Ein Teilnehmer, zwei Coaches, drei Meinungen

Ich habe einen neuen Teilnehmer, dem ich ein Grundgerüst zur Verfügung gestellt habe, auf dem wir nun arbeiten. Er sagte, was er will, ich erklärte, was es zu bedenken gibt und wo ich Verbesserungspotenzial sehe. Alles recht allgemein, aber durchaus klar. Ich sagte, was ich zuerst von ihm erwarte, alles andere entscheiden wir bei Bedarf. Ich weise darauf hin, wenn ich sein Vorgehen für nicht zielführend halte. Allerdings weiß ich, dass wir alle anders vorgehen und letztlich erwachsen sind und unsere Entscheidungen treffen, wie wir es für richtig halten. Wir sind bei Tag drei, da beobachte ich und lerne den Teilnehmer und sein Vorgehen, seine Widersprüche und Widerstände kennen. Da ich nicht der Maßstab bin, kann ich sein Vorgehen akzeptieren. Nach sechs bis acht Wochen erwarte ich bei völliger Erfolglosigkeit einen Plan B. Aber auch das kann jeder ablehnen, da jeder die Folgen seines Handelns oder nicht Handelns tragen muss.

Jörg ist da anders. Er hat gerade keine Teilnehmer, kommt rüber und mit meinem Teilnehmer ins Gespräch. Jede Aussage bekommt plötzlich mehr Gewicht, es wird ernst. Irgendwann übernimmt er das Coaching. Es folgen viele Worte und Grafiken. Der Teilnehmer ist herausgefordert. Dann wird diskutiert, widerlegt, korrigiert, angezweifelt. Es geht um eine nötige Investition für ein Portfolio. Mir hat der Teilnehmer zugesichert, dass er das am Wochenende erledigen wird. Jörg erklärt ihm nun, dass es nicht realistisch ist, mit seinen aktuellen finanziellen Mitteln. Minutenlang dauert der Vorgang, ist sicher auch bis ins kleinste Detail nachvollziehbar, doch ich sehe kein anderes Ergebnis als das, was ich längst mit dem Teilnehmer besprochen hatte. Unterschied: Ich habe nicht diskutiert und nicht angezweifelt, dass er es umsetzen kann und wird. Setzt er es nicht um, werde ich es mit ihm besprechen und über Folgen und Alternativen nachdenken. Für Jörg ist es unrealistisch und daher muss der Teilnehmer einen anderen Weg gehen. Macht er aber nicht.

Später, als der Teilnehmer längst gegangen ist, sagt Jörg zu mir, dass der Teilnehmer ein echtes Problem hat, sich maßlos überschätzt und keinen Job finden wird. Er sei unstrukturiert und unrealistisch, planlos sowieso. Normalerweise bin ich es, der recht schnell abschließende Urteile fällt, aber in diesem Fall bin ich aktuell noch der Meinung, dass alles möglich ist. Ich brauche tatsächlich mehr Details, um diesen Fall für mich einordnen zu können. Ich habe durchaus einen Eindruck davon, was Jörg meint, aber noch bin ich nicht überzeugt, dass der Teilnehmer ein hoffnungsloser Fall ist.

Das wirft allerdings einige Fragen auf: Habe ich mich von dem Teilnehmer einlullen lassen? Bin ich naiv? Mache ich es mir zu leicht? Hat Jörg den Durchblick oder macht er es unnötig kompliziert? Spielt das überhaupt eine Rolle? Ist es nicht nur der Teilnehmer, auf den es ankommt? Interpretiere ich meinen Job völlig falsch, weil ich nicht coache, sondern nur begleite? Und wen interessiert das überhaupt? In ein paar Jahren sind wir alle tot und kein Hahn kräht mehr nach unserem Geschwätz von heute.

2 Kommentare

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  1. Ja/Nein/Vielleicht
    Ich persönlich tendiere ja auch zu deiner Methode. Leider ist es aber heutzutage erwünscht die Menschen schnellstmöglich einzuordnen und abzuurteilen.
    Das zeitgemäße Denken heißt irgendwas entscheiden ohne Ahnung und Vorkenntnissen.
    Siehe Bundespolitik.

    • Ich bilde mir auch meist recht schnell ein Urteil, aber ich habe auch nichts dagegen, mich überraschen zu lassen. Ist doch auch interessant, wenn man feststellt, dass man sich geirrt hat.

      Im Moment scheint es tatsächlich so, dass mein Kollege mit seiner Gesamteinschätzung in diesem Fall richtiger liegt. Es bleibt spannend.