Ausnahmsweise sitze ich an einem Montag im Büro, als die Umarmerin schreibt, sie möchte mit mir Kuchen essen. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, aber ich habe einen Teilnehmer und bin darüber hinaus die ganze Woche alleine im Büro. Da kann ich während der Arbeitszeit grundsätzlich nicht weg. Daher antworte ich, dass wir entweder gemeinsam hier im Büro essen können oder uns später nach der Arbeit treffen können. Kann sie beides nicht überzeugen, aber sie will kurz vorbeikommen, um mich zu sehen. Vermutlich, um mir ein paar Neuigkeiten zu erzählen. Ich bin gespannt.
Ich muss gestehen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass sie sich so bald melden würde. Aber meine Vermutung, dass wir noch zehnmal zusammen Kuchen essen, könnte sich bewahrheiten. Allerdings ist das mit dem vielen Kuchen nicht wirklich gesund und auch nicht gut für mich. Also kann es eigentlich keine Lösung sein. Mal sehen, wie ich das Problem gelöst bekomme.
Auf die Dreier-Regel hat das Treffen allerdings keine Auswirkung, da es im Büro stattfindet, weshalb es nicht als rein privat gewertet wird. Man soll es der Dreier-Regel auch nicht zu leicht machen.
Pünktlich auf die Minute ist sie da und sieht leider nicht nur gut aus, sie riecht auch ganz wunderbar. Sie fragt, ob sie uns Kuchen holen soll. Eigentlich nicht. Also antworte ich: “Wie Du willst.” Ja, ich habe sie geduzt. Einfach so. Keine Ahnung, ob das irgendwelche Auswirkungen hat, oder ob wir es als Versehen verbuchen können. Und weil ich nicht anders kann, lasse ich mich natürlich von ihr einladen. Was bin ich nur für ein unwiderstehlicher Mann? Oder heißt es unausstehlich? Die Grenzen verschwimmen ja schnell mal. Gerade noch ist man unwiderstehlich, dann plötzlich unausstehlich.
Als sie mit dem Kuchen zurück ist, ist der Fauxpas mit dem Duzen vergessen und wir siezen uns ordnungsgemäß weiter. Unverzüglich kündige ich an, dass ich den nächsten Kuchen bezahle. Obwohl es nicht meine Art ist, essen wir beide unseren Kuchen von der Pappschachtel des Bäckers statt Teller zu benutzen. So muss ich nachher nicht spülen.
Sie sagt, dass sie sich heute zum ersten Mal seit über einem Jahr attraktiv findet. Kurz bilde ich mir ein, ich hätte etwas damit zu tun. Aber das ist Blödsinn. „Sie sehen auch attraktiv aus. Und riechen sehr gut“, antworte ich. Was soll ich auch sonst sagen? Wieder erzählt sie mehr als ich, und ich bin von ihrem Anblick einmal mehr sehr angetan.
Sie erzählt von einem 52-jährigen Arbeitskollegen, mit dem sie auch einen guten Kontakt hatte, der ihr aber nun gestanden hat, dass er sich verliebt hat und sich mehr erhoffte. Weil er glaubt, sie hätte was mit einem anderen Kollegen, fing er an zu weinen und wurde gleichzeitig aggressiv. Sie zieht echt komische Männer an. Vermutlich hat er seine Geilheit mit Liebe verwechselt. Passiert Männern ja öfter. Muss er mit klarkommen. Sie erzählt noch von einem weiteren Kollegen, der ebenfalls Interesse hat und einmal ihre Hand nahm. Das mochte sie nicht und zog die Hand weg. Sofort denke ich darüber nach, dass ich zukünftig meine Hände bei mir lassen sollte, aber dann denke ich, dass es nichts mit mir zu tun hat und ich als väterlicher Freund über jeden Zweifel erhaben bin. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Dass das mit den Männern überhaupt gerade völlig unpassend ist, erklärt sie, da sie noch verheiratet ist und schon alleine deshalb nichts Neues anfangen kann. Außerdem ist sie noch nicht bereit dafür. Sehr gut. Habe ich bisher alles also einigermaßen richtig eingeschätzt. All das verdeutlicht, dass keine Gefahr besteht, ich hätte etwas falsch interpretiert und es könnte über die freundschaftliche Ebene hinausgehen. Alles andere hätte mich auch sehr gewundert.
