Auch wenn ich weiß, dass sich im Grunde nichts geändert hat, fühlt es sich völlig anders an. Gedanklich komme ich nicht los. Und was macht man in der schönen neuen Welt? Man befragt Maschinen. Laut Grok ist alles furchtbar, ich müsste unverzüglich untersucht und behandelt werden. Genau das, was ich in meinem Elend brauche. Also steigern sich Panik und Übelkeit. ChatGPT hingegen ist da entspannter, fast schon beruhigend. Dummerweise können mich weder eine KI noch Agnes beruhigen. Mein Kopf malt die schlimmsten Szenarien, keine endet gut. Und es passt auch alles zusammen, alle meine negativen Gedanken sind schlüssig: Ohne Enzyme habe ich Durchfall, seit Tagen unerklärliche Blähungen, immer wieder Schmerzen, die längst zum Alltag geworden sind. Nachts brauche ich eine Wärmflasche, die über die Leber gelegt für Entspannung sorgt. Zählt man all das zusammen, ist klar: es kann nicht gut enden.
Ich habe sogar Angst vor der MRT-Untersuchung, weil ich beim letzten Mal so unruhig war, dass die Aufnahmen schlecht und undeutlich wurden. Ich kann mich wirklich wunderbar in Dinge hineinsteigern.
Nach der Arbeit fahre ich in die Radiologie vor Ort, um einen Termin zu vereinbaren. Dummerweise erwähne ich, dass ich während des vorgeschlagenen Termins in der Reha bin. Während einer stationären Reha können keine ambulanten Untersuchungen durchgeführt werden. Hätte ich doch nur die Klappe gehalten. Bis nach der Reha zu warten, halte ich nicht aus. Ich könnte keine Minute entspannen. Petra, die mich begleitet, schaltet sich ins Gespräch ein. Ich merke: Ich will für nichts mehr verantwortlich sein, nur noch raus aus der Situation. Man bietet mir einen Termin am Tag des Reha-Beginns an. Ich nehme an. Entweder ich reise später an oder sage die Reha ab. Entspannen könnte ich eh nicht, ohne zu wissen, was los ist. Ob ich es danach kann, hängt vom Ergebnis ab.
Am Abend machen wir einen Spaziergang. Später schaue ich mir den MRT-Bericht vom November 24 an. Darin wird auf eine unklare Raumforderung (RF), die sich im Oberbauch rechts nahe der Medianlinie vorwölbt, hingewiesen. In der Beurteilung taucht sie zwar nicht auf, dafür wird auf eine teils eingeschränkte Beurteilbarkeit bei Bewegungsartefakten / Atem-Unruhe hingewiesen. Ist damit der Befund nicht irgendwie witzlos und hängen meine aktuellen Probleme damit zusammen? Folgen der Raumforderung? Der Plan, mich in irgendeiner Weise zu beruhigen, kann als gescheitert vermerkt werden.
Um nicht noch mehr nachzudenken, schaue ich zwei Folgen Two and a half Men, lese unkonzentriert in einem Buch und schlafe tatsächlich ein. Natürlich mit Wärmflasche.
Mittwoch. Bis etwa 04.00 Uhr schlafe ich ganz gut, dann wache ich auf, fühle mich unwohl, habe etwas Magenschmerzen, vermutlich ist es Hunger. Dazu immer wieder ein Ziehen unter den Rippen, auch über dem Bauchnabel. Das Übliche, doch für mich bedrohlich, beängstigend und möglicherweise tödlich. Ich weiß, ich muss aus der Gedankenspirale ausbrechen, doch es ist mir nicht möglich. Also bleibe ich wach bis ich aufstehen muss und versuche krampfhaft, meine Gedanken nicht völlig eskalieren zu lassen. Wie gern wäre ich nicht ich, sondern irgendwer anders.
Später wird die Reha um eine Woche verschoben. Ich bekomme einen Termin zur Blutabnahme morgen früh. Ohne aktuellen Kreatininwert kann eine MRT-Untersuchung mit Kontrastmittelgabe nicht stattfinden. Dienstag um 11.00 Uhr folgt dann wie geplant die Untersuchung. All dies teile ich meiner Chefin mit und bin gespannt, wie sie reagieren wird. Gar nicht, wie ich am Ende des Arbeitstages feststellen muss. Da werde ich wohl am Freitag anrufen müssen. Immerhin erfahre ich von Oma Sheriff, dass sie uns zwei Monate an diesem Standort unterstützen wird. Das finde ich großartig, frage mich aber, ob ich das überhaupt mitbekommen werde, weil ich ja nicht weiß, ob ich nach der Untersuchung noch oft hier sein werde. Finstere Gedanken, eine weitere meiner Superkräfte.
Mit Oma Sheriff telefoniere ich dreimal, was unterhaltsam ist und ablenkt. Überhaupt lenkt der Arbeitstag ganz gut ab. Später beschließe ich, dass eine der harmlosen Ursachen für die vergrößerten Gefäße verantwortlich ist. Das verschafft mir, zumindest für eine Weile, etwas Luft.
