Eine neue Teilnehmerin für mich

Weil meine Planung gelegentlich alles andere als durchdacht ist, muss ich die neue Teilnehmerin in meine Gruppe aufnehmen. Und so kommt es, dass ich der jungen nicht nur die Tür aufmachen darf, ich darf auch das Erstgespräch führen und bin schon nach wenigen Augenblicken entzückt, denn die 35 jährige Frau glaubt tatsächlich, sie sei bei einem ambulanten Pflegedienst und wir würden sie gleich einstellen. Vor etwa zehn Minuten wurde ihr beim Jobcenter noch erklärt, was wir hier machen und warum sie zu uns kommt. Außerdem hat sie einen Flyer in der Hand, in dem die Maßnahme erklärt wird. Hat nur alles nichts genützt und so ist sie durchaus enttäuscht als ich ihr erkläre, dass wir kein ambulanter Pflegedienst sind. Ich bin froh, dass ich keinen Arztkittel angezogen habe, sonst wäre sie sicher vollends verwirrt. Nachdem ich ihr erklärt habe, was sie hier erwartet, ist sie erstaunlicherweise ganz angetan. Zumindest wirkt es so, ich kann mich aber auch irren und sie eine gute Schauspielerin sein. Während wir die Formalitäten klären, betrachte ich das blonde Gesamtkunstwerk, welches mir gegenübersitzt. Sie hat wirklich schöne Finger, die sie allerdings mit künstlichen Nägeln verunstaltet hat. Insgesamt hat sie sich sehr mühevoll zurechtgemacht, verzichtet dabei auf natürliche Augenbrauen und hat sich stattdessen welche aufgemalt. Vielleicht sind die Augenbrauen auch tätowiert, schwer zu sagen. Auch sonst fehlt mir bei ihr eine gewisse Natürlichkeit. Möglicherweise ist sie unter ihrer Maske ganz hübsch, aber dieser Stil ist für mich einfach gar nichts. Ich finde Frauen, die sich so auftakeln wirken mitunter billig und zuweilen auch etwas dümmlich. Andererseits habe ich von Frauen in etwa so viel Ahnung wie eine Kuh vom Sonntag und kann mich auch irren und die Aufmachung ist eben doch erotisch und alles andere als dümmlich. Ich will da jetzt auch nicht kleinlich sein, aber andererseits dachte sie, wir wären ein ambulanter Pflegedienst, was schon ein wenig für meine Theorie spricht.

Gegen Ende des Aufnahmerituals und unzählige Unterschriften später scheint sie schon jegliches Interesse an der Maßnahme und unserer Hilfe verloren zu haben. Wollte sie anfangs noch, dass wir ihr helfen eine anständige Bewerbung für ein schon morgen geplantes Vorstellungsgespräch zu erstellen, sagt sie nun, dass sie das selber versuchen wird und vor dem Vorstellungsgespräch auch nicht mehr zu uns kommen wird. Wie schaffe ich es nur immer wieder, dass Frauen, egal ob beruflich oder privat, schon nach wenigen Minuten jegliches Interesse verlieren? Dann allerdings kann ich doch noch einmal punkten als sie von ihrem Hund erzählt, denn ich sage ihr, dass ich Hunde toll finde und frage, was sie für einen Hund hat. Einen Yorkshire hat sie, weshalb ich sage, dass ich auch das ganz toll finde. Schon sucht sie auf ihrem Smartphone nach einem Foto, um es mir zu zeigen. Natürlich hat der Hund eine Schleife im Haar. Ich finde es zumeist furchtbar, wenn Hunde so verunstaltet werden und sage ihr, dass ich es total entzückend finde mit der Schleife. Herzallerliebst. Dann aber mache ich einen Fehler, denn ich frage nicht nach dem Namen des kleinen Schleifenträgers. Ich bin einfach zu fehlerhaft, um erfolgreich zu sein. Die junge Frau verabschiedet sich und ich bin mir nicht sicher, ob sie jemals wiederkommen wird zu unserem ambulanten Pflegedienst.

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