Gelegentlich sage ich zu Teilnehmerinnen, die zu ihrem Termin erscheinen, dass sie lächeln sollen. So auch heute. Doch der Teilnehmerin ist nicht zum Lächeln zumute, weil es einen Todesfalls gegeben hat. Da der Tod eine ernstzunehmende Sache ist, sage ich nur „Oh“ und frage nicht weiter nach, weil da ja wer weiß wer gestorben sein kann.
Wenig später erfahre ich, dass es die Katze war, die gestorben ist. Kaum drei Jahre alt, starb sie einen grausamen Tod im Trockner. Als Katzenfreund und als Mensch, der wenig Verständnis für Katzen in Trocknern hat, ist für mich schnell klar, wer den Tod zu verantworten hat. Denn wer startet einen Trockner, ohne vorher den Inhalt zu kontrollieren, wenn er weiß, dass die Katze ihn gerne bewohnt? Todesursache ist somit menschliches Versagen oder Fahrlässigkeit. Ich bin ein strenger Richter. Doch als Mensch, der es gelernt hat, auch mal die Klappe zu halten und seine wilden Theorien für sich zu behalten, schweige ich natürlich zu dem Vorfall und nicke nur betroffen. Außerdem kann es ja sein, dass ich mich irre und der Mensch, also die Frau, tatsächlich unschuldig ist. Glücklicherweise sitzt unsere Sozialpädagogin, mit der ich keine Fahrgemeinschaft bilden wollte, gerade bei mir und kommentiert brav und betroffen die Ausführungen der Teilnehmerin. Mir ist das alles irgendwie zu viel. Zu viele Worte, zu viel Verständnis. Das kann man sicher auch zusammenfassen in einem Satz und dazu ein paar eingeworfene Verständnislaute einwerfen. Aber was weiß ich denn schon? Ich hatte nie eine Katze. Als es Sekunden später schon darum geht, ob eine neue Katze angeschafft wird – ich bin erstaunt, wie fix das gehen kann – ist die Sozialpädagogin der Meinung, dass so eine Katze zu viel Verantwortung bedeutet und für Arbeitslose zu teuer ist. Da ist sie knallhart. Klare Kante. Ich bin verdutzt. Trotzdem könnten wir das Thema ruhig beenden, weil es ja auch nicht besser wird, wenn wir das so in die Länge ziehen. Zum Glück muss meine soziale Kollegin kurze Zeit später fort und wir alle können einmal tief durchatmen.
Nachdem eine Weile geschwiegen wurde, sagt die Frau zu mir, dass ich ihren Freund kenne. Nun, der Themenwechsel sagt mir durchaus zu, obwohl er mich auch auf dem falschen Fuß erwischt. Ich denke kurz nach. Wenn ich ihren Freund kenne, dann wird es sich dabei vermutlich um einen ehemaligen Teilnehmer handeln. Glücklicherweise folgt ein weiterer Hinweis: der Mann hatte am Montag seinen letzten Tag bei uns. Ich komme trotzdem nicht drauf. Heute ist Freitag, wie soll ich mich da an Montag erinnern? Zumal ich montags frei habe. Ich schaue in die Liste. Da gibt es nur einen Mann, der fünf Jahre jünger ist als die Teilnehmerin und diese Woche ausgeschieden ist. Allerdings am Mittwoch und nicht am Montag. Jetzt weiß ich endlich von wem sie seit Wochen immer mal sprach, wenn sie von ihrem jüngeren Freund erzählte und dabei irgendwie stolz schien. Ich erinnere mich auch, dass die beiden nur zweimal, oder war es doch dreimal, am gleichen Tag einen Termin hier hatten und ich daraufhin beschlossen habe, dass es nicht wieder vorkommt, weil mir das zum einen zu laut war und ich das Gefühl hatte, dass er sie negativ beeinflusst mit seiner Einstellung zur Arbeit. Die Mühe hätte ich mir sparen können. Sie sagt, dass es schwer war, die Beziehung die ganze Zeit geheim zu halten. Warum sie es dann getan hat, will ich wissen. Es war seine Idee, weil hier