Er ist 62 Jahre alt, stammt aus Afghanistan und lebt seit vier Jahren in Deutschland. Er will arbeiten, aber man kann offenbar kaum mit ihm kommunizieren. Zum Glück ist Jörg sein Coach. In fast jedem Tagesbericht steht, dass eine Verständigung nicht möglich ist. Oft schickt Jörg ihn deshalb früher nach Hause.
Ich frage bei einem Personaldienstleistungsunternehmen nach, ob man ihn kennenlernen möchte, weise aber natürlich darauf hin, dass er kaum Deutsch spricht. Natürlich wird er abgelehnt, obwohl dort dringend 50 Leute benötigt werden. Und wenn die ihn sich nicht einmal anschauen, dann hat er woanders erst recht keine Chance. Jörg erklärt dem Teilnehmer mithilfe eines anderen Teilnehmers, der übersetzt, dass er mit seinen Sprachkenntnissen keinen Job finden wird.
Obwohl es unverschämt erscheint, schlage ich ihn dem Unternehmen später nochmal vor, damit sie ihn sich wenigstens anschauen. Man ist einverstanden. Nach dem Gespräch informiert man uns darüber, dass der Teilnehmer zum Probearbeiten genommen wurde. Jörg kann es kaum glauben und möchte der Geschäftsstellenleiterin einen ausgeben, weil sie dem Mann tatsächlich eine Chance gibt. Es ist, als wäre ein Wunder geschehen.
Als Jörg einen Tag Urlaub hat, muss ich mich um den Mann kümmern. Zu allem Unglück verspätet sich der Teilnehmer, der übersetzen könnte, wieder einmal. Als ich dem Mann, der fast kein Deutsch spricht, die Tür öffne, bitte ich ihn, mir zu folgen und frage mich, wie ich mich mit ihm verständigen soll. Zeichensprache?
Der Mann setzt sich und sagt, dass er nächste Woche den Vertrag fürs Probearbeiten unterschreiben wird. Er zeigt mir eine Liste mit den Dingen, die er dann mitbringen muss. Ich bin irritiert. Das muss ein anderer Mann sein, denn ich verstehe ihn gut, er versteht mich, und ich glaube nicht, dass er seit seinem letzten Termin bei uns plötzlich so viel besser Deutsch kann. Der Mann entspricht nicht dem, was ich nach Jörgs Schilderungen und Berichten erwartet habe.
Er entschuldigt sich für seine schlechten Sprachkenntnisse, ich mich dafür, dass ich oft zu schnell spreche. Ich sage ihm, dass er doch gut spricht und wir uns problemlos unterhalten können. Er erzählt, dass er besser Russisch, Ukrainisch und Indisch spricht, während ich mich frage, wieso Jörg überzeugt ist, dass man mit ihm nicht kommunizieren kann. Vielleicht kann er Jörgs Ausführungen nicht folgen, aber einfache und zielführende Kommunikation erscheint mir problemlos möglich.
Der Mann bedankt sich dafür, dass wir ihn dem Arbeitgeber vorgeschlagen haben, betont nochmal, dass er unbedingt arbeiten will, und wirkt absolut zufrieden.
Wieder einmal zeigt sich, dass man sich selbst ein Bild von den Leuten machen muss, denn in diesem Fall war ich tatsächlich sicher, dass der Mann nichts versteht und nicht die geringste Chance auf einen Job hat. Warum Jörg allerdings so davon überzeugt ist, dass der Mann uns kaum versteht und jemanden zum Übersetzen braucht, verstehe ich nicht. Vor allem, weil wir schon so viele Leute hatten, mit denen man tatsächlich nicht kommunizieren konnte. Es bleibt mysteriös.
Ich hoffe, Du bringst noch die Auflösung. 🤔
Ich denke, da gibt es keine Auflösung. 🤷♂️
Ja, die Dinge mit eigenen Augen sehen und selbst beurteilen. Das A und O. So ziemlich in allen Belangen.