Der Mann mit den verschränkten Armen lehnt eine Umschulung ab. Begründung: Man macht in der Zeit nur ein sieben- bis achtmonatiges Praktikum, lernt nicht genug, um am Ende behaupten zu können, eine Ausbildung abgeschlossen zu haben. Außerdem wird das vom Jobcenter finanziert und Maßnahmen vom Jobcenter lehnt er sowieso ab. Kurz versuche ich ihm zu erklären, warum ich seine Ansicht nicht teile, gebe aber schnell auf, weil er sich entschieden hat. Ich kämpfe nicht gegen Windmühlen. Ob die Gründe echt sind oder vorgeschoben, um nichts tun zu müssen, weiß ich nicht. Letztlich spielt es keine Rolle. Wenn kein Wunder passiert, wird sich sein Leben nicht ändern und ich denke, dass er sehr gut damit leben kann.
Die Frage ist immer: wie geht man als Coach damit um? Ignoriere ich ihn? Biete ich ihm weitere Jobs an, die er dann ablehnt, um schreiben zu können, dass er alles ablehnt? Ich bin da oft zwiegespalten. Bei ihm entscheide ich mich, es nicht zu tun, obwohl ich ihn nicht wirklich verstehe. Aber es gibt für sein Verhalten und seine Ablehnung sicher Gründe. Er verhält sich mir gegenüber weder feindselig noch abwertend. Er ist kommunikativ, vertritt seine Meinung, hört mir zu. Irgendwann ist er auf diesen Weg geraten und kommt da nicht mehr raus. Es mangelt ihm nicht an Intelligenz, er kann durchaus reflektieren, hat aber beim Thema Arbeit seine Mauer. Ich kann ihn nicht umstimmen, es ist sein Leben, ich habe darüber zum Glück nicht zu entscheiden. Vielmehr frage ich mich, wie anmaßend es ist, dass andere über sein Leben bestimmen wollen. Das Ganze ist eine komplexe Zwickmühle, in der wir alle stecken. Gerechtigkeit wird es in diesem Gemenge niemals geben.
Die ukrainische Lehrerin findet keine Stellen, auf die sie sich bisher nicht beworben hat. Unseren Hinweis, dass Plan B hilfreich sein könnte, ignoriert sie. Für sie zählt nur Plan A, da sie nächste Woche noch zwei Vorstellungsgespräche hat. Sie hofft, dass es klappt. Wir können uns das nicht vorstellen. Nachdem das geklärt ist, verbringt sie den Rest der Zeit damit, auf ihrem Smartphone zu spielen. Die Frau ist von Kopf bis Fuß ein Traum für jeden Arbeitgeber.
Weil ich eine Petze bin, rufe ich die zuständige IFK an und schildere die Situation. Am nächsten Tag ist die ukrainische Lehrerin bei ihr und bekommt Jobvorschläge als Küchen- und Haushaltshilfe. Außerdem wird im Kooperationsplan festgelegt, dass sie sich künftig verstärkt in diesen Bereichen bewirbt.
Zum nächsten Termin bringt sie mir die beiden Jobvorschläge, ich schreibe die Bewerbungen. Später sucht sie wieder nach Stellen als Erzieherin. Dann möchte sie sich als Übungsleiterin bewerben. Ich erkläre ihr, dass sie nicht die Qualifikation hat, aber sie sagt immer nur “Versuchen”. Also verschicken wir die Bewerbung. Ich weise sie auf den Kooperationsplan hin. Sie erwidert, dass wir erstmal die beiden Antworten abwarten, bevor sie wieder nach Stellen als Küchenhilfe sucht. Sie ist und bleibt unbelehrbar. Wenn die beiden Vorstellungsgespräche nächste Woche zu nichts führen und sie dann immer noch nicht kooperiert, werde ich erneut ihre IFK informieren. Wobei auch das nichts ändern wird. Die ukrainische Lehrerin träumt ihren Traum, der sich vermutlich nie erfüllen wird. Kann man ihr das wirklich verübeln? Dürfen ein Coach und eine IFK wirklich so viel Einfluss auf das Leben anderer Menschen nehmen? Überschreiten wir damit nicht natürliche Grenzen?
