Völlig überraschend ruft am Mittwoch der Arbeitgeber an, bei dem Nacken-Norbert zum Ersten hätte anfangen sollen. Ob ich schon weiß, dass Nacken-Norbert krank ist und es deshalb nicht geklappt hat. Das weiß ich. Der Arbeitgeber zeigt Verständnis, will ihn später einstellen und ist vermutlich erleichtert, als ich sage, dass Nacken-Norbert bei uns nie gefehlt hat und arbeiten will. Auch ich vermute, dass er mit der ganzen Situation nach Jahren der Arbeitslosigkeit überfordert ist. Der Arbeitgeber teilt noch mit, dass er jetzt eine Weile im Urlaub ist, Nacken-Norbert aber einstellen will. Ich bin überrascht, dass es noch solche Arbeitgeber gibt. Da ich die neue Telefonnummer von Nacken-Norbert nicht habe, kann ich allerdings nicht aktiv eingreifen.
Doch der Tag bietet eine weitere Überraschung, denn am Nachmittag steht plötzlich Nacken-Norbert vor der Tür. Er schildert, dass er wirklich krank ist, dass es ihm peinlich ist und er nicht versteht, dass der Arbeitgeber ihn will. Er will diesen nicht enttäuschen, das Jobcenter ebenso wenig und wirkt dabei völlig überfordert. Mit Verständnis und ein paar Vorschlägen versuche ich eine Lösung zu finden. Wichtig ist, dass er sich beim Arbeitgeber meldet. Der Rest wird sich ergeben. Er bedankt sich fürs Zuhören.
Zwei Tage später ist Nacken-Norbert wieder da. Er hat mit dem Arbeitgeber gesprochen. Dieser zeigte Verständnis und hat angeboten, dass er gerne zunächst einen Minijob machen könne, um später in Teilzeit oder Vollzeit zu wechseln. Auch will er ihm das Deutschlandticket bezahlen, wenn Nacken-Norberts Wagen nicht durch den TÜV kommt. Er kann absolut nicht verstehen, warum der Mann ihn unbedingt will. Ich sage, dass er wohl einen guten Eindruck hinterlassen hat und sich freuen soll, statt zu zweifeln. Verständnis und Motivation kann ich. Er bedankt sich, dass ich ihm zuhöre und erzählt, dass Jörg ihn beim letzten Mal rausgeschmissen hat. Dabei wollte er nur erzählen, dass er Ersatzteile für sein Auto gekauft hat, um zu zeigen, dass er sich kümmert und nicht passiv ist. Jörg habe gesagt, das interessiere ihn nicht, und warf ihn raus. Jörgs Geschichte klingt anders. Wie es wirklich war, wissen wohl nur die beiden.
Alleine dadurch, dass ich ihm zuhöre, wird für ihn vieles klarer. Ich weiß. Und das sage ich ihm auch. Ebenso, dass er sich nicht so viele Gedanken machen soll, wie das Jobcenter das findet. Wenn er meint, dass ein Minijob am Anfang genug ist, weil er sonst überfordert wäre, dann ist das so. Er entscheidet alleine, sonst niemand. Das erleichtert ihn sehr. Direkt im Anschluss will er alles mit dem Arbeitgeber klären. Zum Abschluss erzählt er noch von seinen Beziehungsproblemen, dass er niemanden hat, mit dem er reden kann, bedankt sich abermals und verabschiedet sich mit den Worten, dass er nie wieder kommt. Ich sage ihm, dass er durchaus wiederkommen kann, wenn er Fragen hat oder Hilfe braucht. Das freut ihn. Er will aber nicht zu Jörg, da es mit den beiden, wie er sagt, einfach nicht passt.
Nachdem er gegangen ist, wird mir klar, dass ich gar kein Jobcoach bin, sondern ein Zuhörer. Das ist sowas wie ein Zuschauer, aber doch anders. Verrückt, dass ich dafür auch noch bezahlt werde. Normalerweise zahlt man dafür nämlich Gebühren.
Vielleicht sind Zuhörer tatsächlich die wichtigsten Mitmenschen.
Manchmal ist das wohl sicher so.