Cochem – Tag 2

Da mein Zimmer direkt neben dem Frühstücksraum liegt, kann ich hören, dass pünktlich um 08.30 Uhr die ersten Gäste da sind. Somit können die natürlich auch alles hören, was ich im Zimmer anstelle. Jeder Toilettengang wird so zu einem Gemeinschaftserlebnis, zumindest in meiner Vorstellung. Und weil ich die Menschen hören kann und deren Anwesenheit, ja Existenz, bewusst wahrnehme, bereue ich es schon jetzt, dieses Mal Frühstück mitgebucht zu haben. Da laufe ich lieber eine Stunde orientierungslos auf der Suche nach einer Frühstücksmöglichkeit durch irgendeinen Ort. Ich weiß zwar nicht, wie lange es hier Frühstück gibt, aber bleibe einfach in meinem Zimmer sitzen, in der Hoffnung, dass die Menschen bald verschwinden. Wenn ich im Urlaub Kontakt zu Menschen wollte, würde ich in einem Mehrbettzimmer übernachten. Echt blöd, dass ich voll Hunger habe. Noch blöder, dass ich voll blöd bin. Warum reden die überhaupt beim Frühstück miteinander? Warum können Menschen nicht einfach im Urlaub die Klappe halten? Was für eine bekloppte Spezies.
Ich bin fast 50 und verstecke mich in meinem Zimmer. Wie ein gestörter, kleiner Junge. Weil das auch keine Lösung ist, gehe ich um 09.15 Uhr zum Frühstück und bekomme einen Platz in dem kleineren Raum. Dort sitzt nur ein Pärchen. Die sind eben erst gekommen. Wäre ich sofort um 08.30 Uhr hier gewesen, hätte ich ganz alleine sein können. Mein Timing ist mies, das Frühstück mehr als ausreichend. Ich gönne mir zwei Brötchen, Tee und Orangensaft. Ein weiteres Pärchen kommt zum Frühstücken in den Raum. Morgen muss ich als erster hier sein, dann bin ich schön alleine. Zum Glück wird kaum gesprochen, was sich aber schlagartig ändert als ich zurück in meinem Zimmer bin. Die beiden Pärchen unterhalten sich bestens und lachen viel. Scheinbar bin ich ein echter Stimmungskiller. Vermutlich wollen die genau so wenig mit mir zusammen frühstücken, wie ich mit denen. Vielleicht haben wir ja Glück und sehen uns nie wieder. Erstaunlich, wie ich alleine durch meine Anwesenheit Menschen den Spaß verderben kann. Ich muss eine sehr unangenehme Ausstrahlung haben.

Während sich im Frühstücksraum ausgiebig amüsiert wird, frage ich mich, was ich bei dem Regen tun kann. Hätte ich ein Zimmer mit Blick auf die Mosel, würde ich vermutlich den ganzen Tag nur aus dem Fenster gucken. Weil das nicht geht, muss ich mir was einfallen lassen. Also verlasse ich das Zimmer und stelle fest, dass es nicht mehr regnet. Etwa drei Minuten halte ich es draußen aus, dann bin ich zurück im Zimmer, um mir ein weiteres langärmelige Shirt anzuziehen. Ich bin so ein Weichei. Wieder auf der Straße frage ich mich, wie ich den Tag gestalten kann. Die geplante Fahrt mit der Sesselbahn inkl. Erinnerungsfoto kann ich vergessen, denn ich würde vor Kälte sterben. Die Stadtrundfahrt mit dem Mosel-Wein-Express sollte ich auch nicht machen, weil ich da auch nur frieren würde. Und eine Schiffsrundfahrt erscheint bei etwa 8 Grad auch keine gute Idee. Zwischenzeitlich habe ich den Cochemer Kunst- und Handwerkermarkt erreicht und überlege etwas zu kaufen, nur um etwas getan zu haben und mich vom Frieren abzulenken. Letztlich kaufe ich aber nichts, sondern schaue, was für Restaurants es gibt, um später dort irgendwo die Mittagsmahlzeit zu mir zu nehmen. Da ich mich nicht entscheiden kann, wandere ich in den Ortsteil Sehl. Dort ist es auch schön und es gibt einen Penny-Markt, den ich betrete, um mich aufzuwärmen. Spontan kaufe ich Taschentücher, Schokolade und Halsbonbons und verstaue diese anschließend in und unter der Jacke, weil ich keine Plastiktüten mehr kaufe. Mit dem Kram unter der Jacke sieht alles merkwürdig aus, so dass ich zurück auf mein Zimmer muss, um den Kram loszuwerden. Auf dem Rückweg bläst mir der Wind ins Gesicht und ich finde, dass ich ein komischer Mensch bin.