Eine Frau, die nach ihrer Ausbildung lediglich geförderte Jobs hatte, unter anderem als Kontrolleurin der Impfpässe während der Corona-Katastrophe, wäre bei einem Einkommen von etwa 830 € nicht mehr im Leistungsbezug. Sie findet einen Teilzeitjob, durch den sie aus dem Bezug wäre, will diesen aber nicht, weil für sie nur ein Vollzeitjob in Frage kommt. Später bewirbt sich sich auf einen Vollzeitjob und soll angeben, ab wann sie verfügbar ist. Ich sage, sie solle ‘sofort ‘ angeben. Das möchte sie nicht, denn sie braucht Zeit, um vorab alles mit dem Jobcenter zu klären. Wir wissen nicht, was es da zu klären gibt. Wir schicken den Arbeitsvertrag dem Jobcenter, dann kann es losgehen. Auch sie weiß nicht, dass sie für den ersten Arbeitsmarkt nicht geeignet ist und eigentlich nur für eine Arbeitsgelegenheit in Frage kommt. Ihr mangelt es nicht unbedingt an Intelligenz, aber sie ist einfach zu langsam und zu behäbig für die echte Arbeitswelt. Für den ersten Arbeitsmarkt ist sie nur in einer Welt, in der Elfen, Feen und Einhörner real sind, eine Option. So eine Welt gibt es aber in diesem Universum nicht. Es ist nicht ihre Schuld, dass es so ist. Ich weiß auch nicht, ob man ihr einen Gefallen tut, sie immer wieder in Maßnahmen zu stecken. Andererseits darf man vielleicht auch nicht aufgeben, da es immer eine Chance gibt. Gerade wir als Coaches sollten es wissen und mit ihr darauf hinarbeiten. Vielleicht sind auch wir in ihrem Fall nicht die richtigen Coaches. Wir drücken ihr aber die Daumen, dass sich das Leben nach ihren Wünschen entwickelt.
Der Bruder des Dschinn überzeugt die IFK von seinem gesundheitlichen Dilemma und wieder einmal endet eine Maßnahme für ihn vorzeitig. Er soll aber, sobald seine Zähne wieder in einem ordnungsgemäßen Zustand sind, ein fünftes Mal an der Maßnahme teilnehmen. Dann wird allerdings Jörg für ihn zuständig sein. Ab sofort können wir uns auf seine Rückkehr freuen.
Und dann haben wir noch unseren COPD-Mann, der sich immer mehr in Widersprüche verwickelt. Wegen seiner Erkrankung hatte er mit Jörg vereinbart, dass er seinen Zigarettenkonsum einschränkt. Stattdessen hat er ihn erhöht. Daraufhin fragt Jörg ihn, ob ihm die Vereinbarung und sein Vorhaben egal sind. Dies bestätigt der COPD-Mann. In der Sache werden wir ihn nicht weiter unterstützen.
Auch seine Aussagen bezüglich eines Gutachtens seitens des Jobcenters entsprechen nicht ganz der Wahrheit, denn es gibt ein solches Gutachten schon. Es ist kein halbes Jahr alt und besagt, dass er in Vollzeit arbeiten kann. Allerdings haben wir auch einen neuen Bericht seines Hausarztes, der eine schwere Form von COPD bescheinigt. Und wenn er zu uns kommt, braucht er eine ganze Weile, bis er wieder normal atmen kann.
Es gibt weitere Punkte, in denen er lügt. Wir nennen es zumindest lügen. Ein Grund ist sicherlich seine permanente Angst, dass man ihm die Leistungen streicht. Außerdem muss man berücksichtigen, dass er ein einfach gestrickter Mensch ist. Da muss man grundsätzlich anders mit umgehen, das darf man nicht außer Acht lassen bei all dem. Er ist nicht bösartig, er weiß es nicht besser und verrennt sich immer mehr. Und wenn wir dann seine Widersprüche bemerken, er ertappt ist, redet er sich immer weiter um Kopf und Kragen. Sollen wir ihm das vorwerfen? Und wem hilft es, wenn wir das tun und ihn womöglich dabei abwerten?
Über all dem schwebt natürlich eine Quote – der Quotendruck, der uns manchmal vielleicht ungerecht und vorschnell handeln lässt.
Was führt immer wieder zur Ablehnung von Jobs, was hindert so viele daran, es nicht wenigstens zu versuchen? Warum haben sie diese Verteidigungs- und Vermeidungsstrategien entwickelt? Angst? Überforderung? Faulheit? Versagensängste? Es gibt immer Gründe, die manche vielleicht nicht einmal selbst kennen. Ich sehe es immer wieder als unsere Aufgabe an, dies herauszufinden und dann, wenn gewünscht, das Bestmögliche für diese Leute zu erreichen. Von den eben genannten Personen habe ich meine größten Schwierigkeiten mit der ukrainischen Lehrerin, weil sie nichts kapiert und nicht richtig zuhört. Aber das ist auch nur mein Problem, weil sie ja nur ist, was sie ist und maximal sein kann. Da ist zu wenig Substanz, um mehr zu sein.
Zwischenzeitlich wurden dem Jobcenter unsere Zahlen übermittelt, damit die Maßnahme fortgeführt werden kann. Natürlich nicht unsere Versager-27 %, sondern fast 70 %. Letzte Woche konnte man mit unseren Zahlen keine Verlängerung beantragen, heute orientiert man sich an einer Zahl, die ungefähr dem Wert entspricht, den ich für realistisch halte. So schnell kann sich alles ändern, ohne dass sich tatsächlich etwas geändert hat.