Maßnahmegeschichten 48.25

Zum Wochenbeginn endet die Maßnahme für zwei Leute, die wir hier nicht einmal gesehen haben. Lange geht das nicht mehr gut, wenn nicht endlich mal wieder jemand einen Arbeitsvertrag unterschreibt.

Der Bruder vom Dschinn ruft zwei Minuten vor seinem Termin an, um mitzuteilen, dass er gerade erst die Einladung bekommen habe und es eine Frechheit sei, dass er sie erst heute erhalten hat. Außerdem weist er darauf hin, dass seine IFK irgendwann mal bei uns angerufen und mitgeteilt habe, dass eine Teilnahme für ihn keinen Sinn mache. Er versteht nicht, was das soll. Das klingt natürlich anders, als seine IFK es mir am Telefon verkauft hat. Dass er jetzt durchstarten will, kann ich so gar nicht erkennen. Entweder wird er, wie wir es von ihm kennen, so lange AU-Bescheinigungen einreichen, bis er aus gesundheitlichen Gründen aus der Maßnahme genommen wird. Oder er sitzt hier seine Zeit stupide ab. Wobei es letztlich völlig egal ist, wie er die Quote senkt. Ich verstehe nicht, wieso man so einen Mann immer wieder in Maßnahmen steckt, die Geld kosten, wenn doch vorher schon klar ist, was am Ende dabei herauskommt. Und von der IFK bekommen wir in nächster Zeit noch einige solcher Experten. Hoffnungslose Fälle fürs Weihnachtsfest. Wir einigen uns darauf, dass der Bruder am Donnerstag zu uns kommen wird.

Am Donnerstag erscheint er tatsächlich: total erkältet und unmotiviert. Irgendwie erinnert er mich an den Mann mit den verschränkten Armen. Wir belassen es dabei, dass er die Vertragsunterlagen unterschreibt und dann nach Hause geht. Ich habe kein Interesse an seinen Viren, er kein Interesse an der Maßnahme. Warum also sollten wir uns unnötig quälen?

Der sympathische Syrer ist nicht in der Lage, einen Lebenslauf zu erstellen, kann kaum lesen und nichts am Computer machen. Nach mehreren Versuchen resigniere ich und schicke ihn nach Hause. Zum nächsten Termin soll er mit Hilfe seines Nachbarn, der Kurdisch spricht, den Lebenslauf erstellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er vermittelbar ist, dürfte bei maximal sieben Prozent liegen. Optimistisch geschätzt. Ein paar Ideen habe ich aber dennoch, denn sieben Prozent sind sieben Prozent.

Wir haben hier eine Lehrerin aus der Ukraine. Sie hat jedes Mal aufs Neue Schwierigkeiten, sich in ihr E-Mail-Postfach einzuloggen. Sie möchte als Lehrerin arbeiten. Wieder einmal erkläre ich ihr, dass das keine Option ist. Als Schulbegleiterin hat sie es versucht. Es ging schief. Das Kind hatte keinen Respekt vor ihr. Wie sollte es auch? Da ist keine Substanz, nur labberige Masse. Es ist jedes Mal so, als hätte sie zwischen zwei Terminen alles vergessen. Sie fügt ein Anschreiben in eine Mail ein. Als nächstes soll sie Zeugnisse anfügen. Doch sie weiß nicht, wie. Ich sage, sie soll es genauso machen wie gerade eben mit dem Anschreiben. Sie weiß nicht, wo die Zeugnisse sind. Im gleichen Ordner. Sie klickt wild mal hier, mal da. Wie soll sie Lehrerin gewesen sein, wie soll sie alleine auch nur irgendwas auf die Reihe bekommen? Erneut erkläre ich ihr Schritt für Schritt, was zu tun ist. Natürlich ist alles auf der Seite auf Russisch, dennoch finde ich mich besser zurecht, als sie es tut. Wenn jemand wie sie Kinder unterrichtet, dann ist der Untergang näher, als wir es uns je erträumt haben. Ich sage ihr, dass wir so nicht weiterkommen, sie maximal mit einem Minijob als Schulbegleitung starten kann, wenn überhaupt. Ich mag es nicht, wenn ich Illusionen zerstören muss, aber ich kann auch nicht drei Monate dabei zusehen, wie sie einem Traum hinterherjagt, der sich nie erfüllen wird. Ich sehe sie maximal als Hilfskraft, aber dazu ist sie nicht bereit. Ich kann nur Vorschläge machen; die Entscheidung liegt allein bei ihr. Nur werden wir, wenn wir weitermachen wie bisher, nichts erreichen.

Für den Mann, der immer nur dasitzt und schaut, endet die Maßnahme, weil die Zeit um ist. Eine Verlängerung ist keine Option. Die Quote fällt auf 36,23 %.

Mit einem Erstgespräch, das rasch zu einer Art Therapiestunde wird, endet die Woche. Ein junger Mann, frisch getrennt und mit einem schwer erkrankten Familienmitglied, fängt schon bald an zu erzählen. Ich höre zu und gebe ab und zu einen hoffentlich neutralen Kommentar ab. Mal sehen, in welche Richtung sich das entwickelt. Jörg ist sich sicher, dass er mit dem jungen Mann Probleme bekommen wird und ihn nicht erträgt. Ob es tatsächlich so ist, werden wir in drei Wochen erfahren, wenn ich das nächste Mal Urlaub habe.

Jörgs Kommentar zu der Entwicklung hier: „Das wird hier immer mehr zu einem Therapiezentrum.” Da hat er recht. Ich habe da grundsätzlich keine Probleme mit, aber wenn wir nicht langsam was für die Quote tun, werden wir Probleme bekommen.

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