Nachdem der Mann mit den verschränkten Armen sich über Jörg beschwert hat und darauf bestand, dass ich sein Coach bin, bin ich gespannt, wie er heute drauf ist.
Er wirkt entspannt, sagt, dass es ihm gutgeht und berichtet von den drei Gesprächen mit Jörg. Dieser ist ihm zu penetrant, er fühlt sich von oben herab behandelt, und darum geht das mit den beiden nicht. Ich weiß, was er meint, aber das kann daran liegen, dass ich zu weich für diese Welt bin und zu viel Verständnis habe.
Das Gespräch ist entspannt und ehrlich. Der Mann mit den verschränkten Armen möchte schauen, ob er, trotz seines Alters, noch einen Ausbildungsplatz findet. Ich erkläre ihm, dass es sicher schwierig wird, aber wir in den drei Monaten alles probieren können, was er sich vorstellt. Ich werde ihm immer sagen, was ich von seinen Plänen halte, will ihn nicht demotivieren, muss aber darauf hinweisen, wenn etwas unrealistisch ist. Er allein entscheidet, ob und wo er sich bewirbt. Ich werde Vorschläge machen, er entscheidet, was er davon probiert. Ich glaube nicht, dass wir während der Zeit irgendwelche Probleme bekommen werden. Ich bin eh kein Freund von Problemen. Wir beide haben uns nicht ausgesucht, dass er an der Maßnahme teilnimmt. Nun machen wir das Beste daraus.
Beim nächsten Termin sucht er eifrig nach Ausbildungsplätzen, wird fündig, weiß, dass er eigentlich keine Chance hat, aber das spielt keine Rolle. Er hält die drei Stunden durch und findet es anstrengend. Vielleicht hätte er, mit frühzeitiger und sinnvoller Unterstützung, ein ganz anderes Leben führen können. Wir werden es nie erfahren.
Es folgt ein Neukunde. Gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Seit dreizehn Jahren in einem Minijob. COPD als größten körperlichen Feind. Er berichtet von seinem letzten Gespräch beim Jobcenter. Erstmals wurde er beschimpft, ihm wurde Faulheit vorgeworfen, seine Krankheit, die er schriftlich belegen kann, angezweifelt. Vielleicht bin ich zu naiv, aber als ich den Mann vor ein paar Wochen zum ersten Mal gesprochen habe, dachte ich sofort, dass er viel mehr als diesen Minijob kaum ausüben kann. Es ist nicht unmöglich, aber nicht sehr realistisch. Offensichtlich habe ich mich geirrt und einen faulen Simulant vor mir sitzen. Sonst würde man ihm doch so etwas nicht vorwerfen. Es ist übrigens die gleiche IFK, die dem Mann mit den verschränkten Armen den Jobcoach wählen lässt, weil sie Angst hat, da er aggressiv ist. Eventuell kommt man bei ihr nur weiter, wenn man aggressiv ist. Um den COPD-Mann noch ein wenig aufzubauen, sage ich ihm, dass er den perfekten Coach haben wird. Auch wenn es mit einem Job nicht klappt, hat er den richtigen Coach, um den Zigarettenkonsum zu reduzieren oder sogar ganz damit aufzuhören.
Es ist durchaus keine Seltenheit, dass diejenigen, die sich nichts gefallen lassen, laut werden, Angst einflößen, kaum etwas zu befürchten haben, während sich andere, die einfach nur friedlich und harmlos vor sich hin existieren, den Frust frustrierter Menschen auf sich ziehen. Auch das ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie erbärmlich Menschen letztlich sind.
Wie erwartet, reicht der COPD-Mann am nächsten Tag eine AU-Bescheinigung ein. Es geht ihm schlechter, der Lungenfunktionstest ist dementsprechend schlecht ausgefallen und er hat Angst, dass es sich rasch weiter verschlechtert. Ich weise ihn darauf hin, dass dies nun wirklich der geeignetste Moment ist, um ganz mit dem Rauchen aufzuhören. Er stimmt mir zu. Angst hat er außerdem, dass das Jobcenter ihm das Geld kürzt. Ich beruhige ihn und versichere ihm, dass er sich darum keine Sorgen machen muss.
Ich begrüße eine weitere Neukundin. Nachdem sie ein bisschen von sich erzählt hat, sage ich ihr, dass sie für diese Maßnahme überqualifiziert ist. Eigentlich müsste sie innerhalb kurzer Zeit einen Job finden. Lediglich das Jahr der Arbeitslosigkeit passt nicht ganz ins Bild. Sie hat aber Glück, denn Jörg wird ihr Coach. Ich teile ihr unverzüglich mit, dass sie den perfekten Coach für ihre Pläne hat. Sie freut sich. Das kann sie auch. So sollte Jörg seinen Vermittlungsvorsprung weiter ausbauen können. Es kann natürlich sein, dass ich mich auch bei ihr irre und sie absolut nicht zu vermitteln ist.
