Die Gähnerin

Als sie zu uns kam, waren wir erfreut und der Meinung, sie sei gut zu vermitteln. 37 Jahre, Hochschulreife, Bachelor of Arts der Betriebswirtschaftslehre, Assistentin der Geschäftsführung. Da haben wir uns echt blenden lassen, denn die Frau ist eine einzige Luftblase. Nur einen Job hat sie länger als zwei Jahre gemacht, alle anderen Tätigkeiten endeten noch früher. Ihr Lebenslauf ist eine einzige Show. Es wird eine Frau präsentiert, die nichts mit ihr zu tun hat. Auf dem Foto eine selbstbewusste Geschäftsfrau, eine Macherin voller Selbstbewusstsein. Bei uns sitzt eine Frau ohne Plan, kaum lebensfähig, ein Häufchen Elend mit einem Gesicht voller Entzündungen. In ihrem Lebenslauf vergibt sie sich 5 von 5 Punkten für Motivation und Engagement. Bei uns sitzt sie ihre drei Stunden ab, starrt teilweise wie paralysiert auf den Monitor und wir wissen nicht, wo sie tatsächlich gerade ist.

Sie gähnt im Minutentakt. Aus dem Nichts öffnet sie den Mund und gähnt los. Egal, ob sie vor dem Monitor sitzt oder jemand mit ihr redet. Der Mund geht einfach auf, es wird gegähnt. Wenn sie nicht starrt oder gähnt, schiebt sie sich Nüsse in den Mund. Egal, ob man mit ihr redet oder nicht. Mund auf, Nüsse rein. Ab und zu auch Weingummi. Immer rein damit.

Umziehen will sie. Zurück in ihre Heimat. Etwa 500 Kilometer entfernt. Bekommt sie aber nicht hin. Ist blockiert und überfordert. Ihre Jobs hat sie verloren. Probleme mit den Vorgesetzten. Hatten zuletzt wenig Verständnis für ihr Gähnen. Leider ist sie nicht reflektiert genug, um zumindest darüber nachzudenken, dass sie vielleicht das Problem sein könnte.

Sie ist wie eine träge Masse, wirkt nicht lebensfähig, weiß aber doch zu leben, denn neulich wollte sie einen ihrer Termine verschieben. Der Grund: Sie wollte mit Freunden nach Bielefeld. In ein Spa. Mal so richtig ausspannen, sich verwöhnen lassen. Einfach mal hundert Kilometer fahren, um es sich gut gehen zu lassen. Warum ausgerechnet Bielefeld? Konnte sie nicht beantworten.

Ebenfalls nicht beantworten konnte sie, warum sie sich auf eine bestimmte Stelle beworben hat. Man lud sie zu einem Video-Vorstellungsgespräch ein. Die Frage des Kollegen, warum sie sich beworben hat, konnte sie nicht beantworten. Ebenso wenig wusste sie, was sie für die Stelle qualifiziert. Als sie merkte, dass sie keine Ahnung hat, was sie da überhaupt getan hat, sagte sie, dass sie sich wohl geirrt habe. Manchmal hat man den Eindruck, die ganze Frau sei ein Irrtum.

Wir können uns keinen Arbeitgeber vorstellen, der sie nach einem Gespräch einstellt, allerdings müssen wir zugeben, dass wir in den ersten Gesprächen auch einen ganz anderen Eindruck von ihr hatten. Allerdings können wir es vielleicht damit entschuldigen, dass wir uns einfach gewünscht haben, dass endlich mal wieder jemand zu uns kommt, der einen guten Schulabschluss und eine Chance hat. Nein, eigentlich kann man es nicht entschuldigen. Wir hätten es erkennen müssen. Wir sind schließlich keine Anfänger. Vielleicht sind wir einfach keine guten Coaches und haben unsere Menschenkenntnis überschätzt.

Am Ende des Lebenslaufs führt sie noch ihre Interessen auf: Tennis (semiprofessionell), Politik (Weltgeschehen), Persönlichkeitsentwicklung, Reisen (Osteuropa), Logistik-Podcasts.
Eine einzige Selbstdarstellungsshow. Persönlichkeitsentwicklung einer beratungsresistenten Frau. Garniert wird das Ganze mit einem Spruch von Ralph Waldo Emerson: „Mach das Beste aus Dir selbst, denn das ist alles, was es von Dir gibt.“

Der Philosoph und Schriftsteller starb 1882. Und ich frage mich, was unsere Gähnerin wohl von ihm weiß. Und warum sie den Spruch in ihren Lebenslauf eingebaut hat. Der ganze Lebenslauf erscheint konstruiert, ein Konstrukt, das mit ihr nichts zu tun zu haben scheint. Sie hingegen glaubt möglicherweise, dass sie tatsächlich sich selbst präsentiert.

Zu ihrem Profil schreibt sie, ebenfalls im Lebenslauf, von Herzblut, Organisationstalent, ihrem Riecher für gute Inhalte. Sie kann Menschen begeistern, Prozesse strukturieren und mit Leidenschaft gestalten. Das ist kaum auszuhalten. Das Profil endet mit dem Hinweis, dass sie es liebt anzupacken, wo Vielfalt, Dynamik und ein klarer Kopf gefragt sind.

Nichts, aber auch gar nichts davon erkennen wir bei ihr. Entweder sie war mal jemand anderes, hat einen Schlag auf den Kopf bekommen, wurde durch eine außerirdische Lebensform ersetzt, oder sie sieht jemanden in sich, der sie nie war.

Aktuell versuchen wir, bisher ohne Erfolg, sie davon zu überzeugen, ihren Lebenslauf zu ändern. Ein neues Foto wäre auch sinnvoll. Aber noch sieht sie es nicht ein. Sie möchte vermutlich das Bild, welches sie von sich hat, nicht zerstören. Nicht, dass ihr Kartenhaus am Ende ganz zusammenfällt.

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