Cochem – Tag 3

Es ist noch keine 08.00 Uhr, in der Küche neben meinem Zimmer wird noch das Frühstück zubereitet, als sich schon die ersten Gäste unten einfinden. Leider kann ich die Stimmen nicht zuordnen, aber eigentlich ist das auch egal. Ich frage mich dennoch, wieso man schon so früh auftauchen muss, wenn das Frühstück erst um 08.30 Uhr serviert wird. Da ich morgens gewisse Rituale Pflege, bin ich erst um 08.45 Uhr bereit am Frühstück teilzunehmen. Im Frühstücksraum wird sich angeregt unterhalten. Gerade wach und schon plappern, unglaublich. Ich verlasse mein Zimmer, blicke in den Frühstücksraum und entdecke, dass mindestens ein Pärchen schon da sitzt. Darauf habe ich keine Lust, weshalb ich zurück auf mein Zimmer gehe. Vielleicht sind die in einer halben Stunde weg, dann kann ich ungestört frühstücken. Tatsächlich sind sie nach einer halben Stunde weg und ich bin alleine in dem kleinen Raum. Herrlich. Leider währt diese Herrlichkeit keine zwei Minuten, da taucht das andere Pärchen auf. Warum können nicht alle zu festen Zeiten frühstücken, so dass man sich aus dem Weg gehen kann? Das Pärchen flüstert fast, so dass der Mann immer wieder nachfragen muss, was sie zu ihm gesagt hat. Sicher meinetwegen. Ich verderbe denen mit meiner Anwesenheit das ganze Frühstück. Als die beiden fertig sind, verabschieden sie sich und wünschen mir einen schönen Tag. Jetzt sind dir auch noch nett und ich komme mir ziemlich blöd vor. Ich kann echt nicht gut mit Menschen. Was ich hingegen gut kann, ist ratlos sein, denn ich bin völlig ratlos, was die Tagesgestaltung angeht. Ich bin wirklich erschreckend eingeschränkt und dem Wetter hilflos ausgeliefert. Manchmal wünschte ich, ich wäre etwas normaler. Wobei normal vermutlich nichts weiter als eine Sache der Definition ist und nichts zur Sache tut. Was mich auch irritiert ist die Tatsache, dass ich zweieinhalb Brötchen, 250ml Orangensaft und einen Tee zu mir genommen habe. Ich kann mich nicht erinnern jemals zuvor so viel zum Frühstück eingenommen zu haben. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas möglich ist.

Als ich mein Zimmer verlasse, um in die Stadt zu gehen, treffe ich auf das Pärchen vom Frühstück. Sie reisen ab und ich versuche mich in Small Talk. Echt nett die beiden, möglicherweise bin ich tatsächlich ein Arschloch. Weil der Parkplatz vor dem Haus somit frei wird gehe ich zu meinem Coupé, um es umzuparken. Leichter Regen drückt auf meine Stimmung. Nachdem das Coupé umgeparkt ist, nehme ich meinen gepunkteten Schirm und gehe los. Der Regen verabschiedet sich und ich und mein Schirm marschieren auf die Stadt zu. Mit dabei habe ich ein Buch, welches ich in die Bücherzelle legen will. Mit viel Glück gibt es dort auch was für mich. Nachdem ich festgestellt habe, dass es für mich kein Buch gibt, lege ich mein Buch ab und marschiere weiter. Zunächst ist mir nicht wirklich klar, was ich vorhabe, doch dann scheine ich einen Plan zu haben. Fast zielstrebig gehe ich zu einer Tankstelle, um Geld zu holen. Der einzige Ort an dem das für mich gebührenfrei geht. Verrückt. Jetzt nur nicht nachlassen und noch was erleben. Wenig später sitze ich im Mosel-Wein-Express und muss den letzten Wagen nur mit fünf Leuten teilen, die aber ganz vorne sitzen, mich nicht beachten und auch nicht weiter stören. Bis auf ein kleines Stück fahren wir überall her, wo ich schon lang gewandert bin. Mit meinen zwei Shirts, zwei Pullovern und zwei Jacken friere ich ausnahmsweise auch nicht und bin zufrieden. Vielleicht muss ich doch noch nicht eingeschläfert werden. Nach der Rundfahrt wird es Zeit fürs Mittagessen. Erneut entscheide ich mich fürs Asia Lotus House. Es ist wie immer. Wenn das Mittagessen einmal passt, wechsle ich nicht mehr. Erst als mein Darm etwa eine Stunde nach dem Essen randaliert und ich mich erinnere, dass es gestern auch schon so war, beschließe ich, morgen woanders zu essen. Schade, aber ein randalierender Darm ist auch keine Lösung.