sonst zu viel geredet worden wäre. Menschen reden immer, sage ich, weil mir mehr dazu nicht einfallen will. Für den Arbeitsmarkt ist sie damit vermutlich endgültig verloren, aber immerhin ist sie voll stolz, einen jüngeren Mann bekommen zu haben. Mit diesem jüngeren Mann unterhielt ich mich, als er noch recht neu bei uns war. Okay, nicht ganz neu, weil er schon einmal an der Maßnahme teilgenommen hat. Er erzählte, dass er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hat und die ihn schon nervt, aber so hätte er wenigstens Sex. Tja, nun hat er eine Frau ganz für sich allein, wobei er in letzter Zeit, wenn er zu dem Thema etwas schwadronierte auch nicht so überzeugt klang. Sicher war es ein leichtes für ihn, diese Frau zu bekommen, denn sein Humor und seine spontanen Gesangseinlagen kamen sofort gut bei ihr an und weil er weiß, wie man jemanden einlullt oder überzeugt, hat es sicher nicht lange gedauert bis er sie hatte. Wären wir eine Partnervermittlung, hätten wir nun unser erstes Vorzeigepaar und könnten sie für einen Werbespot benutzen. Er war übrigens so nett, die noch nicht ganz tote Katze aus dem Trockner zu heben und so starb sie möglicherweise in seinen Armen. Wenn es nicht so tragisch wäre, wäre es kitschig schön. Also zumindest, wenn es später verfilmt würde. Weil ich einfach ein merkwürdiger Kauz bin und in sich in meinem Kopf viele wirre Gedanken tummeln, frage ich mich natürlich, ob die Katze vielleicht seinetwegen in den Trockner geklettert ist. Und dann frage ich mich, ob er sie nicht in den Trockner gesteckt hat. Und dann frage ich mich, was nicht mit mir stimmt, so zu denken. Also denke ich nicht weiter darüber nach und fordere die Frau auf, ein paar Bewerbungen zu schreiben. Das lenkt ab und außerdem sind wir nur deshalb hier. Wenig später hört sie eine Sprachnachricht ihrer Tochter ab und wir können alle mithören. Die Tochter weint und klingt verzweifelt. Ob sie, wie am Vortag geschehen, ihre Mutter für den Katzentod verantwortlich macht, verstehe ich nicht, weil ich nicht so genau zuhöre. Als mich später die Teilnehmerin fragt, ob ich die weinende Tochter gehört habe, fürchte ich, dass auch sie gleich weinen wird, weil sie sich schuldig fühlt und den Anblick der Katze im Trockner wohl nie vergessen wird. Außerdem, so sagt sie, macht die Tochter sie für den Tod verantwortlich. Irgendwie kann ich die Tochter verstehen, obwohl das echt gemein ist und man ja nicht weiß, was sich da denn tatsächlich abgespielt hat.
Ich bin froh, dass ich weder einen Trockner noch eine Katze habe, denn ich käme mit so einem Schicksalsschlag auch nicht zurecht. Vor allem dann nicht, wenn ich mir Gedanken darüber machen müsste, ob ich einen möglichen Todesfall hätte verhindern können. Wäre ich Sozialpädagoge, könnte ich der Frau sicher etwas Passendes sagen und hätte auf alles eine Antwort oder würde einfach so tun als hätte ich eine. Da ich keiner bin, fasse ich mich kurz und schweige anschließend, weil das manchmal einfach besser ist.
Glück (ein neuer Freund) und Leid (eine tote Katze im Trockner) liegen manchmal so dicht zusammen, dass man es kaum fassen kann.
tragisch.
Ja.
Bin doch immer wieder froh, dass ich in einem Büro ohne Publikumsverkehr sitze.
Es ist schon schlimm genug, wenn sie dir am Telefon ihre ganze Lebensgeschichte erzählen wollen und man sie irgendwie abwürgen muß.
Klingt fast nach Telefonseelsorge.
Das kann durchaus Vorteile haben.