Maßnahmegeschichten 03.26

Unsere Chefin will ab sofort monatlich eine Liste darüber, wen wir von den Ausgeschiedenen angerufen haben und ob sie innerhalb von zwei Monaten einen Job angenommen haben. Die Liste führen wir schon länger, neu ist, dass wir sie nun jeden Monat verschicken müssen. Sie traut uns halt nicht. Mitarbeitern sollte man generell nicht trauen. Zusätzlich weist sie darauf hin, dass wir keine Verlängerung der Maßnahme beantragen können, da die Quote bei 27 % liegt. Das ist die Quote, in der alle aktuell Aktiven bereits als nicht vermittelt zählen. Dass sie für ihre Berichte anders rechnet, wissen wir. Ist aber egal. Unter Quote ist unter Quote. Was mich dabei vielmehr irritiert: Entweder hat sie es tatsächlich verpasst, mit dem Zwischenbericht die Verlängerung der Maßnahme zu beantragen, oder sie hat bisher gar keinen Zwischenbericht verschickt. Beides wäre problematisch. Aber vielleicht ist das auch nur mein Missverständnis. Ich neige ja dazu, Dinge zu hinterfragen.
Ich vermute, wir bekommen diese Zusatzaufgaben, weil es insgesamt zu gut läuft. Zufriedenheit ist gefährlich. Gute Laune auch. Wer sich zu sicher fühlt, macht Fehler. Zum Glück holt mich die Chefin regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurück. Das unterscheidet gute von schlechten Führungskräften. Ich könnte das nicht. Darum bin ich der ewige Stellvertreter.

Die ukrainische Lehrerin entschuldigt ihr Zuspätkommen oft damit, dass sie kochen muss. Gerne auch mit ihrem Alter und ihrer Langsamkeit. Heute liegt es am Wetter. Wetterexperten werden ihr da sicher beipflichten. Das Wetter ist für viele Unpünktlichkeiten und Naturkatastrophen verantwortlich.
Sie hat eine weitere Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen, weiß aber nicht, bei welchem Arbeitgeber. Würde sie ihre Mails lesen, könnte sie es wissen. Lesen gehört offensichtlich nicht zu ihren Kernkompetenzen. Bei ihren Kompetenzen sind wir uns generell noch nicht sicher, aber das ist auf ein Versagen der Coaches zurückzuführen und kann ihr nicht angelastet werden. Auch heute weiß sie wieder nicht, welche Dateien sie einer Bewerbung anhängen muss. Bewerbung und Zeugnisse. Zwei Dateien. Jeden Tag neu und überraschend für sie. Ein Rätsel, ein Mysterium der Extraklasse.
Jörg schlägt ihr einen Job als Spielhallenaufsicht vor. Das könne sie wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse nicht machen, sagt sie. „Frau Lehrerin, sie können den Job wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse nicht machen, wollen aber Kinder betreuen. Das klingt nicht sehr logisch.” Erwartungsgemäß versteht sie meinen Einwand nicht und möchte sich stattdessen als Erzieherin bewerben. Dazu sage ich nichts, weil sie es eh nicht verstehen würde. Vermutlich ist es ein riesengroßer Vorteil, wenn man nicht weiß, dass man beschränkt ist. Das ist aber nur die Vermutung eines beschränkten Coaches, der sich dessen aber wohl nicht bewusst ist.

Auch zu ihrem nächsten Termin erscheint sie zu spät. Grund heute: Kopfschmerzen. Außerdem muss sie jeden Morgen für ihre Kinder Essen machen. Da geht Pünktlichkeit nicht. Ich empfehle, diese Erklärungen künftig direkt dem Arbeitgeber vorzutragen. Er wird sicher Verständnis haben und sich gerne dauerhaft von ihr trennen.
Wie üblich frage ich sie nach einem Plan B. Sie hat Plan A, das reicht ihr. Wie gerne würde ich mich mit meiner Einschätzung über sie irren, denn sollte ich Recht behalten, wird es nichts mehr mit ihr und ihrem Plan A. Da wir noch drei Wochen haben, bis sie die Maßnahme verlässt, frage ich mich natürlich, was ich besser machen könnte und warum ich bei ihr einfach nicht weiterkomme. Eine Antwort finde ich nicht. Dummer Coach.

