Gedanken eines verwirrten Maßnahmeleiters

Die Maßnahme läuft und statt Carsten habe ich gleich zwei Kollegen an meiner Seite. Und während die beiden voller Elan wirbeln und mich fast überflüssig machen, schaue ich mir die neue Situation und die beiden Kollegen genauer an.

Jens ist Mitte dreißig und gehört zu den Menschen, die einfach nicht frieren. Deshalb trägt er, während ich noch immer das Winteroutfit ausführe, ein kurzes Hemd, keine oder diese kurzen Socken, und dreht ständig die Heizung ab, die ich immer wieder aufdrehe, weil ich halt fast permanent friere. Wenn man nur aus Haut und Knochen besteht, hat man es nicht immer leicht. Besagter Jens erklärt Dieter, dem noch neueren Neuen, wie alles geht, überwacht quasi, was dieser Dieter so anstellt, während ich maximal für ein paar Verwaltungsangelegenheiten benötigt werde. Wobei auch der Bereich mehr und mehr von Jens übernommen wird. Alle drei Telefone liegen längst bei ihm und nebenbei wickelt er die andere Maßnahme ab. Bei Fragen der Teilnehmer ist er stets zur Stelle und wenn Dieter Fragen hat, dann fragt er Jens. Immerhin heißt es gelegentlich, dass Herr DrSchwein am Ende die Entscheidung trifft. Als würde ich tatsächlich Entscheidungen treffen. Ich halte mich nur an Vorgaben und es hilft auch keinem, wenn Teilnehmer mich als Chef bezeichnen. Ich habe denen nie erzählt, ich sei Chef von irgendwas. Nicht einmal den Kollegen habe ich gesagt, dass ich Maßnahmeleiter bin. Aber so etwas spricht sich halt einfach rum.
Die beiden Neuen verstehen sich gut und reden viel miteinander. Vielleicht weil sie beide Raucher sind und schon für Personaldienstleister gearbeitet haben. Wobei Dieter, der etwa zehn Jahre älter als ich ist, sein eigenes Unternehmen geleitet hat. So wie der Vermittler, der längst Geschichte ist. Während die beiden vor sich hin harmonieren, fühle ich mich, weil ich schon immer Komplexe hatte, ziemlich nutzlos. Dabei hatte ich gestern scheinbar noch alles im Griff. Selbst die Bewerbertagebücher meiner Teilnehmer unterschreibt Jens und trägt alles in die Datenbank ein. So sieht es am Ende aus als hätte ich nichts gemacht und ich kann nicht nachweisen, dass ich an irgendwas beteiligt war. Alles sehr gewöhnungsbedürftig für mich. Dieter friert übrigens auch nie und dreht mir die Heizung ebenfalls immer runter. Er verzichtet komplett auf Socken, weil coole Typen das wohl so machen. Er kümmert sich sehr intensiv um die Teilnehmer, die ich ihm zuweise, trotzdem kommt diesbezüglich bei mir keine Freude auf. Eventuell liegt es daran, dass ich immer längere Socken trage und früher sogar Kniestrümpfe getragen habe. Womöglich sind das denkbar schlechte Voraussetzungen, damit mal was aus einem wird und ich frage mich, was ich wohl über mich denken würde, wenn ich Jens oder Dieter wäre. Aber das ist Quatsch, weil ich ja nicht weiß, was so in deren Köpfen abgeht. Wenn ich allerdings nicht der Maßnahmeleiter wäre und gleichzeitig mit mir als Maßnahmeleiter arbeiten müsste, würde ich mich schon fragen, wie so einer wie der, also ich, Maßnahmeleiter sein kann. Da ich mich das aber ohnehin schon immer wieder mal Frage, ist es Quatsch so kompliziert zu denken. Erstaunlich, was manchmal so in meinem Kopf vor sich geht.

In einer Mittagspause bringt Dieter Kuchen mit, so als Einstand. Ich lehne ab, wegen Laktoseintoleranz und weil ich unvorbereitet keinen Kuchen essen kann. Vielleicht lehne ich auch ab, weil ich das alles irgendwie komisch finde, wobei eigentlich nur ich komisch bin. Die beiden scheinen so viel kompetenter zu sein als ich es bin, dass es mir merkwürdig erscheint, dass ich immer wieder gefragt werde, ob dieses oder jenes so gemacht werden kann. Andererseits, was sollen sie machen, wenn Ihnen jemand verraten hat, dass ich der Maßnahmeleiter bin? Da ist man als neuer Mitarbeiter auch erstmal vorsichtig und denkt vielleicht, der Maßnahmenleiter ist vielleicht irgendwie kompetent, sonst wäre er ja kein Maßnahmenleiter. Dabei bin ich weder kompetent noch korpulent, mir ist einfach nur kalt und mich verwirrt es, wenn sich etwas verändert.

Aber es gibt auch Dinge, die mir gut gefallen an der Sache. Zum Beispiel habe ich Jens direkt die Aufgabe des Unterrichtens anvertraut. Er hat sich sehr intensiv vorbereitet und der Unterreicht war ein voller Erfolg. Noch etwas, was er besser kann als ich, allerdings ist das keine Überraschung, trotzdem wäre es auch mal schön, wenn irgendeiner mal nicht alles besser als ich könnte. Und jetzt will dieser Jens auch noch Urlaub an den sogenannten Brückentagen. Dabei haben bisher alle Brückentage mir gehört. Ich fürchte, ich muss ihn loswerden. Und bevor Dieter auch noch meine Urlaubspläne durchkreuzt, sollte ich ihn auch loswerden. Wegloben vielleicht. Menschen sind echt lästig. Furchtbar.

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