Letzte Fütterung der Tauben

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, doch die beiden Tauben besuchen mich, obwohl ich sie nur noch einmal am Tag füttere, mehrmals täglich. Sie sitzen auf einem der Blumenkästen, der Balkonbrüstung oder spazieren über den Balkon. Sitze ich im Wohnzimmer gucken sie von draußen rein, was ich da wohl mache. Ich finde das äußerst niedlich, aber weil es seit Tagen nicht geregnet hat, ist alles voller Taubenscheiße und ich frage mich, ob Regen das noch wegspülen kann. Ich finde die Tauben immer noch putzig und es ist auch ganz entzückend, dass sie sich bereitwillig von mir fotografieren und vollquatschen lassen, doch gleichzeitig macht es mir auch Angst, denn mein Verhalten erschreckt mich schon sehr. Immer wieder entdecke ich an mir neue Schrulligkeiten, aber diese Taubengeschichte lässt mich fürchten, dass ich schneller als erwartet ein alter und immer eigenartiger Mensch werde oder längst geworden bin. Ich rede täglich mit den Tauben, füttere sie entgegen meines Planes es zu unterlassen weiter, bleibe gelegentlich während der Fütterung auf dem Balkon, damit die Dohlen das Futter nicht klauen, finde die Tauben, obwohl sie mir alles vollkacken, voll niedlich und frage mich, warum sie zu mir kommen. Ist es nur das Futter, oder haben sie andere Gründe? Haben ihre Besuche einen tieferen Sinn? Wissen die etwas über mich, was ich nicht weiß? Wie werde ich sie los, ohne ihr Vertrauen zu missbrauchen oder gar ihre Gefühle zu verletzen? Was stimmt nicht mit mir und hört es jemals wieder auf?

Einen Tag später sitzen die beiden wieder erwartungsvoll auf dem Balkon. Noch wissen sie nicht, dass heute ihre Fütterung endet. Den kleinen Rest des Futters haben sie rasch verspeist. Anschließend laufen sie auf dem Balkon auf und ab und schauen zu mir rein. Sie können scheinbar nicht glauben, dass es tatsächlich vorbei ist. Da muss es doch noch Futter geben, denken sie sicher. Gibt es aber nicht, was ich ihnen auch mitteile. Als sie aufgeben und wegfliegen, habe ich direkt ein schlechtes Gewissen, doch als ich später die Blumen gieße und überall die Taubenscheiße sehe, die über mehrere Meter die Balkonbrüstung verziert, bin ich sicher, dass mein schlechtes Gewissen nicht mehr benötigt wird. Egal, wie süß oder gar traurig die mich angucken. Heute war die letzte Fütterung der Tauben. Zwanzig Minuten später sind sie wieder da und machen sich bemerkbar. Während sie alles nach Futter absuchen, erkläre ich, dass es nichts mehr gibt. Gestenreich wie immer gebe ich mein Bestes, doch alle Mühe ist umsonst. Ich werde nicht verstanden. Hätte ich keine Fliegengittertür würde die Taube wohl direkt in mein Wohnzimmer spazieren. So kommen wir nicht weiter und dann sehe ich, dass die Taube sich bereit macht Kot abzusetzen. Und zack, hat sie auf den Balkon gekackt. “Genau deshalb kann ich euch nicht weiter füttern.”, sage ich zu ihr, was sie aber nicht weiter beeindruckt. Also gehe ich in die Küche, um zu spülen. Nach einer Weile höre ich die Tauben davon fliegen. Ich schätze, eine Freundschaft ohne füttern wird es zwischen uns nicht geben. Irgendwie schade, aber vermutlich nicht zu ändern.

Im Verlauf des nächsten Tages verbringen sie auffällig viel Zeit in der Nähe meines Balkons. Ich grüße freundlich, winke auch mal, aber mache keine Anstalten den Balkon zu betreten. Sobald ich aufstehe, um in die Küche zu gehen, sieht man den beiden direkt an, dass sie denken, die Fütterung beginnt. Jedes Mal machen sie sich bereit, doch umsonst.
Als ich um 19.34 Uhr die Blumen gieße, kommen sie plötzlich vom anderen Ende der Balkonbrüstung angerannt. In freudiger Erwartung flattern sie auf die Balkonkästen und schauen mich an. Ich erkläre abermals, dass die Zeit des Fütterns vorbei ist und es nichts gibt. Fragend schauen sie mich an, dann zu Boden, dann zu den üblichen Futterstellen in den Blumenkästen. Hier stimmt eindeutig etwas nicht, scheinen sie zu denken. Sie tun mir wirklich leid, weil sie sich auf mich verlassen haben und ich sie enttäusche. Zu meinem Glück habe ich kein Futter da, so kann ich nicht schwach werden. Eine ganze Weile halten sie sich noch auf dem Balkon auf, schauen immer wieder zu mir rein, doch ich kann nichts für sie tun. Die letzte Fütterung ist vorbei und irgendwann werden sie es sicher verstehen.

10 Kommentare on "Letzte Fütterung der Tauben"


    1. Die linke Taube trägt doch sogar zwei Ringe? Dann ist sie eine Brieftaube, glaube ich. Vielleicht hat sie sich verflogen. Oder vielleicht sind Tauben wie Katzen und suchen sich ihren Besitzer selbst aus. Dann hast du jetzt für immer einen Vogel. 🙂
      Ich finde das toll und bewundere deine Selbstdisziplin. Vermutlich hätte ich beide schon adoptiert und ihnen Namen gegeben.

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  1. wuh. story: mir ist so langweilig, dass ich gestern alte bigbrother folgen geguckt habe. aber ich wollte nachrecherchieren, warum jerry, franzi, jeanine und micha strafnominiert worden sind. eine sehr abwegige und spezielle frage, ich weiß. habe es bei google eingegeben. und: bin auf deiner seite gelandet.

    und dann soll nochmal jemand sagen, dass das internet groß ist. pöh.

    freut mich, dass du immer noch so gute laune hast.
    mir geht es auch hervorragend.
    lore 😉

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    1. Das Internet ist halt doch nur ein Dorf. Da siehst Du mal wohin diese ganze Langeweile einen führt. Ist das Corona-Langeweile?

      Konnte meine Seite Deine Fragen denn beantworten? Vermutlich nicht.

      Gute Laune und Hervorragend. Ist da Ironie im Spiel?

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      1. ja, es ist die coronalangeweile. meine frage wurde hier nicht beantwortet, aber der weg ist ja der ziel. kann ich ohne ironie?

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  2. Ich hatte auch mal so ein Taubenerlebnis. Die kam jeden Abend pünktlich um 19.00 h, sechs wochenlang und hat bei mir auf dem Dach übernachtet. Die hat unglaublich viel gekackt. Irgendwann ist sie einfach so verschwunden. Das ist mit den Dohlen finde ich noch interessanter. Gibt es da auch Bilder?

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    1. Tauben sorgen immer für Geschichten.
      Die Dohlen lassen sich nicht fotografieren. Die hauen immer ab. Und jetzt sollten deren Besuche auch Geschichte sein. Gibt ja auch für sie nix mehr.

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