Ein Teilnehmer, der unzufriedenen ist, weil Jörg ihn nun betreut, da ich den Mann mit den verschränkten Armen übernommen habe, fragt mich, warum das so ist und beschwert sich über Jörg, der ihm angeblich nie zuhört und ihn zwingen will, sich auf Stellen zu bewerben, für die er nicht qualifiziert ist. Ich sage dazu nur, dass er beim besten Coach des Hauses ist. Das zweifelt er an. Da kann ich ihm nicht helfen.
Später sagt mir eine Teilnehmerin, die mit dem unzufriedenen Teilnehmer gesprochen hat, dass ich bloß nicht auf die Idee kommen soll, dass Jörg ihr Coach wird, weil sie dann nicht mehr kommen wird. Beim Jobcenter will sie nach der Maßnahme sagen, dass alles gut war, bis auf Jörg. Das ist schon harter Tobak. Ich sage ihr, dass sie die anderen mit ihrer Meinung nicht beeinflussen soll. Darauf teilt eine weitere Teilnehmerin mit, dass sie auch nicht zu Jörg will. Die wissen einfach nicht, was gut für sie ist. Also erkläre ich ihnen, dass die Chance einen Job zu bekommen mit ihm viel größer ist als mit mir. Das glauben sie sofort, möchten aber dennoch nicht wechseln. Man könnte fast meinen, sie wollen keinen Job.

Der COPD-Mann meldet sich weiter krank. Sein Arzt sieht kaum Chancen, dass er seinen Minijob weiter ausüben kann. Der Bericht folgt. Dann sehen wir weiter.

Der Bruder des Dschinn ist wieder da. Immer noch erkältet, aber ohne Zuversicht. Ihm müssen alle Zähne im Unterkiefer gezogen werden, was er nicht glaubt, aber auch nicht ausschließt. Er möchte deshalb die Maßnahme beenden, weil er, wenn ihm alle Zähne gezogen werden, was aber noch nicht feststeht, sechs Wochen ohne Zähne sein wird. So will er nicht zur Maßnahme und erst recht nicht zu möglichen Vorstellungsgesprächen. Seine Zähne sind bei jeder Maßnahmeteilnahme ein Thema. Vermutlich werden sie ihm auch diesmal helfen, die Maßnahme zu beenden. Solange er kein komplettes Gebiss hat, kann er immer diese Karte spielen. Verdammt clever. Fast schon genial.
Seine IFK, mit der ich später telefoniere, glaubt noch an ihn. Nach dem Gespräch allerdings etwas weniger als vor dem Gespräch. Hoffnungen und Zuversicht kann ich gut zerstören.

Überrascht bin ich vom Mann mit den verschränkten Armen, der meine Aufgaben umsetzt, sich durch die drei Stunden Anwesenheit kämpft, obwohl es für ihn eine echte Überwindung ist. Er will eine Ausbildung machen und kann das begründen. Um zu testen, wie ernst er es meint, erkundige ich mich nach den Möglichkeiten einer Umschulung. Drucke ihm die Unterlagen dazu aus und erkläre ihm, was seine Aufgaben wären, wie alles abläuft, was von ihm erwartet wird. Dazu weise ich darauf hin, dass wir, wenn er die Umschulung wirklich will, ihm helfen können, dass er sie tatsächlich bekommt. Er versendet ein paar Bewerbungen und wird sich das mit der Umschulung überlegen.

Als ich eine Neukundin für drei Monate einbuchen will, geht das nicht. Das ist nicht unbedingt außergewöhnlich, weil die Maßnahme endet, aber mir fehlt jeglicher Hinweis, dass sie verlängert wird. Ich rufe beim Jobcenter an. Der Antrag zur Verlängerung liegt nicht vor. Entweder hat die Vergabestelle ihn nicht weitergeleitet, oder meine Chefin hat ihn bisher nicht gestellt, weil wir so schlecht sind. Vielleicht ist das am Ende doch kein Selbstläufer und wir haben uns mal wieder geirrt.

Weil ein Teilnehmer am letzten Tag der Woche einen Arbeitsvertrag unterschreibt, steigt die Quote auf 36,71 %, aber nur weil ich mit der falschen Zahl arbeite. Wieso ich jetzt ,,Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ in meinem Kopf habe, weiß ich nicht. Die einzig wahre Quote liegt nun bei 29 %. Da kann selbst Roger Rabbit nichts daran ändern. Man kann die Quote auch dahingehend bereinigen, dass nur die Leute zählen, die tatsächlich bis zum regulären Ende teilgenommen haben. Dann liegt sie bei 72,5 % und beweist, dass von denen, die bis zum Ende durchhalten, nur wenige keinen Job finden. Aber letztlich kann ich mir diese und all die anderen Zahlen, die ich berechnen lasse, in den Arsch schieben. Warum nur komme ich mir jetzt schon wieder verarscht vor?

4 Kommentare

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  1. Anstrengend schon beim Lesen. Ich könnte diese Geduld nicht aufbringen…

    Hier fehlen eindeutig erheiternde und aufmunternde Geschichten und Dialoge von und mit Frau Sheriff, Brasilianerin und Umarmerin ggf. auch neue Darstellerinen in Deiner täglichen Soap DrSchwein, am Rande des Wahnsinns….

    • Anstrengend fandest Du auch Kaugummi Nadine. Vielleicht habe ich eine Schwäche für Anstrengendes. 😄

      Sollte ich Ersatz für die drei von Dir Vermissten finden, werde ich sie behutsam hier einführen. Versprochen. Bis dahin bleibt es anstrengend. 😎