächlich zu dem Termin und höre mir an, wie toll der Job ist und wie viel Geld ich damit verdienen kann. Ohne danach verlangt zu haben, bekomme eine Einladung zu einer Informationsveranstaltung des Finanzdienstleistungsunternehmens. Komisch, dass ich mich gar nicht freue. Herr Ekelfink kann sich eine Zusammenarbeit mit mir vorstellen, ich nicht. Was stimmt wohl mit ihm nicht? Da ich als Arbeitsloser ausreichend Zeit habe und verwirrt bin, stimme ich dennoch zu, der Informationsveranstaltung beizuwohnen. Geschäftsmäßige Kleidung ist zwingend erforderlich. Was für Kleidung? Mein Gehirn arbeitet auf Sparflamme.


Freitag, 17. September
Ich kaufe mir meinen ersten Anzug. In schwarz natürlich, weil man schwarz nicht nur geschäftlich, sondern auch zu Beerdigungen prima tragen kann. Der Anzug sieht schick aus. Dazu gönne ich mir noch ein weißes Hemd. Eine Krawatte habe ich im Schrank hängen. Fertig ist der Geschäftsmann.


Freitag, 24. September
19:00 Uhr. Beginn der Informationsveranstaltung. Ich erscheine mit Freundin Petra, weil das durchaus so gewünscht ist. So entsteht ein unergründliches Gefühl von Gemeinsamkeit, ein Hauch familiärer Idylle, die einen einlullen soll. Herr Melmack, Direktor bei dem Finanzdienstleistungsunternehmen, erklärt etwas abgehoben die Vorteile und Möglichkeiten, die das großartige Finanzdienstleistungsunternehmen bietet. Er scheint in einer anderen Welt zu leben. Humor hat er zwar nicht, aber er gibt sich immerhin Mühe. Unterdessen weiß ich noch immer nicht genau, um was es geht, entscheide mich aber dennoch, am nächsten Tag an dem Auswahlverfahren teilzunehmen. Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber das spielt vermutlich auch gar keine Rolle. Dabei sein ist hier vermutlich alles. Und fürs Leben zu lernen. Und. Und. Und.


Samstag, 25. September
11:00 Uhr. Beginn des Auswahlverfahrens. Ein paar Fragen müssen beantwortet, eine Art Aufsatz geschrieben und ein Kundentelefonat simuliert werden. Bei mir kommt erwartungsgemäß keine Begeisterung auf. Es ist als würde ich an irgendeiner sinnfreien Maßnahme, die man sich beim Arbeitsamt für mich ausgedacht hat, teilnehmen und mich interessiert lediglich, wann endlich Feierabend ist. Um 14:00 Uhr bin ich endlich erlöst und es geht ab nach Hause. Zurück in die Freiheit eines Arbeitslosen, der einen schwarzen Anzug trägt.


Donnerstag, 28. September
10:00 Uhr. Nächster Termin. Herr Ekelfink lädt ein, um das Ergebnis des Auswahlverfahrens mitzuteilen. Überdurchschnittlich gut soll es ausgefallen sein. Ich habe da so meine Zweifel, aber er ist der Boss. Es folgt die Besprechung des weiteren Ablaufs meiner goldenen Zukunft. Das bedeutet, einen Monat Schule und Training, jeweils freitags und samstags. Ich kann meine Begeisterung nicht zeigen. Wahrscheinlich, weil ich gar nicht begeistert bin, aber ich lasse die Dinge ihren Lauf nehmen. Als beruflicher Vollversager, der sich zu oft langweilt, kann man durchaus mal ein bisschen seiner Zeit mit Geschäftsleuten und solchen, die es werden wollen, verbringen. Weitere Ausführungen über meine künftige Tätigkeit, besonders die Verdienstmöglichkeiten, folgen. Auch jetzt kommt bei mir keine Begeisterung auf. Plötzlich und völlig unerwartet wird mir eine Hand gereicht. Willkommen im Team. Danke. Was ist denn jetzt passiert? Ich ahne es, will mich damit aber nicht belasten. Zum Schluss werden mir die Mitarbeiter des Büros vorgestellt. Ich höre Namen, die ich mir nicht merken kann, reiche brav die Hand zum Gruß. Nicht einen einzigen dieser Namen meiner zukünftigen Kollegen habe ich nach dem Händeschütteln noch parat. Egal. Nun zeigt Herr Ekelfink mir die Büroräume. Räume, die ich angeblich nun öfter betreten werde, weil ich ab jetzt dazugehöre. Ich frage mich, wozu ich gehöre und fahre nach Hause. Bin ich nun Teil einer Sekte oder ist alles nur ein Traum innerhalb eines Traumes?


Freitag, 29. September
15.30 Uhr. Nächster Termin. Heute geht es um die Bedarfsanalyse. Die Bedarfsanalyse ist immens wichtig, fast schon bedeutsam. Mit der Bedarfsanalyse fängt alles an. Mein Bedarf ist längst gedeckt, dennoch kündige ich spontan meine Haftpflichtversicherung und schließe einen neuen Vertrag bei einer anderen Gesellschaft ab. So habe ich etwas Geld gespart und bin mein erster Kunde. Vermutlich auch mein letzter. Außerdem bin ich erkältet. Zwei Stunden Analyse und Gespräche über meine zukünftige Tätigkeit und über das, was ich alles noch lernen muss, lasse ich über mich ergehen. Bin ich überhaupt dazu bereit, Teil dieser fantastischen Parallelgesellschaft zu werden? Will ich das wirklich? Ich verkneife mir diese Fragen, mein Gegenüber ist so positiv, warum soll ich ihm den Tag versauen? Bringt doch alles nichts. Zumindest nicht mir.

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