Heute erlebe ich sie allerdings zum ersten Mal auch wütend. Die Ausdrucksweise ist zwar unschicklich, aber irgendwann muss der Mist einfach mal raus. Für mich ist das okay.
Dass sie traditionelle Beziehungen mag und gerne Hausfrau ist, obwohl sie, wie sie sagt, nicht unbedingt so aussieht, verrät sie mir. Ich weiß nicht, wie man auszusehen hat, wenn man diese Art von Beziehung mag. Also sage ich, dass es völlig okay ist, wie sie es mag. Kurz danach fragt sie, ob sie vielleicht doch nicht für Beziehungen gemacht ist, weil bisher alle ihre Beziehungen gescheitert sind. Es wirkt, zumindest ist es meine Interpretation, eher wie eine Frage, als eine Feststellung. Daher sage ich, dass ich das nicht glaube und sie sehr wohl für Beziehungen geeignet ist und sicher jemanden finden wird, mit dem es so funktioniert, wie sie es sich vorstellt. Meine Antwort scheint ihr zu gefallen. Sie sieht jedenfalls zufrieden aus. An mir ist ein optimistischer Berater verloren gegangen.
Später erzählt sie, dass sie eine sehr schöne Stelle am Kanal gefunden hat, wo sie gerne sitzt und einfach nur entspannt. Ob ich, wenn wir beide frei haben, nicht mal mit ihr dahin möchte. Als könnte ich dazu nein sagen.
Wieder ertappe ich mich dabei, dass ich sie einfach nur anschaue. Ihre Hände, ihre Finger, ihre gebräunte Haut. Ich bin völlig angetan und kann nichts dagegen tun. Sie ist eine der Frauen, die ich einfach nur anschauen kann, ohne dass es mich langweilt. Okay, manchmal habe ich auch ein paar schmutzige Gedanken, aber das ist okay. Ich bin ein Mann, ich darf das und ihr schaden meine Gedanken nicht. Habe ich je zuvor Zeit mit einer Frau verbracht, die ich derart anziehend fand und die ich nicht wenigstens geküsst habe? Ich glaube nicht. Liegt vermutlich am Alter. Gehört zur Entwicklung. Kein Grund zur Sorge. Geht vorbei. Unsere Zeit geht auch vorbei. Spätestens wenn sie einen Mann kennenlernt, der ihren Vorstellungen entspricht. Der natürliche Lauf der Dinge.
Sie weist darauf hin, dass ich mittlerweile schon unglaublich viel von ihr weiß. Ich antworte, dass es okay ist und ich sie trotzdem immer noch mag. Als Charmeur der alten Schule weiß ich einfach, was Frauen hören wollen. Oder sollte ich mich besser als alten Charmeur bezeichnen? Passt vermutlich besser.
Zur Verabschiedung umarmen wir uns. Ich bin mir nicht sicher, aber die Umarmung hat eine andere Intensität als sonst. Das fiel mir schon beim Abschied auf, als ich sie besucht habe. Da fand ich die Umarmung auch intensiver, näher. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Sicher nur eine Folge sexuellen Verlangens, die mich in die Irre führt. Hoffentlich wirke ich nach außen nicht, als wäre ich komplett plemplem.
Dank der Umarmung riecht mein Shirt noch nach ihr, als sie längst gegangen ist. Ich bin echt froh, dass ich nur ein väterlicher Freund bin. Alles andere würde keinem von uns weiterhelfen.