Als die beiden ihre erste Coachingeinheit hinter sich haben, gehe ich rüber und frage, ob ich der Teilnehmerin zu viel versprochen habe. Sie bestätigt, dass meine Aussage, dass sie den passenden Coach hat, absolut richtig war. Später kommt Jörg zu mir rüber und sagt, dass es ihm Angst macht, dass ich so gut weiß, welche Frauen ihm gefallen. Manche Dinge sind halt auch für mich offensichtlich.
Mit einem Teilnehmer spreche ich über den Gesundheitszustand seiner Mutter, empfehle einen Maßnahmeabbruch, bevor wir lange über Beziehungen, Selbstreflexion und ähnliche Themen reden. Das einzige, das nicht stattfindet, ist Jobcoaching. Wobei ich den Begriff sowieso völlig bescheuert finde, denn schließlich coache ich keinen Job, sondern, wenn man es coachen nennen will, einen Teilnehmer.
Zwei Tage später ist er kein Teilnehmer mehr und bedankt sich für meine Unterstützung.
Die ukrainische Lehrerin hat ein paar Absagen bekommen, allerdings auch eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nach dem Gespräch ein positives Feedback bekommen wird, aber das sage ich ihr nicht, sondern freue mich mit ihr über die Einladung. Sie glaubt weiterhin, dass sie als Schulbegleitung eine Chance hat. Ich glaube nicht, dass ich das glauben kann. Es reicht für so einen Job nun einmal nicht, dass man nett ist.
Heute klingelt ihr Telefon mehrfach. Eine Frau ist dran. Ich verstehe kein Wort, er klingt aber so, als würde die Frau unsere TN einfach eine Weile beschimpfen, dann endet das Gespräch. Das ist alles durchaus skurril, wird aber seine Richtigkeit haben.
Nachdem sie nun zwei Monate bei uns ist, fällt ihr auf, dass wir auf all ihren Bewerbungsunterlagen stets ihre alte Mobilnummer angegeben haben. Ich sage nichts dazu, weil es nichts ändern würde. Sie ist so. Das muss man akzeptieren.
Am nächsten Tag kommt sie wieder zu spät. ,,Sie sind zu spät.” – ,,Ich weiß.” – ,,Sie sind fast jedes Mal zu spät.” – ,,Ich bin langsam.” – ,,Frau Lehrerin, wenn sie einen Job haben, dann können sie nicht jeden Tag zu spät kommen und sagen, sie sind langsam. Da müssen sie jeden Tag pünktlich sein.” – ,,Ich weiß.” Die Unterhaltung führen wir regelmäßig, am Verhalten ändert es nichts.
Auf dem Niveau geht es weiter, denn schon wenige Minuten später schafft sie es erneut nicht, Anhänge einer Mail hinzuzufügen. Hilflos, ratlos, ahnungslos, sitzt sie da. Jetzt werde ich erstmals deutlich und halte ihr einen meiner lächerlichen Vorträge. Ich weise sie darauf hin, dass sie selbst die einfachsten Dinge nicht schafft, obwohl ich ihr immer wieder alles zeige, fordere sie auf, sich endlich zu konzentrieren. Weil ich gerade dabei bin, sage ich ihr noch, dass sie möchte, dass man ihr Kinder anvertraut, dazu aber sollte man sich auf sie verlassen können, was man offensichtlich nicht kann. Ob ihr bewusst ist, was für eine Verantwortung es ist, sich um ein Kind zu kümmern? So eine Ansprache ist vermutlich nicht richtig, aber sie versteht es sonst nicht. Wobei meine kleine Rede auch nichts ändert, denn sie will weiter als Schulbegleitung arbeiten. Niemand, dem etwas an seinem Kind liegt, kann wollen, dass sie dafür verantwortlich ist.
Wenig später möchte sie bei dem Arbeitgeber, der ihr im letzten Jahr ein Kind anvertraut hat, anrufen, um zu fragen, ob man ein neues Kind für sie hat. Beim letzten Mal wurde sie nach einer Woche entlassen, aus ihrer Sicht lag es ausschließlich an dem Jungen, den sie betreut hat. Obwohl ich anderer Meinung bin, ruft sie dort an und bekommt eine Absage. Wer hätte das gedacht? Ich halte sie für beratungsresistent. Wir werden, wenn kein Wunder geschieht, bis zum Ende ihrer Teilnahme nichts erreichen.
Der Bruder des Dschinn fehlt unentschuldigt, unter seiner Telefonnummer ist er nicht mehr zu erreichen. Die Nummer ist angeblich nicht vergeben. Da muss ich ihn wohl nächste Woche abmahnen.
Bei noch einem Teilnehmer, der komplett überfordert ist, wird die Maßnahme vorzeitig abgebrochen. Dank der beiden Abbrüche liegt die Quote nun bei 35,90 %.
Tja, das Prinzip dass die lauten groben Menschen in dieser Welt am meisten erreichen wird ja täglich vorgeführt. Wieso wird dann in den sogenannten Bildungseinrichtungen eine humanistische soziale Welt simuliert? Verblendung? Absicht?
Der „ moderne „ Mensch ist wohl doch nicht mal am Rand des Neandertals angelangt.
Absicht mit einem Hauch Verblendung, ummantelt von einer Hülle aus Hoffnung und Wunschdenken.
Treffende Beschreibung!