Nachdem ich entschieden habe, wo ich essen will, geht es los und renne direkt zweimal am Asia Lotus House vorbei. Das Essen schmeckt ordnungsgemäß und so gestärkt bin ich bereit für neue Abenteuer. Der Mosel-Wein-Express steht bereit, doch sitzen mir einfach schon zu viele Leute drin, weshalb ich nicht einsteigen mag. Also wandere ich los, komme aber nicht weit, weil es anfängt zu regnen. 8 Grad, Wind und Regen, eigentlich kann ich den Urlaub abbrechen, denn bei dem Wetter fällt mir nix mehr ein. Ich stelle mich irgendwo unter, gehe in den Regenpausen ziellos hin und her und frage mich, was das soll. Kurz überlege ich in ein Café zu gehen, etwas Warmes zu trinken und mir, obwohl noch satt, ein leckeres Stück Kuchen zu gönnen, doch daraus wird nichts, weil die Cafés mir zu voll sind. Die wenigen freien Sitzplätze befinden sich draußen, was für mich völlig inakzeptabel ist. Es sitzen durchaus viele Menschen draußen, manche von ihnen essen sogar Eis, während ich dabei bin zu Eis zu werden. Ich bin echt ein verweichlichtes und empfindliches Wesen und wünschte, ich hätte eine lange Unterhose, eine Wollmütze, einen warmen Mantel, Winterstiefel und eine Wärmflasche dabei. Da ich nichts von alldem habe, beschließe ich den Tag zu beenden und den Urlaub abzuhaken. Man muss wissen, wenn man gescheitert ist. Kaum zurück auf dem Zimmer, drehe ich die Heizung auf. Der Sommer wird geil, so viel ist jetzt schon sicher.

Weil ich nochmal essen muss, breche ich gegen 17.15 Uhr auf. Vorher tausche ich das langärmelige Shirt gegen einen leichten Rollkragenpullover. In der Sonne geht es, wenn der Wind los bläst nicht so. Im Ristorante Castello komme ich mir irgendwie komisch vor mit meinem Salat Mista und ohne Begleitung. Daher bin ich nicht entspannt und esse viel zu schnell. Dafür esse ich, bis auf die Gurkenscheiben, den Salat auf. Kommt sonst auch eher nicht vor. Das Ristorante Castello ist optisch schön und der Salat gut. Obwohl ich nur einen Salat gegessen habe, finde ich, dass man hier hingehen sollte, wenn man schon in Cochem ist. Anschließend mache ich einen kurzen Verdauungsspaziergang, der an meinen Coupé vorbeiführt. Aus dem Kofferraum hole ich eine etwas dickere Jacke und ziehe sie direkt über all meine Sachen. Der Wind bleibt unangenehm und so gehe ich gegen 18.50 Uhr zurück in meinem Zimmer, drehe die Heizung auf und gucke die Sportschau.

Weil das Wetter morgen noch schlechter werden soll, mache ich nach der Sportschau einen letzten Versuch. Mit zwei Shirts, zwei Pullovern und zwei Jacken bekleidet geht es los. Wenn ich zwei Jeans übereinander ziehen könnte und zwei Schuhe und mehrere Mützen, ginge es eventuell, so aber macht es keinen Spaß und ich bin nach einer halben Stunde zurück. Das ist nicht gut, gar nicht gut, aber immerhin bin ich heute fast 15 Kilometer gewandert.

Da ich es unangebracht finde den Abend mit Fernsehen zu verbringen, lese ich ein Buch von Sartre. Ob man wohl Frauen damit beeindrucken kann, wenn man ihnen erzählt, dass man Sartre liest?

4 Kommentare on "Cochem – Tag 2"


  1. Wenn es schon kalt ist, warum essen Sie Salat statt Suppe oder etwas anderes, was wärmt? Dazu Kohlehydrate, damit die innere Heizung anspringt.

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  2. Als ich in meinen Zwanzigern war hätte es mich vermutlich sehr beeindruckt, wenn ein Mann Sartre liest. Ich erhöhe von “vermutlich” auf “mit Sicherheit”. Leider bin ich nicht mehr in meinen Zwanzigern. Und ich lese schon längst nicht mehr so anspruchsvolle Sachen. Und auch damals war ich mehr in der Fraktion “Johannes Mario Simmel” und “Kafka” zu finden. Heute bin ich schon froh, wenn ich genug Konzentration für eine Biografie aufbringen kann. Tja, das Gehirn wird eben auch nicht jünger. Viel Spaß mit Sartre wünsche ich noch weiterhin…
    LG aus´m Süden (von Deutschland)

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