Abends besucht mich Markus. Das lenkt auch ab.
Donnerstag. In der Nacht schlafe ich recht gut und habe durchaus intensive und interessante Träume. Zwar wirr, aber nicht unangenehm. Ich knutsche ausführlich mit einer attraktiven Frau. Das habe ich im Traum ewig nicht mehr gemacht. Routiniert starte ich später mein Morgenprogramm und habe Glück, dass Agnes mich daran erinnert, dass ich zur Blutabnahme muss. Hatte ich komplett vergessen und wäre fast zur Arbeit gefahren. Verdrängung auf höchstem Niveau.
Insgesamt komme ich ganz gut durch den Tag. Doch jedes Zucken, jedes ziehen im Leberbereich lässt direkt schlimme Gedanken aufsteigen. Möglicherweise spüre ich Kraft meiner Gedanken, sogar Schmerzen, die es gar nicht gibt. Abends besuche ich Heiko.
Freitag. Die Nacht verläuft erstaunlich gut. Im Büro ist nicht viel los, aber doch einiges zu tun. Insgesamt komme ich gut durch den Tag und manchmal glaube ich, dass alles wieder gut wird und es nichts Schlimmes ist. Was mich irritiert: Eine Ader zeigt sich erstmals unterhalb der Rippen. Die war da definitiv noch nie. Irgendetwas stimmt mit meinem Körper überhaupt nicht.
Samstag. In der Nacht drehe ich mich auf die rechte Seite und werde von Schmerzen geweckt. Ich bleibe dennoch eine Weile so liegen, aber meine Hoffnung, dass die Schmerzen verschwinden, erfüllt sich abermals nicht. Mit Zuversicht und Verdrängung komme ich offensichtlich nicht wirklich weiter.
Heute ist das Jucken stärker und optisch verändert sich die Haut auch. Sie ist gerötet, rau und der etwa wöchentliche Rhythmus ist in Gang gesetzt. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll und gesund ist, die Cortison-Creme einzusetzen, weil Cortison zu viele Nebenwirkungen hat, um leichtfertig eingesetzt zu werden. Andererseits spielt es vielleicht eh keine Rolle mehr. Spielt überhaupt noch irgendwas eine Rolle? Und wenn ja, was?
Den Tag über bin ich viel unterwegs und maximal abgelenkt. Erstaunlich: Ich vergesse sogar, dass ich bis zur Untersuchung nicht mehr zum Training gehen wollte. Zum Glück erinnert mich Petra daran, denn Übermut tut selten gut.
Sonntag. In der Nacht schlafe ich ganz wunderbar – fast so, als würde mein Körper für ein paar Stunden vergessen, dass er sich im Ausnahmezustand befinde.
Den Tag über bin ich abgelenkt und beschäftige mich wenig mit dem, was da kommen wird und kommen kann. Erst am Abend gibt es Momente, in denen mein Gedankenkarussell wieder Fahrt aufnimmt und mich daran erinnert, dass die Untersuchung näher rückt.
Montag. In der Nacht schlafe ich, abgesehen von einem Alptraum, erstaunlich gut.
Der näher rückende Termin verlangt nach Ablenkung. Also telefoniere ich am Vormittag mit Agnes, koche, esse, spüle ab. Dann kaufe ich Blumenerde, backe ein Brot, tausche zwei Balkonkästen aus, fahre mit Petra zum Baumarkt, hole neue Pflanzen und setze sie später ein. Danach gehen Petra und ich noch spazieren – sie wird mich morgen zum MRT begleiten.
Abendbrot. Nicht zu viel nachdenken. Nur nicht zu viel nachdenken.
Schlecht wird mir trotzdem.
Morgen gibt es vorübergehend keine Ablenkung mehr.
Ich bezeichne Ihren Zustand mal salopp als Ausnahmezustand. Völlig verständlich und ich gehe mal davon aus, dass sich dieser nicht gerade förderlich auf Ihr Appetit- und Essensverhalten auswirkt…? Das Gefäß welches sich abzeichnet ordne ich demzufolge wohl eher eines Gewichtsverlusts bei eh schon ‚magerem‘ Zustand zu. Machen Sie sich schöne Momente und hören Sie nicht nur in sich rein. Die Psyche ist eben nicht immer unser Freund…
LG
M. Sobol
Ja, der Zustand ist durchaus als mager zu bezeichnen. Aber schon länger. Viel weniger geht kaum.
Schöne Momente schaffe ich sogar. Doch die Psyche ist geschickt darin, neue Löcher zu graben.
Die Reha wird hoffentlich stattfinden, sodass Du mal etwas zur Ruhe kommen kannst
Vielleicht gibt es was an Beruhigungsmitteln beim MRT. Panik, Unruhe und Zittern ist scheiße da drin.
Dienstag wissen wir vielleicht mehr.
Vielleicht schmeißen die mich raus, wenn ich da so unruhig bin. 🙂