Nacken-Norbert soll Anfang der Woche einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Statt eines Vertrages finden wir eine AU-Bescheinigung im Briefkasten. Nicht einen Tag hat er bisher gefehlt, am Tag der Vertragsunterzeichnung wirkt das schon etwas unglaubwürdig. Vielleicht hat da jemand doch Angst bekommen und ist deshalb zum Arzt gegangen. Das ist aber nur meine Vermutung, denn unter der Telefonnummer, die monatelang funktioniert hat, ist er nicht mehr erreichbar. Also kann ich ihn dazu nicht fragen. Beim Jobcenter weiß man auch nichts. Ein Arbeitsvertrag liegt auch dort nicht vor. Waren am Ende alle Mühen umsonst?
Unsere ukrainische Teilnehmerin, Anfang 30, fragt, ob sie nicht lieber vormittags statt nachmittags zu uns kommen kann. Normalerweise versuchen wir eine Lösung zu finden, damit alle zufrieden sind. In diesem Fall sind wir aber nicht kooperativ, da die junge Frau morgens kommen möchte, um nachmittags Zeit für die schönen Dinge des Lebens zu haben – entspannen und shoppen gehen. Das erklärt vielleicht auch, wieso sie bisher keinen Job gefunden hat. Sie hat eigentlich gar keine Zeit, sie hat andere Prioritäten.
Da Jörg Urlaub hat, vertrete ich ihn einen Tag. Kaum ist sie da, fragt sie, ob sie eher gehen darf. Auf die Frage nach dem Grund sagt sie, dass sie einen Termin hat. Vielleicht ein Shopping-Termin. Ich kann zwar weiterhin nicht mit ihr kommunizieren, aber es ist auffällig, dass wir uns oft anlächeln. Ich weiß, ich habe damit angefangen, aber wenn ich mit Worten nichts erreiche, bleibt nicht viel. Und von einer jungen attraktiven Frau angelächelt zu werden, gefällt mir.
Neu bei uns ist eine andere Ukrainerin, Mitte 30, die ich heute zum ersten Mal sehe. Kurzes blondes Haar, hellblaue Augen, volle Lippen, gute Figur, gut angezogen. Optisch ebenfalls gelungen, aber das war auch irgendwie zu erwarten. Obwohl sie nicht so gut Deutsch spricht, setzt sie meine Anweisungen sofort um. Kein hilfloses Starren und Warten, bis der Coach es schon richtet. Für einen Moment frage ich mich, ob es richtig war, dass ich sie bei Jörg untergebracht habe. Natürlich ist es richtig. Bei ihm ist sie in besseren Händen. Ich kann ja jederzeit rüber in sein Büro gehen und sie anlächeln. Bin schon gespannt, ob sie auch zurück lächeln wird.
Ein junger Mann, der vor vier Jahren schon einmal bei uns war, allerdings nur zwei Termine wahrgenommen hat und dann die Kündigung bekam, ist erneut Teilnehmer und erscheint erwartungsgemäß nicht zu seinem Termin. Es folgt die erste Abmahnung. Sehen werden wir ihn wohl nie.
Ein Teilnehmer klagt über Unwohlsein und sagt, dass er, wenn es schlechter werden sollte, eher gehen muss. Damit kann ich leben. Als er dann allerdings darauf hinweist, dass er schon mehrfach auf die Toilette musste, und vermutet, dass es gleich so weiter geht, schicke ich ihn direkt nach Hause. Derartige Seuchenvögel schicke ich direkt nach Hause.
Unsere älteste Teilnehmerin hat ein Vorstellungsgespräch, ist aufgeregt, aber auch sicher, dass sie den Minijob bekommt. Ich glaube auch an sie und sage ihr, dass sie nach dem Vorstellungsgespräch kurz anrufen soll. Wenn sie den Job hat, soll sie einfach nur „Jippie“ sagen und wieder auflegen. Stattdessen kommt sie nach dem Gespräch mit zwei Stücken Mohnkuchen und einer Apfeltasche ins Büro. Alles für mich. Sie teilt mir noch mit, dass sie mir auch noch einen Kuchen backen wird. Als Gegenleistung werde ich versuchen, dass sie nicht weiter an der Maßnahme teilnehmen muss, obwohl ein Minijob nicht ausreicht. Ich finde allerdings, dass es in dem Fall ausreichen sollte. Außerdem besteht die Chance, dass sie ab dem nächsten Jahr mehr Stunden dort arbeiten darf, weil jemand in Rente geht. Die Idee hat übrigens nichts mit dem Kuchen zu tun. Den Entschluss habe ich schon vorher gefasst. Ich bin nämlich ein netter Coach, der immer nach der besten Lösung sucht und sich gerne beschenken lässt.
Dann endet die Arbeitswoche auch schon. Zwei der fünf Tage, an denen ich alleine für alle zuständig bin, sind vorbei. Ich genieße die Apfeltasche und fühle mich, als hätte ich sie auch verdient. Das ist nicht gut. Ich muss mich ermahnen, nicht in Selbstzufriedenheit zu baden, denn ich habe absolut nichts zu der Arbeitsaufnahme beigetragen. Gar nichts. Aber der Kuchen ist geil.