Nach dem Essen gehen mein Schirm und ich zurück zur Pension. Kurz bevor wir ankommen, beginnt es leicht zu regnen. Zeit über den Rest des Tages nachzudenken. Nachdem es nichts mehr zu denken gibt, verlasse ich ohne Schirm mein Zimmer und mache mich zielstrebig auf den Weg. Während ich auf mein Ziel zusteuere, beginnt es zu regnen. Weil mich das nicht begeistert, stelle ich mich unter die alte Brücke und frage mich, ob mein Plan verschoben werden muss. Muss er nicht, denn bald verschwindet der Regen, die Sonne zeigt sich und so kann ich die Brücke überqueren und pünktlich an Bord gehen, um die traditionelle Schiffsrundfahrt zu machen. Das Oberdeck ist tabu, weil das ja draußen ist. Also befinde ich mich mit allen anderen Passagieren auf dem Mitteldeck, was mir nicht gefällt, weil man das Wasser nicht so sieht, wie ich mir das vorstelle. Was soll ich auf einem Schiff, wenn ich das Wasser nicht sehe? Konsequenterweise gehe ich runter und stelle fest, dass sonst niemand die Idee hatte. Entweder bin ich komisch oder alle anderen. Okay, oben sieht man sicher insgesamt mehr, aber hier unten bin ich näher am Wasser und kann die Wellen beobachten. Dass ich es obendrein geil finde alleine hier zu sein, während über mir Kinder toben, ist selbstverständlich. Die Zeit vergeht furchtbar schnell und auf dem Rückweg bin ich so entspannt, dass ich kurz einnicke. So muss Urlaub sein.

Jetzt fehlt nur noch die Fahrt mit der Sesselbahn. Als ich diese erreiche zieht es sich zu und ich fürchte, dass es mir ohne Sonne zu kalt wird und ich womöglich nass werde. Stattdessen nutze ich einen Wanderweg gegenüber der Sesselbahn. Für mich sieht das zwar nicht nach einem normalen Wanderweg aus, aber ich liebe Anstiege und bin bald ziemlich weit oben. Ich bin echt bekloppt, muss aber immer höher, weil ich es mir sehr schwer vorstelle, den Weg wieder hinabzusteigen. Wenn es jetzt regnet bin ich verloren, so viel ist sicher. Immer höher geht es hinauf und irgendwann wird mir das zu steil, ich bin nassgeschwitzt und will nicht mehr. Und so beginnt mein Abstieg. Wenn mir hier etwas zustößt, findet man mich vermutlich erst Tage nachdem ich gestorben bin. Keine wirklich schöne Vorstellung, doch irgendwann stehe ich wieder unten, betrachte die Sesselbahn und vermute, dass ich mich für die falsche Sache entschieden habe.

Später muss ich wieder essen, finde aber in keinem Restaurant einen Platz, der meinen Ansprüchen genügt. Hin und her, her und hin, wandere ich, doch die guten Plätze bleiben besetzt. Dann zwingt mich der Regen minutenlang in einem Hauseingang zu stehen. Zeit nachzudenken und mit der albernen Suche aufzuhören. Heute wird es keinen Salat mehr für mich geben. Letzte Rettung Subway. Subway ist in Wirklichkeit nichts für mich, weil es mich schlichtweg überfordert. Welches Brot, welche Sauce, welche Salate? Alles muss ich in kürzester Zeit entscheiden, während hinter mir der nächste Kunde wartet. Noch bevor ich an der Reihe bin, schwitze ich schon vor Überforderung, lese die Angebote und entdecke zu meinem Glück, dass es Wraps gibt. Nichts zusammenstellen, nicht verwirrt stammeln und mich nicht blamieren. Einfach bestellen, warten, zahlen, essen. Der Wrap ist gut, aber ich hätte schon gerne ein Sandwich gehabt. Sollte ich je wieder zu Subway gehen, mache ich mir vorher einen Zettel mit allem, was ich haben will und gebe den ab. Auf den Zettel schreibe ich obendrein, dass ich nicht sprechen kann, damit keine Fragen gestellt werden. So bekomme ich ein Sandwich, ohne mich zu blamieren und alle aufzuhalten. Ja, so mache ich das.

Bereits gegen 19.00 Uhr bin ich zurück auf meinem Zimmer, weil es mir zu frisch ist. Das darf man auch keinem erzählen, die halten einen sonst doch für total merkwürdig. Immerhin bin ich heute elf Kilometer gewandert. Den Rest des Abends lese ich Sartre und träume davon auf diese Art Frauen zu beeindrucken.

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